12 Dezember 2014

11. Dezember, 2014   |  Güven Taş  @GuvenTas


Das Staatsoberhaupt des zweitgrößten Landes der Erde, Königin Elizabeth II., hat von den Entwicklungen in Kanada wahrscheinlich nicht viel mitbekommen. Wie hätte Sie auch ahnen können, dass diese garstigen Kanadier lieber mit einem groben Lederball herum laufen, statt sich dem vornehmen Cricket oder dem royalen Polosport zu widmen. Kanadas Mitgliedschaft im Commonwealth of Nations, dem Verbund der ehemaligen britischen Kolonien… äähm… Überseegebiete, steht daher mehr denn je auf dünnem Eis.

Whatever! Die neue Basketball-Generation der Ahornblätter pfeift drauf! Getreu dem Motto „Hoops and Boobs“ wollen Sie die Liga im Sturm erobern. Heimlicher Verbündeter: natürlich Cleveland.
Beim NBA-Draft 2013 durfte „Ohios Gelsenkirchen“ an Nummer Eins ziehen. Sie entschieden sich mit Anthony Bennett rein zufällig für einen Kanadier.

Beim Draft im Jahr darauf, am 26. Juni 2014 in Brooklyn, dürfen die Cavaliers wieder als Erste ziehen. Ihre Wahl fällt dabei -  erneut aus reinem Zufall natürlich - auf einen Kanadier. Es ist ein dunkender Flummi namens Andrew Christian Wiggins, 19-jähriges Milchgesicht mit zweifelhaftem Modegeschmack. Insgesamt gehen beim Draft 2014 vier Kanadier über die Ladentheke, alleine drei davon in Runde Eins. Hier ist ein Überblick zu allen relevanten Canadian Heroes, die in der NBA ihre Brötchen verdienen:

1. Steve Nash
(College: Santa Clara, 15. Pick 1996)
Auch wenn er wohl nie wieder als aktiver Spieler auf den NBA-Court zurückkehren wird, kann man die Dienste von Steve Nash nicht hoch genug anpreisen. Der Mann, der praktisch gleich fünf Länder seine Heimat nennen könnte, gehört auch abseits des Platzes zu den unterhaltsamsten und beliebtesten Akteuren.  Ein vorbildlicher Sportsmann mit einer ansteckenden Frohnatur und einer erfrischenden Bescheidenheit, die er sich auch nach 18 Jahren im harten NBA-Business bewahrt hat. Südafrika, Wales, England, Kanada und auch die USA können mächtig stolz auf ihren Sohn sein. Wir Fans sind es schon lange.

2. Samuel Dalembert
(College: Seton Hall, 26. Pick 2001)
Der gebürtige Haitianer siedelte im Alter von 14 Jahren gemeinsam mit seiner Familie in die franko-kanadische Metropole Montréal über. Nachdem er bis 2010 fast eine Dekade lang für die Philadelphia 76ers die Zone patrouillierte, wechselte er in den letzten vier Spielzeiten jährlich den Arbeitgeber. Aktuell sind es die New York Knickerbockers. Auch wenn er bereits 33 Jahre alt ist, hat Dalembert eine noch immer überdurchschnittliche Athletik für einen Big Man, die er vor allem in der Defense effizient einzusetzen weiß. Eine Spannweite von 2,31 m kann dabei sehr nützlich sein.

3. Joel Anthony
(College: UNLV, ungedraftet 2007)
Der etwas klein geratene Center spielte sieben Jahre lang für die Miami Heat. In dieser Zeit durfte er sogar zwei Meisterschaften erringen (2012 & 2013). Anthony gehört nicht zu den filigransten Spielern der Liga. Aber das erwartet auch keiner von ihm. In der Defensive weiß der 2,06 m Mann immer wieder mit Einsatz und Kampfgeist zu überzeugen. Das täuscht jedoch nicht über seine arg limitierten Skills in der Offense hinweg. Mit seinen 32 Jahren biegt der wortkarge Athlet von den Detroit Pistons wohl in die letzte Kurve seiner Karriere ein.

4. Tristan Thompson
(College: Texas, 4. Pick 2011)
Am 31. Oktober 2014 sind Thompson und seine Cavaliers zu Gast in Chicago‘s United Center. Es ist das erst zweite Spiel der noch jungen Saison. Am Ende geht Cleveland als Sieger vom Platz, nach Verlängerung. Die Leistung von Tristan Thompson: 16 Punkte und 13 Rebounds in 36 Minuten Spielzeit. Eigentlich nix Besonderes. Krank wird es erst beim zweiten Blick. Denn von den 13 Boards schnappt sich der 23-Jährige unfassbare 12 am offensiven Brett. Als Bulls-Sympathisant schimpfte ich während des Spiels munter auf ihn ein. Was seiner sportlichen Qualität natürlich keinen Abbruch tut. Die Cleveland Cavaliers haben mit dem ehemaligen Longhorn ein echtes Biest unter den Brettern!


5. Cory Joseph
(College: Texas, 29. Pick 2011)
Was ist denn nur aus Texas geworden? Die einst vor Männlichkeit strotzende Hochburg des echten (amerikanischen) Cowboys beherbergt gleich zwei Kanadier in einem Jahrgang!? Genau wie sein Landsmann Thompson ist auch Cory Ephram Joseph ein echter Texas Longhorn. Eines hat er seinem Kumpel Tristan aber voraus. Im vergangenen Sommer holte er mit seinen San Antonio Spurs den Meistertitel. Mittlerweile ist der erst 23-jährige Point Guard aus Toronto fester Bestandteil der Rotation und genießt das Vertrauen von Coach Pop.

6. Andrew Nicholson
(College: St. Bonaventure, 19. Pick 2012)
Der 25-Jährige von der relativ unbekannten St. Bonaventure Universität im Bundesstaate New York ist genau so unscheinbar wie sein Name. Bei seinem aktuellen Team in Orlando bekam er in seinen ersten zwei Jahren genügend Spielzeit, um sich zu beweisen. Die Minuten konnte der Power Forward aber nicht nutzen. Seine Leistungen stagnieren. Auch in der aktuellen Saison gibt er den Verantwortlichen der Magic keinen Anlass zum Optimismus. Mit durchschnittlich neun Minuten wird er keine Bäume ausreißen. Die Zukunft von Andrew Nicholson in der NBA ist ungewiss.

7. Robert Sacre
(College: Gonzaga, 60. Pick 2012)
Der letzte Pick des Drafts 2012 hat zumindest eine besondere Qualität. In der Liga gibt es wohl kaum einen Bankwärmer, der so leidenschaftlich mit dem Handtuch wedelt, wie der sympathische Glatzkopf von den Los Angeles Lakers. Es ist klar, dass aus dem gebürtigen Ami (Baton Rouge, Louisiana) in diesem Leben kein Allstar mehr wird. Die Spieler der Lakers dürfen sich jedoch über einen hochmotivierten und gut gelaunten Kollegen freuen. In seinen bescheidenen elf Minuten Spielzeit haut Robert Sacre alles auf den Platz, was er hat. Und das ist leider nicht besonders viel.

8. Anthony Bennett
(College: UNLV, 1. Pick 2013)
Der Wechsel zu den Minnesota Timberwolves vor Beginn dieser Spielzeit hat dem ehemaligen Star der Universität von Nevada-Las Vegas sehr gut getan. Die Off-Season scheint er genutzt zu haben. Der zuvor etwas übergewichtige Forward zeigt sich zur neuen Spielzeit körperlich in einem stark verbesserten Zustand. Anders als bei den Cavs, hat er bei seinem neuen Team das richtige Umfeld, um sich weiter zu entwickeln. Der Unterschied zwischen Ohio und Minnesota macht sich schon bei der Trefferquote mehr als bemerkbar: nach bescheidenen 35,6 % im letzten Jahr, sind es in der aktuellen Spielzeit starke 53 %. Aufgeben sollte man den erst 21-Jährigen also nicht.


9. Kelly Olynyk
(College: Gonzaga, 13. Pick 2013)
Das sportlichste Mitglied der Kelly Family (Joey mal außen vor) verbrachte drei gemeinsame Jahre mit Landsmann Robert Sacre an der Gonzaga University. An der Alma Mater von NBA-Legende John Stockton legte der 23-jährige Center aus British Columbia eine ungewöhnliche Karriere hin. Nach dem er als Freshman und Sophomore enttäuschte, entschied er sich sein drittes Jahr als sogenannter „red shirt“ komplett auszusetzen, um an seiner Physis und seinen spielerischen Fähigkeiten zu arbeiten. Das sollte sich auszahlen. In seiner letzten Spielzeit (2012/13) legte er eine glänzende Runde für seine Gonzaga Bulldogs hin. Mit exzellenten Trefferquoten (63 % FG, 78 % FT) und einer guten Offense (17,8 ppg) weckte er das Interesse vieler Scouts. Aktuell ist Olynyk ein sicherer Starter für die Boston Celtics und spielt eine vielversprechende Saison. Vater Ken Olynyk war lange Zeit Trainer der Junioren-Nationalmannschaften Kanadas. Während seiner Amtszeit strich er einst einen verwegenen Lausbub aus dem Kader: Steve Nash.

10. Nik Stauskas
(College: Michigan, 8. Pick 2014)
Der Off-Guard mit litauischen Wurzeln kam mit vielen Vorschusslorbeeren in die NBA. Mit seinen Michigan Wolverines hatte der Shooting Guard zwei sehr erfolgreiche Spielzeiten in der NCAA absolviert (Vizemeister 2013, Finale verloren gegen die Louisville Cardinals). Dabei zeichnete sich der 21-Jährige als brandgefährlicher Distanzschütze aus. Ihm zu Ehren schwenkten selbst stolze Amis die Flagge des Nachbarn, allerdings in ihrer eigenen speziellen Version. Die Sacramento Kings ließen sich nicht zweimal bitten und pickten den Publikumsliebling früh in der ersten Runde. Bislang hat Nikolas Tomas Stauskas jedoch mit großen Anpassungsproblemen zu kämpfen. Mit schwachen Trefferquoten (34 % FG, 26,5 % Dreier) und wenig Spielzeit verläuft seine Rookie-Saison recht enttäuschend. Zudem hat er mit Ben McLemore einen starken Konkurrenten vor der Nase.
Das spielt aber ab Februar eh‘ keine Rolle mehr. Pünktlich zur trade deadline wird Agent #10 in die Zenrale versetzt. Nach Klieweländ.  

11. Tyler Ennis
(College: Syracuse, 18. Pick 2014)
Der Youngster mit dem schicken Namen Tyler Cameron Ennis McIntyre ist wie Landsmann Stauskas ebenfalls noch nicht ganz in der NBA angekommen. Spielpraxis sammelt er momentan in der D-League bei Bakersfield Jam, dem Farmteam seines Arbeitgebers Phoenix Suns. Dort blitzen die Qualitäten des 1,88 m großen Point Guards immer wieder auf. In seiner einzigen Spielzeit für die Syracuse Orange zeigte Ennis bärenstarke Leistungen. Coach-Legende Jim Boeheim vertraute seinem defensivstarken Spielmacher und gab ihm schon als Frischling satte 35,7 Minuten Spielzeit. T-Ennis bedankte sich mit mehreren Auszeichnungen, u.a. All-ACC Defensive Team und Top 10 Liste der Kandidaten für den „Naismith College Player of the Year“. Der Wadenbeißer wird noch einige Erfahrung sammeln müssen, um sich in der NBA durchzusetzen. Mit seinen erst 20 Jahren hat er noch reichlich Zeit dafür. Das Talent ist zweifellos da.

12. Dwight Powell
(College: Stanford, 45. Pick 2014)
Der bereits 23-jährige Rookie steht wie Kelly Olynyk bei den Boston Celtics unter Vertrag. Aber im Gegensatz zum langhaarigen Hillbilly kann Powell bei den Kelten nicht überzeugen. In der NBA ist er bislang noch kein ernstzunehmender Faktor. Folgerichtig landete er bereits früh beim Farmteam der Kobolde, den Maine Red Claws in der D-League. Es scheint, als hätte der 2,11 m große Power Forward schon in seinem letzten Jahr an der Stanford University am Limit gespielt. Seine Zukunft bei den großen Jungs ist sehr ungewiss. Aber das dürfte ihm herzlich egal sein. Seine wahre Bestimmung in der NBA ist eine ganz andere, wie er mir in einem vertraulichen Schreiben mitteilte: Dwight Powell ist heimlicher Adjutant ihres Anführers, des 13. Kriegers…


13. Andrew Wiggins
(College: Kansas, 1. Pick 2014)
Die Mythen und Prophezeiungen der alten Druiden aus Ontario wurden vor unser aller Augen Wirklichkeit: Andrew Wiggins ist der „13. Krieger“, prädestinierter Anführer der zwölf-köpfigen Hydra aus dem unberechenbaren Norden. Mit Minnesota fand der hyper-athletische Flügelspieler eine – zumindest wettertechnisch – passende Heimat (durch den gemeinsamen Transfer von Bennett und Wiggins wäre der getarnte Agententausch somit komplett). Seit der Verletzung von Kevin Martin, der ihm entscheidende Spielanteile klaute, blüht das Megatalent auf. Einige Experten vergleichen ihn mit einem jungen Tracy McGrady. Genau wie T-Mac hat auch Wiggins unglaubliche körperliche Attribute und eine atemberaubende Sprungkraft. Seine Defense ist schon jetzt außergewöhnlich gut. Und auch seine Offense wird sich über die Jahre entwickeln. Mit seinen blutjungen 19 Jahren hat er noch die ganze Zukunft vor sich. Ein funkelnder Rohdiamant und potenzieller Megastar. „Air original Canada“ in the making! Stay tuned…