19 Juli 2014

Daniel Schlechtriem | 18. Juli, 2014   




Infolge einer turbulenten ersten Woche nach Ende des Moratoriums war an vielerlei Stelle zu lesen oder zu hören, die Houston Rockets seien einer der Verlierer der Off-Season. Dies mag infolge der Absage Chris Boshs und des Abgangs Chandler Parsons' auf den ersten Blick stimmen. Doch folgende genauere Auseinandersetzung mit der Materie, ein Zwischenfazit, das die wichtigsten Personalien des bisherigen Sommers behandelt, lässt andere Schlüsse zu.

1. Chandler Parsons

Zugegeben, es ist sehr schwer, einen Spieler vom Kaliber Chandler Parsons' gehen zu sehen – insbesondere zum verhassten texanischen Rivalen aus Dallas. Parsons war die vergangenen drei Saisons nicht nur eine der tragenden Säulen im variablen Offensivspiel der Rockets, sondern auch der sogenannte 'glue guy', derjenige, der die Mannschaft zusammenhält, der die vielen kleinen Dinge macht, die nicht im Box Score zu finden sind und dessen Fehlen auf dem Parkett sich sofort bemerkbar macht. Daher war es zum Zeitpunkt Ende Juni die richtige Entscheidung, seine Option für die kommende Saison nicht zu ziehen: Parsons hätte nächsten Sommer die volle Kontrolle gehabt und wäre ebenso überbezahlt worden. So behielten die Rockets besagte Kontrolle, nichtsahnend, dass die Mavericks den Forward aus Florida derart überbezahlen würden – was sie gewiss auch ein Jahr später getan hätten.

Parsons ist ohne Frage ein sehr guter Spieler, doch sein Selbstverständnis deckt sich nicht mit dem der Führungsetage in Houston: Das Quartett Howard-Bosh-Parsons-Harden hätte um einen Titel mitgespielt, das Trio Howard-Parsons-Harden nicht. Ohne Bosh, aber mit Parsons' 15 Millionen auf der Gehaltsliste, wären die Rockets drei Jahre lang handlungsunfähig gewesen, mit geringer Chance, das Team in Richtung Championship nachhaltig zu verbessern. Und nicht weniger ist das Ziel: Houston gibt sich nicht damit zufrieden, ein Playoff-Team zu sein. Die Championship soll nach Südosttexas. Daher ließ man, wenn auch widerwillig, Parsons ziehen, mit dem Bewusstsein, gleichwertigen und womöglich passenderen Ersatz bereits gefunden zu haben – zum halben Preis.

2. Trevor Ariza

Angesichts Trevor Arizas fluchtartigem Abgang im Sommer 2010 nach nur einem Jahr in Houston kommt diese Rückkehr etwas überraschend, Probleme bereiten wird seine Vergangenheit allerdings keineswegs. Das Team, das der Flügelspieler nun im Toyota Center vorfinden wird, hat nichts mehr mit dem damaligen zu tun, in dem es offenbar Streitigkeiten gab – Ariza wurden Differenzen mit Aufbauspieler Aaron Brooks nachgesagt. Keiner der Spieler von damals ist mehr übrig und auch Ariza selbst ist vor allem in seinen Jahren in Washington gereift. Sein Spiel ist nicht mehr so hektisch und oftmals planlos wie noch beim ersten Stelldichein in Houston, er hat sich selbst, seine Stärken und Schwächen besser kennen gelernt und passt daher in die nun für ihn vorgesehene Rolle bei den Rockets.

Als Hoffnungsträger während Yao Mings verletzungsbedingter Abwesenheit musste Ariza 2009/10 neben den Defensivaufgaben auch wesentliche Teile des Offensivspiels übernehmen, zeitweise sogar entscheidende Würfe nehmen: Diese Last wird angesichts der Präsenz der All-Stars Howard und Harden nicht mehr auf ihm liegen, stattdessen soll er die Wing-Defense ordnen und Dreier treffen. Beides kann er ausgezeichnet. Im Vergleich zu Parsons ist Ariza ein sehr viel besserer Verteidiger und Distanzschütze.

Vergangene Saison traf er 40% seiner Würfe von der Dreierlinie, in den Playoffs sogar annähernd 45% – Quoten mit denen Parsons (37% in der Regular Season und 36% in den Playoffs) nicht mithalten kann. Sicherlich ist Ariza nicht annähernd so offensiv variabel, ballsicher oder einsatzfreudig wie sein Vorgänger, der zudem etwas jünger ist und noch mehr Luft nach oben hat. Doch die Rockets bekommen in Ariza einen Ersatz, der mit seinen Vorzügen Schwachstellen im Team behebt und dessen eigene Schwächen von der Offensivkraft der bereits vorhandenen Spieler kaschiert werden. Und das, wie erwähnt, zum halben Preis.

3. Jeremy Lin/Ömer Asik

Angesichts der sportlichen Situation und der Poison Pill Verträge mit jeweils realen 15 Millionen, die in der kommenden Saison an dieses Duo zu überweisen ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis Jeremy Lin und Ömer Asik weggeschickt werden. An Lins Einstellung und Charakter gibt es keine Zweifel, doch inzwischen ist – außer für nicht wenige fanatische Anhänger – klar, dass 'Linsanity' eher Zufall und positiver Umstand war, als tatsächliche Leistungsfähigkeit. Der Aufbauspieler mit taiwanesischen Wurzeln schaffte es in zwei Jahren in Houston nicht, wiederkehrende Fehler abzustellen, Konstanz zu entwickeln oder Schwächen auszumerzen. Sein völlig unnötiger Ballverlust in Spiel vier der Serie gegen die Blazers kostete die Rockets womöglich ebendiese. Lin hatte keinerlei Marktwert, das war hinlänglich bekannt, deshalb konnte für ihn kein Gegenwert erwartet werden. Selbst dass die Rockets ziemlich heftig draufzahlen müssen und den Lakers einen Draft Pick schenken, damit diese den Harvard-Absolventen aufnehmen, kommt angesichts der Umstände wenig überraschend.

Die Diskussion, ob Daryl Morey einen besseren Deal hätten landen können, sofern er nicht unter Zeitdruck der möglichen Verpflichtung Boshs gestanden hätte, ist müßig. Wie bereits erwähnt arbeiten die Rockets darauf hin, ein Championship-Team zu formen. Dafür muss man hin und wieder Risiken eingehen, wie im Fall Lin. Hätte Morey womöglich von Philadelphia oder Milwaukee mehr bekommen respektive weniger abgeben müssen? Unwahrscheinlich. Letztlich musste er in dieser Situation schnell handeln – und angesichts der Chance, einen legitimen All-Stan landen zu können, würde er es jederzeit wieder tun. Wenigstens kann die acht Millionen Dollar schwere Trade Exception, die die Rockets im Zuge des Lin Trades erhielten, noch wichtig werden.

Anders sieht es bei Asik aus, da dieser einen sportlichen Gegenwert darstellt und Morey deshalb in der Lage war, einen ansehnlichen Deal einzufädeln. Wieviel kann man für einen Spieler verlangen, der die meiste Zeit seiner Karriere als Backup fungierte und kommendes Jahr 8 Millionen auf Papier und 15 Millionen real verdienen wird, der aber auch nächsten Sommer Free Agent sein und von einigen Teams gute Angebote bekommen wird? Asik ist einer der besten Inside-Defender der Liga, deshalb war den Pelicans der ungünstige Vertrag einen Draft Pick wert, der ziemlich sicher in der Lottery landen wird und daher einen wesentlich besseren Deal darstellt, als das kolportierte Angebot der Boston Celtics Mitte der abgelaufenen Saison (Courtney Lee, Brandon Bass, ein Draft Pick in weitaus niedrigeren Gefilden).

Für Morey ist dieser sehr wahrscheinliche Lottery Pick ein wertvolles Puzzleteil, war es doch ein Draft Pick der Raptors, der im Herbst vor zwei Jahren den Ausschlag gab, um Thunder GM Sam Presti dazu zu bewegen, James Harden nach Houston zu schicken. Demnach ist im Asik-Deal die Frage nach einem Gewinner oder Verlierer noch nicht beantwortet. Zum einen hängt sie davon ab, wie die Pelicans kommende Saison abschneiden und folglich welche Position der Draft Pick letztlich haben wird, zum anderen, ob Asik überhaupt in New Orleans bleiben wird.

Schlussfolgerung

Einiges lief nicht so ab, wie es sich die Rockets vorgestellt hatten. Zum Verlierer des Off-Season macht sie das aber noch nicht. Die heutige Situation erinnert ein wenig an den Sommer vor zwei Jahren. Morey hatte in Kyle Lowry einen seiner besten Spieler abgegeben – für nicht mehr als den bereits erwähnten Lottery-Pick der Raptors. Nun hat der Rockets-GM wieder so einen Pick, dazu noch einen nicht ganz irrelevanten Second Rounder der New York Knicks zur Verfügung. Und nicht nur das: Er kann außerdem jede Menge junges Blut anbieten, das sich schon bewiesen hat (Terrence Jones, Donatas Motiejunas), oder aber noch formbar ist (Clint Capela, Nick Johnson, Kostas Papanikolaou, Isaiah Canaan, ...).

Mit diesem Material greift er gewiss nicht in Sphären eines Kevin Love oder Rajon Rondo – wenngleich dessen Marktwert aufgrund des in weniger als einem Jahr auslaufenden Vertrags weiter sinkt. Aber es wäre naiv anzunehmen, Morey arbeite nicht längst an einem Plan, um diese Assets in einen qualitativen Power Forward oder Point Guard umzuwandeln. Darüber hinaus stehen auch noch die Mid-Level Exception sowie die Bi-Annual Exception zur Verfügung. Werden diese sinnvoll genutzt, hätten die Rockets ein stärkeres Team im Vergleich zum Vorjahr. Und wären daher plötzlich zwar nicht der, aber doch ein Gewinner dieser Off-Season.