15 November 2014

14. November, 2014   |  Axel Babst  @CoachBabst


Am Freitag beginnt nach fast achtmonatiger Pause die neue Men's Basketball NCAA-Saison - "endlich", wie jeder College-Bball-Nerd lautstark proklamieren wird. NBACHEF stellt euch alle Top-Teams der Spielzeit 2014/15 vor - mit einer Detailliebe, wie ihr sie hierzulande kein zweites Mal finden werdet. 


Vergangene Saison
Die Bezeichnung Traumstart ist eigentlich noch eine Untertreibung, will man den Saisonbeginn der Wildcats in der abgelaufenen Spielzeit in einem Wort zusammenfassen. Ungeschlagen marschierten Sean Millers Studenten durch ihren Non-Conference Schedule, der auch aus Duellen gegen hochklassige Teams wie San Diego State (69:60 bei den Aztecs), Duke (72:66 im Madison Square Garden) oder auch Michigan (72:70 bei den Wolverines) beinhaltete. Auch in der Conference Saison ging es zunächst so weiter, bis zum 1.Februar, das Datum, das die Dominanz der Wildcats kippte. Gerade einmal zwei Minuten sind gegen die California Bears gespielt, als Brandon Ashley nach einem vergebenen Babyhook dem Ball nachgeht und anschließend im Getümmel zu Boden geht. Schon einen Tag später ist klar, dass Ashley kein Spiel mehr in dieser Saison bestreiten wird und sich einer Operation am Fuß unterziehen muss, um ein verletztes Band im Fuß reparieren zu lassen. Noch im Spiel merkt man Ashleys Mitspieler den Schock an. Sie spielen verkrampft und können zu keiner Phase des Spiels wirklich ihr Ding durchziehen. Bitterer Abschluss des Abends ist dann der Gamewinner von Cal Guard Justin Cobbs 0,9 Sekunden vor dem Ende der Partie. Nach 21 Siegen hatte nun die weiße Weste einen Fleck abbekommen. Doch immerhin fing sich das Team recht schnell wieder und stieß beim Conference Turnier ins Finale vor. Dort mussten sich die Wildcats allerdings den UCLA Bruins geschlagen geben.  
Dem Selection Comittee reichte die erbrachte Leistung dennoch aus, um Arizona als 1 Seed im Bracket zu platzieren. Im Turnier fand Arizona dann wieder zu alter Stärke und besiegte Weber State, Gonzaga und San Diego State. Erst im Elite Eight zog die Auswahl aus dem Grand Canyon State nach einer packenden Partie den Kürzeren gegenüber Wisconsin.    

Abgänge
Nick Johnson (G 6-3), Aaron Gordon (F 6-9), Jordin Mayes (G 6-3)
Auf den ersten Blick weiß man gar nicht, welcher Verlust schwerer wiegt. Ist es Nick Johnson, der sich im Laufe der Saison zum Go-to-Guy in kniffligen Situationen entwickelte? Vor Saisonbeginn behaupteten viele Experten, dass den Wildcats ein solcher Spieler fehlen würde. Nick Johnson belehrte sie eines Besseren. Oder ist es doch Aaron Gordon? Ein athletischer Freak, der Arizonas Defense nochmal auf ein höheres Level hievte und mit seiner Vielseitigkeit und den Anlagen eines Point Forwards Brandon Ashleys Ausfall sehr gut kompensierte. In jedem Fall sind beide Abgänge herbe Verluste, zumal beide noch mindestens ein weiteres Jahr spielberechtigt gewesen wären. Jordin Mayes spielte unter Sean Miller nie eine große Rolle. Wenn, dann kam er, um ein paar Minuten Entlastung und Defense zu bringen, falls die Starter Foulprobleme hatten. 

Zugänge
Kadeem Allen (G 6-3, Jr), Parker Jackson-Cartwright (G 5-8, Fr), Stanley Johnson (F 6-6, Fr), Dusan Ristic (C 7-0, Fr), Craig Victor (F 6-7, Fr)
Die wichtigste Neuerrungenschaft ist Freshman Stanley Johnson. Er soll dazu beitragen, die Lücke zu schließen, die Aaron Gordon hinterlässt. Zudem ist er die Notfallversicherung für den Fall, dass Brandon Ashley nach seiner Verletzung nicht wieder der alte ist. Johnson ist ein kräftiger Spieler, der ähnlich wie Gordon sehr variabel ist. Er kann rebounden, den Ball nach vorne bringen, seine Mitspieler finden und, im Gegensatz zu Gordon, auch mal aus der Distanz einnetzen. Dafür fehlt ihm noch die Explosivität eines Gordons oder Hollis-Jeffersons. Auch im 1-1 kann er seinen Gegenspieler noch nicht konstant schlagen. Im Miller'schen System sind diese Tugenden in der Regel aber auch nicht so sehr gefragt.  
Ein weiterer interessanter Neuzugang ist Junior College Transfer Kadeem Allen. 25,9 PPG sind schon mal eine Ansage. Doch es sind nicht die Statistiken, die ihn so wertvoll machen, sondern viel mehr die Aussicht auf einen potenten Scorer, der sich seinen eigenen Wurf kreieren kann. Genau das, was am Ende gegen Wisconsin im letzten Angriff gefehlt hat.   
Jackson Parker-Cartwright ist ein pfeilschneller Guard, der allerdings deutliche Größennachteile ausgleichen muss.   
Craig Victor ist sehr talentiert und ein weiterer variabler, athletischer Forward. Er muss noch an Masse zulegen. Eine weitere perspektivisch wichtige Zusage holte Sean Miller sich im März als Krönung seiner diesjährigen Recruiting Class ab.  
Mit Dusan Ristic kommt ein hochtalentierter 7-Footer nach Tucson, der bei vielen anderen College Teams wahrscheinlich Starter wäre, sich aber nun hinter Tarczewski seine Sporen verdienen muss. 

Verbleibender Kader
Brandon Ashley (F 6-8, Jr), Rondae Hollis-Jefferson (F 6-7, So), Matt Korcheck (F 6-10, Sr), T.J. McConnell (G 6-1, Sr), Elliott Pitts (G 6-5, So), Kaleb Tarczewski (C 7-0), Gabe York (G 6-3, Jr)



Coach
Sean Miller
6.Saison 129-48 Record (Arizona), 11.Saison 249-95 Record (Insgesamt), 7 Mal NCAA Tournament, 2 Mal Sweet Sixteen, 3 Mal Elite Eight
Sean Miller war ein wahrer Glücksgriff für die Arizona Wildcats. Was er auf die Beine stellte, seit er 2009 kam, ist aller Ehren wert. Ausschlaggebend für seinen Erfolg sind insbesondere zwei wesentliche Aspekte des College Coachings, die momentan unverzichtbare Eckpfeiler für den Erfolg sind. Erstens ist er ein talentierter Recruiter. Das ist vermutlich sogar die wichtigste Eigenschaft, die er besitzt und für die er bereits hochgradig von allen Seiten gelobt wird. Er hat es geschafft, mit Nick Johnson, Kaleb Tarczewski, Brandon Ashley, Aaron Gordon, Rondae Hollis-Jefferson und Stanley Johnson gleich mehrere hochgehandelte und sehr begehrte Youngster für sich zu gewinnen. Ganz zu schweigen von Solomon Hill, Derrick Williams und Grant Jerrett, die dank ihm auch in der NBA landeten. Jeff Goodman, Analyst bei ESPN, nennt ihn gerne den Cal des Westens, in Anlehnung an John Calipari.

Aber das allein bringt noch nicht zwangsläufig Erfolg. Da auch Miller sich dessen bewusst ist, hat er eine Spielkultur im McKale Center etabliert. Diese definiert sich in erster Linie über teamorientiertes Spiel an beiden Enden des Feldes. In der Defense verteidigt jeder für den anderen mit und trägt seinen Teil dazu bei, dass die in der Defense Zement angerührt wird. Im Angriff gibt es keine Einzelaktionen, sondern alles entwickelt sich aus dem Spielsystem heraus. Bei diesem Spielsystem legt Miller großen Wert auf Präzision im Pick & Roll und ein dominantes Insidespiel. Dieses Jahr hat Miller nun alle Teile vereint, die er am liebsten in seinem Team sieht. Dominante Big Men, athletische Flügel, ein Pass-First-PG und jede Menge Talent.


Backcourt
T.J. McConnell, Stanley Johnson
Er kam vor der letzten Saison mit vielen Vorschusslorbeeren nach Arizona. Und diesen wurde der Junior College Transfer absolut gerecht. Seine Defense war beeindruckend und bissig, sodass schnell Vergleiche mit Ohio States Aaron Craft aufkamen, die gar nicht mal so weit hergeholt waren. Glücklicherweise besitzt McConnell jedoch einen besseren Wurf, mit dem er auch einen Großteil seines Scorings erzielte. Nun kennt er das Team und sollte noch effektiver sein, als noch zuvor.

Johnson wird die neue Allzweckwaffe der Wildcats. Von den Positionen 1-4 kann er jede verteidigen, was ihn unheimlich wertvoll macht. Offensiv wird er sich in das System einordnen müssen, was aber nicht allzu problematisch sein sollte. Lernt er hierbei, die richtige Ausstiege für sich zu nutzen, kann er auch offensiv glänzen, denn dank seines kräftigen Oberkörpers kann er überall in Zonennähe mühelos finishen. Fällt zudem sein Wurf einigermaßen konstant, ist das Paket komplett und fertig zum Versand Richtung NBA.

Frontcourt
Rondae Hollis-Jefferson, Brandon Ashley, Kaleb Tarczewski
Unter Umständen könnte dieser Starterposten auch an Gabe York gehen. Aber nicht, weil York besser oder talentierter ist, sondern Hollis-Jefferson einfach der perfekte Sixth Man ist. Als Energizer von der Bank bringt er Toughness, Rebounding und Defense. Über den Sommer hat er zudem wie besessen an seinem Wurf, der bis jetzt non-existent war, gearbeitet. Kann er das Resultat der investierten Zeit auf Spiele übertragen, wird es für Miller unmöglich ihm den Job als Starter zu verwehren.

Vor seiner Verletzung war Ashley der wichtigste Spieler in der Offense der Wildcats. Als 2 Meter großer Forward, der zum Korb ziehen, aufposten und einen offenen Wurf treffen kann, war Ashley für die meisten Kontrahenten schlicht nicht zu halten und zog damit eine Menge Aufmerksamkeit auf sich. Dadurch öffnete er seinen Frontcourt Partnern Freiräume, die diese dann effektiv nutzen konnten. Eine ähnliche Rolle wird er auch dieses Jahr einnehmen, wobei er vermutlich mehr als Vollstrecker in Erscheinung treten kann, da die Schützen der Wildcats dieses Jahr zahlreicher und effizienter sind. Das einzige kleine Fragezeichen könnte hinter seinem Gesundheitszustand stehen. Doch Miller klang in Interviews den ganzen Sommer über optimistisch in Zusammenhang mit diesem Thema.

Es gibt nur eine Hand voll Center in Tarczewskis Größenordnung und Gewichtsklasse. Noch weniger haben einen so guten Touch in Ringnähe oder eine derart gute Motorik. Während der Center der Wildcats sich im ersten Jahr mit dem höheren Tempo auf College Ebene arrangieren musste und dem Tribut in Form von massenweise Fouls zahlen musste, präsentierte er sich letztes Jahr wesentlich stabiler und konnte Foulproblemen aus dem Weg gehen. Auch im Post agierte er wesentlich selbstsicherer und zeigte ein größeres Arsenal an Bewegungen. Für die anstehende Saison sollte sich der Junior noch öfter im Post zeigen und seine Gegenspieler auch hin und wieder dominieren. Entwickelt er sich in diese Richtung, kann ihm Mason Plumlee als Vorbild dienen. Plumlee, der inzwischen NBA- und WM-Erfahrung aufweist, legte einen ähnlichen Werdegang an der Duke University hin. Auch er hatte zunächst nur seine körperlichen Anlagen zu bieten und geriet dabei schnell in Foulprobleme. Doch als Senior war er die wichtigste Waffe im Angriff. Das sollte auch Tarczewskis Ziel sein, eventuell schon diese Saison.



Bank
Typischerweise lässt Sean Miller nur 8 Spieler auflaufen und spielt mit einer sehr kleinen Rotation. Das zwingt die Spieler dazu, in jedem Training Vollgas zu geben, um sich Einsatzzeiten zu sichern. Vielleicht sollte Miller aber in diesem Jahr überlegen, davon abzurücken. Besonders im Backcourt ist das Team dieses Jahr tiefer besetzt als noch 2013/2014. Gabe York ist ein giftiger Verteidiger und exzellenter Schütze. Nach dem Ausfall Ashleys rückte er in die Starting Five und war bereit, seine Leistung zu bringen. Eine weitere Option, die neu ist und eine Schwäche ausmerzen soll, die den Wildcats letzten Jahr das Genick gebrochen hat, ist Junior College Transfer Kadeem Allen. Er soll für Instant Scoring sorgen und aus dem 1-1 für sich und seine Mitspieler Würfe herausspielen. Einer der davon profitieren könnte, ist Elliott Pitts. Pitts ist ein großer Guard, der über einen exzellenten Wurf im Catch-and-Shoot verfügt. Auch er sah nach Ashleys Verletzung deutlich mehr Minuten. Mit Parker Jackson-Cartwright kommt ein weiterer Guard hinzu, der aber vermutlich in seiner ersten College Saison noch keine nennenswerten Einsätze erhalten dürfte. Sein neuer Coach vertraut in der Regel den Spielaufbau nur alteingesessenen Spielern an. Selbst bei hoher Foulproblematik sind dieses Jahr genug hochwertige Ballhandler im Kader, um einen Einsatz des gerade einmal 1,73m-großen Freshman zu vereiteln.
Auch im Frontcourt bieten sich diese Saison mehr Alternativen. Matt Korcheck und Dusan Ristic werden sich um den Backup Spot hinter Tarczewski streiten. Korcheck kam nach der Umstellung der Rotation auch zu mehreren Kurzeinsätzen und brachte Defense und Energie. Ristic ist sicherlich deutlich talentierter, wird sogar als potentieller Lottery-Pick gehandelt, zumindest mittelfristig, aber er muss sich erst noch auf die Spielweise am College umstellen. Ähnlich wie Tarczewski vor zwei Jahren. Selbiges gilt auch für Forward Freshman Craig Victor, der ebenfalls als sehr talentiert gilt, aber noch an Muskelmasse zulegen muss und nicht über Kurzeinsätze hinter den starken Forwards der Wildcats hinauskommen wird.

Ausblick
Obwohl die Jungspunde aus Arizona einige herbe Verluste zu beklagen haben, sind sie meiner Meinung nach besser aufgestellt als im Vorjahr. Sie sind deutlich tiefer und nicht so anfällig bei einer möglichen Verletzungsmisere. Fast jede Position ist doppelt besetzt. Interessant wird in der Tat zu sehen sein, wie Miller mit dieser Tiefe umgeht. Rückt er von seiner standardisierten 8-Mann-Rotation ab oder bleibt er seinem Konzept treu? Das ist ein wahres Luxusproblem, um das ihn viele Konkurrenten beneiden dürften. Kriegt er das in den Griff und entwickelt sich wieder eine homogene Einheit, wonach es im Moment aussieht, dann ist der PAC-12 Titel fast schon Pflicht und auch das Final Four eine realistische Angelegenheit.