16 November 2014

16. November, 2014   |  Güven Taş @GuvenTas


Sein vollständiger Name klingt, als stamme er aus dem Filmklassiker „Jagd auf Roter Oktober“: Timofey Pavlovich Mozgov. Bislang hatte kaum einer den Fünfer der Denver Nuggets auf dem Radar. Ein Koloss von 113 Kilogramm, verteilt auf elend lange 2,16 Meter... Gardemaße für einen NBA-Center.

Lange blieb er den Beweis seiner Qualitäten schuldig - bis letztes Jahr, als Mozgov nach den schweren Verletzungen von JaVale McGee und J.J. Hickson der einzige gesunde Center im Kader der Goldklumpen blieb und endlich einmal Spielzeit erhielt. Auch in der neuen Saison setzt Nuggets-Coach Brian Shaw unter den Körben am liebsten auf Mozgov, der sich als Starter in Denver etabliert hat. 

Sowjetunion‘s bester Export seit Kapitän Ramius
Mozgovs Profi-Laufbahn begann in der Saison 2004/05 beim unterklassigen Klub LenVo in seiner Heimatstadt St. Petersburg. Nach einer kurzen Zwischenstation bei der zweiten Mannschaft von CSK VVS Samara, wechselte der damals 20-Jährige Ende 2006 zum russischen Spitzenteam BC Khimki.

Beim Klub aus dem Oblast Moskau gehörte er zu den Leistungsträgern und gewann mit seiner Mannschaft 2008 den russischen Pokal. In insgesamt vier Jahren entwickelte er dort sein Spiel von Jahr zu Jahr kontinuierlich. Top-Klubs aus ganz Europa zeigten Interesse am athletischen Pivoten. 2010 wurde er von den New York Knicks unter Vertrag genommen.

Im Big Apple waren die Erwartungen wie immer sehr hoch. Auf der Center-Position des zweifachen NBA-Champs tummelten sich in der ersten Dekade der 2000er Basketball-Ästheten wie Rebound-Allergiker Eddy Curry, „Drown Under“ Luc Longley oder Hoops-Virtuose Darko Milicic. Daher lechzten Fans und Funktionäre der leidgeprüften Franchise nach einem fähigen Big Man.

Mozgov, der anfangs kaum ein Wort Englisch sprach, hatte allerdings mit Anpassungsproblemen zu kämpfen und konnte in New York nie so recht Fuß fassen. Noch während seiner ersten Saison wurde er im Februar 2011 in einem großen Trade mit dem – gefühlt – halben Team in die Mile High City verschifft. Im Gegenzug kam bekanntermaßen Carmelo Anthony in das Mekka des Basketballs, Madison Square Garden.

Denver gerät unter den KGB-Radar
In Denver spielte Mozgov unter dem damaligen Coach George Karl zunächst keine große Rolle und kam in elf Einsätzen auf lediglich sechs Minuten Spielzeit. In der folgenden Saison 2011/12 durfte er dann schon in 44 Spielen ran (35 davon als Starter) und dankte es seinem Coach mit soliden 5,4 Punkten, vier Rebounds und einem Block in knapp 16 Minuten Spielzeit.

Die Saison 2012/13 verlief wiederum enttäuschend für den Russen. Seine Spielzeit sank auf kümmerliche neun Minuten pro Partie. Auch seine Produktivität in Form seiner Stats fiel in den Keller. Zu allem Überfluss wurde er von mehreren Verletzungen immer wieder zurückgeworfen. Aber ein echter Sowjet gibt nicht einfach auf.

Die Saison 2013/14 verlief sehr vielversprechend für den Hünen aus der nördlichsten Metropole Europas. Mit 21,6 Minuten Spielzeit unter Neu-Trainer Brian Shaw, zeigte der Turm von Leningrad endlich, was in Ihm steckt. In fast jeder relevanten Kategorie legte er Career-Highs auf. Seine 9,4 Punkte, 6,4 Rebounds und 1,2 Blocks pro Spiel waren sehr gute Werte. Und auch seine 75% von der Linie waren – vor allem für einen Big Man – starke Zahlen. 

Regelmäßige Einsatzzeit brachten die Stärken des 27-Jährigen richtig zur Geltung. Er setzte seine herausragenden körperlichen Attribute (lange Arme, gute Athletik, kräftige Physis) zusehends effektiver ein. Vor allem Point Guard Ty Lawson profitierte dabei von den guten Screens seines Teamkameraden. Mozgov ist ein physischer Zonenspieler, der stets mit großem Einsatz agiert. Insbesondere in unmittelbarer Ringnähe kann er den Gegner vor arge Probleme stellen. 

Das mussten nicht nur die Golden State Warriors unsanft am eigenen Leibe erfahren. Am 10. April 2014 machte „T-Moz“ das Spiel seines Lebens, als er sein Team mit 23 Punkten, drei Blocks und sagenhaften 29 Rebounds (NBA-Saisonrekord) zu einem spektakulären 100-99 Auswärtssieg führte.

Die Liste seiner Talente beschränkt sich aber keineswegs nur auf den Basketballplatz. Bei indischen Hemd-Fetischisten gilt er als Ikone. Und wenn er nicht gerade unter seinem Pseudonym „Tinafey Mozgova“ Episoden für die erfolgreiche Comedy-Serie „30 Rock“ schreibt, steht er für klassische Kunstwerke Modell. Eines seiner neuesten Projekte ließ sogar die gute Scarlett Johansson vor Neid erblassen: „Der Sowjet mit den Perlenohrringen.“



Endgültig Starter?
Es sind natürlich noch einige Schwachstellen in seinem Game auszumachen. Im Gegensatz zu seiner mitunter bockstarken Defensive hat seine Offensive noch massig Luft nach oben. Seine Punkte erzielt er fast ausschließlich durch Putbacks und Layups. Sein Repertoire an Post-Moves ist ebenfalls überschaubar. Auch sein Ballhandling und sein Dribbling sind noch ausbaufähig. Zudem reicht sein Passspiel nicht gerade an das eines Vlade Divac oder Bill Walton heran.

Aber wer braucht das schon!? Seit „Terror“, dem kolossalen Anführer der Fordham Baldies aus dem Streifen „The Wanderers“, hat kein Mann mehr eine Pizza so genüsslich verspeist wie Genosse Mozgov.



Timofey Mozgov ist mittlerweile 28 und kommt somit in die Blütezeit seiner Karriere. Für die neue Saison scheint er gewappnet zu sein. Seine teaminternen Kontrahenten auf der Center-Position hat er bisher auf Distanz gehalten und sich in der Starting Five festgespielt. Je häufiger er 20-plus Minuten sieht, desto bessere Argumente liefert er für einen dauerhaften Einsatz in der Startformation. Obwohl er seinen Wurf in der neuen Spielzeit noch nicht gefunden hat (nur 45% Trefferquote bisher), reboundet und verteidigt Mozgov besser als je zuvor.

Seine Hauptkonkurrenten JaVale McGee und J.J. Hickson sind erst kürzlich von schweren Knieverletzungen zurück gekehrt. Es wird sich zeigen, wie Shaw seine Rotation auf den großen Positionen managen wird, wenn all seine Big Men einmal gesund und wieder auf Betriebstemperatur sind. Die Nuggets stellen Mozgov, McGee, Hickson, Kenneth Faried und Darrell Arthur einen sehr tiefen und talentierten Frontcourt - aus dem jedoch niemand wirklich heraus ragt.

Wenn er von größeren Verletzungen verschont bleibt, könnte die kommende Saison den endgültigen Durchbruch für Mozgov bringen. Seine Physis ist beeindruckend, im Sommer hat er zudem an seinen spielerischen Fähigkeiten gearbeitet. Das will er in diesem Jahr beweisen. Im Training soll der ausgesprochene Teamplayer ohnehin zu den Fleißigsten zählen. NBA-Fans und KGB-Supporter dürfen also gespannt sein auf den sympathischen Russen: Das schlafende Biest könnte endgültig erwacht sein.