16 Juni 2015

16. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Neben Cameron Payne dürfte Bobby Portis der unbekannteste Spieler des Jahrgangs sein, der eine realistische Chance auf einen Lottery Pick hat. Portis flog in seinen beiden College Jahren etwas unter dem Radar, weil er für die eher unbekannten Arkansas Razorbacks auf Korbjagd ging. Dort formte der künftige NBA Spieler mit seinen Teamkameraden eine eingeschworene Einheit und verinnerlichte den ungewöhnlichen Spielstil. Am Ende sprang eine Teilnahme am NCAA Tournament heraus. 

Portis stammt aus Little Rock, Arkansas. Er hatte keine einfache Kindheit, da sich seine Familie oft in finanziellen Schwierigkeiten befand und mehrfach den Wohnort wechseln musste. Ein früher Halt war der Sport für Portis. Da er bereits als Teenager seine Mitschüler deutlich überragte und gleichzeitig viel Ballgefühl demonstrierte, machte er bald überregional auf sich aufmerksam. 

Als Resultat daraus wurde er als das größte Talent des Staates seit Corliss Williamsson bezeichnet. Für diesen spielte er auch im Sommer bei den AAU Turnieren. Es folgten diverse Auszeichnungen und Nominierungen, die talentierte Highschool Spieler gerne ansammeln. Allerdings entschied sich der talentierte Big Man nicht für eine große Talentschmiede, sondern wechselte an die University of Arkansas. 

Dort lässt Mike Anderson einen sehr intensiven Basketballstil praktizieren, bei dem der Gegner 40 Minuten über das Feld gescheucht wird. Mit dieser aggressiven Art Basketball zu spielen, konnte Portis sich vom ersten Tag an identifizieren. In furchtloser Manier traten die Razorbacks gegen jeden Gegner an und konnten sogar Kentucky bezwingen. Allerdings war der Aufwand nur mit geringem Ertrag verbunden, weshalb Portis im ersten Jahr nicht am NCAA Tournament teilnehmen durfte.

Portis selber zeigte jede eine starke Debütsaison und wurde zurecht ins All-Freshman-Team der SEC gewählt. Als Sophomore konnte er sein Spiel in vielen Belangen sichtlich verbessern. Da auch seine Mitspieler einen Aufwärtstrend verzeichnen konnten, etablierten sich die Razorbacks schnell als zweitstärkste Kraft der SEC hinter Kentucky. Auch zum Einzug ins Endturnier reichten die erbrachten Leistungen. Gegen Wofford konnten die Wildschweine sogar das erste Spiel gewinnen, ehe gegen North Carolina Schluss war. 



Portis bringt ein sehr weitreichendes Paket an verschiedensten Fähigkeiten und Eigenschaften mit sich, die ihn zu einem hochinteressanten Spieler für Teams aller möglichen Stile machen können. Eine riesige Sammlung an Waffen für den Erfolg im Angriff kombiniert Portis mit hohem Engagement in der Verteidigung. 

Speziell offensiv ist Portis eines der größten Talente des Drafts. Für einen Big Man hat er einen vorzüglichen Touch und weiß genau, wie er den Ball im Korb unterbringen muss. Sehr gefährlich ist er aus der Mitteldistanz. Das kommt ihm in vielen Situationen zu gute. 

Beispielsweise fängt er den Ball liebend gerne etwas außerhalb der Zone und geht ins Faceup. Hält der Gegenspieler zu viel Abstand, packt Portis die Gelegenheit beim Schopf und lässt den Ball spielend leicht durch die Reuse segeln. Auch aus dem Pick & Pop kann Portis den Sprungwurf treffen. 

Zusätzlich stellt er auch als Trailer eine Gefahr aus der Halbdistanz dar. Diese Sicherheit bei Würfen ist umso erstaunlicher, wenn man bei der Betrachtung miteinbezieht, dass sein Wurf technisch noch lange nicht am Limit angekommen ist und derzeit noch viele ungebetene Fehler beherbergt. Seine Armhaltung ist noch verbesserungswürdig. 

Dies ist jedoch ein vergleichsweise leicht zu behebendes Problem. Zumal die Fußarbeit jetzt schon exzellent ist. Daher ist eine weitere Optimierung der Quote, gerade in Drucksituationen, mehr als realistisch. Sollte ein technischer Fortschritt eintreten, kann Portis selbst von der Dreierlinie ein sehr konstanter Schütze sein. Schon jetzt kann er offene Würfe versenken, wenn er sich im richtigen Rhythmus befindet.

Aufgrund der Gefahr, die von den Sprungwürfen des Forwards ausgeht, dürfen sich die Verteidiger keinen allzu großen Abstand zum Sophomore erlauben. Diese Tatsache eröffnet dem Big Man viele Möglichkeiten, den Korb zu attackieren. Dabei ist es von Vorteil, dass Portis für gewöhnlich aus dem Jumpstop zum Wurf geht und somit kein festgelegtes Standbein hat. Dadurch kann er sich erst beim Drive entscheiden, über welche Seite er zum Korb ziehen will. Beide Hände sind gut geübt für solche Situationen und unterstreichen Portis’ großes Talent. Mit seiner Länge ist und Kreativität beim Abschluss ist er kaum zu stoppen bei seinen Running Hooks oder Powerdunks. 

Ein Bereich den Portis als Sophomore massiv verbessern konnte, ist sein Spiel im Lowpost. Dort war er als Freshman gar nicht zu finden. Und wenn ich schreibe gar nicht, dann heißt das wirklich, dass er dort nie zu finden war und stattdessen lieber an der Dreierlinie herumtanzte. Ein gänzlich konträres Bild ergab sich dagegen in seiner zweiten Saison. Wann immer Portis einen Größenvorteil zu haben schien, ging er an den Zonenrand, forderte aktiv den Ball und war schließlich bereit mit dem Rücken zum Korb zu arbeiten. 

Zwar wirkt sein Bewegungsablauf selbst bei den grundlegendsten Post Moves sehr mechanisch und verkrampft, dennoch schafft er jetzt zumindest schon, Dropsteps und Jumphooks zu verwenden. Speziell mit Körperkontakt ging Portis als Sophomore besser um und suchte vermehrt die Berührung mit dem Verteidiger, um diesem ein Foul anzuhängen. 

Am wertvollsten könnte jedoch die Defense des Big Mans für einige Teams sein. Denn hier erinnert Portis gerne an Kevin Garnett. Er nimmt jedes Duell persönlich und spielt mit einer aggressiven Gangart, die sich nicht antrainieren lässt. Absolut erstaunlich ist jedoch, wie kontrolliert er trotzdem zu Werke geht. Man sieht kaum unnötige Fouls vom Sophomore. 


Generell hatte er in kaum einem Spiel, das ich von ihm gesehen habe, mit Foulproblemen zu kämpfen. Das eine alleine ist für einen großen Spieler schon beachtlich. Wenn man dann noch hinzu zieht, wie foulintensiv die Spielweise der Razorbacks eigentlich ist, wie oft Portis zur Hilfe schreiten musste und wie oft Portis am Perimeter bei der Verteidigung eines Guards zu finden war, grenzen die wenigen Foulpfiffe gegen ihn an ein Wunder. 

Portis ist wieselflink in seitlichen Bewegungen und kann seinen Körperschwerpunkt auf ein äußerst niedriges Niveau verlagern, was ihm spinnenartige Schnelligkeit und Bewegungsabläufe ermöglicht. Als Verteidiger des Blockstellers ist Portis das ultimative Gegenmittel gegen jeden talentierten Offensivspieler. Der schlaksige Forward kann problemlos switchen, hart hedgen oder absinken und dennoch dank langer Arme Wurf- oder Passversuche entscheidend behindern. 

Seine schnellen Hände und guten Reflexe ermöglichen ihm viele Ballgewinne. Da er gut mit dem Ball umgehen kann, schließt er meist selber den folgenden Fastbreak souverän ab. Neben seinen Qualitäten am Ball ist der Power Forward auch ein guter Teamverteidiger. Er rotiert sehr früh, kommt auch mit Unterzahlsituationen sehr gut klar und stoppt viele Angriffe des Gegners im Alleingang. Er hat ein Talent dafür, Offensivfouls zu forcieren.





Würde man nur auf das oben beschriebene achten, wäre Bobby Portis sicher unter den besten 10 Talenten des Jahrgangs zu finden. Doch leider gibt es das eine oder andere Manko an Portis, das zu schwer wiegt, als dass man Portis den Top-10 Status (zumindest im Moment) verleihen könnte. 

Besonders offensiv muss Portis noch beweisen, wie gut er wirklich sein kann. Was die Razorbacks da teilweise im Angriff an den Tag legten, hatte mit geordnetem Offensivbasketball meist wenig zu tun und gehörte eher in die Kategorie „Helter-Skelter“. Portis wird also Zeit brauchen sich im deutlich strukturierteren NBA Basketball zurecht zu finden. Das gibt ihm Gelegenheit auch noch individuelle Schwächen auszumerzen. 

Zunächst muss Portis noch öfter den Weg zum Korb suchen und aufhören Jumper in der momentanen Frequenz zu nehmen. Damit verbunden wäre es sicher sinnvoll, wenn er seine Fußarbeit im Lowpost verfeinern würde. Auch das Erlernen von guten Fakes und Konterbewegungen (wie z.B. Up-and-Under-Moves) würden seinem Spiel eine neue Dimension verleihen. 

Grundsätzlich fehlen dem Youngster noch die Explosivität und die nötige Koordination, um auf NBA Niveau eine überdurchschnittlich gute Rolle zu spielen. Das ist für Bigs in diesem Alter aber normal. Portis’ Wachstum ist wahrscheinlich noch nicht endgültig abgeschlossen, sodass staksige Bewegungen und Verzögerungen beim ersten Schritt keinen Grund zur Besorgnis darstellen sollten. 

Das größte Leck ist momentan noch dort zu finden, wo bei anderen großen Spielern Rebounding im Profil steht. Das hört sich im ersten Moment zwar sonderbar an, da Portis’ Zahlen in diesem Zusammenhang akzeptabel zu sein scheinen, doch man muss klar festhalten, dass dies nicht der Fall ist. Gerade in der eigenen Zone verschafft sich der junge Innenspieler noch nicht den nötigen Respekt. 

Seine Boxouts sind, wenn überhaupt vorhanden, sehr zaghaft und halten einen entschlossenen Gegenspieler kaum davon ab, eine zweite Chance zu schinden. Viel zu oft orientiert sich Portis am Ball und nicht an seinem Gegenspieler, weshalb ihm viele sicher geglaubte Abpraller durch die Lappen gehen. Selbst von kleineren Guards lässt sich Portis gerne mal überrumpeln und sieht sehr ungeschickt in solchen Momenten aus. Hier muss das NBA Talent dringend Fortschritte machen, sonst zieht er sich schnell den Zorn der Mitspieler auf sich und wird als Weichei verschrien.


Auch wenn ich weiter oben den Namen Kevin Garnett nannte, sind sich die beiden nur sehr geringfügig ähnlich. Viel eher passt da schon Chris Bosh als Vergleich. Wohlgemerkt zu dessen Zeit als dritte Option in Miami. Ähnlich wie Bosh könnte Portis eine solche Rolle in der Offensive bei einem Team einnehmen, das defensiv sehr aggressiv das Pick & Roll verteidigt und den Big Man gerne switchen lässt. Zudem können die beiden Power Forwards mit einem weichen Handgelenk aufwarten und auch als Scorer in Erscheinung treten.

Im richtigen Team kann Portis also von Beginn an gute Minuten auf dem Parkett abliefern. Auf lange Sicht ist er vielleicht sogar der talentierteste Power Forward des Jahrgangs, der am ehesten sein Potential auf das Geschehen in der NBA übertragen kann. Da Portis sein Potential in seinen Jahren in Arkansas aber erst ankratzen konnte, dürfte er für jeden Stil noch zu begeistern und in die entsprechende Richtung zu entwickeln sein.