09 Dezember 2014

9. Dezember, 2014   |  Tiago Pereira  @24Sekunden


Das Jahr 0
Anno 2005. Coach K schüttelt freudig seinem neuesten Rekruten die Hand. Der beste Highschool Spieler des Landes trägt von nun an das teuflische Blau der Duke Blue Devils. Wieder findet ein All-American seinen Weg in die heiligen Hallen des Cameron Stadiums. Es soll Joshuas neues Wohnzimmer werden. Universitäts-Bänke drücken und Bücher pauken zog er dem Business-Leben eines NBA Profis vor, vorerst. Geld wird er noch genug verdienen, warum nicht vorher das Leben ein wenig genießen. McBob, wie Joshua später genannt werden soll, stehen alle Türen offen. NBA und College-Teams aus ganz Nordamerika reißen sich um seine Unterschrift. Während McRoberts seine Sneaker für jedes Team des Landes schnüren kann, möchten alle Highschool Spieler in seinen Schuhen stecken. Alle, auch Stephen Curry.

Der Sohn des ehemaligen NBA-Veteranen Dell Curry träumt auch den Traum vom Basketball-Stipendium. Unrealistisch ist dieser Traum nicht, schließlich hat sein Senior ihm nicht nur gute Gene in die Wiege gelegt, sondern auch die richtige Einstellung. Guter Wille zählt, aber auszahlen tut dieser sich noch nicht. Nur ein paar Universitäten klopfen an Currys Tür. William&Marry, Winthrop, Wofford. Namen, denen man ohne Wikipedia wohl kaum ein Division 1 Basketballprogramm zuordnen würde. Auch Dell Currys Alma Mater, die Virginia Tech Universität, schaut vorbei, um dessen Sohnemann zu rekrutieren. Es bleibt jedoch bei halbherzigen Versuchen, den Filius nach Virginia zu locken. 

VTU bietet Stephen das Stipendium unter der Bedingung an, dass dieser in seiner ersten Saison das rote Shirt trägt. Ein Jahr Zuschauer sein, statt aktiv Basketball zu spielen. Stephen Curry ein Walk-On am College. Kein unüblicher Einstieg für einen ranglosen Highschool Spieler, der körperlich noch der Mittelstufe hinterher hinkt. Curry lehnt dennoch ab, er will sofort Basketball spielen und nicht erst morgen. Er entscheidet sich für das Mid-Major Basketballprogramm des Davidson College.  

Auf halbem Weg angekommen
Journalisten, Experten und Fans staunen nicht schlecht bei der Veröffentlichung des AP College All American Basketball Teams. Der hochgehandelte Aufbauspieler der Memphis Tigers, Derrick Rose, schafft es nur in die dritte Auswahl. Ein Platz im ersten Team sichert sich das Texas Longhorn, D.J. Augustin. Doch dies sind nicht die eigentlichen Überraschungen. Die heißt Stephen Curry. Davidsons Sophomore wird ins All American Second Team gewählt. Vor zwei Jahren kannte niemand außerhalb von Charlotte seine Namen, im Jahre 2008 las ihn plötzlich ganz Amerika. Nicht zum letzten Mal, wie sich herausstellen sollte. 

Auch im Folgejahr wählen die NCAA-Experten Davidsons Jüngling ins All American Team, dieses Mal jedoch ins erste. Ein adäquater Platz für den besten Werfer des Landes. Aber selbst 29 Punkte pro Spiel und die Wahl ins All American First Team scheinen nicht allen Zweifeln erhaben zu sein. Erst recht nicht allen Makeln.

Denn davon hat Stephen Curry damals angeblich viele. Er sei kein echter Aufbauspieler, ein Shooting Guard könne er aufgrund seiner schmächtigen Statur auch nicht sein, was übrig blieb war die Rolle des 'Tweeners. Weder Fisch noch Fleisch war Steph in den Augen der Experten. Die auf Athletik und Star-Appeal getrimmten Monokel sahen weder das eine noch das andere in Curry. Einzig seinen Verstand sprachen die Scouts dem zukünftigen Aufbau-Anwärter nicht ab. Aufgrund seines hohen Basketball IQs und des unübersehbar weichen Handgelenks ließen sich die NBA Scouts auf die wohlwollende Prognose ein, Stephen Curry in die Riege der 20 besten seines Jahrgangs aufzunehmen. Ein mittlerer bis später Erstrundenpick, zu mehr würde es nicht reichen. Die projizierte Karriereaussicht barg kein Panoramablick auf Springfield. Eventuell läge eine Spezialistenrolle à la Steve Kerr in Aussicht. Welch Ironie.

Curry steht an der Schwelle zur NBA, doch Selbstzweifel und Konkurrenzdruck machen ihm die Entscheidung schwer. In Davidson ist er der unangefochtene Star. Das Gesicht eines Basketballprogramms, welches unter seiner Führung bis ins Elite Eight der March Madness vorpreschte - neuer Schulrekord. Dazu trennen Curry „nur“ 1032 Punkte von Pete Maravichs All Time Punkterekord. Geht Curry als Senior vom College ab, verlässt er Davidson und den College-Basketball als Legende. Schreibt er sich sofort für den NBA-Draft ein, ist er einer unter vielen, denn die Konkurrenz ist groß. Tyreke Evans, James Harden, Jonny Flynn, Ty Lawson und das spanische Wunderkind Ricky Rubio haben längst Platz genommen auf der Couch im Green Room. Will sich Curry zwischen belegte Stühle setzen? 

Curry will es. Am Ende ist es sein Vater, der ihn dazu bewegen kann, den Schritt ins Profilager zu wagen. Dell Curry kennt seinen Sohn und er kennt die Scouts. College Seniors sind überreifes Obst, dass nur selten der frischen Ware vorgezogen wird. Eine weitere Saison in der belang- und konkurrenzlosen Southern Conference täte der Popularität seines Zöglings einen Bärendienst. Der Senior sieht in den anstehenden Draft-Workouts eine größere Chance für Stephen. Sich im direkten Vergleich mit den übrigen Point Guards zu messen, wäre die Chance, aus der Masse heraus zu stechen, die Curry am wenig beobachteten Davidson College nur selten hatte. Vielleicht könnte sich Steph durch die extra Trainingseinheiten sogar einen Platz in der Lottery erarbeiten.


Catch him if you can 
Stephen Curry fängt den Rebound mit noch acht Sekunden auf der Uhr. Die Warriors haben keine Auszeit parat. Unbedeutend, denn Curry steht schon längst im Halbfeld der Orlando Magic und dribbelt auf seinen Verteidiger, Tobias Harris, zu. Fünf Sekunden noch. Curry täuscht einen Crossover nach rechts an, zieht dann schnell nach links und Harris versinkt im besten Zuschauerplatz des Hauses. Noch ehe Stephs Dreipunktewurf durch das Nylon streift, hängen die Köpfe tief auf der Bank der Magic. Der beste Werfer der NBA verfehlt ein offenes Ziel nicht. Die Magic wissen das. Die 19.596 Besucher der Oracle Arena wissen das. Alle wissen es.

Stephen Curry ist ein Superstar. Jetzt, hier und heute. Und eigentlich schon immer, nur keiner hat hingeschaut. Vergessen scheinen Tage, an denen er als kommender Draftbust galt, der noch vor Hasheem Thabeet und Jonny Flynn die Segel hätte streichen sollen. Als er sich dann doch in der Liga festspielte und einen neuen Vertrag mit knapp zehn Millionen pro Jahr kassierte, war das Gelächter sogar noch größer. Ein gebrechlicher Aufbauspieler ohne All Star Potential überzubezahlen, das schien typisch für die einstige Lachnummer Golden State Warriors. Heute lacht niemand mehr. Außer mir, ich und Oakland.