29 Mai 2015

29. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Jarell Martin entschied sich als heiß begehrter Highschool Spieler dafür, der heimischen LSU nach längerer Durststrecke wieder auf die Sprünge zu helfen und wieder eine glorreiche Epoche einzuläuten. In seinem zweiten Jahr schulterte er mit seinem Frontcourt-Compagnon Jordan Mickey zusammen das Team und führte es zum ersten Mal seit sechs Jahren ins NCAA Tournament. Spätestens nach seinem Between-the-Legs-Dunk gegen Florida sollte auch jedem klar sein, dass dieser spielfreudige Big Man in die NBA gehört.


Wegen seiner athletischen und vielseitigen Spielweise war der aus Louisiana stammende Martin bereits im jungen Highschool Alter sehr begehrt. Die bekannten Scouting Portale stuften ihn durchweg als großes Talent ein. Auch zum All American Game wurde Martin eingeladen. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass er künftig für LSU auf Korbjagd gehen würde. Dort baute Johnny Jones gerade das renommierte Programm wieder auf und war auf der Suche nach einem Zugpferd für seine Arbeit. Jarell Martin erfüllte diese Rolle perfekt. 

Wegen der starken Präsenz der Innenspieler O’Bryant (mittlerweile bei den Bucks) und Mickey musste Martin als Freshman auf die Flügelposition ausweichen. Hier kam ihm seine Vielseitigkeit zu Gute. Mit seinen starken Auftritten auf der ungewohnten Position erweckte er das Interesse einiger NBA Scouts und spielte sich erstmals auf den Radar der Draftrankings. Allerdings fehlte dem Team die Tiefe, um sich für das NCAA Tournament zu qualifizieren. 

Da O’Bryant sich zum Draft anmeldete, entstand auf einmal eine große Lücke unter dem Korb. Coach Johnny Jones probierte zunächst weiterhin die große Formation mit Martin auf dem Flügel beizubehalten, stellte jedoch relativ schnell fest, dass dazu weder eine Notwendigkeit bestand, noch ein tieferer Sinn darin verborgen war, sodass er Martin als Innenspieler installierte. Dort blühte er endgültig auf, dominierte stets das Geschehen in der Zone und zeigte auch gegen die scheinbare Übermacht der Kentucky Wildcats keinerlei Berührungsängste. 

Mit seinen 15 Double-Doubles und einer starken Schlussphase in der Conference Saison war er Mitverantwortlicher des Tournament Einzugs. Auch dort dominierte er mit seinem Kollegen Mickey das erste Spiel nach Belieben, allerdings gaben die Tiger das Spiel dann doch noch leichtfertig aus der Hand. Nichtsdestotrotz hat Martin seine Aufgabe erfüllt und die Tigers wieder auf den nationalen Bildschirm gezaubert. Er war Wegbereiter für die Ankunft der neuen Hoffnung Ben Simmons und kann sich daher guten Gewissens auf den Draftabend freuen.

Es ist immer wieder faszinierend Jarell Martin auf dem Court zu beobachten. Seine Mobilität und Athletik sind außergewöhnlich für einen Spieler seiner Größe und seiner Position. Dazu kommt jedoch, dass Martin nicht einfach ein dünnes Sprungwunder ist, sondern einen muskelbepackten Körper durch die Lüfte schwingt. 



Auf College Ebene war er damit eine wahre Urgewalt, der sich kein Gegenspieler unbeschadet entziehen konnte. Offenkundig wurde es besonders dann, wenn Martin mal wieder für ein Highlight in Form eines krachenden Dunks oder eines spektakulären And-Ones nach hart erkämpften Offensivrebound gegen drei Leute sorgte. Egal wie viele Gegner mit andersfarbigen Leibchen den Powerplayer umringen: Er schafft es immer irgendwie, seine breiten Schultern zum Abschirmen des Spielgeräts zu nutzen und den richtigen Moment abzupassen, um selber in die Offensive zu gehen und das Leder beherzt durch die Reuse zu hämmern. Auch härtere Fouls können ihn nicht daran hindern seine Arbeit zu verrichten. 

Neben seinen Qualitäten als Bulldozer in der Zone ist Jarell Martin aber auch ein sehr eleganter Basketballer, in dessen Händen das Spielgerät bestens aufgehoben ist. Sein Ballhandling ist für einen Big Man sehr ausgefeilt und reicht, um Flügelspieler stehen zu lassen. Hier hilft ihm natürlich auch sein schneller erster Schritt. 

Im Passspiel spiegelt sich das Feingefühl des Highlight Produzenten ebenfalls wider. Die High-Low-Anspiele auf seinen Partner Mickey bezeugen das. Martin weiß genau, in welchem Moment er den Ball auf die Reise schicken muss. Er kann sich außerdem genau in den Passempfänger hinein versetzen und weiß, wo dieser den Ball fangen möchte. Die Präzision der Lobs ist hervorragend. Auch ein weiches Handgelenk beim Sprungwurf ist prinzipiell vorhanden. 

Martin muss aber nicht großartig in eine ausgeklügelte Offensive eingebunden werden, da er sich abseits des Balls gut bewegt und seine Chancen gegen den Wind wittert. Er stellt gute Screens für die Außenspieler, wodurch er diesen einen freien Zug zum Korb ermöglicht. Gleichzeitig verpasst es der variable Sophomore nicht sich im richtigen Moment abzurollen. Seine guten Hände und seine Toughness machen ihn zu einem Traumpartner im Pick & Roll für jeden geschickten Aufbauspieler.

In der Verteidigung ist Martin ein sehr zuverlässiger Rebounder, der seiner Mannschaft viele Angriffe sichert und seinen Mitspielern hilft, wo es nur geht. Zudem kommuniziert er sehr gut und kann damit Fehler in ihrer Entstehung vermeiden und verpennte Mitspieler wachrütteln. In der Not ist er auch als Shotblocker und engagierter Helpside Verteidiger zur Stelle.

Hinzu kommt, dass Martin verhältnismäßig noch jung und entwicklungsfähig ist. Sein Coach betonte mehrfach, wie „coachable“ Martin sei, was eine Grundvoraussetzung für weitere Verbesserungen wäre. Durch seine vielseitigen Anlagen gibt es für den Athleten auch noch viele Bereiche, in denen er sich mit harter Arbeit verbessern kann. In keinem der Bereiche hat er bislang Perfektion erreichen können, weist aber genug Potential auf, um ihr sehr nahe zu kommen. 

Als erstes sollte sich der künftige Coaching Staff, in dessen Verantwortung sich Martin befinden wird, um den Wurf des Youngsters kümmern. Zwar deutet dieser ein naturgegebenes Talent für den Sprungwurf an und verfügt über ein sehr zartes Handgelenk, allerdings ist die Wurftechnik weder ausgereift noch gefestigt. 

Viele Würfe sehen sehr unterschiedlich aus und die Streuung der Resultate ist immens. Besonders im Catch-and-Shoot hat Martin noch Probleme. Er ist oft nicht bereit für den Pass und muss nach Ballerhalt kurz umgreifen. Seine Arm- und Beinbewegung sind nicht koordiniert. Der Abwurfpunkt ist etwas niedrig und das Anreißen in der Ausführung wankelmütig. Aus dem Dribbling wirken die Bewegungen sehr viel flüssiger und der Forward geht mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in den Wurf. 

Solche Hindernisse können widerspenstig sein, allerdings sollten sie bei diszipliniertem Wurftraining nacheinander verschwinden und die Bahn für einen sauberen Jumpshot freimachen. Noch ist er davon aber weit entfernt. Blickt man auf den Status Quo nimmt Martin viel zu viele Sprungwürfe, anstatt seine Athletik und seinen gut gebauten Körper einzusetzen.

Gleichzeitig hat Martin aber auch Probleme im Lowpost. Wenn er den Ball nicht sehr nah am Korb bekommt, wo er sich bloß umdrehen und einen Baby Jump Hook einnetzen muss, ist er ein wenig aufgeschmissen. Die Fußarbeit des Tigers ist verbesserungswürdig und war bislang offensichtlich noch kein Thema. Dropsteps benutzt Martin selten und wenn doch, dann sind sie nicht sonderlich hilfreich. 

Stattdessen geht er dann lieber ins Faceup und versucht sich mit vielen Dribblings auf engstem Raum gegen viele reingreifende Hände einen Weg zum Korb zu bahnen. Das geht erwartungsgemäß meist in die Hose. In dieser Hinsicht ist er immer ein heißer Kandidat für schmerzhafte Ballverluste, die direkt zu leichten Punkten des Gegners führen.


Das größte Problem ist jedoch Martins Defense, da sie einerseits die größte Schwäche ist und andererseits nur sehr schwer verbessert werden kann. Martin ist oft unaufmerksam und versucht seine daraus resultierenden Fehler mit plötzlichem Übereifer zu kompensieren, was die ganze Sache eigentlich nur verzwickter macht. Ist er bei einer Rotation zu spät, versucht er dennoch den Pass abzufangen oder den Wurf zu blocken. 

Ersteres führt zu ungestörten Drives, letzteres gibt seinem eigenen Gegenspieler die Möglichkeit auf einen unbedrängten Offensivrebound samt folgendem Putback. Zu allem Überfluss sammelt Martin gerne Mal viele Fouls in kurzer Zeit ein und findet sich daher recht schnell auf der Bank wieder. Nur mit sehr viel Spielzeit wird Martin aus diesen Fehlern lernen. Doch es wird eine gewisse Weile dauern, bis der Rookie genug Erfahrungen gesammelt hat und künftige Situationen besser löst.

Mit seiner Power und Unnachgiebigkeit unter dem offensiven Brett erinnert Jarell Martin sehr stark an Brandon Bass. Dieser ist ähnlich muskulös wie Martin. Beide lassen ihren Motor ständig laufen und halten sich daher immer mitten im Geschehen auf. Sollte Martin einen guten Wurftrainer zur Seite gestellt bekommen, könnte er ein ähnlich verlässlicher Mitteldistanzwerfer wie Bass werden. Perspektivisch ist sogar der Dreier möglich. Allerdings kann sich Martin noch das eine oder andere Detail aus Bass’ Verteidigungsverhalten abschauen.

Martin ist ein sehr interessanter Spieler, der sicher einen Pick in der ersten Runde wert ist. Er kann einem Team jetzt schon helfen, da er nicht im Scheinwerferlicht stehen muss, um effektiv zu sein. Andererseits besteht aber noch genügend Raum zu Verbesserungen, sodass er nicht immer in der Rolle des Energizers vor sich hin vegetieren muss, sondern sich durchaus prominentere Spielanteile verdienen kann. Es kann nie schaden einen Spieler wie Jarell Martin im Kader zu haben.