23 Juli 2014

Anno Haak | 22. Juli, 2014   



Was um Himmels Willen möchte uns Lance Stephenson mit seinem Wechsel zum Offseason-Tragic Bronson vergangener Jahre sagen? Was ist der Grund? Der Schwinger gegen Turner, das Ohrgepuste, Bird’s Starrkopf oder einfach die Vertragslaufzeit? Die von seinem Agenten in typisches PR-Sprech gekleidete Antwort, des GOAT Vision von einem Meisterschaftsanwärter in Türkis habe ihre Wirkung nicht verfehlt, ist der Ohrpuster unter den Wechselbegründungen: nicht ernst zu nehmen.

„Die Vision“?
Larry Bird scheint mir zu dem Typ Mensch zu gehören, der Artgenossen mit Visionen einen Arztbesuch empfiehlt. Er braucht auch aktuell keine. Er macht den Beamer an und zeigt Lance Stephenson Bilder von den Conference Finals 2013 und 2014. Er muss nicht erklären, wie er mit genialischen Cap-Schachzügen nächstes Jahr einen Star holt, um ein Hologramm vom NBA-Champion 2022 zu entwerfen.

Vision? Seit wann hat Michael Jordan überhaupt Visionen? Und von was? Der enigmatische Guard verlässt ein gemachtes Contender-Nest und bastelt an einem Playoffteam-Rohbau in North Carolina mit. Er verlässt über Jahre gewachsene, wenn auch durchgeschüttelte Strukturen für ein hoffnungsvolles, aber keineswegs ausgereiftes Projekt. Eine win-now-Vision wird es kaum gewesen sein. Meisterschaftsringe auf den Tisch zu werfen, ist ein Stunt, den Riley patentiert hat. Und Larry Legend hat bekanntlich auch welche. Und wenn beide ihr Gefrierbrandschutztüten-Blingbling hergezeigt haben, wer hatte wohl die besseren Argumente für einen weiteren Ring in naher Zukunft? Eben.

Der nicht ganz bereit Geborene mag sich Mentorenschaft vom besten Zweier der Geschichte versprechen. Aber Bird war wie ein Ersatzvater für Stephenson. Was könnte der Sechsfachchamp ihm zeigen, was Bird ihm vorenthielt? Also außer drei Ringen mehr?

Born ready Benjamins
Wenn es nicht der Mentor und seine „Vision“ ist und wenn die aktuelle sportliche Lage nicht den Ausschlag gegeben haben kann, dann liegt die Antwort auf scheinbar alle NBA-Fragen näher als Tattoos an Chris Andersens Gesicht: Mammon, Geld, Schotter. Profan, aber oft wahr. Aber im Schnitt 200.000 $ mehr pro Jahr bei kürzerer Vertragslaufzeit (und deutlich höheren Einkommenssteuern) sind kaum ein geeignetes Argument pro Hornets. Größerer (TV-) Markt? Nicht wirklich. Heimatgefühle sind ja in Mode. Jordan kommt wie Stephenson gebürtig aus Brooklyn. Aber wir reden hier von Charlotte!

Allerdings hat der ins Haus stehende neue Fernsehvertrag die Ausgangslage bei Vertragsverhandlungen auf den Kopf gestellt. Strebten Spieler früher nach möglichst langfristigen, möglichst komplett garantierten Arbeitspapieren, möchten sie heute flexibel bleiben, um 2016 nicht mit Zitronen gehandelt zu haben. Klar ist: steigen die Einnahmen der NBA und mit ihnen Salary Cap und Maximalgehälter dann wie projiziert, wären die von Indiana gebotenen 8,8 Mio./Jahr für Stephenson in zwei Jahren ein Shawn-Kemp-Gedächtnistarif. Vorausgesetzt er entwickelt sich zum Borderline-Superstar. Eine Art Warentermingeschäft mit dem eigenen Talent wollte Stephenson offenbar abschließen. Die Pacers – so hört man in lokalen Medien – halten wohl nicht viel von solchen Zockereien. 44 Millionen für fünf Jahre und Ende. Jetzt hole ich meinen Pulitzer-Preis-Satz vom obersten Regalbrett: Larry Bird (!) sagte also: „Friss Vogel oder stirb!“ Ich lasse den kurz wirken…Freudentränen aus den Augen? Weiter im Text.

Ich kaufe das nicht. Klar hätte das Angebot unter obigen Voraussetzungen ab 2016 ein Spottpreis werden können. Aber der jetzt mit den Hornets gemachte Deal hätte die Pacers überhaupt nicht geschmerzt. Rund neun Millionen sind ein mehr als fairer Preis, bedenkt man, was der Markt in diesem Sommer für Kadertreibgut wie Jodie Meeks oder Ben Gordon (ja, Ben! Gordon! ist noch in der NBA) hergibt. Dass Stephenson spätestens 2017 wieder Free Agent geworden wäre, so what? Seit wann mag Larry Legend keine Flexibilität? Bemächtigt sich das Teufelchen über der linken Schulter wieder Stephensons Geist, wäre der Vertrag leichter zu traden gewesen als der von Indiana angebotene. Wie soll ich mir das also vorstellen?

Bird sagt: „44/5!“
Stephenson: „Nein. 27/3. Letztes Jahr Teamoption!“
Bird: „Geh mit Gott, aber geh!“
Mich erinnert das an den Fußballer, der auf das Angebot einer Gehaltserhöhung um ein Drittel replizierte: „Ich will mindestens ein Viertel!“ das ist dumm und wohl nur eine urbane Legende. Aber wenn der Satz gefallen ist, soll der Typ auf der anderen Seite des Tisches gesagt haben: „Nein, ich bestehe auf einem Drittel!“??


Granger, die letzte
Nein, ich glaube, „Stephenson zu den Hornets“ ist das letzte Kapitel der Saga, die sie „Der Niedergang der Indiana Pacers 2014“ nennen. Irgendetwas stinkt hier. Es riecht nicht nach Danny Granger oder Andrew Bynum. Es ist aber der faulige Geruch verwesender Teamchemie. So richtig passte der exaltierte Guard nie in die Arbeiterbruderschaft im Agrarstaat. Wohlmöglich kamen Bird und Co. nach den Playoffeskapaden (Turnerschwinger, Pustekuchen etc.) zum Schluss, dass es besser wäre, wenn die Wege sich trennen. Bedenkt man sämtliche Begleitumstände (siehe oben), war der angebotene Deal ein Knebelvertrag, den Stephenson nur ablehnen konnte. Spätestens mit dem Re-sign von Lavoy Allen (war ein Upgrade, der Granger-Trade, oder? Oder?) war der Unwille, Stephenson zu halten, aktenkundig. Die 8,8 Mio. $ pro Jahr hätten die Pacers in die nach eigener Ideologie um fast jeden Preis zu vermeidende Luxussteuer oder jedenfalls gefährlich nah heran getrieben. Schon beim Saisonkehraus machte Bird nicht wirklich den Eindruck, Lance Stephenson die Welt zu Füßen legen zu wollen. Was genau den Locker Room im Fieldhouse vergiftet hat, werden wir wohl nie erfahren. Aber sportlich und finanziell macht die Abgabe von Lance Stephenson schlicht keinen Sinn.

Denn er reißt ein kratergroßes Loch ins Pacers-Roster. Paul Georges Versetzung auf SG würde das Problem nur verschieben, nicht lösen. Und jemanden, der jetzt „CJ Miles“ ruft, kann ich nicht ernst nehmen. Externe Free Agent Lösungen sind angesichts der Gehaltsstruktur nicht realisierbar. Vielleicht hat Bird den Sensationstrade im August in der Hinterhand, aber wie soll der aussehen? Wen sollte er bringen? Wer in diesem Roster ist verzichtbar und könnte abgegeben werden? Wie gesagt: kein Sinn.

Für die Hornets dagegen ist Stephenson der Jackpott des Sommers. Shooting und Kreation des eigenen Wurfs (und an guten Abenden für andere) gehören zum Talentportfolio des Lance S. Dinge, die Charlotte braucht wie Wasser in der Wüste. Und defensiv ist die Flügelzange des Wurfdoktorpatienten schlechthin, Michael Kidd-Gilchrist und 'Born Ready' furchteinflößend. Verbockt Stephenson es mit irgendeiner Jail-Blazers-Aktion, dürfte der Vertrag leicht zu traden sein. Ein sportliches Upgrade zu moderatem Preis bei erhaltener mittelfristiger Flexibilität passt zu Charlotte wie LeBron James in ein Cavaliers-Trikot, und doch ist beides wahr.

Deshalb muss man die Hornets nicht, wie manche Berufsträumer, auf Rang drei im Ost-Power-Ranking sehen. Aber Stephenson könnte den Schritt zur Verstetigung der letztjährigen Playoff-Präsens verkörpern. „The Buzz is back!“, will Stephenson uns wohl sagen. Es fällt mir schwer, das zuzugeben, aber: er hat recht.