21 November 2014

21. November, 2014   |  Anno Haak  @kemperboyd


Die neue starke Frau der NBPA, Michele Roberts, hat jüngst in einem Interview ebenso starke Worte zu den ins Haus stehenden Tarifverhandlungen zwischen Eigentümern und Spielern verloren. Worte, die als Kampfansage gemeint und auch genauso verstanden wurden. Man überinterpretiert nicht, wenn man sie als die Erklärung der Absicht versteht, hinter den CBA von 2011 zurückzukehren. Zurück in jenes Regime, das mit leichten Änderungen seit 1999 stand. Jenes Regime, auf das sich die NBA erst nach dem ersten Arbeitskampf ihrer Geschichte verständigt hatte. Ein Rückblick auf leere Hallen und den einzigen NBA-Basketball-freien November (und Dezember). 1999,...


...als die Basketballwelt zum ersten Mal stillstand
Die NBA war stolz darauf, die einzige US-Liga zu sein, in der nie arbeitskampfbedingt ein Spiel ausgefallen war. Nach einem halben Jahrhundert war dieses Alleinstellungsmerkmal dahin. Vor 16 Jahren stellte die NBA für mehr als sechs Monate den Betrieb ein. 32 Partien pro Team, das All Star Game und der Größte aller Zeiten gingen verloren. Das Schlimmste aber ist: die Aussperrung war vergebens, nur keineswegs umsonst. Sie war teuer. Richtig teuer. Bling-Bling-teuer.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Technisch gesagt: der Streit über die Anteile am durch Basketball generierten Einkommen (BRI). Benjamins, klar. Die Spieler verdienten zu viel. Die Teams verloren zu viel Geld. Aber war die Lage damals so außer Kontrolle, dass sie einen halbjährigen Arbeitskampf rechtfertigte? Natürlich nicht. Und doch gab es Gründe. Die letzten Jordan-Verträge, aber vor allem KG.

21 Jahre, 2 Jahre Erfahrung, 126.000.000 $ für 6 Jahre
Schauderhafte Zahlen fürwahr. Kaum 24 Monate nach dem High School Abschluss stand fest, dass auch Kevin Garnetts Urenkel nie mehr arbeiten müssen. Vorausgesetzt, er hat einen anderen Anlageberater als Antoine Walker. Der Mega-Deal für den hoffnungsvollen, aber keineswegs ausgereiften Jungspund war der Tropfen, der das längst gefüllte Fass überlaufen ließ.

Zumindest aus Sicht der Besitzer. Rund 20 der damals 29 Franchises machten Verlust. Wurde jedenfalls behauptet. Ob die Zahl den Tatsachen entsprach, ist bis heute umstritten. Eines aber konnte man nicht leugnen: die Gehaltskosten waren explodiert. Maßhalten war nur ein Oktoberfestspiel.

Eine Adoleszenz vor "Da Kid", 1979 genau, war Earvin Johnson in die NBA gekommen. Magic galt schon bei seinem Draft als eines der größten Talente, die der Sport mit dem orangenen Leder je gesehen hatte. Das wollten sich die Lakers auf Dauer sichern und gaben ihm 1981 einen 25 (!)-Jahres-Vertrag über 25 Millionen Dollar. Nein, ich habe keine Null vergessen. Klar war das die Prä-Jordan-NBA der stickigen, schimmeligen Turnhallen, der Koksberge auf Tischen in der Umkleide. Eine NBA, in der man die Lakers für unter 100 Mio. Dollar kaufen und als Dreingabe die Kings aus der NHL bekommen konnte. Und natürlich gibt es so etwas wie Inflation. Aber die Differenz war trotzdem frappierend. Rund 15 Jahre nach Magics Lebenszeitdeal zog sich ein Journeyman der Association für das Jahresgehalt eines der fünf Größten aller Zeiten nicht einmal mehr die Schuhe an.

Fuhrpark im halben Dutzend billiger
Das Verständnis der Beobachter und vor allem der Fans hielt sich trotzdem in überschaubaren Grenzen. Schließlich waren die explodierten Saläre auch die Folge exponentiell größerer Einnahmen. Spätestens mit dem Dreamteam 1992 hatte die NBA ihre erstaunliche Entwicklung vom Schmuddelkind der Sport-USA zur globalen Gelddruckmaschine abgeschlossen. Sprichwörtlich ist das Bonmot von Tony Kornheiser vom Arbeitskampf als einem Disput "between tall millionaires and short millionaires" geworden.

Als vereinzelt Spieler zum Besten gaben, sich wegen der ausbleibenden Gehaltschecks von einem ihrer sieben fahrbaren Untersätze trennen zu müssen, wurde deutlich, dass es um eine Aussperrung aus Parallelrealitäten ging. Es war eine Zeit, in der dem damaligen Präsidenten Clinton, der mantraartig auf Millionen neu geschaffener Jobs hinwies, mancher entgegenhielt, er habe allein vier davon. Aber nicht um mehrere Autos zu fahren, sondern um überleben zu können.

Für die meisten Außenstehenden hatte der Arbeitskampf etwas von einem Wrestlingmatch. Ein Showkampf, bei dem echte Verletzungen eher zufällig und ungewollt entstehen. Und bei dem sich alle Parteien hinter den Kulissen gemeinsam amüsieren, wie ernsthaft die Außenwelt über Tricks, Finten und Moves diskutiert, an deren Vortäuschung sie ein Heidengeld verdienen.

Daran ist etwas Wahres. Allerdings war die Möglichkeit der Berufsausübung für viele Spieler durchaus eine Existenzfrage. Nicht für alle war es damit getan, statt mit dem Bentley mit dem Escalade zu Wal-Mart zu fahren. Das lag keineswegs daran, dass auch nur irgendein Spieler für sein zum Beruf gemachtes Hobby einen Hungerlohn erhalten hätte. Aber wer je die "Broke"-Doku auf Youtube...äh *hust* ESPN gesehen hat, weiß, dass die Einkommensmillionäre in ärmelloser Berufskleidung in ihren Villen wohl zu viele Fenster hatten, aus denen sie das Geld mit vollen Händen warfen. Vorsorge? Vielleicht im nächsten Leben.

Die Eigentümer, die vom Fernsehen trotz ausfallender Spiele Geld erhielten, mussten nur abwarten, bis der Druck im Kessel der NBPA durch die vielen "nur" sechsstellig verdienenden Fußsoldaten so groß wurde, dass Billy Hunter den Deckel heben musste. Als die Saison komplett auszufallen und einigen Profis die Privatinsolvenz drohte, waren die Spieler weichgeklopft. So setzte - um im WWE-Bild zu bleiben - David Stern am Ende den "Lethal Legdrop" auf die am Boden liegende Spielergewerkschaft, die aussah wie Andre The Giant. Naja, oder auch nicht.

Bust in Bologna (1. kommt es anders und 2. als man denkt)
Schrieb Sports Illustrated: die ewig verfluchten Clippers seien die ersten Verlierer nach dem Lockout. Grund: der Vertrag ihres Nummer-1-Picks Michael Olowakandi bei kinder Bologna lief ohne Ausstiegsklausel bis Mitte Februar und damit über Training Camp und die ersten Saisonspiele hinaus. Yeah right, das war das Problem mit dem Nigerianer.

Es blieb nicht die einzige Fehleinschätzung zum Ausgang des Arbeitskampfes. Die Lobpreisungen des großen Führers David Stern durch die Owner nahmen nordkoreanische Ausmaße an. Wie Moses den Israeliten Kanaan hatte Stern gleich dem ganzen US-Sport das gelobte Land gezeigt. Rookies, die ein halbes Jahrzehnt mit vorgefertigten Arbeitsverträgen an ihr Auswahlteam geknebelt wurden. Genormte Maximalverträge (einzigartig im US-Sport, dass Gehälter überhaupt nach oben begrenzt waren), die selbst bei zehn Jahren Erfahrung 14 Millionen p. a. leicht waren. Wodurch gleich Blutsauger wie der bei den Eigentümern verhasste Superagent David Falk überflüssig wurden. 

Medien überschlugen sich. Stern habe der Gewerkschaft alles abgeknöpft, was sie wollte. Außer ihrer Würde. Stern for President. Stern kann übers Wasser gehen. Jurastudenten wollten wie David Stern sein. Jurastudentinnen wollten seine Telefonnummer.

Nur waren alle Rechnungen mal wieder ohne den Wirt gemacht worden. Auf der Habenseite stand für die Teams neben den Maximal- und längeren Rookieverträgen zwar eine Art Urahn der Luxussteuer. Aber das Kleingedruckte mit der großen Wirkung machte fast alle schottischen Effekte zunichte. Im alten Tarifvertrag gab es keinen BRI-Anteil, der den Spielern garantiert war. Allerdings gab es bei 53% eine letztlich genutzte Ausstiegsklausel für die Owner. Denn 1998 waren es 58%. Im neuen Deal wurden ca. 48% festgehalten, die aber von Anfang an nur auf dem Papier standen und selbst dort durch die 2001 einsetzende, merkwürdige Escrow-Regelung konterkariert wurden.

Die Details töten mehr Gehirnzellen als ein Silvesterrausch. Aber im Ergebnis wurde die Grenze auf 55% des BRI festgesetzt. Damit waren den Spielern de facto erstmals mehr als die Hälfte der Einnahmen garantiert. Oder anders gesagt: noch von jedem Parkhausdollar flossen 55 Cent an die leitenden Angestellten in kurzen Hosen. Statt Kündigung bei 53% garantierte 55%. Ein Sieg ist ein Sieg ist ein...was?

Obwohl es fast fünfzehn Jahre dauerte, bis die Einnahmen der NBA wieder Prä-Lockout-Niveau erreichten, explodierte der Salary Cap von 30 Mio. $ im Jahr 1999 auf fast 44 Mio. im letzten Jahr der Laufzeit 2005. Die tatsächlich ausbezahlten Gehälter wuchsen allein von 2001 bis 2005 um über 15% auf fast 1,8 Milliarden Dollar, während das Gesamt-BRI im selben Zeitraum lediglich elf Prozent größer wurde. Als der Tarifvertrag 2005 auslief, trugen die Spieler zwei von drei eingenommenen Dollars nach Hause. Gegen das, was Stern seinen Eigentümern erstritt, feierte Pyrrhus einen nachhaltigen Triumph. 

Den Wald vor Bäumen
Was die reichen Männer im Anzug übersehen hatten: die reichsten Männer in kurzen Hosen waren nicht ihr Problem. Das High-Stakes-Pokerspiel, das Michael Jordan Mitte der 90er in jedem Sommer von neuem begann, der angesprochene Deal für Garnett und das ligaweite, schier unbegrenzte Wettbieten um Shaq 1996 ließ die Eigentümer den Abzug drücken. 

Nur lösten die so gefeierten Limitierungen der Verträge das Problem überhaupt nicht. Der größte Webfehler war, dass alle Spieler, die bereits bei Beginn des Lockouts laufende Verträge hatten, nach deren Auslaufen auch unter dem neuen CBA 105% des alten Gehaltes fordern durften. Hätte Michael Jordan seine Karriere 1999 nicht beendet, hätte er 31,5 Millionen Dollar verlangen können. Bei einem Team-Salary Cap von 30 Millionen, wohlgemerkt. Absurd ist noch geschmeichelt. Außerdem wurde nur das Gehalt im ersten Jahr begrenzt. Die weiteren Jahresgehälter waren nur durch das sogenannte 'Maximum Raise' beschränkt.

Das Problem wurde im übrigen in den nachfolgenden CBAs perpetuiert. So steht seit dem Lockout 2011 auf dem Papier ein Maximalgehalt für Veteranen mit zehn oder mehr Jahren Erfahrung von ca. 19 Millionen. Oder eben 105% des letzten Salärs. Macht für Carmelo Anthony jene rund 22,5 Millionen für die Saison 2014/15, die ihm im Sommer den Verbleib in der geliebten, sportlich irrelevanten Heimat versüßten. Zuzüglich Maximum Raise von 7,5% pro Jahr (von dem er sogar kleine Abstriche machte) also knapp 125 Millionen in fünf Jahren. Alles Gute für den Re-Build, New York. Wo genau ist jetzt eigentlich der Fortschritt zu Garnett 1996?

Noch wichtiger aber ist: ob Michael Jordan 30 Millionen im Jahr verdient, ist völlig egal. Weil er dem Team mindestens 50 Millionen einbringt. Abzüglich der Kosten für die Ringe. Man kann diskutieren, ob man dem early-entry Sophomore, den sie "The Big Ticket" nannten, 21 Mio. $ pro Jahr zahlen muss. Oder ob Shaquille O’Neal 121 Millionen in sieben Jahren wert ist. Die Mega-Deals verstellten und verstellen bis heute völlig den Blick auf das wirkliche Problem: das Durchschnittsgehalt.

Schon 1998 trug der rechnerisch mediokre NBA-Pro 1,75 Millionen Dollar pro Jahr nach Hause. Was 100 dieser Sorte kosten, muss wohl nicht vorgerechnet werden. Ebenso wenig, dass die Verdienste angesprochener Stars dagegen Peanuts sind. Zumal überbezahlte Spieler der 90er wie Derrick Coleman keine Tickets verkaufen. Die PR-Abteilung welcher Firma schlägt ein Sponsoring bei den Milwaukee Bucks vor, weil Glenn Robinson dort 41 Mal pro Jahr zu sehen ist? Eben.

Das Durchschnittsgehalt ist auch keine rechnerische Größe für Leute, deren Hobby Kopfrechnen ist. Sie definiert die Höhe der 1998 eingeführten, bis heute gern genutzten MLE, die jenseits des Salary Caps einsetzt. Die Summe war schon bis 2005 von jenen 1,75 Millionen auf 4,9 Millionen Dollar nach oben geschnellt. Mittlerweile steht sie bei über fünf Millionen $ pro Jahr für die Nicht-Steuer-Zahler.

Die Liga macht heute Leute, deren Talent noch vor 30 Jahren gerade zum Sattwerden gereicht hätte, zu Multimillionären. Dieses Problem wurde durch den vermeintlichen Knebel-CBA 1999 nicht gelöst, sondern im Gegenteil, verschärft.

Moral von der Geschicht'
Guckt man sich die Begründungen für den Lockout 2011 an, meint man in einer Zeitmaschine zu sitzen. 20 Teams bluten Geld? Check. Konzentration von Stars in den großen Märkten? Check. Reiche Teams kaufen sich frei von den Ausnahmen? Uuund...check.

Der Arbeitskampf 1998 war kein Scheingefecht. Aber er hat im Grunde kein einziges Problem beseitigt. Wie es eher gehen könnte, zeigt der CBA von 2011. Die schrittweise Luxussteuererhöhung hat selbst big spender wie Micky Arison und (zugegeben ohnehin geizige) Großmarkt-Betreiber umdenken lassen. Fragt mal Mike Miller, wie schön es in Memphis war, oder Jerry Reinsdorf, warum er Carlos Boozer Logenplätze für Kobes Ballerspiel bezahlt. OKC-Anhängern läuft wohl immer noch das Pipi in die Augen, wenn James Harden gegen ihr Team zum Korb zieht.

Vor allem aber erleiden Luxus-Team seit zwei Jahren endlich strukturelle Nachteile, die man nicht wegbezahlen kann. Die MLE ist kleiner, die Bi-Annual Exception gibt es für sie gar nicht mehr. Aber eine Garantie für Chancengleichheit ist das nicht. Der Blick in den Big Apple zeigt zwar: aus dem Feuer der Geldverbrennung steigt nicht zwangsläufig Larry O'Brien wie Phoenix aus der Asche.

Doch der Rückblick auf die 204 schlimmen Tage von 1998 zeigt vor allem eins: auf Dauer würde wohl nur ein Hard Cap helfen. Sonst sitzen wir 2023 wieder vor dunklen ILP-Bildschirmen und fragen: was hat man in einem Vierteljahrhundert seit dem ersten NBA-Lockout eigentlich gelernt? Außer, dass es erstens anders kommt und zweitens als man denkt. Möge auch Frau Roberts das bedenken, bevor sie wieder in den (Arbeits-) Kampfmodus schaltet.