15 November 2014

14. November, 2014   |  Axel Babst  @CoachBabst


Am Freitag beginnt nach fast achtmonatiger Pause die neue Men's Basketball NCAA-Saison - "endlich", wie jeder College-Bball-Nerd lautstark proklamieren wird. NBACHEF stellt euch alle Top-Teams der Spielzeit 2014/15 vor - mit einer Detailliebe, wie ihr sie hierzulande kein zweites Mal finden werdet. 


Vergangene Saison
Phänomenal. Mit diesem einen Wort lässt sich der Beginn der vergangenen Saison beschreiben. Satte 25 Mal konnten die orange gekleideten Studenten aus dem New Yorker Umland ungeschlagen das Parkett verlassen, ehe sie den ersten Rückschlag hinnehmen mussten. Dabei hatte sie vor der Saison niemand in dieser Form auf seinem Zettel stehen. Zu viel schien von dem Auftritt des kanadischen Aufbau Neulings Tyler Ennis abzuhängen. Aber auch hinter anderen Spielern standen Fragezeichen, die sich jedoch schnell in Wohlgefallen auflösten. Trevor Cooney traf die wildesten Dreier, C.J. Fair tat es ihm zumindest aus der Mitteldistanz gleich. Dazu kam ein überragender Tyler Ennis, der sich Woche für Woche steigerte und mehr mediales Interesse genoss, was ihn aber scheinbar nur noch unbekümmerter werden ließ. Zudem stand die Matchup Zone von Trainerfuchs Jim Boeheim felsenfest und erlaubte dem Gegner keine Atempause. Doch Anfang Februar begann die Dominanz dann etwas zu bröckeln. Die ACC entwickelte sich zu der großen Herausforderung für Syracuse, als die sie zuvor viele Experten prognostizierten. Als die Duke University mit Cheftrainer Mike Krzyzewski den heimischen Carrier Dome besuchte, fand sich eine Rekordkulisse von über 33.000 Fans dort ein und bekam einen packenden Overtime Thriller zu sehen, in dem Duke die Zone der Orange mit Dreiern in jedem Angriff zu knacken schien, während sich die Athleten von Boeheim an der Freiwurflinie jeden Punkt hart erkämpfen mussten, sich dadurch aber für die entscheidende Phase des Spiels warm geworfen hatten. In Pittsburgh rettete Ennis sein Team mit einem irrwitzigen Dreier vom Parkplatz in der Schlusssekunde, der den knappen Sieg bedeutete. Ähnlich knapp konnte man in der darauffolgenden Begegnung North Carolina State mit einem Zähler Vorsprung besiegen. Doch damit war das Quäntchen Glück der Saison aufgebraucht und im 26.Spiel setzte es die erste Schlappe gegen das schwache Boston College. In den drei letztgenannten Partien wurden die Schwächen der Syracuse Offense sehr deutlich, denn es fehlte einfach das Unberechenbare und man war zu abhängig von guten Leistungen der wichtigen Spieler. Auch im Rückspiel gegen Duke unterlag Syracuse. Zum Abschluss der Regular Season gab es noch eine heftige Klatsche in Virginia und eine bittere Niederlage gegen Underdog Georgia Tech. Im ACC Tournament schied man sogar in der ersten Partie gegen North Carolina State aus. Das schien eine Woche später jedoch keine Rolle mehr in den Köpfen der Athleten zu spielen, da man die erste Aufgabe des March Madness souverän mit einem 77:53-Erfolg über Western Michigan löste. Anschließend wartete Dayton als Kontrahent. Die Flyers blieben lange im Spiel und hatten am Ende die besseren Optionen in der Offense, sodass sie zur Überraschung der meisten College Begeisterten tatsächlich die wochenlange Nummer 1 des College Basketballs aus dem Titelrennen warfen. 

Abgänge
Tyler Ennis (G 6-2), C.J. Fair (F 6-8), Jerami Grant (F 6-8), Baye-Moussa Keita (C 6-10)
Auf mehreren Ebenen brechen dem Teamgebilde wichtige Eckpfeiler weg. Tyler Ennis war der Organisator der Offense und der Closer in engen Spielen. Selten hat ein Freshman Point Guard ein so hochkarätiges Team derart souverän angeführt. Er interpretierte seine Aufgabe als Aufbauspieler als klassischer Regisseur. Zwei Stärken konnte er fast minütlich demonstrieren. Einerseits waren das seine gut getimeten Pässe auf die Shooter, die sich zuvor um Blöcke gewunden hatten, um frei zu werden. Andererseits, und vielleicht noch beeindruckender, war er ein Maestro des Pick & Roll. Oft hielt er den Ball in den entscheidenden Momenten des Angriffs in den Händen und fabrizierte meist ein zufriedenstellendes Resultat. War es nicht Ennis, der den Abschluss in der Offense einleitete oder selber ausführte, gebührte diese Rolle C.J. Fair. Der athletische Linkshänder setzte zuletzt den Trend seines verbesserten Wurfes fort und zeigte in seinem Senior Jahr, dass er einer der besten Scorer auf College Ebene war und über einen tödlichen Mitteldistanzwurf verfügt. Letzter Teil des offensivstarken Dreigestirns, auf das Jim Boeheim demnächst verzichten muss, ist Jerami Grant. Als Rohdiamant betrat er den Campus und entwickelte sich zusehends zu einem guten Finisher in Korbnähe. Dazu erarbeitete er sich Bewegungen, wie seinen Spinmove, mit denen er regelmäßig seine Gegenspieler schlagen konnte. In der Defense war er mit seiner Athletik und seinen langen Armen eine große Hilfe. Genau das konnte auch Baye-Moussa Keita von sich behaupten und war der Anker der Zonenverteidigung. Vom Zentrum aus dirigierte er seine Vorder- und Nebenleute hervorragend und erstickte alle Wurfversuche von durchgebrochenen Spielern im Keim. Sein Wert für das Team war größer, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. 



Zugänge
Kaleb Joseph (G 6-3, Fr), Chris McCullough (F 6-10, Fr)  
Nur zwei Freshmen sind neu auf dem Campus im Norden New Yorks. Beide sollen von Tag eins an wichtige Rollen in der Mannschaft übernehmen. Auf Kaleb Joseph wartet das Erbe von Tyler Ennis. Er ist nun der vierte Spielmacher in vier Jahren. Dabei wird Joseph sich viele Vergleiche mit seinen Vorgängern gefallen lassen müssen. Zumindest solange, bis die Medien merken, dass er ein gänzlich anderer Spielertyp als Ennis oder Carter-Williams ist. Chris McCulloughs Zusage hat ebenfalls große Erwartungshaltungen hervorgerufen. Ihm wird bescheinigt, dass er sehr gut zum Stil der Orange passt. Als Hometown Kid aus der Bronx sollte er sich auch schnell eingewöhnen. 

Verbleibender Kader
Rakeem Christmas (F 6-9, Sr), Dajuan Coleman (F 6-9, Jr), Trevor Cooney (G 6-4, Jr), Michael Gbinije (G 6-7, Jr), B.J. Johnson (F 6-7, So), Chinonso Obokoh (C 6-9, So), Ron Patterson (G 6-2, So) Tyler Roberson (F 6-8, So) 



Coach
Jim Boeheim
39.Saison 948-319 (Syracuse & Insgesamt), 31 Mal NCAA Tournament, 11 Mal Sweet Sixteen, 2 Mal Elite Eight, 1 Mal Final Four, 2 Mal Finale, 1 Mal Champion
Jim Boeheim vereint gleich mehrere Eigenschaften. Er ist die Ruhe in Person auch in kritischen Situationen und hat dadurch einen positiven Einfluss auf seine Spieler. Zudem revolutionierte er die Zonenverteidigung. Mit seiner Idee, diese Verteidigungsform von einer abwartenden passiven Defense zu einer aggressiven tempoverändernden Verteidigung umzuwandeln, stellte er schon viele Gegner vor schier unlösbare Aufgaben. In der Offense setzt Boeheim auf die gute Ausführung des Pick & Roll, sowie die individuelle Qualität seiner Schützlinge. Ist diese jedoch nur in begrenztem Maß vorhanden, bekommt Syracuse oft Probleme im Angriff.

Backcourt
Kaleb Joseph, Trevor Cooney, Michael Gbinije
Man sollte auf keinen Fall den Fehler machen, Kaleb Joseph mit Tyler Ennis zu vergleichen. Beide sind sehr unterschiedliche Spielertypen, die sich nur in einer ähnlichen Situation befinden bzw. befanden. Während das Aufgabenfeld eines Aufbauspielers in einer leitenden Figur sah, die beim Pick & Roll die Mitspieler einbezieht und erst an das eigene Scoring denkt, wenn die Zeit knapp wird, ist Joseph eher jemand, der von seiner Athletik lebt. Mit seinem kräftigen Körper versucht er, sich bis zum Korb durchzutanken und dort auch gegen Big Men zu vollstrecken. Sein explosiver erster Schritt und seine atemberaubende Sprungkraft bieten dabei einen großen Gegensatz zu Vorgänger Ennis. Das könnte zwar bedeuten, dass Joseph mehr Fehler begehen wird, da seine Spielweise einfach risikoreicher ist, doch gleichzeitig bieten sich neue Gelegenheit in der Defense und beim Fastbreak. Er könnte die Zone noch effektiver machen und daher mehr Ballverluste erwirken, was wiederum in erhöhten Fastbreakchancen resultieren könnte. 

In der letzten Saison bot sich dem Shooter die Möglichkeit, seine Fähigkeit von der Dreierlinie zu demonstrieren. Und die nutzte er hervorragend. Mit Selbstvertrauen und ungetrübter Selbstverständlichkeit feuerte einen Dreier nach dem nächsten ab und gab seinen Nebenleuten wichtige Impulse in der Offense. Dabei profitierte er aber auch von diesen, da sie ihm meist im Vorhinein zahlreiche Blöcke abseits des Balls gestellt hatten, damit er unbehelligt seine Würfe loswerden konnte. Bekam er dann den Ball reichte ihn schon ein kleiner Vorsprung nach den Blöcken, um einen guten Wurf loszuwerden, da er über eine exzellente Fußarbeit und einen schnellen Release beim Wurf verfügt. In der Defense hat er das Konzept von Boeheim mittlerweile sehr gut verinnerlicht und die Zone hilft ihm, seine offensichtlichen Mängel in der 1-1 Defense zu kaschieren. 

Aufgrund mangelnder Alternativen und seiner Vielseitigkeit durfte sich Gbinije zuletzt als Backup für Ennis und Cooney versuchen und wurde somit auch mit dem Ballvortrag betraut. Diese Aufgabe erfüllte der Duke Transfer solide und ließ sich nur wenige Fehler zu Schulden kommen. In der anstehenden Spielzeit wird er diese Rolle eventuell erneut ausfüllen müssen, zusätzlich aber auch sein Glück als Starter auf dem Flügel versuchen dürfen. Sein Dreier ist akzeptabel und das Jahr als Aufbau half ihm dabei, an seinem Zug zum Korb zu feilen. Nun schafft er es unfallfrei, mit zwei bis drei harten Dribbling bis zum Brett vorzustoßen. In der Defense ist er mit seiner Länge eine gute Ergänzung zur Zonenverteidigung der Orange. 

Frontcourt
Chris McCullough, Rakeem Christmas
Auf den ersten Blick sieht der Freshman nach einem absoluten Volltreffer für Jim Boeheim und seinen Trainerstab aus. McCullough ist für einen Power Forward auf College Ebene fast schon riesig und dazu noch extrem agil. Seine langen Arme sind wie geschaffen für die 2-3-Zone der Orange. Doch nicht nur in der Defense wird der Big Man für viel Freude durch Blocks und Steals, die er sehr gut antizipiert, sorgen. Gerade in anschließenden Fastbreaksituationen soll er mitlaufen und für Gefahr sorgen. In der Offense besitzt der New Yorker ebenfalls viel Potential. Sein Wurf ist sehr ausgereift für einen Mann seiner Größe und fällt daher sogar aus der Distanz schon gelegentlich. Wo ist also der Haken? Ihm wurde zuletzt vorgeworfen, nicht immer mit 100 Prozent bei der Sache zu sein und sich Pausen zu gönnen. Auch eine gewisse Lustlosigkeit wurde ihm bescheinigt. Außerdem scheut er Körperkontakt, was seine Spielweise bestimmt, da er lieber einen Jumper nach dem nächsten abdrückt, anstatt seine Größe unter dem Korb zu nutzen. Doch wo sonst könnte McCullough besser aufgehoben sein als bei Syracuse? Er spielt in seiner Heimatstadt und passt perfekt in Boeheims Philosophie. 

Christmas ist seit seiner ersten Saison für Boeheim ein fester Bestandteil seiner Rotation. Besonders ein Grund ist dafür ausschlaggebend. Sein Verhalten in der Matchup Zone. Egal ob als mittlerer Verteidiger oder auf einer der beiden Außenpositionen aufgestellt, Christmas macht einen phänomenalen Job und hievt das Niveau der Zone auf ein höheres Niveau. Seine langen Armen sind hinderlich in den Passwegen des Gegners. Zudem rotiert er blitzschnell. Selbst in scheinbar aussichtslosen Momenten, in denen das gegnerische Team die Zone geknackt zu haben scheint, kann er die Situation noch mit einem spektakulären Block retten, da er sehr schnell abspringt und sich immer über Ringhöhe befindet. In der Offense konnte er sich zusätzlich jedes Jahr ein Stück verbessern, sodass er mittlerweile als Blocksteller im Pick & Roll oder sogar als Postupspieler eine gute Offensivoption darstellt. 


Bank
Die Rotation der Orange wird auch in diesem Jahr wieder sehr dünn ausfallen und bei Verletzungen oder ähnlichen Problemen auf eine harte Probe gestellt. Einziger potentieller Backcourt Spieler ist Ron Patterson. Dieser sah in der vergangenen Saison kaum Spielzeit und wurde in den wenigen Minuten nicht ins Spiel einbezogen. Auf den Forward Spots sieht die Auswahl nicht viel größer aus. Die beiden Sophomores B.J. Johnson und Tyler Roberson sind die einzigen Optionen. Roberson konnte in einigen Kurzeinsätzen zwar gute Ansätze skizzieren, doch ob er wirklich bereit für regelmäßige Minuten ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Seine Athletik lässt jedenfalls darauf hoffen, dass er sich in der Defense nahtlos einfügt. Die geringsten Sorgen hat Jim Boeheim auf dem Papier bei seiner Big Man Rotation. DaJuan Coleman durfte sich in seiner bisherigen Laufbahn sogar schon mehrfach als Starter versuchen. Dabei erfüllte er seine Rolle an beiden Enden des Feldes sehr gut. In der Defense verstand er das Konzept der Zone schnell. Im Angriff konnte er zudem seine Masse geschickt einsetzen und für sein Team zuverlässig Punkte einstreuen. Doch zuletzt bremsten ihn immer wieder Verletzungen aus und daher stellt sich auch diese Saison die Frage, wie oft er wirklich für sein College antreten wird. In der Hinterhand hat Boeheim ansonsten noch Chinonso Obokoh, der in seiner ersten Saison nur am Trainingsbetrieb teilnahm, um sich zu akklimatisieren, nun aber langsam in die Rolle des abgewanderten Keita wachsen soll. Diese Saison darf er auf seine ersten Minuten hoffen. 

Ausblick
Die Situation ist ähnlich wie vor der letzten Saison. Niemand traut Syracuse eine herausragende Saison zu, da dem Team die Tiefe und die Erfahrung dafür zu fehlen scheinen. Doch so ganz abschreiben will man sie dann doch nicht, da die besondere Verteidigungsform, die die Orangenen praktizieren jeden Gegner in Schach halten kann. Dennoch wären die Anhänger gut beraten, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Nicht jeder Freshman Point Guard agiert auf Anhieb derart souverän, wie Tyler Ennis es tat. Außerdem fehlt auf dem Flügel ein verlässlicher Scorer der Marke Fair, was die Offense schwächt. Daher muss das diesjährige Team noch besser als Kollektiv agieren. In der starken ACC wäre ein Platz unter den ersten 5 für das junge Team ein wichtiger Zwischenerfolg vor dem NCAA Tournament.