30 Juni 2014

Jan Wiesinger | 29. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Die unaufhaltsame Rekordjagd der Minnesota Timberwolves geht weiter. Leider handelt es sich hierbei um keinen sonderlich positiv behafteten Rekord: Die Errungenschaften in der regulären Saison haben den Timberwolves seit zehn Saisons keine Teilnahme mehr in den Playoffs bescheren können, womit sie alleiniger aktiver Spitzenreiter in dieser traurigen Kategorie sind.

Dennoch scheint die zurückliegende Saison ein kleiner Lichterstreif am Horizont des North Star State gewesen zu sein. Lange durfte man sich zumindest berechtigte Hoffnungen auf einen Winning Record machen (auch hier liegt der letzte seiner Art neun Jahre zurück) und beendete die Saison mit einer Bilanz von 40-42, immerhin die erste Saison mit 40+ Siegen seit acht Jahren. Eine erkennbare Aufwärtstendenz nach der dunklen David-Kahn-Ära? Für Flip Saunders, Präsident der Timberwolves, scheinbar nicht genug. Nach der erwarteten Resignation von Rick Adelman übernahm Saunders in der Off-Season selbst das Steuer und wird ab der kommenden Saison die Geschicke von der Bank leiten. Unter Adelman erzielten die Wolves in der vergangenen Saison immerhin die drittmeisten Punkte der Liga (106.9 PPG), rangierten defensiv aber weiterhin im Keller.

Center Nikola Pekovic, den Minnesota erst vor der Saison mit einem neuen 5-Jahres-Vertrag über 60 Millionen $ ausgestattet hatte, fehlte rund ein Drittel der Saison verletzt, sodass sich Rookie Gorgui Dieng in der letzten Phase der Saison ins Rampenlicht spielen konnte. Defensiv kompensieren konnten beide allerdings nicht, dass Coach Adelman auf eine Starting Five mit Kevin Love und Kevin Martin setzte. Beide nahmen zusammen 32.5 FGA pro Spiel und trugen offensiv damit die Hauptlast des T-Wolves Angriffs.


Was die abgelaufene Saison erneut deutlich machte: dass man in Minneapolis in den letzten Jahren kein gutes Händchen im Draft bewies. First-Rounder Shabazz Muhammad schlug überhaupt nicht ein (spielte aber auch kaum), den 2011 an zweiter Stelle gezogenen Derrick Williams schickte das Team nach Sacramento. Ricky Rubio kann unterdessen immer noch nicht schiessen (38,1% FG), genau wie dessen Backup J.J Barea (38,7% FG). Dass sich Rubio über Teamkollegen Love äußerte, dieser sei zwar gut, aber kein richtiger Führungsspieler, und Love vorher öffentlich über seine Mannschaftskollegen geschimpft hatte, machte eine weitere verlorene Saison perfekt. Dass Allstar Love im hohen Norden Minnesotas schon länger nicht mehr glücklich ist, weiß nicht nur in den USA mittlerweile jedes Kind.   

Off-Season Agenda/Roster
An dieser Stelle verzichte ich bewusst auf eine der möglichen 493045-Songtitel-Analogien, welche die Bedeutung des Kevin Love für die Off-Season der Timberwolves ansprechend veranschaulichen sollen. Seien wir ehrlich: Wir haben sie alle schon gehört. Natürlich ist Love das Masterpiece der diesjährigen Off-Season und Stein des Anstoßes für alle weiteren Aktivitäten. Gefühlt die Hälfte aller Teams in der Liga jagt den 25-jährigen Power Forward und würde den Top-Rebounder gerne in der nächsten Saison in den eigenen Reihen sehen. Love hat eigentlich noch zwei Jahre Vertrag, aber die Option auf sein letztes über 16,5 Mio. $ darstellt wird der Allstar in Minnesota unter Garantie nicht ziehen.

Ein Trade scheint damit unausweichlich, so dass man für den 2008 an fünfter Stelle von Memphis (Minnesota holte Love noch in der Draft-Nacht für O.J. Mayo) gezogenen Love zumindest noch einen gewissen Gegenwert erwarten kann. Der derzeit heiß diskutierte Deal mit den Golden State Warriors, der Kevin Love mit Kevin Martin nach Kalifornien entsenden und im Gegenzug David Lee, Klay Thompson und einen zukünftigen Erstrunden-Pick nach Minnesota holen würde, ist zwar vorerst auf Eis gelegt, kann aber jederzeit wieder aufgewärmt werden. Falls dieser Trade zustande kommen sollte, hätte man in Minnesota auf jeden Fall einen guten Deal zu verzeichnen. Thompson, einer der wohl besten reinen Shooter auf der Zwei, befindet sich noch zwei Jahre in seinem günstigen Rookie Deal und mit Lee bekommt man einen erfahrenen Power Forward, dessen Spiel im Gegensatz zu dem von Love zwar näher am Korb und weniger auf den Dreier ausgerichtet ist, im Zusammenspiel mit Pekovic aber gut harmonisieren dürfte.

Die T-Wolves wären auch sehr gut mit dem Versuch bedient, J.J Barea zu veräußern und einen Point Guard zu addieren, der wenigstens etwas Shooting und/oder Defense von der Eins bringen kann. Ins Profil passt hier eventuell Mo Williams, der aus seinem Vertrag in Portland ausgestiegen ist. Flip Saunders' Aufgabe ist es ebenfalls, dem Team in der Off-Season eine gewisse defensive Identität einzutrichtern. Bevor man jedoch weitere Baustellen aufreisst, muss man zunächst auf der Großbaustelle Kevin Love Richtfest feiern können.

Personal
Der Coach kennt die Strukturen der Franchise bestens, war er doch von 1995 bis 2005 schon als Trainer der Wolves in Lohn und Brot und führte die Franchise damals in acht von zehn Jahren in die Playoffs. Mit Saunders, der auch Miteigentümer und General Manager der Franchise ist, könnte zumindest eine Aufbruchstimmung losgetreten werden, die den Wolves eine Playoffteilnahme bescheren könnte. Grundsätzlich bestehen allerdings bekannte Gefahren in der Personalunion von Trainer und Präsident, welche Saunders in der Franchise ausübt. Somit setzt man hier auf Altbewährtes, verbunden mit neuen Risiken. Saunders' Rolle für die Erfolgschancen der Timberwolves kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die auslaufenden Verträge des Teams beschränken sich auf Dante Cunningham, Robbie Hummel und A.J Price, so dass aufgrund des Salary Caps keine großen Sprünge in der Free Agency zu erwarten sind. Eine eventuelle Verlängerung Cunninghams als Backup-Vierer dürfte sicherlich Priorität haben. Natürlich ist die Personalsituation und Kaderzusammenstellung extrem von einem möglichen Love-Trade abhängig.

In der derzeitigen Zusammensetzung fehlt es in Minnesota wohl primär an einer klaren Linie. Potenzial beeinhaltet der Kader reichlich, mit Rubio hat man einen der sichersten Spielmacher, mit Pekovic einen sehr guten Center und mit Dieng einen talentierten jungen Big Man. Gepaart mit verlässlichen Flügelspielern wie Martin, Chase Budinger und Corey Brewer ist der Kern der Truppe auf jeden Fall vorzeigbar. Als Backup Point Guard hat man neben Barea mit dem Russen Alexey Shved zudem noch einen Spieler, der in seinem Rookie Year eigentlich passabel spielte, in seiner Sophomore Season aber fundamental enttäuschte. Von der Bank kommen wird in Zukunft auch der athletische Combo-Guard Zach LaVine, den die Timberwolves vergangene Woche an Draft-Position 13 auswählten. 


Kohle
Für die Wolves sind große Sprünge erst nach der nächsten Saison wieder möglich. Die diesjährigen Ausgaben dürften sich auf dem Niveau der letzten bewegen und damit bei einem Gesamtvolumen von insgesamt 68-70 Mio. $ liegen. Ein Großteil der Verträge ist dabei von kurz- oder mittelfristiger Dauer. Falls Love wider aller Erwartungen auch in der nächsten Saison bei den Wolves bleibt und nach der Saison aus seinem Vertrag aussteigt, erhalten die Wolves dann natürlich eine Menge Cap Space. Die langfristige Perspektive der Wolves ist vor allem nach der Saison 15/16 offen, nach der nur noch Nikola Pekovic und Kevin Martin auf der Gehaltsliste stehen. 

Zukunft
Der oft angesprochene Love Trade ist ein Scheidepunkt für die Wolves und wird ausschlaggebend für die nahe Zukunft der Franchise sein. Prognosen über ein Ende der Timberwolf'schen Playoff-Abstinenz erscheinen daher zu diesem Zeitpunkt wie reines Kaffeesatzlesen. Allzu optimistisch sollten Fans der Wolves auch in der nächsten Saison nicht sein - egal ob mit oder ohne Love. Die Wolves werden sich im Westen wohl wieder irgendwo zwischen Position 8 und 12 wiederfinden. Der neue, alte Coach wird dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Wenn es Flip Saunders gelingen sollte, aus dem Love Trade einen ausgewogenen und auf die eigenen Stärken abgestimmten Kader zu schmieden, darf man in Minnesota immerhin darauf hoffen, den Allzeit-Rekord der Clippers nicht zu brechen. Diese hatten von 1976 bis 1991 immerhin 15 Mal in Folge die Playoffs verpasst.