30 Juni 2014

Roman Schmidt | 30. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Sieh’ einer an, mit einer neuen Saion kommt für Bulls-Fans ein weiteres Jahr neuentdeckter Tortur, das den ohnehin massiven Berg an Pessimismus in Chicago bereichert. Der letztjährige Plan war, sich zu dieser Zeit den Kopf über Luol Dengs auslaufenden Vertrag zu zerbrechen. Nicht einmal dies scheint den Bulls nun vergönnt zu sein. Doch zurück zum Anfang.

Die Chicago Bulls starteten abgelaufene Season an der Spitze vieler Power Rankings. Dies war vor allem einiger starker Preseason-Partien eines gewissen Derrick Rose geschuldet, der beim Fastbreak aussah, als könnte er tatsächlich wieder an seine früheren Zeiten als roter Blitz anknüpfen. Nun, es kam alles anders. Man startete 1-3 und man konnte Rose jeden einzelnen Tag, an dem er kein Pflichtspiel bestritten hatte, ansehen. Teams attackierten ihn mit Doppelteams bei jeder Ballberührung im Halbfeld und Rose wollte zu viel. Er erzwang viele schwere Würfe und traf in zehn Spielen brandonjennings'eske 35% aus dem Feld. Doch Chicago konnte sich stabilisieren und gewann anschließend Fünf in Folge, obwohl der vermeintlich bester Spieler Schwierigkeiten hatte. Dann kam das Spiel in Portland. Rose machte eine falsche Bewegung und riss sich den Meniskus im nicht-Kreuzbandriss-Knie. Derricks Saison war gelaufen. All die Hoffnung hatte nach einer Preseason und zehn schwachen Spielen ein Ende. 

Die post-apokalyptischen Bulls waren wieder da! Es wurde wieder viel gebissen und getreten und selbst nach Siegen hatte man oft immer noch den Eindruck, dass man mit diesem offensiven Output nicht hätte gewinnen dürfen. Der Fokus lag nun vor allem auf Luol Deng, da die Bulls durch die Verpflichtung von Mike Dunleavy Jr. und die Verträge von Rose, Boozer, Noah und Deng im Luxury Tax Territorium angekommen waren. Deng musste - trotz guter Leistungen - das Team letztendlich verlassen, um die Capsituation zu entschärfen und Old Jerry Reinsdorf eine freundlichere Zahl unterm Strich zu liefern. Joakim Noah war offensichtlich genauso wenig begeistert wie Tom Thibodeau und kreierte kurzerhand den Point-Center, indem er zum Spielmacher in der Offense wurde. 

Ob Fastbreak oder Halfcourt, Noah fand offene Mitspieler und wurde zum Lichtblick eines niedergeschlagenen Bulls-Teams. Mit 5,4 Assists pro Spiel kam der Franzose auf Season-Stats, die ihn in die Regionen von Kareem Abdul-Jabbar und Wilt Chamberlain hievten. Wenn die Bulls etwas Gutes aus dieser Season mitnehmen können, dann ist es Jos Entwicklung als Anker in der Offensive. Denn nachdem Jimmy Butler und Carlos Boozer jeweils Jahre zum Vergessen hatten, muss man zumindest etwas Positives für nächstes Jahr aus der abgelaufenen Spielzeit ziehen. Die Postseason verlief letztendlich, wie man es von einem Team erwarten konnte, das praktisch keinen Scorer hat. Nachdem dies wohl auch dem Front Office klar wurde, versuchen sie diesen Umstand in der jetzigen Offseason zu korrigieren.

Off-Season Agenda/Roster
1. Carlos Boozer muss gehen. Carlos ist ein Teamplayer, ein guter Typ und Charakter und jemand, den man gerne als Kollegen hat - aber nicht für 15+ Mio. $ pro Jahr. Ob per Amnesty oder Trade, ist egal. Es ist praktisch unmöglich, die Ziele der Bulls mit Boozers Vertrag in der Aktentasche zu erreichen. Verrückterweise muss man dennoch zweifeln, ob Reinsdorf tatsächlich einem Spieler Geld zahlen würde, nur damit die Bulls mehr Cap zur Verfügung haben.

2. Nikola Mirotic muss kommen. Der serbische Rohdiamant von Real Madrid (die Basketballversion), dessen Draftrechte den Bulls gehören, muss auf irgendeine Art und Weise seinen Weg in die Windy City finden. Problematisch ist, dass der Buyout aus dem Vertrag mit den Madrilenen umgerechnet ca. 3 Mio. $ kostet. Klingt nicht so problematisch? Wirklich problematisch ist, dass die Bulls nur ca. 600.000 $ zu diesem Buyout beisteuern dürfen. Sie könnten natürlich versprechen, das für Mirotic verlorene Geld in Form eines höher dotierten Vertrags zurückzuzahlen, dies belastet jedoch wiederum deren Cap und sie können es sich nicht leisten, falls sie am Ende nur die MLE zur Verfügung haben... ein Teufelskreis also. Nun ein paar gute Nachrichten an der Front: Ein Beatwriter vom Real Madrid Basketballclub hat kürzlich verlauten lassen, dass Mirotics Eintritt in die NBA beschlossene Sache ist und er seit vergangenem Jahr unzufrieden mit seinem jetzigen Team ist, da er sich wie ein Sündenbock fühlt (Real schied in der Euro League im Halbfinale aus). Bulls-Anhänger auf der ganzen Welt hoffen auf düstere Regenwolken in Zentralspanien.


3. Kevin Love muss kommen. Zumindest hört man das aus vielen rotweißen Ecken. Leider hat Golden State hier die Oberhand, denn die Bulls haben keine Saison skrupellos getankt, um Harrison Barnes abzustauben und deshalb einen Klay Thompson über zu haben. Ein Schuss in Richtung Golden State? In einem Season-Recap Blog?! Ihr habt richtig gelesen. Ich habe kein Gewissen. Aber sollte Golden State sich tatsächlich weiter weigern, Klay abzugeben, und Houston oder ein anderer Teilnehmer im Carmelo Anthony Pokerspiel schnappt ihn weg, kann in Chicago alles passieren. Hier wären wir auch schon beim vierten und wichtigsten Punkt der Agenda.

4. Carmelo Anthony muss umworben werden. Carmelo ist für die Bulls tatsächlich in greifbarer Reichweite. Und auch, wenn Melo in seinen letzten guten Jahren noch einen Titel abstauben möchte, Hand auf’s Herz, braucht Chicago ihn viel mehr als er sie. Seit D-Rose dieses Team an sich gerissen hat, haben die Bulls es nicht geschafft, einen zweiten Scorer zu integrieren. Verdammt, Melo könnte zum Start der neuen Saison sogar der erste Scorer bei den Bulls sein. Und möglicherweise braucht Rose genau das, um wieder auf die lädierten Beine zu kommen. Anthony aus seiner New Yorker Heimat zu entführen wird schwer genug sein (vor allem, da Phil Jackson darüber hinaus zum allerschlechtesten Zeitpunkt überhaupt in NY aufgetaucht ist, Danke nochmal dafür, Phil, ich dachte, wir wären irgendwie Freunde oder so...), doch wenn die Bulls in naher Zukunft um einen Titel mitspielen wollen, dann führt der Weg im Moment einzig und allein über Carmelo Kyam Anthony. Auch ein Joakim Noah wird nicht jünger, es braucht endlich einen Championship-Run, eher heute als morgen. Weshalb die finanzielle Situation dieses ambitionierte Vorhaben allerdings nicht leichter macht, wird folgen. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass die großen Free Agents nicht nach Chicago kommen möchten. Daher sollte alle Zuversicht möglichst im Zaum gehalten werden. Denn New York hat immer noch die Oberhand: sie können Melo deutlich mehr Geld bieten und sie wohnen nunmal in der Stadt, die Melo, seine Frau und sein Sohn lieben.

5. Carlos Boozer ist immer noch nicht gegangen? Er muss gehen. 

Personal
Da es erneut viele Trainerwechsel gab, war Tom Thibodeaus Name wieder häufig in den Medien zu lesen. Offensichtlich glaubt jedes andere Team, dass Chicago seinen dauerheiseren Schreihals für einen 3rd Rounder im Jahr 2050 ziehen lassen würde (Interessenten u.A.: Lakers, Knicks, Warriors). Dass Thibodeau trotz der Dauergerüchte um Zerwürfnisse mit dem Front Office noch in Chicago herumbrüllt, sollte zeigen, dass die Situation nicht so zerworfen ist, wie einige Teams es gerne hätten. Tom geht (vorerst) nirgendwo hin.

Draft
Die Bulls beobachten Doug McDermott bereits seit Jahren, haben ihn zum Workout nach Chicago gerufen, obwohl er klar außerhalb der Reichweite von Pick 16 & 19 war und hatten nichts als Lob für ihn übrig. Welch große Überraschung, dass sie ihn schlussendlich auch gepickt haben (lies: für ihn getradet haben). Nicht wenige halten heute noch das Opfern beider Picks für McDermott für einen Fehler, doch bedenkt man, dass er ein Top-10 Talent in einem guten Draft ist, dem Team bereits ab Tag eins helfen kann und genau das liefert, wovon die Bulls praktisch nichts haben (Ball ins Loch mit den Fransen darunter hieven), dann ist es nicht überzogen zu sagen, dass 'Dougie' der genau richtige Spieler für die Bulls ist. Außerdem macht er einen Abgang von Mike Dunleavy Jr. von heute auf morgen sehr kompensierbar. Dummerweise haben wir auch noch Anthony Randolph im Draft-Day-Trade aufgedrückt bekommen, was unseren Toastbrot-Level um 2 erhöht. Aber sei’s drum.


Kohle
Hier beginnt das große Rechnen mit Blick auf Carmelo Anthony. Gehen wir davon aus, dass sich die Capgrenze wie erwartet auf 63,2 Mio erhöht, sind die Bulls mit einer Payroll von 69.8 Mio. $ ganze 6.6 Mio. $ über dem Cap. Zieht man die ungarantierten Verträge von Mike James, Lou Armundson und Ronnie Brewer ab, landen wir bei ca. 65.2 Mio. $, womit wir immer noch  2 Mio. $ über dem Cap sind. Amnestiert man Boozer, hat man Platz für neue Verträge im Wert von 14.8 Mio $. Dass Melo einen solchen Vertrag annimmt (er könnte per Max-Deal über 20 Mio. $ im ersten Jahr verdienen) ist mehr als unwahrscheinlich. Für den Fall, dass man Anthony ohne Sign & Trade verpflichten will, müsste Chicago weitere Verträge, wie etwa den von Dunleavy (3 Mio.), Tony Snell (ca. 1.5 Mio.) oder gar Taj Gibson (8 Mio.) per Trade verschwinden lassen, ohne viel Salary aufzunehmen. Ob der Kader danach überhaupt noch konkurrenzfähig wäre, ist zweifelhaft.

Deshalb kommt praktisch nur ein Sign & Trade für Anthony in Frage, bei dem die Bulls Boozer und verschiedene Assets einbinden. Dass Carlos Boozer kein Wunschspieler von Phil Jackson ist, ist logisch, doch wird er die von den Knicks erwartete Free Agency Phase 2015 (Boozers Vertrag läuft nur ein Jahr) nicht gefährden. Sollten die Bulls noch multiple Draft-Picks und z.B. Snell und Randolph hinzufügen, würden die Knickerbockers nicht mit leeren Händen dastehen. Die Bulls hingegen könnten Carmelo Anthony ein Startgehalt im Bereich von 19 bis 20 Mio. $ anbieten, je nachdem, was sie in einem Sign & Trade opfern müssten. 

Zukunft
Kraft aus der Vergangenheit zu schöpfen, wird unmöglich sein. Daher dürfen die Bulls sich nicht von vergangenen, gescheiterten Free Agent Pitches einschüchtern lassen. Worauf man sich konzentrieren muss, ist, aus der Vergangenheit zu lernen und sein Möglichstes in dieser FA-Phase zu tun, um ein konkurrenzfähiges Team auf die Beine zu stellen. Sei es mit einem zweiten Star á la Carmelo Anthony oder mit einem breiteren Roster, das Youngster wie Nikola Mirotic und McDermott die Chance bietet, dem lädierten Star Point Guard vergangener Tage das Leben leichter zu machen. Sollte man dies erneut versäumen, ist es gut möglich, dass ich große Bereiche dieses Artikels per Strg+C nächstes Jahr erneut verwenden kann. Eine weitere Saison darf man auf gar keinen Fall verschenken.