29 Juni 2014

Sebastian Seidel | 29. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Die Saison der Milwaukee Bucks begann wie eigentlich jedes Jahr, mit der Zielsetzung "Playoffs." Seit Jahren konnte man die mittleren Tabellenplätze in der Eastern Conference für die Milwaukee Bucks fest verbuchen, spätestens nach der ersten Runde der Playoffs war die Saison dann aber auch immer schon gelaufen. Im Sommer hatte der Klub den jungen und defensiv hochveranlagten Center Larry Sanders vorzeitig für vier Jahre verlängert und so den Defensivanker für die Zukunft langfristig gebunden. Doch Sanders entwickelte sich zum Problemfall, war in eine Kneipenschlägerei verwickelt und hatte mit unzähligen Verletzungen zu kämpfen, sodass er nur auf 28 Spiele kam. Eine Fünf-Spiele-Sperre wegen Marihuana-Konsums rundete die katastrophale Saison des Centers ab.

Da nicht nur Sanders mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, sondern auch andere wichtige Spieler wie O.J. Mayo (30 Spiele) und Ersan Ilyasova (27 Spiele) oft aussetzen mussten, kamen die Bucks von Beginn an nicht einmal annähernd in die Nähe der Playoffplätze. Sie taten wenigstens das Beste, was sie machen konnten und schenkten die Saison ab. "Lohn" nach einer katastrophalen 15-67-Bilanz war zum einen der zweite Pick im Draft, zum anderen aber auch die Entwicklung vieler junger Spieler.

Brandon Knight, den Milwaukee im Sign & Trade für Brandon Jennings von den Pistons erhalten hatte, spielte eine exzellente Saison. Sein Dreier fiel zwar nicht mehr so gut wie noch in Detroit, trotzdem verbesserte er seine Wurfquote, ging deutlich häufiger an die Freiwurflinie und steigerte seinen Punkteschnitt dadurch von 13,3 auf 17,9 PPG. Doch nicht nur als Scorer verbesserte er sich, auch in seiner Rolle als Playmaker wurde er besser und steigerte seine Assistwerte von 4,0 auf 4,9 Vorlagen pro Spiel bei niedrigeren Turnoverzahlen.

Natürlich darf auch „The Greek Freak“ Giannis Antetokounmpo nicht unerwähnt bleiben. Das Talent des Griechen war durchaus bekannt, aber wirklich niemand hatte damit gerechnet, dass der Grieche schon in seiner ersten Saison so viele Minuten sieht. Seine 6.8 Punkte, 4.4 Rebounds und 1.9 Assists pro Abend hören sich zwar sicherlich nicht überragend an, doch seine Ballhandlingsskills sind für einen Spieler seiner Größe überragend und seine Vielseitigkeit schon heute verblüffend: Giannis kann mindestens drei, vielleicht sogar vier Positionen in der NBA gut verteidigen. Mit Nate Wolters konnten die Bucks in der zweiten Draftrunde der schwachen Draftklasse 2013 noch einen Steal landen, auch er legte keine überragenden Stats auf, zeigte aber ein gutes Gefühl für das Spiel und war sehr effizient als Pick & Roll Ballhandler.

Viel wichtiger für die Zukunft der Bucks war allerdings der Verkauf der Franchise an Marc Lasry und Wesley Edens. Die Zukunft der Bucks war gefährdet, denn die Bucks hatten von der NBA die Auflage bekommen, bis 2017 eine neue Halle zu errichten. Der alte Besitzer Herb Kohl hatte einen Verkauf der Bucks an einen Verbleib in Milwaukee gekoppelt und fand mit Lasry und Edens zwei Abnehmer, die dieser Forderung zustimmten und auch finanziell in der Lage sind, den Bau einer neuen Arena zu stemmen. Der alte Besitzer Kohl stiftete aus Liebe zu seinem Team und der Stadt Milwaukee 100 Millionen Dollar, die in den Bau der neuen Arena fließen werden.  

Off-Season Agenda/Roster
Die Off-Season bringt viele Frage mit sich, und auch hier ist Larry Sanders der Dreh- und Angelpunkt. Möchten die Milwaukee Bucks weiter auf Sanders bauen und setzen sie darauf, dass er sich wieder fängt und die katastrophale letzte Saison vergessen macht? Oder wollen sie Sanders loswerden? Gute und dazu auch noch junge Defensiv-Center sind in der Liga sehr gefragt, und sicherlich würden viele Teams das Risiko mit Sanders' fragwürdigen Charakter eingehen.

Sollte Sanders bleiben, stellt sich direkt im Anschluss die Frage, was in Zukunft mit John Henson passiert. Der Power Forward hat ähnlich wie Sanders fantastische Defensiv-Qualitäten, bringt aber im Angriff nicht viel zustande. Einer der beiden sollte die Bucks also verlassen. Als zusätzlichen Tradechip könnte Milwaukee auch Ersan Ilyasova nutzen, denn mit Jabari Parker hat das Team aus der Bierstadt nun einen Spieler gedraftet, der genau wie Ilyasova zwischen Small Forward und Power Forward aufläuft. Parker wird vermutlich auf der Small Forward Position starten, allerdings auch viele Minuten auf Power Forward sehen. Er ist die Zukunft, über kurz oder lang. Ob Parker neben Ilyasova funktioniert, wird den weiteren Kurs bestimmen. 

Interessante Free Agent Namen, die Milwaukee auf den großen Positionen verstärken könnten, sind Marcin Gortat und Spencer Hawes. Sowohl Gortat als auch Hawes können sowohl auf Power Forward als auch Center auflaufen und würden damit sowohl neben Sanders als auch Henson funktionieren. Gortat ist ein Allrounder und kann nahezu alles auf dem Basketballcourt, was ein Center können muss, ohne irgendwo hervor zu stechen. Er würde den Bucks mindestens solide Defense bringen, funktioniert gut als Roll-Man, verfügt über den ein oder anderen Postmove und hat ein gutes Händchen aus der Mitteldistanz. Passen würde er sehr gut zu den Bucks, allerdings scheint er sich in Washington wohl zu fühlen und würde laut eigener Aussage gerne bei den Wizards bleiben. Größere Chancen könnten bei UFA Spencer Hawes bestehen. Hawes verfügt über Dreierrange und kann auch gut aus dem Pick&Pop scoren. Seine Defensive und sein Rebounding sind auf einem immerhin anständigen Niveau, auch wenn er niemand ist, der den Ring gut beschützen kann - aber dafür wären bei den Bucks ohnehin andere zuständig. Eine Verpflichtung von Hawes würde den Bucks enormes Spacing geben und sie würden nonstop mit drei oder sogar vier Dreierschützen auf dem Court stehen.

Ein weiteres, riesiges Fragezeichen in Milwaukee ist O.J. Mayo. Nach einer soliden Saison in Dallas ließ Mayo in Milwaukee von Beginn an jeglichen Einsatz und Leistung vermissen. Ob sich das ändert, wenn die Bucks in der nächsten Saison eventuell von Anfang an um die Playoffs mitspielen? Da sein Gegenwert sicherlich so tief ist wie niemals zuvor, wäre ein Trade im Sommer nicht sehr ergiebig bis wohl absolut unmöglich.

Personal
Coach
Das schlechte Abschneiden der Bucks in einer von Verletzungssorgen geprägten Saison sollte man nicht als unmittelbare Schuld von Larry Drew ansehen. Drew erkannte früh die hoffnungslose Lage und ließ junge talentierte Spieler wie Wolters und Antetokounmpo viel Spielzeit und Erfahrung in der NBA sammeln. Eigentlich hat er noch ein paar Jahre Vertrag - allerdings könnten die neuesten Entwicklungen in Brooklyn, wo Jason Kidd sich mit der Führungsetage überworfen hat, alles über den Haufen werden. Kidd handelt zur Stunde mit den Bucks-Besitzern eine duale Rolle als Coach und Präsident für Basketball-Angelegenheiten aus.

Auslaufende und nicht garantierte Verträge
Die Verträge von Wolters, Ramon Sessions und Jeff Adrien laufen aus. Wolters und Adrien sollten auf jeden Fall zu günstigen Konditionen verlängert werden, denn beide sind jung und talentiert und werden sich vermutlich zu brauchbaren Rotationsspielern entwickeln. Auch Sessions sollte ähnlich behandelt werden, lieferte er doch nach seinem Trade zu den Bucks konstant gute Leistungen ab. Mit 15.8 Punkten, 4.8 Assists und guten Quoten (46% aus dem Feld, 36% von der Dreierlinie) zeigte er den vielleicht besten Basketball seiner Karriere. Ekpe Udoh, der Restricted Free Agent wird, dürfte in den Planungen keine große Rolle mehr spielen, zumal der 6. Pick des 2010er Drafts in der Rotation der Bucks zuletzt überhaupt keine Berücksichtigung mehr fand. Die Teamoption von Khris Middleton zu knapp einer Millionen Dollar sollte man ebenfalls ziehen, denn Shooting von der Bank kann man immer gut gebrauchen.

Draft
Vom Talentlevel her konnten die Bucks an zweiter Stelle eigentlich nur Jabari Parker oder Joel Embiid wählen. Da Embiids Krankenakte jedoch auch bei den Bucks große Zweifel aufkommen ließ, und weil man auf der Fünf mit Sanders eigentlich ideal besetzt ist, entschied sich das Team für die sichere Variante und wählte Jabari Parker. Parker gilt als der Spieler des Drafts, der ein Team sofort weiterbringen kann und ist so die ideale Verstärkung für eine Mannschaft, die im nächsten Jahr die Playoff-Plätze angreifen will. Parkers Stärken sind fast alle am offensiven Ende des Feldes, er hat einen guten Wurf, kann aber auch gut zum Ring ziehen und ist auch im Post eine valide Option. Außer Parker sicherten sich die Milwaukee Bucks mit dem 31. Pick noch die Rechte am Franzosen Damien Inglis.


Kohle
Die Milwaukee Bucks haben momentan knapp 43 Mio. $ an festen Gehältern in den Büchern stehen. Hinzu kommen noch 0.9 Mio. $, wenn Khris Middletons Vertrag komplett garantiert wird. Den Bucks bleiben in der Theorie also knapp 19 Mio. $ unter dem Salary Cap, die sie nutzen können, um Free Agents zu verpflichten. 

Zukunft
Die Bucks haben ein sehr tiefes Team, dem es aktuell aber in der Spitze noch an Qualität fehlt. Deswegen gilt es in diesem und in den kommenden Sommern vor allem über Trades Spieler mit höherer individueller Qualität zu verpflichten. Das hier ist kein sehr attraktives Team für Free Agents, weshalb es selbst mit 20 Millionen Dollar an Capspace nie sonderlich aussichtsreich ist, gute Free Agents unter Vertrag nehmen zu können.

Sollte das Bucks Team in der nächsten Saison einigermaßen verletzungsfrei bleiben und Sanders sich wieder voll auf den Sport konzentrieren, ist sogar eine Playoff-Teilnahme im schwachen Osten möglich. Mit Jabari Parker ist es den Bucks gelungen, einen Spieler mit künftigen All-Star Potential zu draften. Somit hatte die Seuchensaison der Bucks auch seine guten Seiten, und nicht Wenige sagen, es war sogar das Beste was den Bucks passieren konnte. Auch langfristig dürften die Bucks damit wieder deutlich besser positioniert sein als noch vor einem Jahr. Ob sie in den nächsten fünf Jahren auch nur ansatzweise in die Nähe eines Contenders kommen können, bleibt abzuwarten und ist von zu vielen Faktoren abhängig. Ernst nehmen sollte man Milwaukee nach einer absoluten Lachnummer von einer Saison aber auf jeden Fall wieder. 15-Siege Saisons wird es in der Bierstadt nicht mehr geben.