07 Dezember 2014

6. Dezember, 2014   |  Philipp Rück  @76ersDrJ


Dieser oft in Fußballstadien geäußerte Ausruf könnte ebenso in NBA-Arenen hörbar sein, wenn Amerikaner genauso kreativ sind wie europäische Fußball-Fans. Nichtsdestotrotz liest man sowohl in den USA als auch hierzulande bei deutschen Basketballanhängern immer wieder Dinge wie „Der Ref hat ´uns´ das Spiel verpfiffen!“, „Die Rockets haben nicht spielerisch gewonnen, die Refs haben das für sie getan!“, „Wieso zieht sich Joey Crawford nicht gleich ein Heat-Trikot an?“.

Der mitschwingende Vorwurf ist ganz klar: die Referees in der NBA beeinflussen das Spiel maßgeblich, ja, sogar so weit, dass sie Spiele, Serien und Titel mitentscheiden. Aber ist das wirklich so? Sind die Streifenhörnchen wirklich ein so maßgeblich beeinflussender Faktor? Oder ist das oftmals eine von Sympathie und Antipathie gefärbte Subjektivität, die uns dies glauben lassen will? Eine kleine Untersuchung: 



Es gibt viele Gründe, Basketball zu lieben. Leser dieser Seite und womöglich auch dieses Artikels lieben Basketball mehr oder weniger. Deshalb weiß ich, dass ich zu Gleichgesinnten spreche. Aus den ganzen Gründen ist einer besonders eminent für mich. Basketball ist statistisch erfassbar, was in erster Linie zur Folge hat, dass man die Argumente, die man für eine bestimmte Behauptung nutzt, auch evident nachweisen kann. Behaupte ich beispielsweise, dass die Mavericks letztes Jahr die zweitbeste Offensive der NBA hatten, dann kann ich normierte Statistiken zur Rate ziehe, die mich bestätigen. Ich kann mir das Offensivrating des Teams anschauen, oder die Effizienz pro Ballbesitz. Will ich bei Sportarten wie dem Fußball eine solche Behauptung belegen, bleibt mir letztendlich nur ein Blick auf die Tabelle und die erzielten Tore. Das Problem ist offensichtlich. Es gibt keine Normierung und die Stichprobe ist nicht groß genug, was eine statistische Verwendbarkeit äußerst schwierig erscheinen lässt.

Zweitens: Basketball ist gegen Ausreißer geschützt. Gerade die NBA stellt durch seine Regeln und sein System ausreichend große „Sample Sizes“ her, die es erst erlauben, statistisch valide Aussagen aufzustellen (Gesetz der großen Zahlen). Die reguläre Saison beinhaltet 82 Spiele jedes Teams, Ballbesitze sind durch die Shotclock normiert.  Dies hat zur Folge, dass sich am Ende die sportlich besten Teams auch im Kampf um die Playoff-Plätze durchsetzen und zwei bis drei der ligaweit besten Teams auch mindestens in den Conference Finals zu finden sind. Meisterteams wie die Baltimore Ravens anno 2013 in der NFL sind in der NBA nahezu unmöglich.

Zahlen lieben Basketball
Ich gebe die Antwort auf die in der Einleitung gestellten Fragen schon jetzt zu Beginn: Nein, die Entscheidungen der Referees haben keinen großen Einfluss und entscheiden Spiele nicht. Mein wichtigstes Argument stützt sich auf die eben beschriebene gigantische Stichprobenmenge. Lässt sich dieser Einfluss überhaupt statistisch einordnen? Wir können es zumindest mal grob skizzieren: ich versuche es so ähnlich einzuordnen, wie man auch offensive und defensive Effizienz beurteilt. Man berechne die Auswirkungen pro Ballbesitz. Um es so allgemein wie möglich zu halten, nehmen wir die Pace (also die Ballbesitze pro Spiel) im Ligamittel. 

In der Saison 2013/14 lag die Pace bei 96,33 Possessions pro Spiel. Das bedeutet, ein durchschnittliches NBA-Team hat pro regulärem Saisonspiel 96,33 Ballbesitze, in der Summe (also in einem Spiel, wo zwei Mannschaften aufeinander treffen) sind dies 192,66. Gesetzt den Fall, der Ärger mancher Fans basiert wirklich nur auf einer offensichtlichen Fehlentscheidung eines Refs, beeinflusst dieser Fauxpas also 1/192,66 Ballbesitze oder umgerechnet 0,52% aller Possessions. NULL KOMMA FÜNF ZWEI. 

Überzeugt euch nicht? Ok, dann erhöhen wir die Anzahl an Fehler der Schiris mal auf drei: dies ergibt 3/192,66, also würden 1,56% aller Ballbesitze dadurch beeinflusst. Ihr seid immer noch skeptisch? Dann lasst mich ein letztes Rechenbeispiel aufführen. Das Streifenhörnchen macht netto (d.h. nur zugunsten einer Mannschaft) fünf Fehler: 5/192,66 bzw. 2,60%. 

Also selbst für den äußerst seltenen Fall (dazu gleich mehr), dass ein Referee fünf Fehlentscheidungen trifft, hat dies einen negativen Einfluss auf weniger als 3% aller Ballbesitze einer normaler NBA-Partie. Nur mal zum Vergleich: in der letzten Saison hatte Charlotte mit einer Turnover-Percentage (Wie viel Prozent aller Ballbesitze des eigenen Teams enden in einem Turnover?) von 12,9% den besten Wert der Liga. Das alles bedeutet, der Einfluss der eigenen Schlampigkeit ist selbst beim Team mit den wenigsten Ballverlusten deutlich höher als der aller Ref-Entscheidungen.

(Anmerkung: Die Grundgesamtheit bei der Berechnung von TO-% ist eine andere als bei der Rechnung des Schiri-Einflusses. Bei den Turnovern werden logischerweise nur die eigenen Ballbesitze betrachtet, nicht auch die des Gegners. Schiri-Entscheidungen betreffen aber in der Regel nicht nur die Offensive/Defensive, sondern alle Ballbesitze, weswegen hier die Anzahl an Possessions in der Rechnung verdoppelt werden muss.)

Ich möchte einfach mal jeden sachlich darauf hinweisen: Wie viele Ballbesitze werden in einem Spiel völlig unnötig verbrannt? Wie oft werden schlechte Würfe genommen? Wie oft werden ungezwungene Turnovers begangen? Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, muss man sich in jedem Spiel mehr über die Wurfauswahl und –genauigkeit der eigenen offensiven und defensiven Plays ärgern als über die Referees. Einfach gesagt: Miese Pull-up-Jumper aus der Midrange, Würfe gegen Double Teams offensiv und verschlafene Rotationen defensiv kommen in einem Spiel wesentlich häufiger vor als Fehlentscheidungen des Referees.

Ausgleichende Gerechtigkeit
Wie eben schon kurz angeschnitten, kommt es in einem Basketballspiel eher selten vor, dass eine Mannschaft objektiv wirklich benachteiligt wird. Im Normallfall gibt es auf beiden Seiten Fehlentscheidungen, die sich dann im Laufe eines 196-Ballbesitze-Spiels schlussendlich nivellieren. Referees sind Menschen und Menschen machen per se Fehler. Aber sie machen sie nicht einseitig. Hier spreche ich noch nicht einmal von dem psychologischen Effekt, dass man nach Benachteiligung der einen Mannschaft diese in den darauffolgenden Ballbesitzen unbewusst bevorteilt (was natürlich auch vorkommt). Sondern einfach davon, dass bei einer ausgleichenden Anzahl an Possessions statistisch auch gleich viele Fehlentscheidungen auftreten.

Problematisch ist beim nicht-objektiven Zuschauer oftmals, dass er einem Pfiff im vierten Viertel nicht nur mehr Bedeutung zumisst als in den Minuten zuvor, sondern dass er darüber hinaus weiter zurück liegende Pfiffe „vergisst“. Aber Fehlentscheidungen haben alle die gleichen Auswirkungen, sie beeinflussen ein Spiel zu 0,52% (siehe oben). Der Eindruck, ein Schiedsrichter pfeife zum Vorteil einer Mannschaft, ist stark subjektiv gefärbt und objektiv-statistisch nicht zu belegen. Fehlentscheidungen erfahren im Laufe eines Spiels Regression zur Mitte. Der oben angesprochene Fall, dass es also „netto“ zu fünf Fehlentscheidungen zu Ungunsten eines Teams kommt, ist daher sehr unwahrscheinlich.

Foul, na und….?
Dieser letzte Punkt ist zugegebenermaßen nicht statistisch belegbar und hierbei liegt meine eigene Intuition zugrunde. Mich persönlich stört es, wenn ein Fan sich über das Ausbleiben eines Foul-Pfiffes an „seinem“ Spieler beschwert, unabhängig davon, ob das begangene Foul wirklich den Korberfolg verhindert hat oder nicht. Es ist nicht selten der Fall, dass der Foulende zwar laut Regelbuch einen Verstoß begeht, aber das Foul beispielsweise in der Wurfbewegung des Gefoulten keine (negative) Änderung bedingt. Oder will mir wirklich jemand ernsthaft erzählen, dass hier LeBrons Foul einen tatsächlichen Einfluss auf den Korberfolg Durants hatte? Diese minimale Einwirkung von James auf den Oberschenkel soll also den Fehlwurf herbeigeführt haben, obwohl Durant diesen Wurf wahrscheinlich schon tausendfach trainiert und den Bewegungsablauf schon unendlich oft eingeübt hat? Klingt nicht sehr wahrscheinlich. Manchmal ist es einfach Pech, wenn ein Ball nicht durch die Reuse fällt. Ja, es war ein Foul, und ja, man hätte pfeifen müssen. Aber ich würde mir weniger Prinzipienreiterei wünschen. Womöglich hätte der Wurf auch ohne LeBrons Arm auf KDs Oberschenkel nicht zum Korberfolg geführt. Der Ärger über den Referee würde hier einfach viel zu viel Raum einnehmen.

Einwurf
Es gibt einen Bereich, wo Fehlentscheidungen zurecht eine Menge Ärger nach sich ziehen. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Spieler bei sechs persönlichen Fouls des Feldes verwiesen wird, ist hier jeder Fehler des Referees absolutes Gift. Die Foulgrenze ist theoretisch und oft auch praktisch sehr schnell erreicht, insbesondere in hitzigen Playoff-Spielen. Gerade wenn die Stars die Betroffenen von falschen Pfiffen sind, kann dies ein Spiel mehr beeinflussen als einem lieb ist, und zwar nicht nur durch den Ausschluss vom Spiel durch das sechste Foul, sondern auch dadurch, dass er mit weniger Intensität/Einsatz spielen muss, um das Foul zu umgehen. Hier würde ich mir eine Modifizierung der Regeln wünschen. Darum soll es aber hier nicht gehen, weil solche Aktionen oft auch nicht Ursprung des Ärgers vieler Fans ist.

Schlusspfiff
Die Referees entscheiden in der NBA keine Spiele. Sie haben so oder so viel Verantwortung und müssen einen hektischen und anstrengenden Job so gut wie möglich bewältigen. Dabei treffen sie Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden. Dabei können sie aber nicht immer richtig liegen. Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass diese seltenen Fehler nicht weiter schlimm sind. Der Basketball ist auch aufgrund der Immunität gegenüber Zufällen und solcher Entscheidungen der wunderbare Sport, den wir so lieben. Es wäre auch für die Nerven der Fans und Zuschauer besser, sich nicht so darüber aufzuregen, wenn es statistisch sowieso keinen Grund für den Ärger gibt.


Dieser Artikel soll meinerseits nur einen Denkanstoß liefern und erhebt keinerlei Anspruch auf die Wahrheit oder die unumstößliche Erkenntnis. Es ist lediglich der Versuch, eine neue Sicht auf einen der streitbarsten Aspekte des Spiels zu liefern.