21 November 2014

21. November, 2014   |  Marc Lange  @godzfave44


Mal leichtfüßig, mal mit der Brechstange: Nicht viele Spieler vereinen körperbetontes Spiel mit geschmeidigen Bewegungen. Deswegen liegt der Fokus heute auf einem Spieler, der dies schon seine ganze Karriere über in Perfektion verkörpert: Maybyner Rodney Hilario.


So hieß er zumindest bis 2003. Danach änderte er seinen Namen offiziell zu Nene. Der gebürtige Brasilianer spielt nun schon seit rund 14 Jahren in der NBA und ist neben Tiago Splitter und Anderson Varejao einer der bekanntesten Spieler vom Zuckerhut, die in den USA ihr Geld verdienen. Besonders Nene hatte es nicht immer leicht. Grund dafür sind zum größten Teil Verletzungen des 2,11m großen und 113kg schweren Big Man.

Geboren in Sao Carlos (ca. 230 km von Sao Paulo entfernt), hatte Nene bereits in seiner Kindheit diesen Spitznamen verpasst bekommen - weil er stets der Jüngste war. Interessant zu erwähnen ist, dass ihm die Basketballschuhe nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurden. Im Land des Fußballs kam auch er im Kindesalter nicht an der Passion der Brasilianer vorbei und spielte stets mit seinen Freunden auf den Straßen in Sao Carlos. Auch heute scheint dieser Sport noch immer tief in Nenes Herzen verankert zu sein: Während des Lockouts 2011 spielte er in Brasilien Fußball, um sich fit zu halten, während andere Spieler in der Halle schwitzten. Viele Verteidiger im professionellen Fußball sind wahrscheinlich heute noch froh darüber, dass der brasilianische Brocken sich dafür entschieden hat, sein Unwesen hauptberuflich lieber in der Zone zu treiben, als in einem Strafraum.

Talent
Trotzdem kam irgendwann die orangene Lederpille in Nenes Leben. Er fing an zu spielen und zeigte Talent. So viel Talent, dass er im zarten Alter von 18 bereits ein fester Bestandteil des brasilianischen Basketballclubs Vasco da Gama wurde. Der für seine Größe unglaublich leichtfüßige und athletische Südamerikaner kam in seinem ersten Jahr in 38 Spielen auf 7,9 Punkte und 5,9 Rebounds pro Spiel bei einer Trefferquote von 68,9 Prozent aus dem Feld. In seiner zweiten Kampagne für Vasco verbesserte er sich in fast allen wichtigen Statistiken. So kam er am Ende der Saison auf 13,2 Punkte, 10,1 Rebounds, 1,7 Blocks und 1,3 Steals im Schnitt. Seine Feldwurfquote betrug dabei immer noch sensationelle 66,7 Prozent. Die hohe Feldwurfquote sollte später auch ein Markenzeichen des Brasilianers in der NBA werden. 

Nach den guten Leistungen in der Liga und mit der Selecao bei den Goodwill Games 2001 wurden mehr und mehr NBA Scouts auf Nene aufmerksam. Nach einem Predraft-Camp bei den Chicago Bulls meldete er sich schließlich 2002 für den Draft an. Gezogen wurde Nene, als erster Brasilianer in Runde eins überhaupt, an Position #7 - von den New York Knicks. Diese tauschten ihn jedoch sofort weiter zu den Denver Nuggets. Ein Glücksgriff, wie sich für die Mannschaft aus Colorado herausstellte: Der 2002er Draft sollte nämlich als einer der schwächsten in die Geschichte eingehen.

Goldnugget
Bereits in seinem ersten Jahr in der NBA machte Nene positiv auf sich aufmerksam. In 28 Minuten pro Spiel verbuchte er 10,5 Punkte 6,1 Rebounds und 1,6 Steals. Hinzu kam eine starke Trefferquote aus dem Feld von knapp 52 Prozent, an die man sich bei diesem ihm schnell gewöhnen musste. Diese Leistungen halfen ihm dabei, ins All Rookie First Team berufen zu werden. Der Weg zu einem Top Center in der NBA schien geebnet zu sein.

Es kam anders: Während er in seinen ersten beiden Jahren noch 157 von 164 möglichen Spielen bestritt, sanken diese Zahlen in den nächsten Spielzeiten rapide ab. In den folgenden vier Kampagnen mit den Nuggets kam Nene nur auf insgesamt 136 Partien. Der Grund: Viel Verletzungspech, in verheerender Art und Weise. Sein Kreuzband, Innenband und Meniskus machten sein Knie für lange Zeit zu einem Schlachtfeld und kosteten den Mann, der stets den Schriftzug "Jesus" auf seinen Schuhen trägt, immer wieder Spielzeit. Doch es war nicht nur das Knie, das ihm Probleme bereitete.



Im Januar 2008 gab Nene öffentlich bekannt, an Hodenkrebs zu leiden und auf unbestimmte Zeit den Basketball Court verlassen zu müssen. Drei Tage später wurde ihm ein Tumor in diesem Bereich entfernt. Karriereende...? Nicht für den leichtfüßigen Riesen aus der kleinen Stadt Sao Carlos! Nene kehrte bereits drei Monate (!) nach der OP wieder aufs Parkett zurück. Mit Standing Ovations wurde er vom Publikum gefeiert, als er für die letzten knapp 80 Sekunden eingewechselt wurde. Ein ganz großer Moment im Leben des Brasilianers - und der NBA.

Nach überstandenen Verletzungsproblemen sollte Nene stärker zurückkommen als jemals zuvor. In der Saison 2008/09 lieferte er Bestwerte bei den Punkten und Rebounds ab (14,6 PPG, 7,8 RPG). Diesen Schnitt hielt der Mann vom Zuckerhut auch über die nächsten Jahre, in denen er zur Abwechslung mal frei von Verletzungspech blieb. Zusätzlich führte er die Liga 2010/11 bei der Feldwurfquote an (61,5% FG). Diese konstanten Leistungen bescherten dem Big Man seinen ersten richtigen Zahltag: Die Nuggets verlängerten Nenes Vertrag um weitere fünf Jahr für satte 67 Millionen Dollar. Diese Zeit sollte er jedoch nicht mehr in Colorado erleben. 

Go East
Nach zehn Jahren in Denver und sieben Playoffteilnahmen war das Nuggets-Kapitel für Nene 2012 beendet. Die Vereinsführung tradete den leidenschaftlichen Fußballer zu den Washington Wizards. Dort gehörte er in seinem ersten Jahr mit 12,6 Punkten und 6,7 Rebounds pro Partie wieder zu den Leistungsträgern und zu den besseren Centern der Liga. Hinzu produzierte er Career Highs bei den Assists (2,9) und der Freiwurfquote (72,9%).

Der mittlerweile 32 Jahre alte Brasilianer hat es geschafft, sich trotz etlicher gesundheitlicher Rückschläge in der NBA zu etablieren und konstant abzuliefern. Er performt immer noch auf einem hohen Level und ist ein Spieler, auf dessen Skillset sich sein Team stets verlassen kann.


Offensiv kann er mit dem Rücken zum Korb oder aus der Mitteldistanz agieren. Und das sehr gut, wie selbst Verteidigungsspieler Joakim Noah in den vergangen Playoffs erfahren musste. Auch defensiv weiß Nene seine Wucht einzusetzen und geht keiner Konfrontation aus dem Weg – körperlich wie verbal. Besonders einer jungen Wizards-Truppe um John Wall und Bradley Beal wird der erfahrene Nene noch einiges mitgeben können.

Sicherlich würde der südamerikanische Hüne gerne noch einmal an einer Finals-Teilnahme schnuppern - wie 2009, als er mit Denver kurz davor scheiterte - um seine Karriere mit dem ultimativen Highlight zu beenden. Die Chancen im Osten sind besser, erst recht mit einem heute tiefen und erfahrenen Wizards-Team. Dafür gibt sich Nene selbst aber nur noch knapp zwei Jahre Zeit. Wieso?

Nach den Olympischen Spielen 2016 möchte Nene seine Basketballschuhe an den Nagel hängen, um sich noch intensiver der christlichen Religion und gemeinnütziger Arbeit in einer Kirche seines Heimatlandes zu widmen. Ein vielleicht letzter, tiefer Playoff-Run steht ganz oben auf seiner Agenda. Ganz nach dem brasilianischen Motto: "Malhar no ferro enquanto está quente" (Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist).