30 Juni 2014

Anno Haak | 30. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Die Achterbahn ist eine der ausgelutschteren Metaphern des Sports. Atlantas Saison beschreibt sie trotzdem perfekt. Die Falken fingen stark an (Anstieg), ließen im Gefolge der Verletzung von Al Horford so stark nach (Abfahrt), dass Danny Ferry von Tanking zu salbadern begann und drehten in der ersten Playoffrunde Loopings. Sie schubsten die Pacers mit Verve Richtung Abgrund, nur um in Spiel sechs galant zur Seite zu treten und die Pacers den Schritt zurück in die Postseason machen und sich in Spiel 7 überrollen zu lassen.

Unter dem Strich dürfte man bei den Hawks mit der als Übergangsjahr annoncierten Saison zufrieden sein. Der Abgang des vermeintlich besten Spielers Josh Smith wurde mehr oder minder problemlos aufgefangen und die oft belächelten Hawks nennen dank dem ergaunerten achten Platz im Osten die längste Postseason-Teilnahme-Serie diesseits von Texas ihr eigen (siebte Teilnahme am Stück).

Off-Season Agenda/Roster
„Ein Star!“, rufen anscheinend alle. Und in einer perfekten Welt sollten die Hawks und GM Danny Ferry für ihre kluge Umbauarbeit der letzten Jahre tatsächlich mit der Zusage eines Premium-Regal-Spielers belohnt werden. Cap Space für einen Maximalvertrag wäre dank der Trades für Joe Johnson vor zwei Jahren und Lou Williams (sollte der dafür geholte John Salmons wie erwartet gecuttet werden) vorhanden.

Sportlich hat Atlanta – außer dem Star eben – alle Bausteine für ein Top-3-Team im Osten, ja ich hab's gesagt. Als da wären: ein Point Guard, der an guten Tagen aussieht wie eine Mischung aus Tony Parker und Derrick Rose für Einkommensschwache, Shooting (Kyle Korver), einen Berg von einem Vierer, dessen Range mittlerweile bis nach downtown reicht (Paul Millsap), Hustle auf dem Flügel (DeMarre Carroll) und den unterschätztesten elitären Big Man der NBA östlich von Portland (Al Horford). Dazu kommt – je nach Matchup brauchbare – Unterstützung von der Bank. Euro-Center Pero Antic dürfte in den Albträumen von Roy H. aus I. immer noch eine große Rolle spielen. Ob es für Mike Scott bei den 15 Minuten Ruhm aus der Pacers-Serie bleibt, muss sich weisen.


Dass jemand wie Carmelo Anthony, geschweige denn LeBron James seine Zukunft in 'Hotlanta' sieht, ist dennoch so wahrscheinlich wie Schneestürme in Miami. Die Franchise von Dominique Wilkins gilt als eine der grauesten unter den grauen Mäusen. Trotz oben zitierter Serie liegt der Zuschauerzuspruch seit 2000 kontinuierlich in der unteren NBA-Hälfte. Die Rückkehr zum Pacman-Logo allein dürfte das kaum ändern. Die Kapitale des schmutzigen Südens ist auch nicht gerade das, was man einen großen Markt nennt - obwohl mit Turner Networks eines der weltweit größten Medienunternehmen aus Georgias Hauptstadt heraus operiert. Nicht zuletzt gilt GM Ferry als großer Freund finanzieller Flexibilität, was eine Festlegung von ca. 20 Mio. jährlicher Gehaltsdollars für einen Spieler im Prinzip schon ausschließt. Wohlmöglich ist es aber auch ein Segen, dass sich die Mavs, die Rockets, die Bulls und wie sie alle heißen um Melo, LBJ und co. prügeln, bis der Juli seine Mitte erreicht hat. In dieser Zeit kann Atlanta versuchen, die offenen Baustellen mit systemkonformen Spielern zu verfüllen.

Im Fokus dürfte ein verspäteter Ersatz für Josh Smith stehen. Die Drei ist die Mangelposition in Atlanta. Carroll und Cartier Martin (wird Free Agent) weist das Depth Chart aus. Hat jemand „D-League“ gesagt? Ein wenig Scoring-Entlastung für Horford und Teague sowie nach Möglichkeit elitäre Defense auf dem Flügel stehen im Anforderungsprofil. Addiert man als Voraussetzung Vertragsfreiheit 2014, buchstabiert sich das L-U-O-L-D-E-N-G. Der Ex-Bulle brächte zudem die richtige Einstellung und erfüllbare Gehaltsvorstellungen mit. Trevor Ariza könnte ein Kandidat werden, seine neuerliche Leistungsexplosion riecht aber eher nach „payday driven“. Kurzfristige Lösungen wären Danny Granger (eher meh), Mike Miller oder Paul Pierce (is' ja gut).

Außerdem braucht es spätestens nach dem Williams-Trade Entlastung für Korver. Hier könnte man sich mit Veteranen vom Grabbeltisch (Jodie Meeks, Rip Hamilton) oder niedergegangenem Talent, das Systemtrainer Budenholzer mit klaren Rollenvorgaben wieder aufrichtet (MarShon Brooks), behelfen.

Personal
Coach 
Budenholzer (Assistenzcoach) hat wie GM Ferry (Spieler) eine Vergangenheit am Alamo. Ob Gregg Popovich seine eigene rechte Hand einst „Mike“ genannt hat, ist nicht überliefert, aber die Hawks haben mit dem deutschstämmigen Übungsleiter wohl einen Glücksgriff getan. Unter seiner Regie kamen die Hawks bis zur Horford-Verletzung wie Mini-Spurs daher (inklusive Top-Wert bei den Assists). Dass er die zu Saisonbeginn kraftstrotzenden Pacers an den Rand des Ausscheidens coachte, dürfte bekannt sein. Bereits nach seinem Rookie-Jahr als Head Coach darf Mike B. als einer der besseren Trainer der Association gelten. Seine Fähigkeiten bei der Entwicklung junger Spieler (von denen auch der vielgeschmähte Dennis Schröder noch profitieren dürfte) passen perfekt zur nachhaltigen Ausrichtung der Falken. Er sitzt so fest im Sattel wie sonst wohl nur sein Lehrmeister beim Champion.

Draft
Mit Adreian Payne drafteten die Hawks einen Spieler, der wie gemalt ins Budenholzer’sche Credo von "Charakter vor Talent" passt. An fünfzehnter Stelle mag es Spieler mit mehr Upside gegeben haben. Mit Payne drafteten die Hawks indes den sofortigen Impact und die untadelige Einstellung, die sie von all ihren Spielern erwarten. Zudem garantiert Payne Floor Spacing und macht eine Verlängerung des eher medioker sinnvollen Elton Brand vollends überflüssig. Dass die Zweitrundenpicks Walter Tavares und Lamar Patterson irgendeine nennenswerte Rolle spielen werden, darf man bezweifeln.


Kohle
Atlanta ist flexibel wie kaum ein anderes Team in der NBA. Nur rund 40 Mio. $ stehen für 2014/15 bisher garantiert in den Büchern. Hinzuaddieren muss man zwar das Gehalt für Erstrundendraftee Adreian Payne sowie ggf. die Qualifying Offers für Shelvin Mack (sollte man Schröder einen Sprung zutrauen, wird Mack entbehrlich), Scott und Gustavo Ayon sowie den bisher nicht-garantierten Vertrag von Antic. Unter dem Strich blieben trotzdem ca. 15 Mio. $ frei, obwohl die Top-4 Horford (2016), Millsap (2015), Korver und Teague (2017) alle zu mehr oder minder moderaten und nicht steigenden Gehältern gebunden sind. Zuzüglich MLE, Biannual Exception und den immer möglichen Minimalverträgen verfügt Atlanta über ein breites Portfolio möglicher Angebote an Spieler nahezu aller Preisklassen.

Zukunft
Zach Lowe und Bill Simmons waren sich ausnahmsweise einig. „They are good!“ Atlanta ist vielleicht das Dark Horse des Ostens. Für eine Ost-Top-3-Saison braucht es drei Dinge: Schritt eins (die smarte Draft-Nacht) ist gegangen. Eine verletzungsfreie Saison von All-Star Horford würde nicht schaden und ein (nicht hyper-) aktiver Juli sollte es ebenfalls sein. Bleiben die Hawks auf dem Free Agent Markt geduldig und adressieren die wenigen Probleme so smart wie in den letzten Jahren, könnten die Hawks auch angesichts der Unsicherheiten anderer Topteams im Osten (Miami, Indiana, Chicago) schon nächstes Jahr das (Riesen-) Rad drehen (lies zweite Playoffrunde plus x), statt Achterbahn zu fahren.