03 Dezember 2014

2. Dezember, 2014   |  Pascal Gietler  @PascalCTB


Was haben Dwyane Wade, Kyrie Irving und Jrue Holiday gemeinsam? Klar, alle drei Spieler sind Guards, doch darüber hinaus stand das Trio am 17. Februar 2012 gemeinsam in Houston auf dem Feld. Als All-Stars der Eastern Conference gingen sie zwar als Verlierer vom Platz, doch gerade für die beiden jungen Aufbauspieler Irving und Holiday sollte dieser Tag etwas ganz besonderes gewesen sein, denn schließlich wurden die beiden zum ersten Mal in ein All-Star-Team berufen. Während Irving dank seines spektakulären Spielstils und seines Alter-Egos "Uncle Drew" mehr oder weniger das "Abo" für die kommenden All-Star-Spiele in der Tasche hat, muss Jrue Holiday nach langer Verletzungspause gefühlt wieder ganz unten anfangen. 

Keine brüderliche Liebe
In der 'City of Brotherly Love' wurde Jrue Holiday direkt in seiner Rookie-Saison von einem vermeintlichen "Langzeitprojekt" zu einem 24-Minuten-Spieler, der seinen Basketball-IQ schon im zarten Alter von 19 auf dem Silbertablett präsentierte: verhältnismäßig wenig Turnover und clevere Wurfauswahl. Holidays Spiel hat den damaligen Sixers-Coach Eddie Jordan offenbar dermaßen überzeugt, dass er Holiday bereits mit 19 Jahren zu einem Starter in einem NBA-Team machte. Nach der Saison wurde Coach Jordan zwar entlassen, aber auch sein Nachfolger Doug Collins hielt an Holiday fest und machte ihn zum unumstrittenen Starter auf der Eins, welcher bereits in seiner Sophomore-Saison die Philadelphia 76ers an der Seite von Andre Iguodala und Elton Brand zu einem .500-Team machte, das sogar die Playoffs schaffte. Holidays Statistiken gingen folgerichtig nach oben: 14,0 Punkte pro Spiel bei 44% aus dem Feld, dazu 6,5 Assists pro Spiel.

In seiner dritten Saison schaffte Holiday es dann mit den 76ers in die Eastern Conference Semifinals  und war bei diesem Playoff-Run mit 15,8 Punkten pro Spiel Topscorer seines Teams. Mit starken Playoff-Leistung im Rücken ging Holiday mit Philly in die Saison 2012-2013, die jedoch nur für ihn als Einzelspieler in positiver Erinnerung bleiben sollte. Im Zuge des "Dwightmares" beschlossen die 76ers, sich von Leistungsträger Iguodala zu trennen, der für einen gewissen Andrew Bynum über die Ladentheke ging. Bynum war die große Hoffnung der Sixers - endlich ein dominanter Big Man mit Championship-Erfahrung und All-Star-Potenzial. Was aus diesem Projekt geworden ist, sollte allgemein bekannt sein.

Folglich hing beinahe die komplette Verantwortung der Sixers am immer noch jungen Jrue Holiday, der zwar 17 Punkte und knapp 8 Assists pro Spiel auflegte, seine Mannschaft aber nicht zum dritten Mal in Folge in die Playoffs führen konnte. Während dieser wenig erfolgreichen Saison unterschrieb Holiday wenige Monate vor seinem ersten All-Star-Spiel einen neuen Vierjahresvertrag in Philadelphia und viele Beobachter gingen davon aus, dass nach dem "Bynum-Fiasko" ein neues Team um Holiday aufgebaut werden sollte.

Das stellte sich am Draftabend 2013 jedoch als falsch heraus: Die Sixers verschifften ihren besten Spieler für den in vielen Mock Drafts an Position eins geführten Big Man Nerlens Noel und einen weiteren Erstrundenpick (2014) nach New Orleans. Für viele gilt diese Transaktion noch heute als umstrittenste Amtshandlung von Sixers General Manager Sam Hinkie.

Kein einfacher Start im "Big Easy"
Die Pelicans sind unter ihrem neuen Besitzer Tom Benson "all-in" gegangen und haben auf Biegen und Brechen versucht, so schnell es geht, ein Playoff-Team um Anthony Davis aufzubauen. Auf dem Papier sahen die Pelicans zwar wie ein gutes Fantasy-Basketballteam aus, doch auf dem Parkett konnten die "Pellies" nicht wirklich überzeugen, was mit fortgeschrittener Saison auch an diversen Verletzungen lag.

Zu diesen Langzeitverletzten gehörte auch Holiday, der sich nach eigentlich recht gelungenem Saisonstart eine Stressfraktur im rechten Schienbein zuzog und aufgrund der anschließenden Operation die restliche Saison 2013-14 abhaken konnte. Zu diesem Zeitpunkt standen die Pelikane mit einer Bilanz von 15-19 noch verhältnismäßig gut dar, doch ohne Holiday, Ryan Anderson und Jason Smith musste sich New Orleans auf eine miese Restsaison einstellen. Am Ende des Tages zählten die Pelicans mit einer Bilanz von 33-49 zu den zehn schlechtesten Teams, die Defensive gehörte gar zu den drei miesesten in der gesamten NBA.


All-Star-Comeback?
In der noch jungen Saison stehen die Pelicans bilanztechnisch noch immer nicht da, wo sie eigentlich stehen wollen. Auch die Defensive ist statistisch unterdurchschnittlich. Immerhin kann Coach Monty Williams wieder auf die beiden einstigen Langzeitverletzten Jrue Holiday und Ryan Anderson setzen. Während die ganze Welt nur noch über die vermeintlich unaufhaltbare Dominanz von Anthony Davis spricht, vergessen viele, dass auch Jrue Holiday in New Orleans unter Vertrag steht und das macht, was er schon seit seiner Rookie-Saison macht: Holiday überzeugt in der aktuellen Spielzeit vor allen Dingen wieder mit einer effizienten Spielweise. 

Die Pelicans gehören als Team aktuell zu den zehn schlechtesten Teams in Sachen "Field Goal Percentage", was hauptsächlich daran liegt, dass Tyreke Evans und auch der mittlerweile mal wieder verletzte Eric Gordon viel zu viele Würfe nehmen, die sie einfach nicht nehmen sollten. Auch Ryan Anderson hat nach seinem Bandscheibenvorfall seinen Spielrhythmus noch nicht ganz gefunden - die Zahlen werden im Laufe der Saison eventuell noch nach oben korrigiert werden, doch es spricht für Holiday, dass er schon voll im Soll ist. 

Generell muss man bei der Bewertung von Jrue Holiday eher auf den berühmten Augentest vertrauen, als sich in Boxscores zu verlieren. Laut den Statistiken ist Jrue Holiday zwar offensichtlich effizient, aber seine 15 Punkte pro Spiel reißen eigentlich kaum jemandem vom Hocker, besonders wenn man beim Blick auf die teaminternen Topscorer ein paar Zentimeter nach oben schielt. Anthony Davis wirft nicht nur in der Realität einen großen Schatten, wenn die Mittagssonne über New Orleans mal wieder hoch am Himmel steht, sondern auch in den Boxscores ist er die schillernde Figur, die jeden anderen Pelikan irrelevant erscheinen lässt. 

Doch bei den Statistiken muss man die ganze Sache - wie so häufig - im Kontext sehen. New Orleans hat Spieler wie Davis, Evans und Anderson unter Vertrag. Diese drei Spieler zusammen drücken in manchen Partien rund 50 Mal ab - Jrue Holiday nimmt in NOLA hingegen nur die viertmeisten Würfe. Pelicans-Coach Monty Williams versucht durch seine ballmovement-lastige Offensive, die Würfe auf all seine Spieler zu verteilen. Dass es in solchen Systemen "individuelle Opfer" gibt, beweisen die San Antonio Spurs Jahr für Jahr. Holidays 6 Assists pro Spiel sind natürlich auch "Opfer" dieses Systems, doch muss man auch berücksichtigen, dass Holiday - wie schon damals in Philadelphia - mit Evans einen balldominanten Swingman neben sich hat, der Teile des Spielaufbaus respektive den Ballvortrag übernimmt. Eine Sache, die sich kaum an Statistiken ausmachen lässt, ist die sehr gute "on-ball"-Verteidigung Holidays. Schon in Philadelphia wurde er Jahr für Jahr besser, in dieser Saison knüpft er definitiv an die Leistungen in seinem letzten Jahr dort an. 

Jrue Holiday wird es natürlich schwer haben, sich gegen die starke Konkurrenz auf der Guard-Position einen Platz im All-Star-Team zu sichern, doch dies ist für ihn persönlich womöglich nur von sekundärer Bedeutung. Sein primärer Fokus wird auf dem Teamerfolg liegen, denn er hat schon früh in seiner Karriere Playoff-Luft geschnuppert und könnte langfristig gemeinsam mit Anthony Davis etwas sehr Großes in Louisiana aufbauen. Defensiv haben die Pelicans mit Asik, Davis und auch Holiday das Potenzial, ein absolutes Bollwerk zu sein. Das Management muss es nur irgendwie schaffen, bereits begangene Fehler auszubügeln und bessere Komplementärspieler für diesen Kern zu verpflichten.