12 Juli 2014

Tiago Pereira | 11. Juli, 2014   






Seit Wochen rankten sich Spekulationen und Verschwörungstheorien um die Heimkehr des selbsternannten Königs, LeBron James. In einem Sommer, der das uns bekannte Gebilde der NBA völlig neu strukturieren sollte, war es King James, der den ersten Dominostein ins Wanken brachte. Wie im Sommer 2010 warteten Spieler und GMs gleichermaßen auf die „Decision“ des vierfachen MVPs, ehe sie sich trauten, ihren eigenen Schachzug zu vollführen. Täglich strömten neue Meldungen ein, mit wem sich James im Club traf, wer in seinem Skills Camp in Las Vegas teilnahm, selbst der geplante Flug zum Fußball WM-Finale galt unter Experten als Rauchsignal für das Verlassen Floridas. 

Jeder Journalist, Fan oder Blogger hatte sich längst seine eigene royale Meinung gebildet, bevor der Paukenschlag ertönte. Um einmal mich selbst zu zitieren „…seien wir ehrlich, wer verlässt Sonne, Strand und Miami für Dan Gilbert und Courtside Plätze der Jonny Football Show? Richtig, niemand!“ . Wie heißt es so schön, knapp daneben ist auch vorbei. Während die meisten Menschen in James' Alter krampfhaft versuchen, von zu Hause zu entfliehen, zieht es den König zurück in sein Schloss in Northeast Ohio. 

Dieses Mal jedoch brauchte der König kein zweistündiges TV-Special, um seinen Abgang zu verkünden. Mit einem öffentlichen Brief, in dem James seine Heimatverbundenheit, aber auch seinen Respekt gegenüber den Miami Heat zum Ausdruck brachte, erhielten wir einen Einblick in die Gedanken eines Spielers, der sich nichts sehnlicher wünscht, als nach Hause zurück zu kehren. Es ist kein melancholisches Abschiedsschreiben, in dem James seine Entscheidung, Cleveland damals zu verlassen bereut, im Gegenteil: er unterstreicht, dass erst die Decision 2010 nötig war, um ihn zu seinem jetzigen Entschluss zu verleiten. Die vier Jahre an Floridas Küste ließen das Kind aus Ohio wachsen; spielerisch, charakterlich, menschlich und historisch. Niemand wird ihm die vier Spielzeiten, vier NBA-Finals, zwei MVPs und Meisterschaften im Trikot der Miami Heat mehr nehmen können. Der lange geächtete König, der lange ohne Krone war, kehrt verändert zurück an den Ort, an dem alles begann, an den er schlussendlich hingehört - nach Hause, nach Cleveland, Ohio. 

Die Schwere dieser Entscheidung ist kaum nachzuvollziehen, denn in Miami reißt James eine potentielle Dynastie ein, um in seiner Heimat an jenem Traum weiter zu arbeiten, den er vor vier Jahren in den Hallen der Quicken Loans Arena vergraben hatte. Oft genug betonte James, dass das, was er mit seinen Brüdern im Geiste Wade und Bosh schuf, historisch und einmalig war, nicht nur in der Geschichte der Miami Heat, sondern ligaweit. Dabei vergaß er aber offensichtlich nie seine Wurzeln. Blut ist dicker als Wasser, auch der beste Spieler dieses Millenniums kann sich nicht seiner Herkunft entziehen. Selbst Dan Gilberts lyrisches, in Comic Sans getunktes Eigentor war am Ende nicht stark genug, um James für immer aus seiner Heimat zu vergraulen. Menschen begehen Fehler, auch ein König ist nicht fehlerfrei. James ist sich daher bewusst, dass auch er einen Anteil zu dieser dramaturgischen Scharade beitrug.  

Während Clevelands Finest Miami in einem post-apokalyptischen Trauerzustand hinterließ, bereiten Fans in Ohio die Ankunft ihres noch vor kurzem für immer verloren geglaubten Sohnes vor. Die Gefühlslage der Anhängerschaft in Cleveland dürfte nun Dank der Ankunft ihres Chosen One 2014 nun jede nur erdenkliche Emotion abgeklappert haben. Von „Oh Nein Andrew Bynum“ über „Wieder keine Playoffs“ hin zu „Hurra wir haben zum dritten Mal in vier Jahren den ersten Pick in der Lottery“ und jetzt: „LeBron ist zurück“. 

Die einen mögen es ausgleichende Gerechtigkeit für die vielen, vielen, vielen schlimmen Entscheidungen des Cavaliers Front Office nennen, der Rest nennt es eine unverdiente Belohnung für das schlechteste Management der NBA. Wie dem aus sei, eines ist sicher: Fortuna scheint Gefallen an dem hässlichen Entlein Names Cleveland gefunden zu haben. Denn eines ist unbestreitbar: die Chance, innerhalb von vier Jahren den besten Spieler der Liga zu verlieren, zurück zu gewinnen und derweil drei Mal die Lottery zu gewinnen dürfte mehr Nullen vor und hinter dem Komma haben als das Management der Cavaliers.

James kehrt mit einem Lächeln in seine Heimat zurück, denn bei seinem letzten Amtsantritt in der Quicken Loans Arena waren die besten Spieler meist seine Kontrahenten und fast nie seine Mitstreiter. Der junge Nukleus der Cavs stellt ein überraschend qualitatives Novum für James dar. Mit Kyrie Irving, Andrew Wiggins und Dion Waiters befinden sich gleich drei passable Prinzenrollen in den Reihen der Königsgarde. Dieses Tandem aus Jungstars und Vierfach-MVP lässt selbst Las Vegas wieder an einen Titel in Cleveland glauben (4:1 Quote). Zwar wurde besonders Irving für seinen erst kürzlich unterzeichneten Max Deal viel Häme entgegen gebracht, doch die voreilige Verurteilung geht unter im Freudentaumel der Cavs-Fans heute.

Schließlich begann diese Off Season mit der Abwanderung von Luol Deng und einer befürchteten von Kyrie. Die beiden Ex-Dukies Verband ein teuflisch blaues Band, welches das Herz der Cavaliers Fans zerschnitten hätte. Während Deng den ICE Richtung Nicht-Cleveland nahm, konnte das Cavaliers Management wenigstens einen von Mike Krzyzewskis Schützlingen mit einem 90 Millionen Dollar teuren Briefbeschwerer in der heimischen Einöde halten. Damit machten die Cavaliers ihren verletzungsanfälligen, inkonstanten Point Guard zum Multimillionär, aber wenigstens mussten die Fans nicht einem weiteren All-Star lebe wohl sagen. Einen All Star gehalten, einen potentiellen gedraftet... die Off Season in Cleveland war schon vor Tagen ein voller Erfolg.

Und dann kam James! Die Freudenschreie aus dem Osten Ohios wurden nur übertönt vom weltweiten „Musste das sein?!“ So wirklich wollte es keiner fassen, aber Cleveland war auf einmal wieder sexy, LeBron-James-Sexy. Der König verwandelt die hässlichste aller Franchises zur Prom-Queen der Nation. Der Glanz der Wiedervereinigung stieg dem Cavaliers Management jedoch ein wenig zu Kopf, denn kaum hatten sich die Cavs für ihren Heilsbringer schick gemacht, zeigten sie erste Anzeichen, sich wieder gehen zu lassen. Alte Gewohnheiten lassen sich nun mal schwer ablegen. Noch bevor James seine zweite Liaison mit Cleveland einging, bemühte sich das Management der Cavs ihrem Volkshelden einen neuen Spielkameraden zu besorgen. Auserkoren hatte man Kevin Love aus Minnesota. Der Forward der Timberwolves stand diesen Sommer mindestens genauso oft vor einem Trade wie Carlos Boozer vor der Amnesty-Entlassung. Um sich die Dienste von Love zu sichern schien es phasenweise so, dass man in Ohio bereit wäre, alle nur erdenklichen Assets in den Norden zu verfrachten. Andrew Wiggins, Dion Waiters, Anthony Bennett, sowie der Erstrunden Pick der gebeutelten Heat sollten den Cavaliers ihr verfrühtes Valentinsgeschenk sichern. Die hart (un)verdienten Lottery-Lorbeeren in den Mississippi verwerfen, wäre das nicht voll… Cleveland?

Die Cavaliers hatten ihre beiden besten Spieler für fünf Jahre unter Dach und Fach gebracht, dazu mit Wiggins einen Two-Way Rookie mit Starpotential gezogen und in Dion Waiters eine Mikrowelle von der Bank. Warum das alles aufgeben für ein wenig Liebe? Love ist ein fantastischer Offensivspieler mit einem butterweichen Handgelenk, neben dem LeBron seine schiere Freude hätte, und dennoch birgt ein solcher Trade viel Gefahrenpotential für die Cavs. 

Eine Starting Five in der Kevin Love und Kyrie Irving spielen wird es schwer haben, defensiv Halt zu finden. Besonders Kyrie zeigte in keinem seiner drei Profijahre, dass er in der Verteidigung ein Arbeitstier ist. Auch Love bekleckert sich nicht mit Ruhm. Hier kommt Wiggins' Stärke ins Spiel. Der Ex-Jayhawk besitzt schon jetzt die Anlagen eines herausragenden Defensivstoppers. Seine Physis erlaubt es ihm, vom Aufbau bis zum Forward jeden Spieler die Handschellen anzulegen, eine Fähigkeit die mit den Jahren nur besser werden wird. Wenn Wiggins für LeBron die Drecksarbeit in der Verteidigung übernimmt, kann der König sich mehr auf den offensiven Teil seines Arbeitsalltages konzentrieren. Ohne Wiggins müsste LeBron jeden Abend den besten Spieler des Gegners verteidigen. Diese extrem anstrengende Aufgabe wird mit zunehmendem Alter auch für einen mehrfachen MVP zur Last. Darüber hinaus besitzt Wiggins das Potential, James auch offensiv unter die Arme zu greifen. Sein Wurf und seine restlichen Angriffsskills sind zwar noch viele Jahre vom All Star Level entfernt, doch James ist bewusst, dass der Weg zur Meisterschaft dieses Mal kein Sprint wird. 

Love wäre hingegen die Instant Offensiv Spritze. Doch es ist die Frage, ob mit LeBron James, Kyrie Irving, Dion Waiters und Wiggins nicht schon genügend Feuerpower in den Reihen der Cavaliers vorhanden ist. Finden die Cavs in der Off Season einen Spieler, der das Spacing im Angriff erweitert, wären alle Attribute, die Love mitbringen würde, durch die eigenen Talente oder etwaige neue Rollenspieler ersetzt. Ob nun Akron Big Three aus James/Irving/Love oder die Frischzellenkur mit Wiggins den Weg zur ersten Meisterschaft seit 51 Jahren ebnen, hängt allein von der Entwicklung des kanadischen Rookies ab - so denn man ihn lässt. 

Das Warten auf Wiggins' Leistungsschub könnte sich im Nachhinein auch als Fehler entpuppen, doch hätte das Cavaliers Management nicht das Vertrauen in dessen positive Entwicklung, hätten sie ihn sicherlich nicht an Nummer eins gezogen. James will seiner Heimat nicht nur einen Meisterschaftsring bringen, sondern auch seine Franchise in Zukunft in der Erfolgsspur halten. Die langfristige Zukunft der Cavaliers liegt in Andrew Wiggins, der schnelle Erfolg hingegen lässt sich mit Love besser erreichen. Wie auch immer die Cavaliers verfahren, ob sie ihrem jungen Team die Chance geben, um LeBron James zu wachsen und von ihm zu lernen, oder ob sie den Sprint zur Meisterschaft mit Love wagen - die Trauertage gehören definitiv der Vergangenheit an. Was für ein Tag in Cleveland!