25 Juli 2014

Wolfgang Stöckl | 25. Juli, 2014   



Als die Celtics beim Draft 2012/2013 an Position 21 wählen durften, konnten sie ihr Glück gar nicht fassen, dass ein Hochkaräter wie Jared Sullinger noch zu haben war. Der Power Forward aus Ohio State war lange Zeit als sicherer Top-5-Pick gehandelt worden, jedoch brachte eine medizinische Untersuchung im Vorfeld des Drafts das Ergebnis, dass über kurz oder lang bei ihm eine größere OP des Rückens unausweichlich sein wird. Gleichzeitig kamen bei einigen Experten Zweifel auf, ob sein Spiel in der NBA funktionieren wird. Sullinger ist trotz guter Spannweite kein besonders großer Power Forward (2,06m offiziell - in Wirklichkeit aber eher kleiner), zudem ist er nicht besonders athletisch und wenn Sullinger abhebt, passt allenfalls die Montagsausgabe der Tageszeitung zwischen seine Sneaker und den Boden. Aus diesen Gründen entschieden sich viele General Manager damals gegen 'Sully'. Im Prinzip waren sie der Meinung, dass sich sein Spiel gegen die längeren und athletischeren Big Men in der NBA nicht durchsetzen wird. Danny Ainge dagegen sah einen jungen Vierer mit hoher Spielintelligenz und guten Passfähigkeiten sowie einem schon ziemlich ausgereiften Low-Post-Spiel und einer Nase für Rebounds. 

Saison 2012/2013
Rookies und junge Spieler hatten es schon immer schwer unter Doc Rivers. Er packt sie hart an, setzt sie nach Fehlern gnadenlos auf die Bank und Spielzeit bekommen sie in der Regel nur, wenn es nicht anders geht. Anerkennung, Lob, aufmunternde Worte gibt’s nur für die Stars, aber nicht für die Rookies, die müssen sich das erst verdienen.
Aber Rondo, Bradley, Big Baby!?... Rajon Rondo bekam damals den 90-jährigen Sam Cassell vor die Nase gesetzt und hat nur gespielt weil nach der Verpflichtung von Kevin Garnett und Ray Allen null Capspace vorhanden war, um die Point Guard Position mit einem halbwegs brauchbaren Spieler zu besetzen. Avery Bradley saß 1½ Jahre nur auf der Bank, bis das halbe Team verletzt war und es keine andere Möglichkeit mehr gab, als ihn einzusetzen. Auch Glen Davis spielte nur, weil KG sich schwer am Knie verletzte.

Also hatte es auch Sully anfangs schwer unter Coach Rivers. Aber selbst Rookie-Skeptiker Rivers erkannte schnell, dass Sullingers Fähigkeiten äußerst wertvoll für das Team sein können. Sullingers Aufgaben auf dem Feld waren überschaubar. Er sollte ausblocken, Garnett beim Rebound und in der Defense entlasten, Blöcke stellen, offene Würfe nehmen, hier und da einen Offensivrebound abgreifen und in der Defensive nach Möglichkeit nicht alles falsch machen.

Um es kurz zu machen: der Rookie erfüllte seine Aufgabe äußerst gut. Wenn er auf dem Feld war, passierten fast immer gute Dinge. Er punktete, er reboundete, er schob die gegnerischen großen Spieler aus der Zone und er verteidigte sogar solide, hatte mit die besten Werte des Teams beim Defensiv-Rating. Er erfüllte seine Aufgabe so gut, dass er schon nach einigen Wochen in die Startformation berufen wurde, was bei einem Coach wie Rivers schon fast einem Ritterschlag gleichkommt. Seine Spielzeit wurde fortan nur noch von den Schiedsrichtern beschränkt, die sehr viele Fouls gegen ihn pfiffen, was als Rookie aber nichts ungewöhnliches ist.

Sullinger wurde schnell einer der beliebtesten Spieler in Beantown. Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste war, dass sein Rücken ihm mehr und mehr zu schaffen machte. Bei einem Spiel gegen die Kings Ende Januar 2013 musste er dann vom Platz, er hatte sich den Rücken derart verrissen dass er sich kaum noch bewegen konnte. Eigenen Angaben zufolge hatte er die Wochen davor schon quasi nur noch auf einem Bein gespielt. Die Celtics und Sullinger entschieden sich, das Rückenproblem nun endgültig anzugehen. Nach dem Kreuzbandriss von Rondo waren die Meisterschaftsträume der Celtics ohnehin schon zerstört, so dass der Zeitpunkt günstig erschien. Die folgende Rücken-OP sollte die strukturellen Probleme grundsätzlich beheben, so dass auch in der Folge keine allzu großen Schmerzen mehr auftauchen sollten. Für Sullinger war die Saison damit Ende Januar schon beendet.

Seine Werte waren aber durchaus vielversprechend. 11 Punkte, 11 Rebounds bei 49% FG und 74% FT pro 36 Minuten sind sehr solide Werte für einen Rookie. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass im Playbook der Celtics kein einziger Spielzug für Sullinger existierte.

Saison 2013/2014
Nachdem die OP erfolgreich absolviert war, stand der Sommer für Sully im Zeichen der Reha. In Boston hatte sich in der Zwischenzeit einiges verändert. Aus dem einstigen Meisterschaftsanwärter war eines der schwächeren Teams der Liga geworden. GM Danny Ainge hatte den Rebuild mit einem Trade der alternden Stars Paul Pierce und Kevin Garnett eingeläutet.

Für Sullinger bedeutete dies, dass er erstmal nicht an den Playoffs teilnehmen würde und das erste Mal in seinem Leben eine Menge Niederlagen einstecken müsste. Gleichzeitig hieß dies aber auch mehr Spielzeit und wesentlich mehr Spielanteile für ihn. Nach seiner guten Rookie-Saison wurde von ihm viel erwartet.

Sullinger startete wie die Mannschaft ganz passabel in das Jahr, seine Trefferquote lag bei fast 50%, mit 13 PPG und fast 8 RPG bei unter 30 Minuten Spielzeit lief es durchaus gut. Dann kamen allerdings die ersten Trades und die Bostoner Mannschaft verlor zunehmend an Boden in der Tabelle. Ziel der Tauschgeschäfte war nicht, das Team zu verbessern, sondern eher das Gegenteil und dabei gleichzeitig noch möglichst viel Gehaltsspielraum für die Zukunft freizuschaufeln. Genau wie die Leistung des Teams ging auch Sullingers Formkurve nach unten. Er reboundete zwar weiterhin sehr gut, aber seine Quoten in der Offensive sanken stark ab. Zu tun hatte dies allerdings wohl auch mit einigen kleineren Verletzungen, die Sullly beim Spiel behinderten (geprellte Wurfhand, ausgekugeltes Fingergelenk an der Wurfhand, Schienbeinprellung, mehrfach verstauchter Knöchel).

Zu schaffen machte Sullinger auch eine weitere Umstellung. Seit Saisonbeginn hatte ein neuer Trainer das Sagen in Boston: Brad Stevens, der Sullingers Rolle anders sieht als Coach Rivers das früher tat. Dieser hatte Sully letztes Jahr noch verboten, Würfe jenseits der Drei-Punkte-Linie zu nehmen. Stevens verlangt von ihm das exakte Gegenteil. Sullinger hatte schon im College einen guten Wurf aus der Mitteldistanz und warf hier und da auch einen Dreier. Grundsätzlich fokussierte er sich aber auf sein Spiel in der Zone. Stevens sah die Möglichkeit, eine Saison, in der Gewinnen sowieso zweitrangig war dazu zu nutzen, um Sullingers Spiel um den Dreipunktewurf zu erweitern. Vorbild hierfür: natürlich Kevin Love, der ähnliche athletische Defizite wie Sully mitbringt, sich aber dank seiner Vielseitigkeit zu einem der besten Offensivspieler der Liga entwickelt hat. Sullingers Dreier fiel noch nicht so richtig, die Quote krebste unter 30 Prozent herum. Da im Schnitt aber jeder vierte seiner Würfe Dreierversuche waren, leidete natürlich seine Quote und mit ihr Sullingers Selbstbewusstsein. Nach einem ausgedehnten Durchhänger inklusive schlechter Körpersprache, viel Frust ob der endlosen Niederlagen und zahlreichen technischen Fouls fing sich der Sophomore im Februar wieder, legte 15 Punkte und 11 Rebounds im Schnitt auf und beendete die Saison mit 18.4 PPG und 7.6 RPG im April. 


Stärken
- sehr starke Physis, schiebt mit seinem Hinterteil fast jeden Gegenspieler durch die Gegend
- extrem guter Instinkt für Rebounds, gehört schon jetzt zu den besten Abräumern der Liga
- hoher Basketball IQ
- guter Wurf aus der Mitteldistanz
- im Post in der Lage, beidhändig abzuschließen
- gutes Positionsspiel in der Defensive
- gutes Passspiel, sehr schneller Outletpasser

Schwächen
- zu klein, keine Sprungkraft
- kann den eigenen Korb nicht beschützen
- zu langsam in der Pick & Roll Defensive
- schlechte Quote beim Dreier
- lässt sich zu oft unter dem Korb blocken
- Quote in der Zone sollte besser sein

Bilanz
Sullinger hat in seinem zweiten Jahr einen kleinen Schritt nach vorne gemacht. Er wirkt auf dem Platz selbstsicherer und versteht sich selbst auch als kommender Führungsspieler der Celtics. Er hat gezeigt, dass er in der Lage ist, ein künftiger 20/10-Spieler zu werden. Bis dahin muss er allerdings noch einiges tun.

Seinem Spiel fehlt noch die Konstanz, allerdings darf man auch nicht vergessen, dass er erst seit 1½ Jahren in der Liga und erst 22 Jahre alt ist. Auf Sullinger wartet ein sehr interessantes drittes Jahr. Ganz Boston erwartet von ihm, dass er nächstes Jahr sein Spiel in die Nähe eines All-Stars bringt. Er hat nun den Sommer Zeit an sich zu arbeiten.

Ganz oben auf der Liste steht die Weiterentwicklung seiner Bewegungen im Post. Damit er unter dem Korb nicht so oft geblockt wird, sollte er daran arbeiten, ab und zu mal einen Pump-Fake einzustreuen. Helfen würde sicherlich auch ein größeres Arsenal an Bewegungen unter dem Korb. Er muss lernen, seinen imposanten Körper so einzusetzen, dass die Gegenspieler nicht an ihn heran kommen.

Natürlich ist auch die Entwicklung seines Dreipunktewurfs ein Thema, der muss auf jeden Fall besser werden. Solange er unter 30% trifft, ist das kein effektiver Wurf für ihn. Grundsätzlich sollte er aber die meiste Zeit unter dem Korb verbringen und nicht ganz so viel an der Dreipunktelinie herumlungern, dort ist seine Vielseitigkeit einfach verschenkt. Schon jetzt zeigte er gegen Ende der langen Saison ein wenig die Tendenz, im Post auf den Fadeaway zu gehen, den Jumper aus der Mitteldistanz zu nehmen oder eben von der Dreierlinie abzudrücken. Das ist alles nicht falsch, und ein kompletter Power Forward darf solche Würfe auch gerne variieren, nur besteht dabei schon die Gefahr, dass er bequem wird und diese Schüsse, die nicht weh tun, dem Spiel in der Zone mehr und mehr vorzieht. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, die seine Effektivität schnell schmälern kann. Sullinger wäre nicht der erste Power Forward, der diesen Weg des geringsten Widerstandes beschreitet.

Sullinger muss verstehen, dass seine Physis sein Trumpf ist. Er ist ein echter Banger unter dem Korb, selbst Spielern wie Tyson Chandler oder David West konnte er in seiner Rookie-Saison körperlich zusetzen und diese frustrieren. Mit seinem enormen Hinterteil und Gewicht kann er fast jeden Gegenspieler in der Zone durch die Gegend schieben. Das ist sein großer Vorteil, den muss er nutzen. So kommt er an die Freiwurflinie, so kann er direkt am Korb hochprozentig abschließen, so ist sein Spiel am effektivsten! 

Ein weiterer Punkt ist seine Kondition. Diese Saison hatte er natürlich eine OP hinter sich und konnte das Trainingscamp nicht komplett mitmachen, aber sein Ziel kann nur sein, sich so in Form zu bringen, dass er Abend für Abend 36 Minuten auf dem Feld stehen kann, ohne aus dem letzten Loch zu pfeifen. Aus Speck müssen Muskeln werden, darum Finger weg vom Süßigkeitenschrank.

Auch in der Defensive ist noch einiges zu tun. Seine Beinarbeit sollte er verbessern, so dass er beim Pick & Roll nicht immer bis fast unter den Korb absinken muss und dem gegnerischen Guard damit den freien Jumper von der Freiwurflinie quasi auf dem Silbertablett serviert. Bessere Fußarbeit heißt auch größere Flexibilität in der Pick & Roll Verteidigung.

Prognose
Sully hat angekündigt, in der Offseason hart an sich zu arbeiten, so dass man erwarten darf, dass er sich zumindest in einigen der genannten Bereiche stark verbessert zeigen wird. Sein alter Herr wird schon darauf achten, dass Sully sein Programm auch anständig durchzieht. Nächstes Jahr wird es zwar nach wie vor keine All-Star-Nominierung geben, aber 15 und 10 mit guten Quoten und ein weiterer Schritt in Richtung Führungsspieler in Boston sind für Jared Sullinger im Bereich des Möglichen.