09 Januar 2015

9. Januar, 2015   |  Axel Babst  @CoachBabst


Der Recruiting-Prozess ist also ein schwieriges Unterfangen, bei dem die Liste der Sieger alle Jahre wieder die gleichen Namen aufweist. Doch wie bereits einleitend bemerkt, müssen mehrere Komponenten in Einklang gebracht werden, damit ein Collegeteam erfolgreich sein kann. Neben dem Talentlevel der einzelnen Individuen ist daher auch das Zusammenwirken dieser Personen entscheidend. Oft suchen sich die Coaches gezielt Spieler für ihre Systeme und Philosophien aus. Wie aber sehen diese Systeme konkret aus und wie wichtig sind sie für den Erfolg? 

Defense wins Championships
Während in NBA-Kreisen viel über den Wahrheitsgehalt dieser Floskel debattiert wird, ist die Basketballweisheit in der NCAA brandaktuell und allgegenwärtig. Kein Wunder, denn in der NCAA findet man wahrscheinlich jede erdenkliche Verteidigungsvariante, die möglich ist. Auch die Topteams greifen tief in die Trickkiste und können oft erst dadurch den Status als Spitzenteam erreichen. Geht man die Final Four Teilnehmer der letzten fünf Jahre durch, ist kein Team darunter, das sich nicht durch eine gute Verteidigungsarbeit auszeichnete. Auch hier erreichten viele Teams das Finalwochenende erst aufgrund ihres Ideenreichtums und ihrer Kompromisslosigkeit in der Verteidigung.

Im Moment sorgen beispielsweise die Kentucky Wildcats für Furore und sind auf dem besten Wege, eine historisch herausragende Defensivleistung zu demonstrieren. Die Gründe für die gute Verteidigung sind dabei aber weniger taktischer Natur, sondern ergeben sich aus den physischen Eigenschaften der Spieler. Sie sind mit Abstand das größte Team der NCAA und könnten sogar mit den meisten NBA Teams in dieser Hinsicht mithalten. Durch die Länge und Athletik können die Wildcats den Ring mit guter Helpdefense sehr effektiv schützen, was die Guards am Perimeter dazu anspornt, noch mehr Druck auszuüben. Dadurch sind gegnerische Guards oft von den ersten Sekunden eines Angriffs an gehetzt und sehen ihr Heil in der Flucht nach vorne, die dann meist mit den Krakenarmen der Big Men beendet wird.

Über die letzten Jahre entwickelte Rick Pitino als Coach der Louisville Cardinals eine Matchup-Zone, die Gegnern immer wieder auf’s Neue ein Rätsel zu sein scheint. In der Saison 2012/13 konnte Pitinos Team derart viel Verwirrung stiften, dass die Cards sogar den Titel gewannen. Die Zone ist in ihrer Grundstruktur eine 2-3-Zone, in der aber jeder Verteidiger die Aufgaben einer normalen Mannverteidigung übernehmen soll. So kann es durchaus passieren, dass Cardinals auf einer Seite des Spielfelds in der Verteidigung starten und am Ende des Angriffs an einer vollkommen anderen Seite des Spielfelds wieder zu finden sind, weil sie mit einem Mitspieler die Position tauschen mussten, was für eine Zonenverteidigung sehr ungewöhnlich ist. Dies erfordert ein hohes Maß an Kommunikation und Spielverständnis, da jeder Verteidiger über Handlungen seiner Nebenleute informiert sein muss, damit er aufkommende Lücken entdecken und im Keim ersticken kann.

Neben Louisville stellt mit den Virginia Cavaliers ein zweites ACC Team eine außergewöhnlich defensivorientierte Spielweise zur Schau. Tony Bennett installierte dort die 'Pack Line Defense'. Bei dieser Verteidigungsform ist eine gute Grundlagenausbildung unabdingbar. Daher dauerte es auch eine Weile bis die Cavaliers mit ihrer Spielweise Erfolge verbuchen konnten. Doch diese Wartezeit ist nach dem letztjährigen Gewinn der ACC vorüber und die Spieler passen mittlerweile exakt zur Spielweise. Besonders Kleinigkeiten sind entscheidend. Die Spieler fallen selten auf Wurftäuschungen herein und bleiben stattdessen auf dem Boden haften. Bei Closeouts stürmen die Cavs nicht Hals über Kopf zum ballführenden Spieler hinaus und machen es diesem nicht leicht, das Closeout zu attackieren. Gelingt dem Kontrahenten dann doch einmal der Durchbruch, ist das oberste Ziel die Penetration über die Elbows (Ecke Freiwurflinie/Zonenrand) zu verhindern, damit schnell die Hilfe organisiert werden kann. Dort liegt dann die wahre Stärke des amtierenden ACC Champs. Blitzschnell sieht sich der zum Korb ziehende Angreifer von Verteidigern umringt und kann einen sauberen Abschluss direkt knicken. Aber auch die Passmöglichkeiten beschränken die Cavaliers in solchen Situationen hervorragend, sodass in der Zone kaum etwas anbrennt und die Gegner sich zwei Mal überlegen, ob sie wirklich zum Korb ziehen wollen.

Redet man über erfolgreiche Verteidigungsformen darf natürlich die Matchup-Zone der Syracuse Orange nicht fehlen. Jim Boeheim sucht sich dazu konsequent passendes Spielermaterial. Sein Beuteschema umfasst dabei möglichst athletische, lange Rohdiamanten, die defensiv sofort ihren Platz in der Zone finden können, offensiv aber noch geschliffen werden müssen. Die zentrale Figur der Syracuse Defense bildet dabei der Center, der im Herz der Zone seine Neben- und Vorderleute zu den richtigen Stellen dirigiert und gleichzeitig den Ring beschützt. Die Wings und Guards versuchen derweil mit ihren langen Armen möglichst alle Passfenster zu schließen und Würfe zu erschweren. In der Short Corner, dem Bereich zwischen Lowpost und Dreierlinie entlang der Baseline, wird zudem aggressiv mit Center und Wing gedoppelt, sodass die einzig scheinbar verletzliche Stelle der Defense zu einem toten Punkt verkommt. 

Zu den genannten Teams gesellen sich mit Arizona, Duke und Wisconsin weitere Topteams, die keine speziellen taktische Kniffe einsetzen, aber mit ihrer harten Defense den Ton angeben.



Die Underdogs - Von Verwüstung und Verwirrung
Abseits der Titelaspiranten versuchen etliche Teams spezielle Defensivkulturen zu etablieren, um überhaupt einen Tournament Platz zu ergattern. Auch hier gibt es sehr interessante Herangehensweisen. 

Die VCU Rams dürften mit ihrer 'Havoc Defense' auch außerhalb der USA mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben. In der Offseason stählen sie im gemeinschaftlichen Navy Seal Training ihre Körper, was sich während der Saison dann bezahlt macht. Mit verschiedenen Pressformen setzen sie den Gegner einem ungeheuren Druck aus. Ständig wird der Ballhandler quer über den Court gehetzt. Dabei muss er den Ball hüten wie seinen eigenen Augapfel, damit er ihm nicht von einer hereinschlagenden Hand entrissen wird. Im Laufe der Partie werden die Gegner der VCU Guards paranoid genug, um schlechte Entscheidungen am Fließband zu treffen und damit die Kontrolle über das Spiel zu verlieren... sofern sie diese überhaupt jemals hatten. 

Etwas anders als sein Kollege Shaka Smart geht Josh Pastner bei den Memphis Tigers die Sache an. Anstatt auf pure Intensität und Energie zu setzen, versucht er den Gegner mit häufig wechselnden und taktisch klaren Verteidigungsstrategien aus dem Konzept zu bringen. Um selber die Übersicht zu behalten und alle Spieler auf dem Feld auf dem gleichen Stand zu halten, hat er dazu neben sich auf dem Anschreibetisch eine Vielzahl an Karten liegen, auf die Nummern gedruckt sind, welche wiederum für eine spezielle Verteidigungsform steht. Dabei wählt Pastner je nach Gegner und der Kapazität seiner eigenen Spieler zwischen 5 und 10 verschiedenen Optionen. In den letzten Jahren ging diese Idee fast immer auf, Memphis konnte sich allein wegen der starken Verteidigungsleistung genügend hochwertige Siege sichern, um einen Platz im NCAA Tournament zu rechtfertigen. Dieses Jahr stand allerdings ein sehr großer Umbruch an, wodurch die Defense noch nicht so sicher steht wie in den Vorjahren.



Ein weiterer experimentierfreudiger Coach ist Tim Floyd von der UTEP. Neben mehreren verschiedenen Varianten konventioneller Zonenverteidigungen probiert er auch gerne Mischformen aus Zonen- und Mannverteidigung aus. Nicht selten sieht man daher bei den Spielen seiner Mannschaft eine Box-and-One oder eine Triangle-and-Two. Beides zielt in erster Linie darauf ab, den Gegner aus dem Rhythmus zu bringen, kann aber auch sehr effektiv sein, wenn der Gegner sehr abhängig von einem oder zwei Akteuren ist. Mit dieser seltenen Marschrichtung in der Defense hofft Floyd darauf, in der Conference dieses Jahr den Titel einzuheimsen und so die erste Postseason seiner Amtszeit im NCAA Tournament zu verbringen. 

Die Underdogs als Offensivvirtuosen
Bevor es hier um die Offensivvarianten der Topteams mit den talentiertesten Spielern gehen soll, lohnt es sich auch einen Blick auf die „anderen“ Teams zu werfen, von denen es im März immer wieder einige fast oder bis zum Final Four schaffen, obwohl die Spieler dem großen Publikum gänzlich unbekannt sind. Diese Mannschaften zeichnen sich oft durch taktische Disziplin oder ungewöhnliche Spielweisen aus. Setzt aufgrund der Maßnahmen Erfolg ein, hat dieses Programm sogar die Chance so nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, dass es ein interessanter Standort für den einen oder anderen Youngster wird und somit auch der Talentlevel steigt. 

Eine der diszipliniertesten, wenn nicht gar die disziplinierteste, Mannschaft der NCAA und ein Sinnbild für Systembasketball ist im ältesten Städtchen Texas ansässig. Das Team der Stephen F. Austin Universität ähnelt unter Trainer Brad Underwood einer gut geölten Maschine, die unaufhörlich immer weiter ihre Prozesse durchlaufen lässt. Das ist nicht übertrieben. In jedem Angriff werden die Systeme solange durchgespielt bis ein offener Wurf zustande kommt. Besonders die Motion Offense wird dabei bis an die Grenzen ausgereizt. Underwood ist seit dem Sommer 2013 der Coach der Lumberjacks und konnte direkt in seinem ersten Jahr mit seiner Art Basketball zu spielen für Erfolg sorgen. Zwar schnitt die Universität auch in der Vorsaison gut ab und konnte eine überragende 27-5-Bilanz aufweisen, doch in den entscheidenden Momenten flatterten die Nerven und die Teilnahme am NCAA Tournament blieb dem Team verwehrt.

Die neue Systemstarre gab den Spielern jedoch die Sicherheit in den entscheidenden Minuten einer Begegnung, was in einer unglaublichen Serie von 29 aufeinanderfolgenden Siegen resultierte. Von Mitte November 2013 bis Mitte März 2014 blieb Underwood mit seinem Team ungeschlagen.  Gerade im Conference Tournament präsentierte sich Stephen F. Austin wesentlich sicherer und behielt auch in engen Spielen die Nerven. Obwohl die Gegner genauestens über die vielen Backscreens und Misdirection Aktionen Bescheid wussten, konnten sie dennoch nicht verhindern, dass die Texaner daraus scorten. Im NCAA Tournament bekam VCU dies zu spüren. Langsam zermürbte SFA die Rams, schoss über 50% aus dem Feld und konnte auch in den letzten Minuten mit zunehmender Hektik in der Partie ruhig die Sets ausspielen und damit die Überraschung perfekt machen. All diese Errungenschaften erreichte das Team ohne einen Toprekruten oder hoch anzusiedelnden Transfer im Kader. Das Team und das System stehen im Vordergrund, nicht der Einzelspieler. Während eines Angriffs wird der Ball oft von Seite zu Seite bewegt. Auch die Spieler laufen viele Cuts und sorgen für Unruhe, wodurch die Spieler letzten Endes so frei sind, dass sie nur in der Lage sein müssen, einen offenen Wurf oder Korbleger zu verwandeln. Underwood entwickelt seine Spielern zusätzlich zu ausgezeichneten Passgebern und vermittelt ihnen einen hohen Basketballsachverstand, mit dem sie mangelndes Talent ausgleichen können.



Die Topteams - Zwischen Spektakel und Schönspielerei
Die Trainer der spielstarken Collegeteams stehen immer vor einem schwierigen Balanceakt. Einerseits unterliegen sie einem hohen Erfolgsdruck und sind zum Siegen verdammt. Denn nur wer erfolgreich ist, ist auch für kommende Spielergenerationen ein attraktives Anlaufziel. Andererseits darf der Coach aber auch nicht zu strukturstur spielen lassen, da er so zwar eventuell die Siegchancen erhöht, den Talenten des Kaders aber möglicherweise nicht den Raum lässt, sich auszuzeichnen. Das schreckt Highschool Stars davon ab, sich für diese Universität zu entscheiden. Nur wenige Trainer schaffen es, die richtige Mischung zu finden. 

Das beste Beispiel für die Angst vor Talentflucht sind die Kentucky Wildcats. Coach Cal will um keinen Preis riskieren, dass künftige Ausnahmeathleten seinen Campus meiden, weil NBA Teams nicht genug vom reinen, ungeschmückten Spielvermögen der Youngster zu sehen bekommen. Deswegen schloss er auch kategorisch aus, in der Defense trotz der vorhandenen Möglichkeiten eine Zone spielen zu lassen. Genauso sieht es in der Offense aus. Es gibt kaum komplexe Systeme, sondern nur einige Grundprinzipien, nach denen die Wildcats agieren. Die künftigen NBA Hoffnungsträger setzen darauf, dass sie ihren Gegenspielern individuell haushoch überlegen sind und versuchen daher, möglichst aggressiv den Weg zum Korb zu finden. In den seltensten Fällen schaffen es die Gegner, die jungen Wildkatzen vor sich zu halten. Kollabiert die gegnerische Defense, folgt meist der Kickout zum freien Schützen, der dann die Wahl hat zwischen seinem offenen Wurf oder einer weiteren Penetration, die die Defense endgültig durcheinander wirbelt. Außerdem muss die Defense immer darauf gefasst sein, bei der Penetration der Guards Lobanspiele auf die Big Men zu verhindern. Caliparis Offense wird auch gerne als Dribble Drive Motion bezeichnet. Das sieht nicht immer schön aus, ist aber sehr effektiv und der NBA Spielweise nachempfunden. Und nur das zählt letzten Endes. Hinzu kommen noch einige Standardplays, wie Horns, die jedes NBA Team im Playbook hat.

Ganz anders gehen Mike Krzyzewski bei den Duke Blue Devils und Bill Self bei den Kansas Jayhawks die Sache an. Coach K setzt auf gutes Spacing und geordnetes Zusammenspiel, in dem allerdings alle wichtigen Elemente des modernen NBA Basketballs enthalten sind. Speziell auf die exakte Ausübung des Pick & Roll legt der Rekordtrainer großen Wert und gibt seinen Spielern für den weiteren Karriereweg eine Menge mit. Traditionell lösen seine Schützlinge die Situationen aus dem Blocken & Abrollen auch sehr geschickt und meistern damit das Grundelement der Duke Offense. Dabei helfen die guten Schützen der Blue Devils, dabei das Feld sehr breit zu machen und das Two-Man-Game so zu erleichtern. Steht, wie in diesem Jahr mit Jahlil Okafor, ein dominanter Innenspieler im Kader installiert Coach K auch sehr viele Postups in seine Systeme und geht dabei gezielt auf die Vorlieben seiner Big Men ein.

Bill Self ist ebenfalls für seine effektive Offense bekannt, was daran liegt, dass in seinem Playbook eine Antwort auf jede Defense des Gegners zu finden ist. Self weiß genau, wie er seine besten Spieler und hoffnungsvollsten Talente in so gute Ausgangslagen bringt, dass sie zum Scoren nur noch den Ball fangen und direkt in der Reuse unterbringen müssen. Kein anderer Coach der NCAA kann derart viele Lobplays gegen eine Zonenverteidigung aus dem Hemdsärmel schütteln. Davon profitierten schon mehrfach athletische Freaks wie Andrew Wiggins im letzten Jahr zum Beispiel. Beeindruckend ist dabei immer wieder, wie exakt die Ausführung in solchen Situationen ist. Der Hauptbestandteil der Jayhawks Offense liegt im Postup. Self entwickelt Innenspieler in irrwitzig schnellem Tempo zu versierten Lowpost Scorern und bringt ihnen dabei die fundamentalen Dinge bei. Seine Big Men wissen, wie sie sich und ihren Gegenspieler zu positionieren haben, um den Ball empfangen und direkt verwerten zu können. So sind High-Low-Anspiele kein Problem für die Jayhawks und resultieren oft in einfachen Punkten. 

Unterm Strich
Talent alleine ist keine Garantie für Erfolg. Die Vergangenheit hat bewiesen, dass Erfahrung und Ordnung durch nichts zu ersetzen und grundlegende Voraussetzungen für Teamerfolg sind. Dessen sind sich natürlich auch die Coaches der größten Talente bewusst. Dementsprechend legen gerade die Trainerstäbe der renommierten Universitäten sehr viel Wert auf taktische Disziplin und gehören mitunter zu den kreativsten Köpfen ihrer Zunft. In der Regel setzt sich diese Qualität auf und neben dem Parkett in der Konsequenz auch durch. Letzten Endes ist Erfolg jedoch einfach nicht planbar, sondern es müssen eine Menge Faktoren mitspielen, damit die harte Arbeit auch mit dem Titel gekrönt wird. Wie wichtig die richtige Mischung aus Talent, akkurater Ausführung taktischer Vorgaben, Erfahrung und einem Lauf zur rechten Zeit ist, zeigte der Lauf der UConn Huskies in der vergangenen Saison. Gerade die Unvorhersehbarkeit macht aber den besonderen Reiz am College Basketball aus.