01 August 2014

Jan Wiesinger | 31. Juli, 2014   



Bei der Beschreibung von Entwicklungsprozessen wird oft der Versuch unternommen, den Tief- oder Hochpunkt in der Kurve zu bestimmen und so den Prozess selbst besser zu verstehen. Betrachtet man die Kurven von Franchises in der NBA, so sind sie wie kaum in einer anderen Sportart von Up- und Downswings dominiert. Hier die Verletzung eines Schlüsselspielers, dort ein guter Draft, atmosphärische Schwierigkeiten im Team oder gutes Coaching: Die Hintergründe sind vielfältig und unberechenbar.

Sucht man nach dem Tiefpunkt der Kurve der Chicago Bulls aus der Saison '13/14, so könnte man voreilig deren Schlusspunkt bei der 69-75 Niederlage der Bulls gegen die Wizards in der ersten Playoffrunde suchen, der zugleich das klare 1-4 in der Serie und somit das frühe Playoff-Aus besiegelte. Fälschlicherweise könnte sich Panik breitmachen, die Bulls seien auch ohne ihren Superstar Derrick Rose, der sich nach nur zehn Spielen auf dem Parkett erneut eine schwere Knieverletzung zugezogen hatte und damit schmerzliche Erinnerungen an den Kreuzbandriss in den 2012er Playoffs hervorgerufen hatte, einfach nur kläglich gescheitert. Pech, Schicksal, man kann es nennen, wie man will. Rose' Verletzung lag dieses Mal im rechten Knie, 2012 war das linke Knie betroffen.

Dennoch muss den Verantwortlichen der Bulls sehr schnell klar gewesen sein, dass man ohne den Point Guard keinerlei ernstzunehmende Chancen auf eine Meisterschaft haben konnte. Und da wie vielerorts in der NBA nur Titel zählen, begann die Offseason der Bulls bereits am 7. Januar 2014. Die Bulls schickten damals Luol Deng nach Cleveland und bekamen im Gegenzug einige Draftpicks und den nicht garantierten Vertrag von Troublemaker Andrew Bynum, den die Bulls auch umgehend entliessen. Schnell wurde deutlich, dass mit dem neu erworbenen Cap Space ein Run in der kommenden Free Agency Periode gestartet werden sollte. Der Fokus lag hier eindeutig auf Forward Carmelo Anthony und nicht wenige Experten nannten Chicago als geeigneten Landeplatz für den All-Star. Dieser entschied sich jedoch schlussendlich für einen Verbleib bei den New York Knicks und damit wohl für das größere Salär und gegen die sportliche Perspektive in Chicago.

Unbeeindruckt von diesem Rückschlag trieben die Mannen rund um Gar Forman im Chicagoer Front Office die Kaderplanungen für die nächste Saison weiter voran. Die Amnestierung Carlos Boozers kam ähnlich unerwartet wie ein Stau vor dem Elbtunnel zur Rush Hour. Der Power Forward war die 13,5 Mio. $ pro Jahr schlichtweg nicht mehr wert und wurde deshalb aus den Büchern der Bulls gestrichen.

Prominenteste Neuakquisition der Bulls zur neuen Saison ist sicherlich Pau Gasol, der nach über sechs Jahren bei den Lakers seine neue sportliche Heimat in Chicago gefunden hat. Für verhältnismäßig preiswerte 22,3 Mio. $ unterschrieb der viermalige All-Star einen Dreijahresvertrag in der Windy City. Zusammen mit Center und amtierendem Defensive Player of the Year Joakim Noah wird Gasol bei den Bulls eines der besten Frontcourt-Duos im Osten bilden. Beide bringen ein begnadetes Spielverständnis und für Big Men herausragende Passfähigkeiten mit. Bleiben wird die Frage nach Gasols Gesundheitszustand, hatte der Spanier doch in den letzten Jahren auch immer wieder mit langwierigen Verletzungen zu kämpfen. Gasols Offensive ist sowohl im Low Post als auch in der Mitteldistanz trotz seiner 34 Jahre immer noch mehr als nur konkurrenzfähig.

Als Erfinder des Dreipunktewurfs gilt Gasol allerdings nicht. Hier lag eines der gravierenden Probleme in der vergangenen Bulls Saison. Mit nur 34,7% Dreier-Quote rangierte Chicago ligaweit nur auf Platz 24. Die Bulls brauchten also definitiv Shooting. Um diese Problematik in den Griff zu bekommen, warten die Bulls gleich mit einer Vielzahl neuer Spieler auf. Im Draft tradeten die Bulls ihre Picks 16 und 19, um an elfter Stelle College-Star Doug McDermott von Creighton zu verpflichten. Mit McDermott bekommen die Bullen einen begnadeten Scorer, der wohl hinter Edel-Verteidiger Jimmy Butler die viel benötigten Punkte von der Bank bringen soll. Fragen nach McDermotts defensiver Belastbarkeit waren im Vorfeld des Drafts häufiges Thema, die ersten Eindrücke aus der Summer League fielen jedoch nicht auffallend negativ aus und Defensiv-Experte Tom Thibodeau sollte auch McDermott im Teamverbund unterbringen können. Den australischen Power Forward Cameron Bairstow nahmen die Bulls nach guten Eindrücken aus der Summer League ebenfalls unter Vertrag, nachdem sie sich seine Rechte in der zweiten Draftrunde an 49. Position gesichert hatten. Mit Aaron Brooks kam zudem ein scorender Guard, der den nach Detroit abgewanderten D.J. Augustin ersetzen soll und wird. Auf der anderen Guard-Position greifen die Bulls auf Altbewährtes zurück. Veteran Kirk Hinrich bleibt für die Mid-Level-Exception und zwei weitere Jahre in Michigan (Verdienst gesamt: 5.4 Mio. $). Die nicht garantierten Verträge von Lou Amundson, Mike James und Ronnie Brewer wurden allesamt aufgelöst.

Beim Thema Shooting in die Bresche springen soll auch Nikola Mirotic. Der erst 23-jährige Montenegriner, dessen Rechte sich die Bulls bereits im Draft 2011 an 23. Stelle gesichert hatten und der in den letzten sechs Jahren beim spanischen Topklub Real Madrid unter Vertrag gestanden hatte, wird bei den Bulls in den nächsten drei Saisons 16.6 Mio. $ kassieren. Die Verpflichtung Mirotics hatte sich bereits langfristig abgezeichnet und so betritt der Power Forward bereits mit einer Kiepe voller Vorschusslorbeeren die große Bühne NBA. Nicht wenige bezeichnen ihn auch aufgrund seiner osteuropäischen Herkunft bereits als nächsten Toni Kukoc und einen der potentiell besten europäischen NBA-Spieler aller Zeiten. Und tatsächlich könnte sich das gute Scouting im Vorfeld des '11er Drafts für die Bulls schnell amortisieren: Mit Mirotic bekommt Chicago einen unglaublich vielseitigen Stretch-Vierer, dessen bestens ausgebildete Fundamental-Fähigkeiten in Offensive und Defensive nur durch seine eigene schier unendliche Reichweite in den Schatten gestellt werden. Ein hochtalentierter Spieler, der sich auch mit Thibodeaus „Defense first“- Mentalität anfreunden dürfte und dabei den Bulls das schwer benötigte Spacing bringt, um Derrick Rose bei seinen Drives mehr Platz zu verschaffen.

Eben jener Derrick Rose ist zweifelsohne der Schlüsselspieler, von dem am Lake Michigan in der Offensive alles abhängt. Die Athletik und der unwiderstehlicher Drive spielt in jedem Alptraum gegnerischer Defensiven die Hauptrolle. Das unsägliche Verletzungspech, das den MVP von 2011 in den letzten beiden Jahren heimsuchte, war zugleich wesentlich verantwortlich für die Saison der gesamten Franchise. Mit neuer Frisur weilt der 25-jährige Point Guard derzeit im Trainingscamp des Team USA und hinterließ dort bereits einen nachhaltigen Eindruck. Rose äußerte sich im Gespräch mit Journalisten ebenfalls sehr positiv über die Geschehnisse in der Offseason der Bulls und gab zu Protokoll, „er habe in seiner NBA-Karriere noch nie in einer so talentierten Mannschaft gespielt“. Die Irritationen zwischen seinem Camp und dem Bulls Front Office im Verlauf der Free Agency seien kein Thema mehr für ihn. Die Äußerungen zu dieser Kontroverse sind gewohnt diplomatisch, lassen jedoch darauf schliessen, dass Rose' Freude über Gasol als Teamkollege durchaus die potenzielle Trauer bezüglich der gescheiterten Anthony-Verpflichtung übersteigen dürfte.

Nach lang und schmutzig jetzt kurz und knackig: Die Bulls sind Top-Favorit im Osten. Unter der altbekannten Prämisse, dass alle Spieler gesund bleiben müssen, stellt man eine in jeglicher Hinsicht verbesserte Mannschaft mit neuer Tiefe. Die überragende Arbeit der Bulls in dieser Offseason ging im Orkan des LeBron-Homecomings erwartungsgemäß unter.  Wenn auch das Begehren der Bulls nach Minnesotas Kevin Love ebenfalls unerwidert blieb und dieser wohl zum schärfsten Konkurrenten und Divisions-Rivalen nach Cleveland wechseln wird, ist auch ohne Love vor allem der Frontcourt in Chicago beindruckend: Mit Noah, Gasol, Mirotic und dem letztjährigen 6th-Man-Bewerber Taj Gibson wird es an Coach Thibodeau liegen, das Potenzial seiner Big Men mit der richtig abgestimmten Rotation voll auszuschöpfen. Dass die Defense in Chicago wieder Liga-Spitze sein wird, ist selbstredend nichts Neues. Mit den altbekannten und neu erworbenen Offensiv-Waffen dürfte den Bulls in der Saison '14/15 wohl ein sehr tiefer Playoffrun zugedacht sein. Die Suche nach dem Hochpunkt der Bulls-Kurve sollte dann keine allzu große Herausforderung werden.