14 November 2014

13. November, 2014   |  Anno Haak  @kemperboyd


"LeBron James captures that elusive title he so desperately coveted!" Spiel 5 der NBA Finals 2012 war ein Blowout. Mike Breen bespaßt verbal Bilder der sich innig umarmenden zwei besten Spieler der NBA. Kevin Durant ist vor Ablauf der Uhr Richtung Mittellinie geschlurft, um den Heat seinen Respekt zu erweisen. Er hält das Augenpipi mit Mühe. Von den oberen Extremitäten seiner Mutter umschlungen bricht es kurz später aus ihm heraus. Gut zwei Playoffenttäuschungen in ebenso vielen Jahren ist das her. Der beste Basketballjournalistenentertainer hat neulich in einem inhaltlich etwas aus den Fugen geratenen Feature gefragt: What if? What if 2012 was Oklahomas best shot? Und das vor der Ibaka-Verletzung im Mai. Schon die Frage ging dann irgendwo zwischen Geschichten aus der NBA-Steinzeit über Elgin Baylor und einem verständlichen Fanboysegment über das Dramolett "You're the real MVP" unter. Dabei ist es eine Frage, die es sich zu stellen lohnt. What if? Wann, wenn nicht nach der Verletzung des MVP und seines kongenialen Partners?

"The best is yet to come!"
Es ist so alt wie Amerika selbst. Das Versprechen an alle seine Bürger, auch Multimillionäre in Shorts, dass das Beste noch bevorsteht. Das Beste in der NBA hat den Namen Larry O'Brien-Trophäe. Ihre Vereinigung mit den Armen des Kevin Durant und denen der Oklahoma City Thunder steht nicht bevor. Sie scheint unausweichlich, schicksalhaft damals im Juni 2012. Die Frage ist nicht die nach dem "Ob", sondern nach dem "Wann". Die Rückschläge davor gehören dazu wie der Schampus, nachdem es geschafft ist. Die Pistons und die Lakers, Jordan und die bad boys, James und der Lange aus Würzburg. Der Gipfel wirkt nur so hoch wie die Täler dunkel sind, durch die man vor dem Aufstieg wandelt. Nur Langweiler wie Bird oder Duncan gewinnen vor dem dritten NBA-Jahr ihrer Karriere Ringe.

Wer will den Weg dieser Thunder zu einer Dynastie stoppen? Vier der zwanzig besten Spieler des Planeten, alle diesseits der 25 Jahre, eine Franchise mit Gewinnerkultur und einem der besten Scoutings der NBA. Ein Jahrzehnt der Hegemonie über die Bestern Conference steht bevor. Dann kommt der 27.10.2012. Das sperrangelweit geöffnete Meisterschaftsfenster schließt sich. Ein paar Zentimeter nur. Es könnte der Windstoß nach oben fliegender Arme von James Harden auf seinem Weg zum Korb sein, der es anstubst. Der Bart geht nach Houston. Im Gegenzug kommen Stand November 2014...tusch...Jeremy Lamb und Steven Adams. Ein Center für ein System, in dem Center verzichtbar sind.

Es ist der Fluch der guten und der bösen Tat zugleich. Wenn zu viele Spieler zu schnell zu gut werden und ihren Rookieverträgen entwachsen (gute Tat: intelligentes Drafting), ist das kaum bezahlbar. Erst recht für Franchises aus kleinen Märkten, die 2011 auf die Verschärfung des Luxussteuerregimes gedrängt (aus Sicht der Thunder heute: böse Tat) und sie bekommen haben. Jetzt fällt den Thunder, ausgerechnet den Thunder, deren FO die Folie eines gelungenen Neuaufbaus geschnitzt hat, das Gehaltsdach auf den Kopf. Geld für einen (weiteren) Maximaldeal ist da. Wen macht man zum Multimillionär? Den Ringbeschützer mit der gigantischen Upside oder den vermeintlich redundanten Scorer vom Flügel mit den vielen Haaren im Gesicht? Die Wahl fällt auf Air Kongo. Harden kriegt den Zonk.



Irgendwann in der Saison danach bringt Portland den Verletzungsteufel mit in die Katakomben von Chesapeake Bay...und vergisst ihn da. Westbrook 2013, Ibaka 2014, Durant 2015. Die Jahreszahlen gehören nicht in die Spalte Draftjahrgang, sondern in die mit dem roten Kreuz in der ersten Zeile. Wann kommt das Beste, wenn der MVP im schlimmsten Fall monatelang ausfällt?

Jones. Fraktur Jones.
Auch im Zeitalter der Basketball analytics hätten sich Thunder-Fans wohl nicht träumen lassen, sich einmal mit einem "basisnahen Knochenbruch des fünften Mittelfußknochens im proximalen meta-diaphysären Übergang ohne Beteiligung des tarsometatarsalen Gelenks" beschäftigen zu müssen. Genau den hat Kevin Durant erlitten. Die Gefahren sind Pseudarthrosen und hohe Rezidivraten. Klingt schlimmer, als es ist? Klingt besser, weil unverständlicher als es ist.

Die Heilung des Knochens dauert dank schlechter Durchblutung im Umland lange, die Gefahr eines erneuten Bruchs ist hoch. Brook Lopez kann ein Lied von der großen Wirkung des Bruchs proximal des kleinen Zehs singen. Vier Wochen komplette Ruhe sind ein best-case-Szenario. Durant Weihnachten in hässlichen Ärmeltrikots zu sehen, ist ein best-case-Szenario. Und selbst dann: Kevin Durant hat, seit er laufen lernte, nicht mehr so lange Zeit keinen Ball in der Hand gehabt. Wisst Ihr, wer seine Karriere dank der Tänzer-Fraktur beenden musste? Rasheed Wallace.

Shaqkobe's yet to come
Jener Sheeeed, dessen Vernunftbegabung erst Larry Brown in Detroit freilegte, nachdem er in Portland mit seinem Talent ge(gr)aast hatte. In Portland, wo man vergessen hatte, Paul Allen zu erzählen, dass Chemie Talent schlägt und ein NBA-Titel nicht käuflich ist. Aber die (Ex-)Allstar-Milleniumskollektion (Auszug gefällig: Pippen, Schrempf, Patterson, Sabonis, Sheed, D. Stoudamire, Steve Smith, Prime-Bonzi. Was? Ja, in EINEM Roster, wenn ich's doch sage.) war nah dran. 15-Punkte-im-letzten-Viertel-von-Spiel-sieben-der-Conference-Finals-vorn-nah. Dann kam eine der magischsten Nächte von Black Mamba Diesel und das Aus der Blazers.

Sie waren eine win-now-Truppe. Aber "now" war nicht auf ein Jahr begrenzt. Ein temporärer Rückschlag verändert die Zielsetzung nicht, bestärkt sie. Wir sind tief. Wir sind besser als die Hollywood-Truppe. Wir sind die Blazers. We the west! Das Beste liegt noch vor uns. Meinte man. Sie brauchten zwei Draft-Desaster und 14 Jahre, um wieder eine Playoffserie zu gewinnen. Als Lillard die Rockets erschoss, hatte Sheed seine Karriere gerade beendet.

Zwei Jahre nach der Grundsteinlegung der Jail Blazers war Showtime in Kaliforniens kleiner, minderwertigkeitskomplexbeladener Hauptstadt. Alle konnten werfen, alle konnten passen (also alle außer Scott Pollard). Verteidigt wurde auch. Ein Team aus einem feuchten fundamentals-Traum. Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen Adelman's Kings wären Popovich's (lila) Blaupause gewesen. Die beste Saisonbilanz 2002 war das Ergebnis. Die Lakers? Die Truppe mit dem übergewichtigen Rammbock in der Mitte, der die regular season missbraucht, um sich den Sommerspeck von den Hüften zu joggen und sich mit Kobe um die Würfe zankt, während er einen Burger zum Frühstück verdrückt? Die Kings sind die Zukunft. Das satte Ensemble aus Inglewood ist durch.

Es ist viel erzählt worden über die WCF 2002. Es sind viele Ammenmärchen geschrieben und viel Seemannsgarn gesponnen, viele Verschwörungstheorien erdacht und viele Flüche Richtung David Stern ausgestoßen worden. Das Ergebnis bleibt das gleiche. Die größte Tragödie des modernen Basketballs. Aus Königen wurde(n) Shaq's Prinzen(rolle). Sacramento verlor. In Spiel sieben. In der Verlängerung. Zu Hause. Sie waren Teil der besten Serie im modernen Basketball, aber eben der dunkle Teil. Geschlagen, nicht besiegt. Wir sind tief. Wir sind modern. Wir sind jung. We the west. Das Beste liegt noch vor uns. Meinte man. Fragt man heute in Sacramento, was denn diese "Conference Finals" sind, ist die wahrscheinlichste Antwort: "Ich hörte davon, aber fragen Sie mal in San Antonio nach!"

Bestbrook
Die Thunder sind besser als die Blazers 2000. Die Thunder sind besser als die Kings 2002. Die Offensive ist weniger ausgefeilt. Die Abgezocktheit ist kleiner. Aber die Thunder sind jünger, die Thunder sind besser. Jackson ist nicht am Limit, Adams ist endlich ein legitimer Starter auf der Fünf. Morrow streut von draußen ein. Ein Assassin wie Westbrook hatte Portland ohnehin genauso gefehlt wie Sacramento. Russell Westbrook wird übernehmen. Durant adelte ihn tränenerstickt zum MVP-Kaliber. Als er selbst die Trophäe entgegennahm. Westbrook wird die Thunder tragen, bis Durant zurück ist. Wann immer das sein wird. Meinte man. Der Basketballgott hatte eine andere Idee.



Eine knappe halbe Saison ohne zwei der besten fünf Basketballer des Planeten ist kein Pappenstiel. Es ist ein GAU. Auch wenn Durant wie geplant zurückkommt, wird er Zeit brauchen, um selbst wieder das MVP-Kaliber zu werden, das er im Mai war. OKC wird Zeit brauchen, bis sie ihren besten Spieler reintegriert haben. Zeit, die man im brutalen Westen nicht hat. Zeit, die Siege und den Heimvorteil, vielleicht die Playoffs kosten könnte. Zeit, die unerbittlich tickt Richtung 30.06.2016, dem vorerst letzten von dann 3.287 Tagen des Kevin Wayne Durant als Seattle Supersonic / Oklahoma City Thunder.

Gevatter Zeit
Womit die Antwort auf alle Fragen vorweggenommen ist. Die bohrende what-if-Fragen der Gegenwart: Selbst wenn Durant bis Oktober 2015 keinen Basketball mehr spielte, was wäre so schlimm an einem weiteren ringlosen Jahr? Wäre ein ehrenvolles Zweitrundenaus wirklich schon ein worst-case-Szenario?

Die Antwort könnte "Ja!" sein. Zeit ist vergänglich, vor allem in der NBA. Es sind keine acht Monate mehr, bis das "contract-year-player"-Tag direkt unter Durant's MVP-Badge genäht wird. Ohne Ring würde ab Juni 2015 die Mutter aller Fragen aufkommen. Kann sich OKC das Risiko leisten, Durant 2016 ohne Gegenwert ziehen lassen zu müssen? Ted Turner und Disney werden den salary cap explodieren lassen, genau 2016. So sehr, dass selbst Brooklyn, BROOKLYN Platz für einen Maximalkontrakt haben könnte. Durant wird den Arbeitgeber frei wählen können. Jeder Teambesitzer, der nicht Dan Gilbert heißt, wird sich die Finger lecken, bis der Speichel knapp wird. Den Lakers leuchtet schon heute nur die Aussicht auf Durant's Vertragsfreiheit in knapp zwei Jahren die düstere Gegenwart aus.

Durant wäre 2016 neun Jahre bei den Sonics / Thunder. Zwei Jahre länger, als LeBron's erster Cavs-stint dauerte. Zwei Jahre länger, als Jordan's Weg zur ersten Meisterschaft ging. Drei Monate nach dem Ablaufdatum seines Vertrages wird Durant 28. Jordan's Alter 1991. James' Alter 2012. Durant fühlt sich wohl im beschaulichen Oklahoma. Er braucht kein Scheinwerferlicht. Durant kennt die Basketballgeschichte. Durant weiß, wie unwahrscheinlich es ist, so früh in der Karriere so oft bis Mai zu spielen. Durant weiß, wie viele Franchises daran scheiterten, ihrem besten Spieler legitime Sidekicks zur Verfügung zu stellen. Durant verdankt der Franchise viel. Seine Dankesworte damals im Mai waren authentisch. Aber die Fragen werden kommen. Zuerst in seinm Kopf. Ist Oklahoma der Ort, an dem er seine Titel sammelt? Sind die vorsichtigen Thunder die Franchise, mit der er all in gehen kann? Ist es vielleicht einfach nicht bestimmt? Wäre der selbstlosere, jüngere John Wall der bessere Sidekick?


Durant's Prime könnte bis knapp vor 2025 reichen. Auf seine Athletik muss er sich nicht verlassen. Dank seiner Größe wird er noch hochprozentig werfen, wenn er nicht mehr auf das Telefonbuch von Oklahoma City springen kann. Aber auch Durant hat nur eine Prime. Am Ende seines nächsten Vertrages ist er Mitte 30. 2016 ist die Chiffre für das Schicksal der Thunder. Westbrook und Ibaka sind länger gebunden. Oklahoma würde den worst case überleben. Ein Contender sind sie nur mit Durant.

What if?
"This league's in great hands with players like Kevin Durant", sagte Mike Breen. Kurz nachdem die Tränen getrocknet waren. Damals. 2012. Vor kaum zwei Jahren. Er hatte Recht. "Oklahoma City is in great hands with...", hätte er ergänzen können. Nur mit ihm, hätte er ergänzen können.

Als ich von Durant's Verletzung hörte, dachte ich daran. Ich dachte an Simmons' Kolumne aus dem Mai. Ich dachte "what if"? Was, wenn Durant's Tränen 2012 dieselben waren, die Mike Bibby 2002 vergoss? Was, wenn derselbe Basketballgott Durant's Gesicht versteinert und unter ein Handtuch gewickelt hat wie Scottie Pippen's Antlitz, damals 2000 im Staples Center? Was, wenn KD einem Ring in Oklahoma nie mehr so nah kommt wie 2012, als er dem Besten der Halbgeneration vor ihm gratulierte, class act, der er ist? Als er Harden, Westbrook, Ibaka und den Rest der Gruppe, die er "Familie" nennt und es so meint, class act, der er ist, auf den bitteren letzten Pfad des zweiten Siegers führte.

Unsere Zeit wird kommen. Wir sind jünger als San Antonio, nachhaltiger als Houston, stabiler als die Clippers. We the west. Das Beste liegt noch vor uns. Meinten sie. Damals. 2012. Werden wir in zehn Jahren eines dieser Tragic-Bronson-Märchen erzählen, wenn wir von Oklahoma City sprechen? Was, wenn ihr Glückskonto überzogen ist mit all den Draft-steals? Was, wenn 2012 ihr bester Versuch war? Vielleicht bewerte ich die Verletzungen über. Vielleicht habe ich nur Angst, dass das Geschäftsmodell gekaufter Superteams wie Miami, Cleveland oder früher Lakers besser funktioniert als der harte, steinige Weg, den sie in der Prärie von Oklahoma gingen. Aber die Fragen bohren. Was, wenn die verzweifelte Begierde des LeBron James, die auch in Kevin Durant wohnt, ihn aus der Stadt treibt? Was, wenn dieses ewig junge Versprechen für die langsam eben doch alternden Thunder nicht gilt? Was, wenn das Beste eben nicht mehr vor ihnen liegt? What if...