08 Juli 2014

Mattis Nothacker | 7. Juli, 2014   






Er hatte es nicht erwartet, und seine Einschätzung erwies sich als richtig: Niels Giffey wurde beim diesjährigen NBA-Draft nicht gezogen. Der große Traum, in der besten Basketball-Liga der Welt zu spielen, ist für den 23-Jährigen damit aber nicht geplatzt. Für Giffey hat ein denkwürdiger Sommer gerade erst begonnen.

Überhaupt erlebt der Berliner momentan eine intensive Zeit. Der NCAA-Titel mit UConn war der perfekte Abschluss eines vierjährigen Kapitels, mit vielen Höhen und Tiefen. Dass die Höhen überwogen, hört man aus ihm heraus. Er ist sehr glücklich über seine Entscheidung damals, als er den Schritt aus der deutschen Hauptstadt in den Nordosten Amerikas wagte.

„Aha-Erlebnis“ oder „Aha-Effekt“, solche Wörter verwendet Niels Giffey gerne. Wenn er das Jahr vor seinem Abitur beschreibt, beispielsweise. Da zog er sich eine Verletzung zu, konnte einige Zeit lang kein Sport betreiben und spürte plötzlich, dass er noch mehr im Leben brauchte, als nur Basketball. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens, nach UConn zu gehen und nicht direkt Profi zu werden“, sagte er vor einigen Monaten in einem Interview. „Ich hatte nie wirklich die Chance, aus Berlin rauszukommen und mal irgendwo anders zu wohnen, in einem anderen Land zu leben.“ 

Der Wechsel in die USA hat Giffey aber vor allem basketballerisch enorm gut getan. Bei den Jugendmannschaften von Alba Berlin galt er stets als Talent, irgendwann hatte er dann das Gefühl, dass es für ihn nicht mehr weiterging. Es zog ihn nach Connecticut, er verbesserte seine Athletik, wurde selbstbewusster und merkte irgendwann, dass es für ihn passte. Er war nicht die erste Option seines Teams, er war auch nicht die Zweite. Aber er spielte, im College-Finale waren es 37 Minuten. Giffey agierte unaufgeregt und effizient. Er schoss die wichtigen Dreier, war im Fastbreak gefährlich. Dass ihn die Amerikaner so sehr schätzen, ist aber seiner Defense zu verdanken.

Kevin Ollie, Giffeys Trainer bei UConn, sang bereits vor zwei Jahren eine Lobeshymne auf seinen deutschen Schützling: „Er spielt jede Position. Er durchläuft jede Übung. Es gibt nie irgendein stöhnen. Bei ihm heißt es immer: ‚Was muss ich machen? Welche Aufgaben kann ich übernehmen? Lass mich den besten Offensivmann decken’. Ob es zwei oder 40 Minuten sind, ich bekomme dasselbe von ihm. Er gibt mir den Einsatz, die Begeisterung und die Energie. Das ist, was ich so sehr an ihm liebe“.

Dass ein europäischer Spieler für seine Verteidigung gelobt wird, das passiert selten. Es macht Giffey fast einzigartig. Es ist der wohl wichtigste Schlüssel für seinen Erfolg fernab von zuhause. Viele deutsche Basketballspieler brachen ihre Zeit am College ab, gaben auf und entschieden sich für den Weg zurück in die Heimat. Giffey blieb. Und erarbeitete sich damit die Chance, seinen großen Traum wahr werden zu lassen.

Vor einem Jahr, während seiner Zeit bei der Nationalmannschaft, wurde Niels Giffey nach der NBA gefragt. Ob die US-Liga ein realistisches Ziel sei? „Es ist ein schmaler Weg, glaube ich“, erklärte er. „Ich denke, dass ich die Grundvoraussetzung dafür habe. Ich muss aber weiterhin extrem hart arbeiten, um eine kleine Chance dafür zu bekommen. Ich wünsche mir, dass ich nach meinem Senior-Jahr ein Workout mit einem NBA-Team habe und mich dort präsentieren kann. Mir ist bewusst, dass ich höchstwahrscheinlich nicht in irgendwelchen Drafts erscheinen werde. Aber vielleicht kann ich mich mit solchen Workouts irgendwie reinschleusen.“

Bislang läuft fast alles so, wie Giffey es vorhergesagt hat. Für den Draft reichte es nicht, von einigen Teams wurde er aber zu Workouts eingeladen. Er spielte unter anderem bei den Boston Celtics, den Dallas Mavericks und den New York Knicks vor. „Ich bin relativ zufrieden mit meinen Auftritten, ich hatte gute Rückmeldungen“, erzählt Giffey in einem Interview mit dem UconnBlog. Vor allem die Einheit bei den Knicks blieb hängen. „Es war ziemlich besonders, als Phil Jackson den ganzen Workout geleitet hat. Zu sehen, wie er die Triangle-Offense erklärt, ihn als Mensch kennen zu lernen, das war schon eindrucksvoll. Man merkt auf jeden Fall, wo sein ganzer Erfolg herkommt“.

In dieser Phase hat sich Giffey vorwiegend in Indianapolis aufgehalten und die Zeit genutzt, um möglichst viel an seinem Spiel zu arbeiten. Lange hat er sich mit seinem Distanzwurf beschäftigt. Schließlich ist die Dreierlinie in der NBA weiter vom Korb entfernt. Und die Treffsicherheit von außen, so Giffey, entscheidet letztendlich über seinen Einlass in die Liga: „Wenn ich eine Chance auf die NBA haben will, muss ich meine Dreier treffen. Das wird mein Ticket sein“.

Das Ticket lösen muss er nun in der Summer League, die im Juli in Orlando und Las Vegas statt findet. Giffey wird dort für die Memphis Grizzlies (Orlando) und Utah Jazz (Vegas) auflaufen. In Memphis wird viel Wert auf die Verteidigung gelegt, man sucht Dreierschützen, hat auf der Small-Forward-Position Bedarf. Auch Utah, eine Franchise im Neuaufbau, kann fähige, facettenreiche Backups auf dem Flügel gebrauchen. Grizzlies und Jazz, zwei Mannschaften, die für Niels gut passen würden.  

Nach dem College-Titel, den vielen Trainingseinheiten in Indianapolis, dem Eurocamp und den langen Workouts geht für Niels Giffey die heiße Phase in die nächste Runde. Es ist und bleibt ein denkwürdiger Sommer.