15 Juli 2014

Chris Schmidt | 15. Juli, 2014   






“I’m coming home.” Mit diesen Worten beendet LeBron James seinen Brief an die Fans der Cleveland Cavaliers, der am frühen Freitagabend auf „Sports Illustrated“  veröffentlicht wurde. Wieder bricht ein neues Zeitalter im Profisport in Cleveland an. Der King soll die graue Franchise endlich zu einem NBA-Titel führen. Und das genau vier Jahre nach „The Decision“. Vier Jahre, in denen sich scheinbar viel verändert hat…

Soviel, dass Cavs-Fans bereit sind zu verzeihen. Mit „Forgiven“-Shirts begrüßen sie LeBron zurück in Ohio. Die einstündige Fernsehsendung vom 8. Juli 2010 scheint vergessen, der offene Brief von Dan Gilbert ebenfalls. So kann der Owner James dazu bewegen in seine Heimat zurückzukehren. Für zwei Jahre und 42.1 Millionen Dollar bindet sich der King an die Cavaliers. Den 2-Jahres-Deal haben die beiden Seiten absichtlich gewählt, da 2016 durch TV-Gelder der Cap wieder ordentlich ansteigen soll und LeBron deshalb hofft, mehr Geld abzustauben. Mündlich hat er sich schon jetzt viel länger an die Cavs gebunden, allerdings zählt das gesprochene Wort bekanntlich wenig. Weiterhin hat LeBron die Möglichkeit nach dieser Saison schon wieder aus seinem Kontrakt auszusteigen, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist, da er es sich noch einmal erlauben kann, mit den Nerven der Cavs-Fans zu spielen. Also streift er sich nun erstmal für zwei Spielzeiten und mehr als 20 Millionen Dollar jährlich das Jersey der Cavaliers über. 

Somit werden die Cavs in den nächsten Jahren wohl fast 40 Millionen jährlich nur an LeBron und Kyrie Irving überweisen, der in diesem Sommer einen Max-Deal über fünf Jahre und 90 Millionen Dollar unterzeichnet hat. Dies schränkt die Cap-Flexibilität natürlich enorm ein. Sollte man jetzt noch Kevin Love via Trade nach Ohio holen, muss man dem Power Foward im nächsten Sommer ebenfalls einen neuen Vertrag anbieten. Ein Jahr später will LeBron dann nochmal richtig Geld abstauben. Die Hoffnung beruht also auf dem steigenden Cap, der dieses Szenario möglich machen soll. Wird Love nicht nach Cleveland transferiert, muss man sich im nächsten Sommer um Tristan Thompson kümmern. Der Foward kann 2015 Restricted Free Agent werden und wird sich deshalb wohl in der nächsten Saison darum bemühen, das Interesse vieler Teams auf sich zu ziehen. 

Aus diesem Grund, sollte man in Cleveland versuchen, jetzt schon eine Reihe günstiger Rollenspieler um LeBron & Co. zu versammeln. Mike Miller, der ja schon mal mit „The Chosen One“ zusammenspielte,  hat nicht nur das Interesse der Cavs geweckt, sondern gestern auch tatsächlich dort unterschrieben. Ray Allen, der für die erste Vertragslaufzeit von LeBron in Cleveland sicher noch zu gebrauchen wäre, steht ebenfalls noch auf der Wunschliste. 

Auch auf den Big Man Positionen wird in Cleveland noch Verstärkung gesucht. In der ersten Fünf werden vermutlich Anderson Varejao und Tristan Thompson zu finden sein. Sophomore Anthony Bennett ist dort bislang die einzige Alternative. Besonders ein defensivstarker Foward/Center würde gut in das Anforderungsprofil der Cavs passen. Denn neben LeBron, der gute Defense spielen kann, wenn er will, kann sich wahrscheinlich nur Rookie Andrew Wiggins mit dem Prädikat „defensivstark“ auszeichnen lassen. Da Wiggins aber viel mehr damit beschäftigt sein wird, sich in der National Basketball Association zurechtzufinden, sollte man noch nicht auf ihn als Defensivanker bauen. So finden sich noch einige Baustellen im Roster der Cavs, welche erst noch bearbeitet werden müssen.  Sicherlich gestaltet sich die Suche nach solchen Spielern jetzt viel einfacher dank LeBron James' magischer Anziehungskraft.

Denn LeBron hat einen Plan. Er will endlich eine Meisterschaft nach Cleveland bringen. So wie versprochen. LeBron wollte nie den einfachen Weg gehen – zumindest dachten das die Cavaliers-Fans. Doch der Kader in Cleveland wurde nicht besser und die Herausforderung für LeBron, dort einen Titel zu holen, immer größer, bis sie ihn erstickte. Also entschied er sich 2010 zu den Miami Heat zu wechseln. „I’m going to take my talents to South Beach and join the Miami Heat“, waren die Worte, die jeden Fan in Ohio zur Weißglut brachten. LeBron hatte sein Versprechen nicht einhalten können und verschwand einfach nach Miami. Nach vier Final-Teilnahmen und zwei Championships in vier Jahren will es LeBron den Cavs-Fans jetzt beweisen.  
In Miami sah LeBron keine Zukunft mehr – trotz der Erfolge. Dwyane Wade und damit auch seine Knie sind von Spiel zu Spiel gealtert. Rollenspieler wie Michael Beasley oder Greg Oden, die in Miami wieder aufblühen sollten, brachten keine Verstärkung und halfen in den Finals gegen übermächtige Spurs überhaupt nicht. LeBron hatte gemerkt, dass er wieder so alleine dastand wie einst in Cleveland. Die Hoffnungen ruhten ausschließlich auf ihm. Er sollte das Spiel machen, er sollte die dritte Championship in Folge im Alleingang nach Miami holen. 

Als die drei Superfreunde in diesem Sommer gemeinsam aus ihren Verträgen ausstiegen, hatte LeBron plötzlich Zeit, nachzudenken. Wie wird der Kader der Miami Heat 2014/15 aussehen? Chris Bosh hat ein Angebot aus Houston, Wade würde sicherlich für kleines Geld wieder in South Beach unterzeichnen. Wenn LeBron bliebe, blieben auch Bosh und Wade, das wusste James. Doch die „Big Three“ alleine reichen nicht mehr, das hat man in den Finals 2014 gemerkt. Welchen Supporting Cast hätte Pat Riley seinen drei Stars tatsächlich an die Seite stellen können? Hätten ein paar Schützen und einige Big Men gereicht? Angesichts von Wades konstantem Leistungsabfall vermutlich nicht.

Auf der anderen Seite: die Cavaliers. Mit David Blatt ein neuer Coach, dazu ein junges, aufstrebendes Team. Alleine drei Nummer-eins-Picks enthält der Kader (ohne James), dazu Varejao, mit dem LeBron schon eine lange Zeit gerne zusammen gespielt hat. Langfristig erschien das Angebot der Cavs deutlich lukrativer, aber auch kurzfristig? Ist dieses junge Cavs-Team schon in der Lage, in den nächsten zwei Jahren um den Titel mitzuspielen? So in etwa werden die Gedankengänge von LeBron ausgesehen haben. Letztendlich hat er sich dann für seine Heimat entschieden. 

Denn da ist sein Projekt noch in Bearbeitung. Er hat sein Versprechen (noch) nicht eingehalten. Er will seine Mission, die vor elf Jahren in Ohio begonnen hat, genau dort wieder beenden. Ob LeBron hier wieder den einfachen Weg wählt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für ihn selbst war es sicher nicht der einfache. Denn das Vertrauen der Cavs-Fans muss er sich erst wieder erarbeiten. Das Team in die Playoffs führen. Erfolge feiern. Hätte er, wie überall vermutet, einfach in Miami verlängert, wäre der Druck sicherlich kleiner gewesen. Zwei Titel hat er den Fans da schon beschert. Je nachdem wie Riley das Roster dann aufgefüllt hätte, wäre der Titelgewinn aufgrund des starken Westens kein „Muss“ gewesen. In Cleveland sollte man am besten ähnlich mit der Situation umgehen. Der Kader ist gut, aber LeBron selbst sollte keinen unnötigen Druck erzeugen, indem er 2015 schon einen Titel verspricht. Das hob er in seinem Brief dann smarterweise auch gleich hervor. 

James hat den ersten Schritt für seine Heimat getan. Er hat seine Füße nicht am Strand von South Beach hochgelegt und auf die neue Saison gewartet, sondern er ist den steinigen Weg zurück nach Cleveland gegangen. Um sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Eine Herausforderung, die gigantisch ist, der sich der 29-Jährige aber gerne annimmt. Mit seinen Worten: „I’m ready to accept the challenge.“ Weil einfach einfach zu einfach wäre.