28 November 2014

28. November, 2014   |  nbachefsquad  @nbachefkoch


Die NBA läuft seit einem guten Monat. Bei manchen Teams läuft's seit Saisonstart wie am Schnürchen. Onur Alagöz, Philipp Landsgesell, Anno Haak, Pascal Gietler und Daniel Schlechtriem haben fünf Mannschaften und ihren überraschend guten November analysiert. 


1. Cleveland und Chicago? Von wegen! Die Raptors (13-2) sind der Favorit um die Krone im Osten.

Pascal Gietler @PascalCTB: Ich bin und bleibe kritisch. Zugegebenermaßen: Die Raptors sind gut. Ja, sogar verdammt gut. Aber mir gefällt es noch immer nicht, dass sie neben dem sehr starken Backcourt nur bedingt auf Jonas Valanciunas in der Zone setzen. Wieso? Ich verstehe das kein bisschen. Für mich ist er sowas von bereit. Aber gut, Casey wird wissen, was er macht. Ich traue dem Braten einfach noch nicht. Ich vermute auch, dass wir spätestens in den Playoffs sehen, dass meine Zweifel berechtigt sind.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Die Mannschaft ist eingespielt und sehr gefestigt, hat in Lowry einen starken Leader und auf keiner Position eine wirkliche Schwachstelle – vom immer noch bestehenden Fragezeichen hinter Valanciunas mal abgesehen. Momentan gibt’s im Osten kein Team, das den Dinos gefährlich werden kann, zumindest bis Weihnachten. Sehr gespannt bin ich auf ihren Auswärtstrip an die Westküste um den Jahreswechsel herum, das wird ein echter Härtetest und sollte Aufschluss geben, wo die Kanadier im ligaweiten Vergleich stehen.

Anno Haak @kemperboyd: Nennt! Mich! Einen! Reaktionär! Aber: Wo ist der Star? Nicht, Nick „Mehr Memes als Lindsay Lohan“ Young-Star. Go-to guy. Superstar. MJ hätte nie in Toronto gespielt. Lowry schön, DeRozan voll schön, Lou Williams über-schön (ach, Danny Boy). Wähle die Top 10 Spieler ligaweit, denen Du den Ball in der Crunchtime in den Playoffs gibst. Irgendein Raptor dabei? Siehste. 55 Siege, ja, aber ich fühle dieses Team nicht.

Philipp Landsgesell @Phillyland: Toronto war schon letztes Jahr eines der Überraschungsteams und setzt in dieser Saison dem Ganzen nun die Krone auf. Nach Dallas erzielen die Raptors auf 100 Ballbesitze die meisten Punkte und stellen zudem die beste Verteidigung in der Eastern Conference. Auch nach der Vertragsverlängerung spielt Lowry auf All-NBA Niveau. Mit DeRozan haben sie zudem einen der besten Spieler auf der Zwei und Valanciunas ist mit seiner Entwicklung noch lange nicht am Ende. Die Fans in Toronto haben sich das Team nach ihrer langen Leidenszeit verdient.

Onur Alagöz @LakersParadigm: Würde nicht Drake ständig bei Spielen der Dinos abhängen, wären sie ohne Makel sympathisch. Die Raptors sind jung, hungrig und spielen richtig guten Basketball. Sie haben Athletik noch und nöcher, einen jungen, sehr talentierten und disziplinierten Kern mit Lowry, Ross, DeRozan, Johnson und Valanciunas. Natürlich ist das Team noch so jung, dass sie Lehrgeld zahlen werden müssen, aber mit den bisher augenscheinlich enttäuschenden Leistungen der Cavaliers, der gesundheitlichen Fragilität der Bulls und dem großen Fragezeichen über Washington und Miami: Die Raptors haben die Chance und werden sicherlich versuchen, zuzugreifen. Glaube ich, dass sie in die Finals einziehen? Nein. Aber spannend wird’s zumindest.



2. Memphis (13-2) ist endlich auch ein Regular Season Team und wird die bisherige Dominanz fortsetzen.

Pascal Gietler: Seit der Rückkehr von Marc Gasol sind die Grizzlies bilanzmäßig das beste Team der gesamten NBA. Das kann man einfach mal so stehen lassen und klatschen. Memphis macht einfach Spaß. Die Truppe hat diese klare Grit & Grind Defense-First Mentalität und verfügt über mehr offensive Firepower, dank eines Courtney Lee, Mike Conley oder (hoffentlich bald auch) Vince Carter. Ich gehe fest davon aus, dass die Grizzlies die beste Division der NBA gewinnen und somit unter den besten vier Teams im Westen landen werden.

Daniel Schlechtriem: Es sieht sehr danach aus. Aber: Sie müssen aufpassen, nicht in Indianas Blaupause des Vorjahres zu geraten. Die Gemeinsamkeiten sind definitiv da: Junger Coach, dominante Bigs, knochenharte Defense, körperlich intensives Spiel, Verletzungsanfälligkeit. Es wird sehr interessant sein zu sehen, ob die Bären dieses Level zu halten imstande sind. Gegenwärtig existiert allerdings kein Argument, warum sie nicht eine der Spitzenpositionen im Westen einnehmen sollten.

Anno Haak: Bilanziell (gibt es wohl, das Wort) waren sie von Januar bis April ja schon die Nummer eins der Liga. Memphis war damals schon nur eine produktive Offensive vom Status als bestes Team der NBA entfernt. Ist nur ein Satz aus Lummerland. Ungefähr so, als ob ich sage, den Sixers fehlen nur sechs Top-Free Agents zu Platz neun im Osten. Aber spitzt die Ohren: die sechs Jungs haben unterschrieben. Memphis ist gespenstisch gut und Vince Carter ist noch nicht mal richtig angekommen. Las Vegas gefällt das nicht. Bei 48,5 over/under könnte „Insolvenzberater für Buchmacher“ das neue „Goldrausch“ werden. Oder kurz: ich stimme zu.

Philipp Landsgesell: Zum einen befindet sich Marc Gasol im letzten Vertragsjahr und wie wichtig er für das Fundament der Grizzlies ist, zeichnete sich bereits letztes Jahr ab. Memphis wird bilanztechnisch ein wenig abfallen, dürfte aber das Heimrecht in der ersten Runde sicher haben.

Onur Alagöz: Endlich spielen die Grizzlies auch offensiven Basketball, bei dem sich einem nicht die Zehennägel aufrollen. Gasol und Randolph harmonieren besser denn je, Courtney Lee spielt die beste Saison seines Lebens. Mit Gasol, Conley, Allen und Lee besitzen die Grizzlies auf beinahe jeder Position überdurchschnittlich gute Einzelverteidiger. Der Gesamtverbund unter Coach Joerger greift defensiv ineinander wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber: Die Grizzlies sind nirgendwo außergewöhnlich. Die Defense ist stark, aber nicht Ligaspitze. Die Offense und vor allem das Shooting sind verbessert, aber nicht auf Topniveau. Darum denke ich nicht, dass die Grizzlies ihren Platz an der Spitze des Westens halten können.

3. Der Lauf der Bucks (9-7) ist nur ein Zwischenhoch und das Hard Tanking nur eine Frage der Zeit.

Pascal Gietler: Viele Leute vergessen bei den Bucks eine Sache: Die Bucks waren 2013-14 für viele Experten auf dem Papier ein Playoff-Team. Klar, es gab „Fat OJ Mayo“, Larry „Bare-knuckle“ Sanders und ein gut gefülltes Lazarett – aber dennoch: Vor der Saison hatte man in Wisconsin ein gutes Gefühl. Ganz nebenbei haben sich die Bucks noch mit Giannis Antetokounmpo eines der besten Talente des vergangenen Drafts sichern können. Ich fasse zusammen: Potenzielles Playoff-Team (bei dem jedoch alles schief lief, was schief laufen kann), plus Giannis, plus Jabari Parker und ein neuer Headcoach, der durch unkonventionelle Line-Ups die Gegner vor Match-Up-Probleme stellt... Wer wirklich gedacht hat, dass die Bucks noch einmal weniger als 20 Spiele gewinnen hat sich meiner Meinung nach nicht genug mit dem Team auseinandergesetzt. Nichtsdestotrotz werden die Bucks vor der Tradephase noch aktiv. Besonders bei den Point Guards und auf den Forward-Positionen haben die Bucks noch einige Tradechips liegen. Platz 9 oder 10 würde mich am Ende des Jahres kein bisschen überraschen!

Daniel Schlechtriem: An Hard Tanking glaube ich bei den Bucks nicht, aber die Jugend wird früher oder später schlichtweg ihren Tribut fordern. Antetokounmpo und Parker sollten uns noch sehr viel Freude bereiten – irgendwann nächstes Jahr. Wenn die Hirsche clever sind, versuchen sie im Februar Mayo und Ilyasova irgendwie verscherbelt zu kriegen und hoffen dann nochmal auf ein wenig Glück in der Lottery. Im Idealfall brauchen wir uns in einem oder zwei Jahren nicht mehr über Zwischenhochs in der Bierstadt unterhalten, sondern um eines der Teams mit der aussichtsreichsten Zukunft.

Anno Haak: Ah, die Kitze. Top-10-langsame Pace, Flop-5-Offensive, Schusseffizienz vom Grabbeltisch, aber besser stehen als das siebtbeste Team der Weltgeschichte (ja, Euch meine ich, Cleveland). Die 90er haben angerufen, sie wollen ihre NBA zurück. Wenn das mit dieser Offense mehr als ein Zwischenhoch ist, fall ich von irgendwas ab, vielleicht sogar vom Glauben. Im Moment ist mein Gottvertrauen intakt. Heißt: Entweder Kidd hört mit diesen AllStar-Wochenende-Gedächtnis-Rotationen auf und bekommt den Angriff ans Laufen oder (un-) freiwilliges Tanking ist tatsächlich nur eine Frage der Zeit.

Philipp Landsgesell: Die Bucks scheinen wieder ein Team zu sein. In der Offensive läuft der Ball und knapp 58% der erzielten Würfe gehen einem Assist voraus. Ich glaube nicht, dass die Bucks dieses Niveau halten können, aber ohne komplett in den Tanking-Modus zu verfallen. Letztes Jahr habe ich die Bucks nie freiwillig gesehen, dieses Jahr schalte ich sie gerne rein.

Onur Alagöz: Wenn man bei 9-7 schon von einem Lauf sprechen muss, dann Gute Nacht. Die Bucks haben keinen einzigen verlässlichen go-to Spieler, sind beschämend langweilig und schlecht in der Offensive. Jabari Parker enttäuscht bisher, genauso wie Giannis Antirgendwas. Brandon Knight ist kein Point Guard. Jason Kidd ist ein überbewerteter Coach und die Milwaukee Bucks werden sich bald wieder mit der Einöde Wisconsins und den lokalen Bierbrauereien beschäftigen, während sie langsam ans Ende der Tabelle rutschen.



4. Die Suns (10-6) sind ein Stück gefestigter. Sie sind das Team, das von OKCs Ausfall profitiert und deren Playoff-Spot klaut.

Pascal Gietler: Schwierig. Für mich werden die Suns und die Pelicans sich um den eventuell vorhandenen Playoff-Spot prügeln und obwohl ich durchaus auch sagen würde, dass Phoenix noch gefestigter wirkt, vertraue ich eher dem Superstar Anthony Davis. Dennoch: Phoenix ist ein sehr cooles Team, das mich jetzt schon seit mehr als einem Jahr mit attraktivem Basketball begeistert.

Daniel Schlechtriem: Keine Frage, jede Niederlage der Thunder ist ein Sieg der Suns. Je länger Durant und Westbrook fehlen, desto unwahrscheinlich, dass sie aus dem Keller rauskommen. Damit wird ein Playoff-Platz frei und Phoenix hat sehr gute Voraussetzungen, um diesen einzunehmen, zumindest wenn sie sich Verstärkung auf dem Flügel holen. Die Strategie mit zwei Point Guards auf dem Feld war vergangenes Jahr frisch und aufregend, doch dieses Jahr stellen sich die Gegner darauf ein und reagieren besser. Hier muss sich Hornaceks Truppe etwas einfallen lassen.

Anno Haak: Ich muss zugeben, viel habe ich noch nicht von Phoenix gesehen. Guck ich mir die Nümmerchen-Kolonnen so an, ist das ein Team, das auf einem durchschnittlich schweren Fahrplan mit leicht überdurchschnittlicher Offense und leicht unterdurchschnittlicher Defense eine leicht überdurchschnittliche Bilanz erspielt hat. Also „Playoffs im Westen“ habe ich anders gelernt. Ich bleibe bei den Pelikanen als Verletzungsgewinnler.

Philipp Landsgesell: Thomas von der Bank kommend ist der perfekte Heatcheck-Guy und Alex Len zeigt ansatzweise warum er letztes Jahr an Nummer Fünf gepickt wurde. Doch die Rückkehr von Durant und Westbrook bei Oklahoma City steht kurz davor und werden die Suns noch abfangen.

Onur Alagöz: Nein, die Phoenix Suns sind ein wenig schlechter als letztes Jahr. Wäre nicht die knallharte Pacific Division, könnte es vielleicht sogar reichen. Die Offense ist momentan noch nicht so flüssig und effizient wie letzte Saison, das Triumverat aus Thomas, Dragic und Bledsoe hat ihre gemeinsame Rolle noch nicht gefunden. Der herausragende Akteur fehlt wie z.B. ein Boogie Cousins bei den Sacramento Kings, um einen Sneak auf Platz 8 im Westen zu schaffen.

5. Millsap auf All-Star Level, Horford zurück, Schröder verbessert: Die Hawks (7-6) erreichen nicht nur die Playoffs, sondern spielen um den Heimvorteil.

Pascal Gietler: Heimvorteil halte ich für unrealistisch. Ich weiß aktuell noch nicht mal, ob die Hawks Zweiter in der Southeast-Division werden, aber klar: Die ATLiens sind erwartungsgemäß gut. Toller Frontcourt, ein groß aufspielender Teague und ein toller Flü...ohhh...wait...streicht das. Nochmal: Toller Frontcourt und ein groß aufspielender Teague. Leider ist der Flügel nicht so toll wie der Aufbau und der Frontcourt aber an dieser Stelle auch noch mal Grüße an Kyle Korver. 57,7% 3PT? Jaja - sample size, ich weiß. Und dennoch: Voll schön!

Daniel Schlechtriem: Mit diesem Personal im schwachen Osten allemal. Atlanta war ja bereits vergangene Saison bis zu Horfords Verletzung auf einem guten Kurs. Die offensichtlichen Schwächen (Small Forwards, Rebounding, Defensive allgemein) verhindern, sie für weit mehr als die erste oder unter Umständen die zweite Runde in Betracht zu ziehen, allerdings kann an der Trade-Front einiges passieren.

Anno Haak: Manchmal liege ich abends im Bett und denke an die Hawks. Dann denke ich: Was wäre dieses Team ein Biest mit dominantem Flügel. Dann muss ich an Luol Deng und an die kalten Räume denken, in denen Danny Ferry seine Seminare zum Thema „Wie verkacke ich Sachen, die gar nicht zu verkacken sind“ hält. Dann schlafe ich schlecht und wache morgens in einer Welt auf, in der die Hawks höchstens Sechster werden. Dann gucke ich auf den Lakers-Boxscore, denke an Onur und denke: es könnte schlimmer sein.

Philipp Landsgesell: Um wirklich um den Heimvorteil mitzuspielen brauchen die Hawks einen fitten Al Horford. Wirklich fit scheint er noch nicht wirklich zu sein. Dazu stehen mit den Heat aktuell zwei Teams noch hinter den Hawks, die ich als besser ansehe. Einzig durch einen längerfristigen Ausfall von Wade könnte Atlanta unter die besten Vier kommen.

Onur Alagöz: Immer dieser Schröder. Ich weiß, dass Patriotismus wieder halbwegs sexy ist, aber bitte sprecht mir nach: Dennis Schröder wird niemals auch nur ein passabler Starter in der NBA.
Da wir das nun geklärt hatten: Wie geil spielt Jeff Teague, bitte? Millsap hat seine Range nochmal erweitert und trifft für einen Big Man halbwegs zuverlässig von draußen. Mike Budenholzer ist ein Zögling des Popvich’schen Trainerbaums und legt viel Wert auf ausgeglichene offensive Strukturen. Bei den Hawks ist sich keiner zu Schade den Extrapass zu spielen. Das imponiert mir sehr. Zwar wundert mich, dass die Hawks so schlecht rebounden mit zwei Kanten wie Horford und Millsap unter’m Korb, aber da der Osten schlechter ist als Jaden Smiths Schauspielkarriere: Ja, die Hawks können um Heimvorteil mitspielen.