30 Juni 2014

Leo G | 30. Juni, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.

Saison '13/14
Wenngleich die Saison mit hochdramatischen Szenen endete, war das abgelaufene Jahr dennoch ein voller Erfolg für die Franchise, auf das die Fans mit Stolz zurückblicken werden. Noch im Dezember hätte niemand vermutet, dass man im April auf die beste Regular Season aller Zeiten (48 Siege) und einen dritten Platz im Playoff Picture blicken würde. Doch der Rudy Gay Trade entpuppte sich eben nicht als Anstoß auf die Jagd nach Wiggins, sondern wurde der Wendepunkt  einer weiteren verloren geglaubten Saison. In bemerkenswerter Art und Weise etablierte sich eine völlig neue Art an Teamspirit, die man seit dem Calderon-Abgang schmerzlich vermisste. Man sah ansehnlichen Basketball, unermüdlichen Einsatz an beiden Enden des Feldes und die Entwicklung zweier belächelter Rollenspieler zu Aushängeschildern im Osten. 

Das abermalige Ausscheiden in der ersten Playoff-Runde wurde daher nicht als übermäßig große Enttäuschung aufgefasst, sondern verdeutlichte vielmehr, dass dem aktuellen Kader noch einiges fehlt, um wirklich als Finals-Contender gehandelt zu werden – so wie es Masai Ujiri bei Amtsantritt im Sommer ankündigte. 

Off-Season Agenda/Roster
Die Spekulationen und Diskussionen dürften sich in den nächsten Tagen und Wochen vor allem um eine Person ranken: Kyle Lowry, der sich in den letzten Monaten zum vielleicht besten Point Guard im Osten mauserte und dessen starke Leistungen herausragende Werte in nahezu allen wichtigen Advanced Stats Kategorien untermauern. Selbst ein Abgang von Lowry würde die Richtung der Franchise allerdings nicht großartig ändern und den Kaderzusammenbau sprengen. Erste wilde Gerüchte gab es bereits und dennoch ist man in der Stadt und im Front Office sehr optimistisch, dass der vielumworbene Point Guard letztendlich einen langfristigen Vertrag in T-Dot unterschreiben wird. 

Kurz vor Salmons Cut-Deadline fädelte Ujiri bereits den ersten Trade der Offseason ein und sicherte sich zwei wertvolle für einen Spieler, der zu 99% gecuttet worden wäre. Bebe Nogueira ist ein interessantes Center Prospect, welches bereits kommende Saison im Roster stehen könnte und Lou Williams gibt dem Team noch mehr Tiefe auf den kleinen Positionen. Darüber hinaus ist er eine Art Versicherung, sollten entweder Lowry oder Vasquez in der Free Agency eine andere Franchise auserwählen. 


Doch selbst wenn der Kader in seinen jetzigen Bestandteilen zusammen bleiben sollte, wird deutlich mehr benötigt als nur eine weitere individuelle Entwicklung der Schlüsselspieler, um auch in den kommenden Jahren eine gute Rolle zu spielen. Die Serie gegen die Nets offenbarte in Person von Joe Johnson deutlich, dass selbst die beste Team-Defense im Osten keinen starken Individualverteidiger auf den Flügeln ersetzt, der es vor allem mit den physischen Superstars aufnehmen kann. 

Ergänzend bleiben trotz des teils fabelhaften Teamplays Zweifel an Caseys offensiven Systemen und der stärkenorientierten Integration von Schlüsselspielern. Allerdings war bereits letztes Jahr zu erkennen, dass man hier große Fortschritte machte, was auch auf die Veränderungen und Additionen im Coaching Staff letzten Sommer zurückzuführen sein könnte. 

Personal
Coach 
Dwane Casey schaffte es innerhalb eines Jahres, seinen vakanten Job in einen gut dotierten Dreijahresvertrag umzumünzen. Wenngleich er immer noch große Probleme damit hatte, gerade in wichtigen Spielsituationen sinnvolle Plays anzusagen, sind seine Qualitäten abseits des Setbooks enorm wichtig für Franchise und Roster. Unter seiner Leitung etablierte man trotz überwiegend schwacher Individualverteidiger eine effiziente Teamdefense und sorgte dank der Hustle-First Mentalität für ein Team, welches hohen Identifikationsfaktor mit sich bringt und dem die Fans gerne zujubeln. 

Auslaufende und nicht garantierte Verträge
Abseits von Lowry laufen auch die Verträge weiterer Schlüsselspieler der vergangenen Saison aus. Auch Patrick Patterson und Greivis Vasquez waren in der Post-Gay Ära wichtige Bestandteile des Teams und füllten wichtige Rollen in der Rotation aus. Ihre Qualitäten, welche vor dem Trade schmerzlich vermisst wurden, versucht man sich wohl auch nächste Saison zu sichern. Während Vasquez schon eindeutig verkündete, weiterhin für die Raptors spielen zu wollen, ist die Situation bei Patterson unklarer. Unlängst unterbreitete man den beiden Ex-Kings und Nando de Colo ein Qualifying Offer, um so mögliche Mitbewerber-Angebote matchen zu können. Anders als Trade-Opfer John Salmons entschied sich Ujiri, Tyler Hansbrough nicht zu cutten. Seine 3,3 Mio. $ sind also weiterhin in den Büchern und er wird auch nächste Saison im Kader stehen.

Draft
Masai Ujiri sorgte für den absoluten Schock-Moment des Abends. Toronto zog einen 18-jährigen Brasilianer mit einer 2,34(!!) Meter Spannweite, welchen Foreign Prospect Experte Fran Fraschilla am Draft-Abend mit “2 years away from being 2 years away” blumig umschrieb und den absolut niemand so hoch erwartet hätte. Oder überhaupt erwartet hätte. Oder überhaupt kannte. 


Wenngleich man untypische Moves von Ujiri mittlerweile gewohnt ist, erwarteten viele Fans eine Stärkung der Rotation, welche der hochveranlagte aber unglaubliche rohe Bruno Caboclo definitiv noch nicht sein kann. So bleibt es für viele enttäuschend, dass man es nicht schaffte, einen Deal für Hometown-Hero Tyler Ennis einzufädeln, welcher bei Scouts und GM ebenfalls hoch im Kurs stand, von Phoenix allerdings zwei Plätze vorher weggeschnappt wurde. 

Mit dem 37 Pick sicherte sich Toronto noch die Rechte an Flügel DeAndre Daniels, der im NCAA-Tournament mit starken Leistungen einer der Garanten für UConns Titel war, als NBA-Prospect aber noch eine Menge Arbeit vor sich hat, um auch nur annähernd in die Nähe der Rotation zu kommen. 

Kohle
Inklusive der Qualifying Offers für Patterson, Vasquez und De Colo sowie des Cap Holds für Lowry überschreiten die Raptors bereits die Salary Cap Grenze. Sollte das Team also in der letztjährigen Konstellation zusammenbleiben und die drei Schlüssel Free Agents neue Verträge unterschreiben, welche wahrscheinlich besser dotiert sein werden als ihre jetzigen Cap Holds, besitzt man abseits der MLE kein Geld mehr für Sprünge auf dem Free Agent Markt. Das Worst Case Szenario, ein Abgang von Lowry, plant ausser im Front Office derzeit wohl niemand durch. In einem solchen Fall hätte man mit Vasquez (und Williams) zwar valide Backups, der Mangel an Cap Space dürfte es allerdings schwer machen, noch einen qualitativ gleichwertigen Ersatz aus dem Hut zu zaubern. Alles in allem wird Toronto also weniger über große Namen spekulieren, sondern sich auf sinnvolle Ergänzungen (Flügelverteidiger und Frontcourt-Tiefe) und Extensions konzentrieren. 

Zukunft
Die Entwicklung der Schlüsselspieler steht im Vordergrund sämtlicher Bemühungen. Mit Jonas Valanciunas besitzt man das vielleicht interessanteste Two-Way Center Prospect der gesamten Liga, welches sein enormes Potential stets phasenweise andeutete, von Casey allerdings mit fortlaufender Spieldauer immer weniger eingebunden wurde. Die Integration seiner besonders für sein Alter herausragenden offensiven Effizienz wird ein absoluter Schlüsselfaktor in der Vorbereitung auf die neue Spielzeit sein. 

Auch Terrence Ross zeigte in den letzten Monaten endlich die lang ersehnten Sprünge nach vorne, auch wenn seine unterirdischen Playoffs über seine positive Entwicklung hinwegtäuschen. Die stetigen Verbesserungen von Amir Johnson und DeMar DeRozan sind auch nächste Saison zu erwarten. Gerade letzterer dürfte durch die individuelle Anerkennung in Form der All-Star Nominierung und der erstmaligen Playoff-Luft nur noch motivierter geworden sein. Pausen vom Basketball existieren für den Compton Native jedenfalls nicht, so stand er bereits kurz nach dem Playoff-Aus wieder in der Trainingshalle. 

Geht man davon aus, dass Lowry in Toronto bleibt, ist auch nächstes Jahr wieder damit zu rechnen, dass 10000 verrückte Fans das Team in den Playoffs vor Ort anfeuern werden. Und zwar nicht nur in der Halle, sondern auch auf dem Maple Leafs Square, dem ganz eigenen Jurassic Park der Franchise.