01 Dezember 2014

30. November, 2014   |  nbachefsquad @nbachefkoch


Die neue NBA-Saison ist gut unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action pro Woche macht es manchmal keinen Sinn, traditionell zu berichten. Nicht weiter schlimm: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Kobe Bryant in Crunchtime und versorgt euch wöchentlich mit ein paar extra Häppchen zur NBA-Spielzeit 2014/15.


Der Katalysator?
Onur Alagöz @LakersParadigm ... Es dauerte gute zwei Minuten im Spiel gegen die Knicks. Er zog Baseline, vorbei an Iman Shumpert und Quincy Acy, direkt zum Korb und hämmerte den Spalding mit Gewalt durch den Ring. An seiner gebrochenen rechten Hand sah man noch die schwarze Bandage. Aber das war und ist Russell Westbrook ziemlich egal.

Einen Monat fiel der Starguard der Oklahoma City Thunder aus, musste hilflos zusehen wie sein Team, vor der Saison mit riesigen Ambitionen, ans Ende der Tabelle fiel. Bei seiner Rückkehr bewies er jedem, dass er der vielleicht explosivste Spieler der Liga und ein knallharter Wettstreiter ist.
32 Punkte bei 12 von 17, acht Vorlagen, sieben Rebounds und ein Sieg in gerade mal 23 (!!!) Minuten. So wichtig Kevin Durant für dieses Team ist, erst ein fitter Russell Westbrook verleiht den Thunder den Extragang. 

Er ist einer dieser Spieler, die für ein dauerhaftes Senken der Kinnlade sorgen. Sein Antritt ist mehr als elitär, ein Blinzeln und er ist am Ring. Er checkt den besten gegnerischen Guard, ballert die Sprungwürfe von außen und knallt das Ding mit einer solchen Power durch die Reuse, dass sein Spiel auf ganz außergewöhnliche Weise der Mannschaft einen Kick verleiht.

Er ist der Katalysator dieser Truppe, 85.000 Gramm pure Energie auf 1,91 Meter verteilt. Furchtlos und hungrig. Merkt euch: So exzentrisch und flippig die Couture, die er trägt, sein mag, Westbrook bringt auf dem Hardwood Ergebnisse. Welcome back, Russ!



No Star, No Service?
Torben Siemer @lifeoftorben ... LeBron James gegen Kevin Durant, Dirk Nowitzki gegen LeBron James, Kobe Bryant gegen Paul Pierce, Kevin Garnett gegen Kobe Bryant, Dwyane Wade gegen Dirk Nowitzki. Allein die Spurs passen wie so oft in den letzten zehn Jahren nicht ins Raster, wobei Tim Duncan und Tony Parker durchaus in die Reihe passen. Will ein Team mit der Larry O’Brien-Trophäe den Sommer verbringen, braucht man einen Superstar – nur die Detroit Pistons um Finals-MVP Chauncey Billups fallen etwas aus der Reihe, aber Ausnahmen bestätigen ja oft die Regel. Um in der National Basketball Association der vergangenen Dekade ernsthaft um den Titel mitzuspielen, braucht es also historisch betrachtet mindestens einen Superstar im Team.

Die Toronto Raptors verpassten in den letzten Playoffs um einen geglückten Korbleger den Einzug in die zweite Runde, die Aufbruchstimmung im Norden war dennoch ungebrochen. Mit Lou Williams holte man im Sommer einen erfahrenen und offensivstarken Guard, ohne wichtige Teile der Rotation abgeben zu müssen. In den letzten Wochen dann gelang den Dinosauriern passend zum 20-jährigen Jubiläum der einzigen verbliebenen kanadischen Franchise der beste Saisonstart ihrer Historie – unter anderem mit Siegen gegen die Memphis Grizzlies und die Cleveland Cavaliers. Mit durchschnittlich über zehn Punkten gewann Toronto 13 der ersten 16 Spiele und führt den Osten (Stand Samstag) mit drei Spielen Vorsprung an. Die ersten „Contender, Contender“-Rufe wurden schon vor der Saison vernommen, die ersten Wochen bestätigen diesen Ausdruck. Aber steht bei den Raptors ein Superstar im Kader? Und wenn, wer ist es?

Superstar, was ist das eigentlich? Eine allgemein gültige Definition ist schwierig, aber wie wär’s damit: Playoffs, Spiel sieben. Noch 18 Sekunden auf der Uhr, dein Team liegt mit einem hinten und hat den letzten Angriff. In wessen Händen willst du den Ball sehen? Klar, LeBron James und Kevin Durant, wahlweise auch Dirk Nowitzki, Damian Lillard und Steph Curry sind schnell in der Verlosung. Aber wann kommt der erste Raptor in dieser Liste? Vermutlich gar nicht. Und hier liegt die Krux: Noch fehlt den Raptors, zumindest in der breiten NBA-Öffentlichkeit, dieser abgezockte und eiskalte go-to guy. Also nichts mit Contender-Status?

Liebesbekenntnis auf Spanisch
Phillip Rück @76ersDrJ ... Stellt euch folgende Situation vor: Die NBA wird aufgelöst und durch eine „neue“ Liga ersetzt. Es gibt 30 neue Teams und alle Spieler müssen neu verteilt werden. Ihr seid GM des Teams, das das dritte Wahlrecht hat, wodurch die mit Abstand besten Spieler der Liga, Durant und LeBron, bereits vergeben sind. Euer Besitzer gibt die Anweisung, direkt ein Meisterschaftsteam aufzubauen. Welchen Spieler wählt ihr nun mit dem dritten Pick aus? Curry? Paul? Westbrook? Melo?

Ich kann diese Frage ganz einfach beantworten: Marc Gasol! Vorbei ist die Zeit, als er noch der dicke, jüngere Bruder vom Champion Pau war. Marc ist mittlerweile der beste Big Man der Liga und mit Sicherheit auch in der Verlosung um den drittbesten Spieler der NBA. Es ist meinerseits jetzt noch nicht einmal die Reaktion auf den hervorragenden Saisonstart der Grizzlies, sondern eine Entwicklung, die ich schon seit zwei Jahren beobachte. Seit dem Gewinn des Defensive Player of the Year gehört er auch zu den drei besten Verteidigern der NBA. 

Sein Gefühl für das Spiel, sowie seine Antizipation für die Aktionen des Gegners sind fantastisch. Er bewegt sich im Teamverbund perfekt und stopft jede noch so kleine Lücke. Er kann Abstände und Winkel ideal einschätzen und macht athletische Defizite durch Stellungsspiel und Basketball-IQ wett. Er ist auch bei den Bären der verbale Lenker und verteilt ständig Anweisungen. In meinen Augen ist er der eleganteste und beste Defensivspieler auf dem Hartholz Nordamerikas.


Dass er aber so überragende Two-Way-Fähigkeiten hat, macht ihn besonders wertvoll und gibt ihm den Vorzug vor allen anderen Spielern. Er mag offensiv nicht so dominant sein wie DeMarcus Cousins oder Kevin Love, aber er ist trotzdem viel, viel beschlagener als die DeAndre Jordans oder Roy Hibberts dieser Welt. Im Vergleich zu vielen Bigs ist Gasols Skillset aber auch nahezu einzigartig. Während die meisten Pivoten offensiv die Restricted Area für sich beanspruchen und mit ihren Fähigkeiten nur auf kurzen Entfernungen erfolgreich sind, kann Marc durch seinen Wurf auch vom High-Post oder aus der Mitteldistanz punkten. Dadurch lässt sich um ihn herum viel einfacher ein System aufbauen. Hat man im Team dann zusätzlich noch viele Slasher, würde ein klassischer Big oftmals selbst ein Hindernis für den Driver in die Zone darstellen. Marc kann Platz schaffen und seinen Verteidiger etwas heraus ziehen, weil sein Wurf respektiert werden muss.

Dies paart er mit tollem Playmaking. Nicht dass dies zur Jobbeschreibung eines Bigs in der NBA gehören muss, aber es ist, wie so vieles bei Marc, ein zusätzlicher Bonus. Er ist also nicht nur aufgrund seiner Punkte eine wichtige Offensivstütze der Grizzlies, sondern auch weil er (hauptsächlich vom High Post aus) ein exzellenter Passer ist.

Als die Kirsche auf dem Sahnehäubchen seiner Fertigkeiten würde ich seine Kompetenz, Freiwürfe zu  verwandeln, bezeichnen. Es gibt Guards in der Liga, die treffen oft keine 70% von der Linie. Gasol hat einen Karrierschnitt von 75%. Ein Wert, von dem Bigs nur träumen können. In diesem Jahr trifft er sogar über 80% bei über sieben (!) Versuchen, seine FT-Attempt-Rate liegt bei 50%, natürlich alles Karrierebestwerte. Beim Spanier musst du dir als Trainier nie Sorgen machen, ob du ihn in im vierten Viertel von der Platte nehmen musst. Ich glaube, beim Otto-Normal-Fan werden Freiwurf-Fähigkeiten viel zu unterbewertet. Aber wenn dein bester Verteidiger in der Crunchtime vom Feld muss, weil der Gegner Hack-a-Big spielen will, sind Probleme vorprogrammiert (Gruß nach Houston und Los Angeles!)... Marc, ich liebe dich!

Mauerfall 2015
Tiago Pereira @24Sekunden ... Jedes Jahr ist es derselbe Herzschmerz. Das Weinen im ungleichen Kampf um den Titel, zwischen Osten und Westen. Noch vor Weihnachten streifen die östlichen Franchisen ihren 08/500 Pelz ab und entblößen ihre sieglosen Fratzen. Der Osten wird getrieben von einem Kompass, dessen Nadel stets zum Süden der Tabelle zeigt. Furchteinflößend und teilnahmslos wandeln die ungeschlagenen Verlierer von einer Niederlage zur anderen, ehe sie im Tal der Playoffs angekommen sind. Wären da nicht die Strebsamen aus Toronto, bliebe der Osten ohne eine einzige Franchise mit 10+ Siegen an Thanksgiving. Danke Kanada, danke Drake.

Was jedoch im Hause Wall, James und Rose als Meisterleistung an den Pranger gestellt werden darf, dass reicht im Südwesten nicht einmal für Mittelmaßträume. Zusammen genommen erkämpfen sich die Teams der Southwest Divison fast doppelt so viele Siege (56) wie ihre Freunde vom Atlantik (27). Es pfeift einfach ein anderer Wind westlich von Philadelphia und co... Texarkana, das Mekka des Basketballs, liefert alles was das orangene Herz begehrt. Rivalitäten, Meister und Monobrauen sind spannender, als Not gegen Elend im Osten zu frönen. Im Vergleich zu den Grizzlies, wirken Bullen und Adler des Nordostens wie ein niedlicher Streichelzoo. 

Darum hier ein lauter Appell: die Conference-Mauer muss weg! Schluss mit NBA Ossis und Wessis. Gemeinsam alle gegen einander, lautet die Devise. Warum erst auf die Finals warten, um zu sehen wie Popovich den Miami Heat einen Strich durch die Rechnung macht, wenn es genauso lustig in Runde eins ist. Schluss mit der zweitbesten Conference. Schluss mit den zweitbesten Finals, auch wenn das heißt, dass der Osten Dauerzuschauer im Juni sein wird. Wer träumt nicht ebenfalls von einer Zukunft, in der die Clippers die Lakers in den NBA Finals schlagen, oder von einer Zweitrundenpaarung die Chicago gegen Memphis heißt? Wenn Kosmetik Tine Müller es schafft, ein Auto im Kopf umzuparken, dann kannst du, lieber Adam Silver, statt in deinem Divisionenkreisel Runden zu drehen, mit Vollgas in die Conference-freie Zone fahren!



O-Fer
Seb Dumitru @nbachefkoch ...Null Siege, 16 Niederlagen zum Start, durchschnittlich 13 Minuspunkte Differenz... bei Philadelphia geht wieder nix. Das mieseste Team der Vorsaison schickt sich an, noch mieser zu sein und neue Negativrekorde zu brechen. Die Tiefstmarke für die meisten konsekutiven Pleiten zum Start einer NBA-Saison liegt bei 18, aufgestellt in der Saison 2009-10 von den New Jersey Nets, die damals Spieler wie Yi Jianlian, Trenton Hassell und Josh Boone in die Startformation beorderten – vermutlich, um die eigenen Siegchancen am effektivsten zu minimieren. Das Expansionsteam der Miami Heat (1988-89) und später damals noch peinliche Los Angeles Clippers (1999) brachten es auf unrühmliche 17 Niederlagen zum Auftakt. 

Am häufigsten überhaupt in Serie verloren haben die Cleveland Cavaliers (2010-11) sowie die Vorgängeredition dieser Sixers in der vergangenen Saison: gleich 26 Mal in Folge schlichen die Mannen von Head Coach Brett Brown als Verlierer vom Feld. Schon einmal in diesem Kalenderjahr blieb dieser Klub zwei volle Monate ohne einen einzigen Sieg... bei drei bis vier Partien pro Woche eine unglaubliche Leistung.

Die erfolgloseste 82-Spiele-Saison aller Zeiten spielten vor gut 40 Jahren ebenfalls die Philadelphia 76ers, die 1972-73 unfassbare 73 Niederlagen bei nur neun Siegen über die Zeit brachten. Die nächste Chance, die eigene Negativserie auf 17 in Folge zu verbessern, gibt's für Philly am Montag Abend gegen den amtierenden Champ. Am Mittwoch ist es dann Showtime angesagt: Philadelphia kann gegen nicht ganz so erbärmliche, wenngleich dennoch bemitleidenswerte Minnesota Timberwolves den ersten richtigen Meilenstein in einer sicherlich rekordträchtigen Saison legen. Go Sixers!