23 Juli 2014

Chris Schmidt | 23. Juli, 2014   



Nachdem die Jagd auf Gordon Hayward nicht erfolgreich war, konnten die Charlotte Hornets in der letzten Woche überraschend Free Agent Lance Stephenson unter Vertrag nehmen. Nicht nur wegen dieser Verpflichtung machen sich die Hornissen nun Hoffnungen in der schwachbesetzten Eastern Conference. Kommt mit dem neuen Namen nun auch der Erfolg nach North Carolina? 

„I bring more to the table than just blowing in someone’s ear. “ Dieses Versprechen, welches Stephenson am Freitag auf der Pressekonferenz gab, möchte er in der kommenden Saison in Charlotte einlösen. In Indiana konnte er den Erwartungen nicht immer gerecht werden. Denn Stephenson galt schon in der High School als eines der größten Talente des nordamerikanischen Basketballs. Eine große Karriere in der NBA sollte ihm bevorstehen. Doch schnell merkte der 1,93m-Mann, dass diese Vorschusslorbeeren sich nicht unbedingt nur positiv auf seine Karriere auswirkten. So kam er in Indianapolis schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In seinen ersten beiden Saisons startete Stephenson in 54 Spielen nur ein einziges Mal und spielte im Schnitt nur zehn Minuten (2.8 Punkte pro Partie).

In den folgenden beiden Spielzeiten entwickelte sich der Junge aus Brooklyn dann zu einem Starter bei den Pacers. Durch den verletzungsbedingten Ausfall von Veteran Danny Granger musste Indiana fortan mit Paul George auf der Drei beginnen. Stephenson vervollständigte die Lineup auf der Shooting Guard-Position. Vor allem der Einsatz und die Willenskraft von Stephenson überzeugten den Trainerstab in Indiana. 2012/13 startete Stephenson 72 Mal, in der letzten Saison waren es sogar 78 Mal. 

Dies war vor allem darauf zurückzuführen, dass Stephenson endlich das Kredo der Pacers verstanden hatte: „Defense wins Championships“. Mit nur 96.7 zugelassenen Punkten pro 100 Angriffe stellte Indiana die beste Defensive der Liga. Nicht nur das Verteidigen in der „restricted area“ durch Roy Hibbert oder David West klappte außerordentlich gut (nur 55.8% FG des Gegners, NBA-Rang 1), sondern auch an der Dreierlinie hatten Stephenson & Co. immer wieder die Hand am Gesicht des Gegners (nur 34.5% Dreier des Gegners, NBA-Rang 4). 

Doch die Pacers-Fassade bröckelte viel mehr, als man nach diesen Zahlen vermuten konnte. Offensiv- und Defensiv-Ratings gingen nach dem All-Star-Break rapide nach unten. Nur durch eine Schwächephase der Miami Heat konnten die Pacers den ersten Platz in der Eastern Conference beibehalten. Allerdings wurde dort den Fans aus Indianapolis schon bewusst: Mit dieser einfallslosen Offensive und der nicht mehr so gut funktionierenden Defensive ist ein Run in die Finals so gut wie unmöglich. Wie erwartet, scheiterte Indy dann in den Conference-Finals an den Miami Heat. Zuvor mussten sie gegen die Hawks (in Sieben) und Wizards (in Sechs) schon ihr ganzes Können beweisen.

Viel Zeit zum Trauern blieb nicht, denn in der Offseason galt es für das Front Office, die fehlenden Puzzlestücke zu holen. Ein eigenes wollte man dabei natürlich unbedingt halten: Lance Stephenson eben. So unterbreitete man dem Guard ein langfristiges Angebot über fünf Jahre und 44 Millionen Dollar. Doch Stephenson lehnte das Angebot schneller ab, als Larry Legend seinen Nachnamen hätte aussprechen können. Nachdem man in den folgenden Tagen nichts von einem neuen Angebot aus Indianapolis hörte, galt ein Abgang von Stephenson als sicher. Besonders die Dallas Mavericks zeigten am jungen Free Agent Interesse. Allerdings hatten sie bereits ein Offer Sheet für Chandler Parsons in das nicht weit entfernte Houston geschickt. Berichten zufolge, hätte Stephenson für zwei Jahre und 20 Millionen in Dallas unterschrieben, wäre ihm Parsons nicht in die Quere gekommen. Die Rockets entschieden sich dazu, Parsons nicht zu halten und Dallas in den nächsten drei Jahren 46 Millionen Dollar zahlen zu lassen.

So wurde nur kurze Zeit später bekannt, dass sich der neue Arbeitgeber von Stephenson in Charlotte befindet. Die Hornets überweisen in den nächsten drei Jahren rund 27 Millionen Dollar auf Stephensons Konto. Somit lässt sich sagen, dass der Wechsel nicht vom Geld bestimmt wurde, sondern dass Stephenson in Charlotte eine bessere sportliche Perspektive sah. Aber warum sollte er von einem Contender wie Indiana zu einer vermeintlichen Mittelklasse-Mannschaft wechseln? Gründe gibt es genug…


Mit Indiana hatte Lance Stephenson schon viele Versuche. Jedes Jahr scheiterte er mit den Pacers in den Eastern Conference Finals. Es wurde Zeit für eine Veränderung. Zeit, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Denn auch der 23-Jährige sah die Playoff-Performance von Roy Hibbert. Und er kennt auch das Alter von David West. Allzu lange hätten sich die Pacers nicht mehr als Contender halten können. Im nächsten Sommer werden die beiden Big Men Free Agents und könnten ebenfalls wechseln. Mit einem Fünfjahresvertrag wäre Stephenson aber noch für eine lange Zeit an die Pacers gebunden gewesen, ähnlich wie Paul George, egal, wie es in Indiana weitergeht. 

Mit diesem neuen, kürzeren Vertrag, kann Stephenson 2016 und 2017 wieder selbst entscheiden, wie es weiter geht. 2016 steht er erstmal vor der Frage, ob er seine Spieler-Option für das dritte Jahr in Charlotte ziehen soll. Die Antwort kann er ganz dem Verlauf der nächsten zwei Jahre anpassen. Wird aus den Hornets wirklich ein Contender? Sollten wir diese Frage in zwei Jahren mit „nein“ beantworten können, darf Stephenson schon wieder aussteigen und steht mit 25 Jahren vor seiner zweiten Free Agency. Je nach gezeigten Leistungen winkt ihm dann vielleicht sogar ein Max-Deal, unter dem er dann in seiner „Prime“ spielt. Zumindest hofft er das. Wenn er sich allerdings dafür entscheiden sollte, volle drei Jahre in North Carolina zu bleiben, kann er sich im Alter von 26 ein neues Team suchen - oder eben wieder in Charlotte unterzeichnen.  


Somit genießt Stephenson deutlich mehr Flexibilität, als es bei einem Fünfjahresvertrag in Indiana der Fall gewesen wäre. Weiterhin weiß Stephenson natürlich auch, dass er nun in Charlotte eine größere Rolle einnehmen und mehr Verantwortung übernehmen wird. Bei den Pacers war Paul George immer die erste Offensivoption. Bei den Hornets lässt sich kein Superstar wie George ausmachen, so dass „Born Ready“ mit Kemba Walker und Al Jefferson in der Offensive harmonieren und sich zum wichtigsten Angreifer mausern kann. Stephenson ist ein guter Ballhandler und kann somit Walker einiges an Arbeit in Sachen Ballvortrag abnehmen. Zudem kann er Würfe für seine Mitspieler kreieren und das Pick & Roll mit Jefferson laufen. 325 Mal ist er in der vergangenen Spielzeit das Blocken und Abrollen als Ballhandler gelaufen, wobei er laut „MySynergySports“ 45.7% der daraus folgenden Würfe auch verwandelt hat. 

Der offensivstarke Jefferson ist vor allem auf der linken Seite des Courts zuhause. Dort wird er sehr gerne im Low-Post isoliert. Ganze 703 Mal hat der Big Man in der letzten Saison aus dem Post-Up geworfen und dabei starke 50.9 Prozent seiner Würfe verwandelt (NBA Rang 26). Diese Post-Ups von Big Al können neben eigenen Wurfgelegenheiten zudem Freiräume für gute Schützen schaffen. Diese sind in Charlotte allerdings Mangelware.

Letzte Saison belegte man nur Platz 23 in Sachen Dreipunktwurfquote (35.1%). Michael Kidd-Gilchrist muss wohl noch mehrere Offseasons an seinem Wurf arbeiten, bis dieser als NBA-tauglich bezeichnet werden darf. Und auch Stephenson wird dieses Hornissen-Problem nicht alleine lösen können. Zwar steigerte sich Stephenson in den letzten beiden Saisons von „beyond the arc“, allerdings kann man ihm mit 35.2 Prozent verwandelten Dreipunktwürfe auch noch nicht die Bezeichnung „Scharfschütze“ verleihen. Dort müssen die Hornets auf Gary Neal oder Neuzugang Marvin Williams vertrauen.

Weitere Tiefe kann der Ex-Bamberger Brian Roberts auf der Point Guard Position verleihen. Der 28-Jährige verbrachte die letzten beiden Spielzeiten bei den New Orleans Pelicans und konnte seine Einsatzzeit in der letzten Saison um 6.2 Minuten steigern. Er trifft konstant den Dreier und kann seine Mitspieler gut in Szene setzen. Für einen Playoff-Run brauchen die Hornets eben solche Spieler, die der Bank mehr Tiefe verleihen und der Starting Five einiges an Arbeit abnehmen. Laut 82games.com standen Walker zu 65%, Jefferson zu 64% und Henderson zu 61% der Zeit auf dem Parkett. Zum Vergleich: Die Pacers, die mit Hill (61%). Stephenson (69%), George (73%), West (62%) und Hibbert (60%) die meistgespielte Lineup der Liga hatten, kamen auf ähnliche Werte. Besonders die San Antonio Spurs beweisen, wie wichtig eine tiefe Bank ist. So kommen ihre besten Spieler wie Duncan (54%), Parker (50%) oder Leonard (48%) nicht annähernd an diese Zahlen heran, sondern brillieren durch ihre tiefen und ausgeglichenen Aufstellungen. 

Auf der Power Foward Position haben die Hornets nach dem Abgang von Josh McRoberts (nach Miami) nun Veteran Marvin Williams und Rookie Noah Vonleh in ihrem Kader stehen. Die beiden kommen mit ganz unterschiedlichen Qualitäten daher. Etwas weniger als ein Drittel (29.3%) von Vonlehs Angriffen auf dem College mündeten in einem Post-Up, die er dann zwar meist sicher verwandelte (0.93 Points per Possession), allerdings auch in 14.7% seiner Post-Ups den Ball verlor. Dem 18-Jährigen fehlen Moves im Interieur, um sein Spiel kreativer zu machen. Auch außerhalb des Low Posts sieht das Game von Vonleh noch nicht sehr ausgereift aus. So nahm er in der kompletten letzten College-Saison nur 41 Sprungwürfe, und auch beim Finishen am Ring hat er noch so seine Probleme. Aufgrund seiner Länge und Stärke kann er sich in der Zone aber auf jeden Fall noch weiter steigern. 


Ganz anders Marvin Williams. Der zweite Pick des 2005er Drafts fühlt sich vor allem hinter der Dreierlinie pudelwohl. Williams kann in kleinen Lineups als Stretch-Vierer genutzt werden und ist ein typischer Spot-Up-Shooter (49.3% seiner Abschlüsse waren Spot-Ups). Williams wäre eine Möglichkeit für die Starting-Lineup, weil er einen Kontrast zu Al Jefferson bildet und die beiden sich offensiv wohl gut ergänzen würden. Das einzige Problem wäre dabei natürlich die Defensive.
Steve Clifford ist ein sehr defensivorientierter Coach und von einer Aufstellung mit zwei defensivschwachen Big Men sicherlich nicht sehr angetan. Einzig auf den Flügeln wäre man mit Stephenson und Kidd-Gilchrist defensiv gut besetzt. Besondern gegen Teams mit zwei echten Big Men, wie beispielsweise Indiana mit West und Hibbert, sollte Clifford also wohl eher Vonleh oder Cody Zeller Williams vorziehen. Insgesamt muss sich der Headcoach der Hornissen um seine Defense aber wenig Sorgen machen. Mit einem Defensiv-Rating von 103.8 belegte Charlotte in der letzten Saison Platz Fünf in dieser Kategorie.

Mehr Arbeit wartet in der Offensive. Ein großes Problem der Ex-Rotluchse ist das Rebounden am offensiven Brett. Das Team ging kaum auf offensive Rebounds, sondern wollte lieber schnell wieder das defensive System finden. Im Liga-Vergleich belegten die Hornets deswegen auch nur Platz 25 bei den Offensiv-Rebounds. Somit ermöglichten sich die Hornissen wenig zweite Wurfchancen, was ein weiterer Grund für die schwache Offense war. 2013/14 brachten die Männer von Steve Clifford nur 103.6 Punkte pro 100 Angriffe zu Stande.

In beiden Fällen wird Stephenson helfen. Der 23-Jährige war unter den Guards in der letzten Spielzeit der zweitbeste Offensivrebounder der NBA (1.2 ORPG). Mit Stephenson sind die Hornets jetzt auf jeden Fall deutlich flexibler aufgestellt. In der Offense hat man mehr Möglichkeiten und sollte diese, trotz der Priorität der Defensive, auch nutzen. Denn nur mit einer funktionierenden Offense kann man es auch in den Playoffs weit bringen. Lance Stephenson kann ein Lied davon singen…