12 Juli 2014

Anno Haak | 11. Juli, 2014   






Die Fans in ihren Kellern in Ohio hatten die Videos in mühevoller Kleinarbeit zusammengeschnitten. Laufende Bilder gewordene Bittbriefe. Komm zurück! Waren verlacht worden. Würdelos sei das. Allein der Gedanke. Welche Ex-Freundin sagt „Lass es uns nochmal versuchen?“, nachdem der Angetraute einer anderen einen Antrag gemacht hat? Im Fernsehen. Vor Abermillionen Zuschauern. Ohne vorher Schluss zu machen. Cleveland, Du hast alles verloren, bewahr doch wenigstens Deine Ehre! Sie ließen sich nicht beirren. Untermalten ihr Gesuch mit dem kitschigsten Diddy, Puff, P. whatever song. Sie ahnten, da ist etwas tief in dem Mann, dessen Trikot ihre Co-Supporter zu stinkenden grauen Aschenhaufen gemacht hatten. Das bohrt. Das nagt. Das flüstert: „Ich war da nicht fertig!“ Wer weiß, vielleicht hat den abgebrühten Vermarkter seiner selbst das angerührt. Mich haben sie gepackt. Wie auch James mit seiner Entscheidung 2.0. Emotion über Sport, ach was Geschäft. Drei Akte, ein neuer Eastern Conference Champion. Und alle im Chor: „I’m back where I belong […] I’m coming home…”

Prolog: „…Tell the world I’m coming home..:”
Und so entfaltet sich das Drama. Macht er wieder eine Show draus? Am 10. Juli 2014 kollabieren die Synapsen der Basketballwelt über der Frage nach dem nächsten Arbeitgeber des LeBron Raymone James aus Akron, Ohio. Er wird doch nicht wieder...? Ein Schreiberling hatte Polizei vor des Königs Heimatschloss ausgemacht. Ein Freund von einem Freund von einem Blogger hatte gerade die Webpräsenz seiner Majestät gewartet und die Farben der Cavaliers entdeckt. 

Die Cavaliers kündigten an, um 21:30 Uhr deutscher Zeit etwas ankündigen zu wollen. Kann das Zufall sein? Wo ist Jim Gray? Wo in Akron ist der Boys and Girls Club? Schnappatmung. 

Als der Stundenzeiger den halben Weg zur zehn zurückgelegt hat, ist lebronjames.com down. Die Cavs veröffentlichen ein Bild. Ein junger Mensch lächelt und unterschreibt einen Vertrag. Das ist doch nicht? Nope. Es ist Kyrie Irving. Schöner wurde zu yesterday’s news nie gelächelt. Ausatmen, Puls trotzdem hoch. Grundgütiger, warum lernt LeBron es nicht? Weiß er nicht, dass seine halbe Draftklasse auf seine Entscheidung wartet? Von drölfzillionen Fans zu schweigen. Die Welt in der Hand exekutiert er einen kleinen Crossover mit dem Globus. Und hat die Frechheit, in neonfarbenen Shorts irgendeine Turnhalle in Las Vegas zu verlassen.

Natürlich hatte der Vierfach-MVP die Kommunikationsstrategie längst in der Schublade. Aber in dem Donnerstagsirrsinn hatte er keine Aktien. Dass seriöse Reporter anschließend seine Flugpläne (Las Vegas – Miami – Rio de Janeiro) tweeteten, stand nicht auf seinem güldenen Zepter und auch sonst in keiner James’schen Regieanweisung. James hatte seit den Finals kein Wort verlauten lassen. Keine Show, keine Audienzen für ein halbes dutzend Teams, kein 2010, nirgendwo. Ein Gespräch mit Pat Riley in Las Vegas, sein sommerlicher Basketball-workshop, sonst nichts. Tell the world? Ja, sicher, sie wollte es ja wissen. Aber zu seinen Bedingungen. Wer wollte es ihm verdenken?

1. Akt: „…Let the rain wash away all the pain of yesterday…“ / The letter
Die Idee wohnte wohl lange in ihm. „Unfinished Business“ endlich beenden. Cleveland geben, was es (nicht) verdient hat. Aber da war „der Brief“. Der König musste „seinen“ Owner treffen und alles ausräumen. Ist das möglich? Wieder Schecks von Comic Sans Dan annehmen? Dem manche eine Sklavenhaltermentalität unterstellt hatten? Letzten Sonntag traf man sich in Miami. Hey, das ist Amerika. Das Land der unbegrenzten Cora-Romane. Wo sonst steigt ein heterosexueller, weißer Milliardär aus seinem Privatjet und sagt zu einem knapp dreißig Jahre jüngeren, heterosexuellen Schwarzen in einem Businessmeeting: „Wir hatten fünf tolle Jahre und eine schlechte Nacht!“? Und bricht damit das Eis? Only in America. Er hätte „The Decision“ nie initiieren sollen, antwortet James.

Gilbert, der erfolgreiche Geschäftsmann, wollte sein Lebenswerk nicht länger durch den infantilen Brief, geschrieben in einem Moment der wutumnebelten Schwäche, definieren lassen, James den schwarzen Decision-Fleck von der weißen Legacy-Weste tilgen. Win-win. Let’s talk about the future.

2. Akt: „…My kingdom awaits and they forgivin’ my mistakes…“
Worüber James in den nächsten vier Tagen nachgedacht hat, kann man nur spekulieren. Was immer es war, am Ende siegten Emotionen über Geld, die Aussicht, in Ohio aus einer unvollendeten Karriere ein verdammtes Märchen zu machen, über die in Florida trotz allem besseren Aussichten auf weitere Ringe. Die Idee, Cleveland könnte ihm vergeben haben, ja ihm seine kleine Welt zu Füßen legen, war größer als alle Sirenengesänge des Pat Riley, dem er die größte Pleite in dessen Executive-Karriere beibrachte.

Die Stimmen, die riefen, schrien, Videos produzierten: „Sie warten nur auf Dich. Auf 2014. Sie gehen auf den Speicher und motten ihre Witness-T-Shirts, ihre Trikots mit der Nummer 23 aus. Sie brauchen Dich. Dich, den sie verfluchten wie Art Modell. Den Erlöser. Den größten Sportler, den sie je hatten in ihrer verzweifelten Franchise in ihrer verregneten, depressiven, verzweifelten Sportstadt. Als die Cavaliers das letzte Mal ohne Dich die Playoffs erreicht haben, warst Du 12 Jahre alt. Jetzt, 17 Jahre danach, betteln sie um Deine Rückkehr. Darum, sie ans Licht zu führen. Was ist schon eine Fernsehsendung vor vier Jahren gegen den ersten Ring in einem gefühlten Jahrtausend voll von Versagen, schlechtem Management und unverdienten Nummer-1-Picks?“

Wer kann da widerstehen? James konnte es nicht. Spoelstra hin, Riley her. Eine Bruderschaft ist eine Bruderschaft. Aber Heimat ist, wo das Herz wirklich ist. Dwyane Wade zum Minimum hätte er wohl mitgenommen in die alte Heimat. Aber auch der beste Baller unserer Zeit kann nicht alles haben. Wades Traum vom Ausbau der Minimaldynastie am South Beach zertrümmerte er, um den Menschen im Nordosten Ohios Hoffnung zu geben, wie er es selbst in seinem für europäische Ohren extrem pathetischen und doch klugen, offenen Brief formulierte, den er der 'Sports Illustrated' in die Stifte diktierte.

3. Akt: Back to Business
Pathos aus. James hat auch eine sportliche Entscheidung getroffen. Er hat die fraglos große Unsicherheit eines völlig unfertigen Holzrohbaus in der alten regnerischen Heimat dem glänzenden, aber innerlich modrigen Palast an den sonnigen Gestaden Floridas vorgezogen. Die erschütternde Chancenlosigkeit in den Finals mag the decision 2.0 erleichtert haben. Der Grund war sie wohl nicht.

Als in den ersten Tagen der Free Agency die Blütenträume von Carmelo Anthony zerstoben, blieben Danny Granger (was für eine Karriereimplosion) und Josh McRoberts übrig. Und der Bruder mit dem Rücken und den Knien. Und der zweite Bruder, der Lefty, der keine Neigung zeigte, wieder Scheine im Arison’schen Familiensafe liegen zu lassen. Am Ende stellte LeBron McRoberts Thompson/Bennett, Bosh Wiggins/Love und Wade Irving gegenüber. Grundgütiger! Wie gesagt: Rohbau mit Statikproblemen gegen schimmelndes Versailles. Wie würden Sie entscheiden? Eben.

Und: die Storyline vom verlorenen Sohn, der triumphal zurückkehrt, ist jetzt auch nicht gerade geschäftsschädigend. So fiel alles zusammen. Ein perfekter Sturm und die Cleveland Cavaliers in einem Satz. Sitzt Du lange genug im Keller, hast Du alles gesehen. Schneidet neue Videos! „The Return“ oder so. Hat seit zwei Jahren ja eigentlich jemand anders patentiert. Ist auch nur ein Arbeitstitel.

Epilog: “...Welcome to my Homecoming”
Er hat nicht Andrew Wiggins gesagt. In seinem Statement. Er könne Waiters liften (ein letztes „Grundgütiger“), vom Nummer eins Pick kein Wort. Das kann nur heißen: der Trade für Love kommt. Was denn sonst? 24-Stunden-Nachrichten-Kreis. Das hört nie auf.

Im Ernst: die Baustellen sind zahlreich. Drei Spieler (Jack, Zeller, Gee) hat man in Cleveland schneller abgestoßen, als Alonzo Gee seinen Nachnamen aussprechen kann, nur um Cap Space zu öffnen für die Rückkehr des Königs in sein Reich. Varejao wird für kleines Geld verlängern. Der gerade bis 2020 gebundene Irving soll die Rolle des Nummer-1-Sidekicks übernehmen. Der Rest ist offen. Wiggins steht jetzt schon auf dem Tradeblock für Love. Mit weniger wird sich Minnesota kaum bescheiden. Ray Allen scheint des Königs mobiler Ein-Mann-Hofstaat werden zu wollen. Was immer sie machen. Benimmt sich Cleveland nicht wie die Cavaliers der letzten 20 Jahre und möchte Carmelo seine eigene Home-Story schreiben, ist der Weg in die Conference Finals weit offen. Der Rest sind die vermutlich Stephenson-losen Pacers. Die Videos von LeBron James in weinrot gegen Paul George würde ich mir angucken. Wird schwer. Aber die opening credits hat der König selbst verfasst:

“In Northeast Ohio, nothing is given. Everything is earned. You work for what you have.”

Zur Not Kleinarbeit. Im Keller. Make it happen, Cavs-Fans. Ich kann nicht anders, als mich für euch zu freuen.