10 Juli 2014

Clemens Boisserée | 9. Juli, 2014   





Während Miami trauert und San Antonio feiert, laufen in den anderen 28 Stätten der Liga die Planungen für die nächste Saison bereits auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen genauen Blick auf die Ausgeschiedenen, analysiert ihre Saison und prognostiziert ihren Sommer.


Manchmal erinnern die Dallas Mavericks und ihre „Bank of Cuban“ an ein Abbild des kapitalistischen Bankensystems. Da wird munter investiert, ausprobiert und gezockt – manchmal mit Erfolg, manchmal gibt es den großen Knall.

Drei Sommer ist es her, dass die Mavs-Nation wie ein Banker auf Koks, der gerade den Deal seines Lebens abgeschlossen hat, durch das Land feierte und sich als das fühlen durfte, was man als Texaner eh meist fühlt: als Champion of the World. Naja, zumindest als Champion of the Basketball-World. Ein Gefühl, dass mit der vorsätzlichen Zersplitterung der Meistermannschaft erste Dämpfer bekam und spätestens in der folgenden Saison gänzlich verflogen war. Lange und oft dürfte Mark Cuban seither sinniert haben, ob es wirklich richtig war wie er damals, im Sommer 2011, mit dem Meister-Kader umgegangen ist.

Im Sommer 2014 hat er wohl eine Teilantwort darauf gefunden. Oscar Wilde sagte mal: „Niemand ist so reich, sich seine Vergangenheit zurückzukaufen.“ Mit seinen ersten Post-Season-Moves scheint Cuban genau das widerlegen zu wollen. Die „Bank of Cuban“ ist wieder geöffnet, es darf gezockt werden, im kommenden Jahr haut der IT-Milliardär 14,5 Millionen Dollar für Tyson Chandler raus. Jenem Tyson Chandler, der als Defensiv-Monster die Mavs zum Meister machte, jenem Tyson Chandler, der den Mavs anschließend zu teuer war – und der nun drei Jahre altern durfte, ehe ihn die Mavs im teuersten Jahr seines Vertrags zurück nach Texas holten, um im Gegenzug ihren besten Spielmacher seit Jason Kidd zu verlieren.

Okay, wenn ich nun sage, die „Bank of Cuban“ erinnere mich in Momenten wie diesem eher an Lehman Brothers und andere Bad Banks, dürft ihr erstmal schreien: Chandlers Vertrag läuft nach der kommenden Spielzeit aus, Calderon hätte noch bis 2017 auf der Gehaltsliste gestanden, der Sommer 2015/2016 kommt und daaann...

Doch wir leben im hier und jetzt. Zumal der 2015er Free Agent-Jahrgang einer der schwächsten der letzten Jahren werden dürfte, so Rajon Rondo und Kevin Love vorher wie erwartet getradet werden und bei ihrem neuen Verein verlängern. Viel mehr ist es so, dass Cuban wieder einmal wie ein Investmentbank zockt. Geht es schief, Chandler verletzt sich einmal mehr oder bringt seine Leistungen nicht (letzteres ist eher unwahrscheinlich), und Dallas verpasst die Playoffs, zahlen die Mavs nicht nur unglaublich viel Geld, sie verschenken auch ein weiteres wertvolles Jahr für und mit Dirk Nowitzki.

Geht es gut, hat er einen Defensiv-Pivoten, der die Mavs wie schon 2011 am eigenen Ring auf ein neues Niveau heben kann. Dann haben die Mavericks dank Nowitzkis Verlängerung und dem damit verbundenen Verzicht auf rund 13 Millionen Dollar (Dirk verdient nun "mickrige" 10 Mio. $ im Jahr), schon in diesem Jahr die Chance, auf dem attraktiven Free Agent-Markt das Trio Ellis-Nowitzki-Chandler zu einer wirklich schlagfertigen Truppe zu machen. Denn trotz Chandlers Monstergehalt haben die Mavs noch immer genug Cap-Space, um nicht nur ihre Veteranen Carter und/oder Marion zu halten, sondern gleichzeitig auch eine weitere echte Verstärkung an Land zu ziehen. 63 Millionen Dollar dürfen die Teams 2014-2015 ausgeben. Dirk wird rund 10 Millionen verdienen, Devin Harris verlängerte für drei Jahre und neun Millionen. Bleiben rund 15 Millionen plus eine Ausnahme für 2,57 Mio. Dollar pro Jahr, weil die Mavs unter der Gehaltsobergrenze sind. Allerdings: Eines der ganz wertvollen US-Wertpapiere wird auch 2014/2015 nicht in die Hände von Cuban wechseln.

Nachdem LeBron James wohl lieber am South Beach abhängt und auch Dwight Howard nicht wollte, sollte es nun also Carmelo Anthony werden. Glaubte irgendjemand das wirklich? Nein. Melo hat die Möglichkeit, in Houston und Chicago deutlich mehr Potential vorzufinden. Er hat außerdem die Möglichkeit, in New York oder L.A. zwischen den beiden größten Märkten der Liga zu entscheiden. Seien wir ehrlich: Melo wird nicht zu einer alternden Mavs-Truppe wechseln, deren Gesicht noch immer Dirk Nowitzki ist. Und das ist gut so. Denn nur so bleiben die Mavs flexibel genug, trotz Chandlers Gehalt eine Truppe aufs Parkett zu stellen und auf die Bank zu setzen, die im Westen erneut um die Playoffs spielen kann.

Stellt sich also die Ausgangsfrage: Wat' Nu? Baustellen gibt es vor allem auf den Flügeln, andere Positionen sind bereits jetzt klar: Die Spielmacher-Position zum Beispiel ist wohl geklärt. Dort haben die Mavs Devin Harris und als Back-Up die Chandler-Mitgift Raymond Felton, das One-Hit-Wonder von 2011. Auf Shooting Guard hat Monta Ellis eine kaum vorhersehbar starke Saison gespielt. Die gilt es zu bestätigen. Als Backup soll Unrestricted Free Agent Vince Carter gehalten werden.


Die wohl spannendste Position ist die, für die manch Mavs-Fan gerne Melo sehen würde. Was kommt nach Shawn Marion, den Cuban und Donnie Nelson zwar gerne erneut verpflichten würden, der dann aber wohl nicht mehr starten wird? Alles scheint dort nun auf Chandler Parsons hinauszulaufen – ein sehr guter Deal, trotz der abgesprochenen 46 Millionen Dollar für drei Jahre.

Der Flügel-Shooter legte auch in seinem dritten NBA-Jahr Bestwerte in allen wichtigen Statistiken auf und könnte als Restricted Free Agent für die nach Starpower lechzenden Houston Rockets zu teuer werden: ein üppiges zweistelliges Jahressalär passt so gar nicht in die Planungen der anderen texanischen Franchise, James Harden und Howard einen dritten Superstar an die Seite zu stellen. Unwahrscheinlich also, dass die Rockets das Risiko scheuen und lieber auf Parsons für viel Geld statt auf die Möglichkeit eines Chris Bosh oder Carmelo Anthony in ihren Reihen setzen.



Parsons stände den Mavericks sehr gut zu Gesicht. Ein sicherer Dreierschütze wäre die perfekte Ergänzung zu Ellis und Chandler. Es bliebe allerdings das Loch, den der Verlust von Marion in der Defensive reißen würde.

Hier käme, so Parsons doch bei den Rockets bleibt, Luol Deng ins Spiel. In Cleveland wurde der Ex-Bulle nie glücklich und wird dort wohl auch in keinem Fall weiterhin bleiben. Im Gehaltsvolumen dürfte Deng ebenfalls locker zweistellige Millionen Beträge einsammeln wollen. Zuletzt verdiente er über 14 Mio. $ pro Jahr, bei den Mavs (oder anderswo) dürften es mindestens zwölf werden. Gleiches gilt für Trevor Ariza, den ESPN als aussichtsreichsten Kandidaten für das Loch auf der Drei ausgemacht hat.

Bleiben wir für einen Moment bei Deng. Was kann er bringen? Vor allem Defense. Zwar nicht so elitär wie Marion in seinen besten Zeiten, aber immerhin. Dafür war sein Scoring in der abgelaufenen Saison äußerst ineffektiv. 2013/14 lieferte Deng mit 41,7% die zweitmieseste Wurfqoute seiner Karriere, sein True Shooting-Wert lag bei 51,7% und damit im untersten Bereich bei den Forwards. Zwar kann Deng noch immer für Gefahr sorgen, doch ist es fraglich, ob die Mavs einen weiteren Scorer brauchen, der den Abschluss am Ring sucht (41 Prozent seiner Abschlüsse nahm er dort), schließlich besitzen sie mit Ellis dafür bereits einen Elitespieler.

Das wiederrum komplette Gegenteil zu diesen Fähigkeiten Dengs stellt Ariza dar. Der scorte 2013/14 so effektiv wie kaum ein anderer Forward, seine True Shooting Percentage lag bei starken 56.2 Prozent und gefährlichen 44,6 Prozent vom Perimeter. Bei den Offensiv-Skills wäre er der klassische 1:1-Ersatz für einen gescheiterten Parsons-Deal. Allerdings hat sein starkes Jahr in Washington auch andere Clubs angelockt. So sollen etwa die Bulls und die Cavs ein Auge auf den 29-Jährigen geworfen haben – allerdings auch hier nur als Plan B, falls es für Melo bzw. LeBron nicht reicht. Ob man für einen 29-Jährigen, der gerade das mit Abstand beste Jahr seiner Karriere spielte, letztlich fast genau so viel Geld (gefordert sind wohl 48 Millionen für vier Jahre) ausgeben will wie für den sechs Jahre jüngeren Parsons? Sicher nicht, aber irgend jemand wird es dennoch tun.



Im Zock-Geschäft namens Kaderplanungen der Dallas Mavericks wäre Chandler Parsons die beste Lösung, hat man doch potentiell mit Chandler die fehlende Defensivqualität eines Shawn Marion unter dem Korb wettgemacht und mit Parsons einen jungen Mann, den Rick Carslie durchaus noch Einsatz am anderen Ende des Feldes lehren könnte. Dank seines jungen Alters hätten die Mavs durch CP außerdem endlich so etwas wie ein Gesicht für die Zukunft. Denn der fünftälteste Kader der Liga ist bekannterweise ein guter Grund für viele Free Agents, ihr Glück woanders zu suchen.

Harris-Ellis-Parsons-Nowitzki-Chandler: Der Aktienwert dieses Teams dürfte in der kommenden Saison zumindest mal auf Playoff-Kurs liegen – so – wie weiter oben schon angemerkt - kein unerwarteter Wertverfall eintritt.

Bliebe die Frage nach der Bank. Die ist aktuell mit Brandan Wright auf Center, Felton als Spielmacher-Ersatz und den bestenfalls als Rollenspieler zu gebrauchenden Jae Crowder, Ricky Ledo und Gal Mekel vollkommen unzureichend ausgestattet. Ohne Mid-Level-Exception wird es schwierig, nach einem Deal für Parsons eine breite Bank aufzustellen. Von Carter erhoffen sich die Mavs, das er für die 2,7 Millionen-Exception unterzeichnet und so wenigstens das Loch auf der Zwei stopft. Dafür müsste er jedoch einiges an Loyalität zeigen, angesichts der weiteren kursierenden Angebote. Dass Carter es nicht unbedingt schätzt, ein niedriges Angebot zu erhalten, machte er Anfang Juli ebenfalls klar: "I think more than anything I'm hoping that a lot of teams that appreciate, at my age, what I bring to the table."


Alle weiteren Positionen müssten dann entweder durch einen Trade (für wen?) oder durch Veteranen oder Jungspunde mit Minimal-Deals aufgefüllt werden. Center Bernard James, 33. Pick im 2012er Draft und bereits letzte Saison in 30 Spielen für die Mavs aktiv (1,4 Rebounds und 0,9 Punkte), ist eine Option, die aktuell in der Summer League getestet wird, ebenso wie Rookie-Swingman C.J. Fair, der in seinem letzten Unijahr für Syracuse 16,4 Punkte und 6,4 Rebounds aufgelegt hat.

Es ist ein heißes Spielchen, dass Cuban und Nelson mit dem Chandler-Trade begonnen haben. Für Dirk und die Mavs kann man einmal mehr nur hoffen, dass die beiden auf die richtigen Investments gebaut haben.