29 Juli 2014

Pascal Gietler | 29. Juli, 2014   



Am 11. Juli 2014 erschütterte ein Beben die komplette National Basketball Association: LeBron James kündigte sein Homecoming an und die Miami Heat standen kurz vor dem Super-GAU. Am South Beach erwartete man schon die kilometerhohe Welle, denn Daryl Morey stand schon mit einem Maximal-Vertrag vor Chris Boshs Tür. Die "Big Three" stand komplett vor dem Zerfall. Bosh entschied sich letztendlich für einen Maximalvertrag, allerdings bei den Heat, und nicht wie allgemein erwartet in Houstn. Auch die Heat-Urgesteine Dwyane Wade und Udonis Haslem wollten nicht auf Shrimp-Cocktails, Margaritas und die romantischen Sonnenuntergänge an einem der südlichsten Punkte des amerikanischen Festlands verzichten und verlängerten freiwillig beim einzigen Team, das sie in der NBA jemals gekannt haben.

Erster Schock verdaut, Super-GAU abgewendet. Doch mit alternden Wade, Haslem und Bosh alleine lässt sich natürlich noch kein Basketball spielen, zumindest kein erfolgreicher, so wie man es in Südflorida zuletzt gewohnt war. Es mussten also noch ein paar Neuverpflichtungen her, um zumindest einen Großteil der Prozentpunkte des schmerzenden LeBron-Verlustes zu kompensieren.

Luol Deng war die prominenteste Verpflichtung von Heat-Macher Pat Riley. Er soll nahtlos in die frei gewordene Lücke auf der Drei rutschen und obendrein LeBrons starke Perimeter-Defense duplizieren. James hat sich in der vergangenen Saison am defensiven Ende nicht immer voll verausgabt und ein fitter, motivierter Deng könnte diese monströsen Fußstapfen in der Defense fast vollständig ausfüllen. Der Brite dürfte mit der Motivation keine Probleme bekommen, schließlich sah er seinen Marktwert vor dem Fiasko in Cleveland deutlich höher, als die rund 10 Mio. $ Jahresverdienst, die er in den kommenden zwei Spielzeiten in Miami erhalten wird. Nicht vergessen: Deng hatte noch zu Beginn der vergangenen Saison eine Vertragsverlängerung der Chicago Bulls abgelehnt, welche ihm in den kommenden vier Jahren rund 40 Mio. $ beschert hätte. Dengs Begründung damals: er hatte das Gefühl, dass er eher 15 als zehn Millionen Dollar pro Jahr verdienen sollte. 

Deng ist aber viel mehr als nur ein einseitiger Verteidiger: in der Abwesenheit von Derrick Rose legte er in Chicago sehr ordentliche offensive Zahlen auf und war für die Bulls über weite Strecken die erste Scoringoption. In Miami muss er nicht die komplette Offensive tragen, sondern nur komplementär zu Chris Bosh und Dwyane Wade agieren, was seinen relativ schwachen Wurfquoten zu Gute kommen könnte. Die Fußstapfen, die LeBron James im Angriff hinterlässt, sind natürlich riesig und können von einem einzelnen Spieler niemals ausgefüllt werden, aber Luol Deng ist das Beste, was Pat Riley nach dem Abgang von James hätte passieren können. 

Als Back-Up konnte Riley außerdem noch Danny Granger für die Bi-Annual-Exception verpflichten und gibt somit dem ehemaligen Franchiseplayer der Indiana Pacers die Chance, sich noch einmal in der NBA zu beweisen. Natürlich wird Granger nicht mehr der Danny Granger aus dem Jahr 2010 sein, allerdings ist eine Small Forward-Rotation aus Deng und "The Gift" auch im Jahr 2014 noch äußerst vorzeigbar - besonders für rund 12 Mio. $ kombinierten Jahresverdienst.


Ein Signing, das bei vielen für Unverständnis gesorgt hat, war das von Josh McRoberts, der noch vor ein paar Monaten mit einer unsportlichen Ellenbogen-Attacke gegen LeBron James in der ersten Playoff-Runde aufgefallen war. Die Dienste von "McBob" lassen sich die Heat in den kommenden vier Jahren rund  23 Mio. $ kosten, aber Pat Riley wird sich bei diesem Signing definitiv etwas gedacht haben. Nicht lange ist es her, dass ein vielseitiger Big Man so etwas wie der "X-Faktor" in den diesjährigen Finals gewesen ist und somit den Weg für die Niederlage der Miami Heat ebnete. Die Rede ist natürlich von Boris Diaw, der aufgrund seines Skillsets ein Spiel auf mehrere Arten und Weisen beeinflussen kann. Nun, ein ähnlicher Spielertyp ist auch Josh McRoberts. 

McRoberts darf man nicht nur nach seinem Boxscore beurteilen, denn er legt weder viele Punkte auf, noch reboundet er den Ball für einen Power Forward überdurchschnittlich gut. Dafür traf er in der vergangenen Saison 41% seiner Dreipunktewürfe zentral von oben und gibt den Heat neben Chris Bosh einen weiteren Big Man, der das Spielfeld breit machen kann, wodurch Miami in der Offensive Mismatches erzeugt und einem Wade und Deng, die beide keine geborene Shooter sind, den Weg zum Korb frei macht. McRoberts ist außerdem einer der talentiertesten Ballhandler und Passer auf der Power Forward Position. In der vergangenen Saison spielte er starke 4.3 Assists pro Abend und produzierte im Gegenzug mickrige 1.1 Turnovers. Die Tatsache, dass er neben seinem unorthodoxen Offensivspiel auch noch gegnerische Power Forwards gut verteidigen kann, macht aus ihm einen nahezu perfekten Fit für das positionslose Spiel von Heat-Coach Erik Spoelstra.

Die Miami Heat standen vor knapp zwei Wochen vor einer absoluten Katastrophe, konnten diese aber erfolgreich abwenden. Mit Dwyane Wade, Mario Chalmers, Udonis Haslem, Chris Andersen, Chris Bosh und Norris Cole hat Riley viele altbewährte Spieler weiter verpflichten können, Abgänge wie die von Shane Battier hat das Team durch die Verpflichtung von Granger kompensiert. Auf der schwach besetzten Point Guard-Position konnte man in der Tiefe auch besser werden, als man am Draftabend den zweimaligen NCAA-Meister Shabazz Napier aus Connecticut gepickt hat.

Natürlich wird der Verlust des besten Spielers der Welt ins Gewicht fallen, aber mit Luol Deng und Josh McRoberts hat man zwei neue Spieler, die kombiniert mehr als 20 Punkte auflegen könnten, in der Defensive mitarbeiten und am Perimeter die Guards im Ballhandling entlasten - diese beiden Akquisitionen bescheren den Heat genug, um die Erfolgsidentität der vergangenen vier Jahre nicht komplett über Bord zu werfen. Coach Spoelstra muss nun Feinjustierungen vornehmen und das System an ein Leben ohne LeBron anpassen, aber unterm Strich werden die Miami Heat auch in dieser Saison im Osten noch für Furore sorgen können - und wer weiß, vielleicht bekommen wir ja sogar Cleveland gegen Miami in den Eastern Conference Playoffs? Es gäbe bestimmt Schlimmeres für den neutralen Basketball-Fan...