13 Juni 2015

13. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



In jedem Draft gibt es diese mysteriösen Spieler, die nur die größten College Nerds je live gesehen haben. Diese Nerds bringen dann meist die Spieler ins Gespräch und es dauert nicht lange bis der Name in aller Munde ist, obwohl nur ein verschwindend geringer Teil der Diskutanten je mehr als ein paar Highlights gesehen hat. Das folgende Spotlight soll daher Licht ins Dunkle bringen.

Cameron Payne stammt ursprünglich aus Memphis. Als Highschool Spieler lieferte er ordentliche Statistiken, doch erregte damit keinerlei Interesse bei den relevanten College Programmen oder wenigstens Programmen in relevanten Conferences. Grund dafür war sein schmächtiger Körperbau, aufgrund dessen der junge Guard oft zu hören bekam, dass er selbst für das Spiel am College zu schwach sei. 

Letztendlich landete Payne fernab jeder medialen Präsenz bei den Murray State Racers in der OVC (Ohio Valley Conference). Coach Steve Prohm vertraute dem jungen Aufbauspieler direkt den Starterposten an und übertrug ihm sehr viel Verantwortung. Der Freshman dankte mit selbstbewussten Auftritten, grandiosen Leistungen und einer 23-11 Bilanz inklusive CIT Titel. 

Erneut nahm kaum jemand von dem Freshman Leader Notiz und die Leistungen schienen keinerlei Anerkennung zu bekommen. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken und vielleicht mit weniger Feuereifer zu spielen, sah Payne darin nur einen Ansporn noch besser zu spielen. 

Die zweite Saison begann etwas zäh für Payne und seine Racers. Nur 2 der ersten 6 Partien konnten gewonnen werden. Doch mit dem Sieg am 30.November über Drake starteten sie anschließend eine 25 Spiele andauernde Siegesserie. Das war der Quantensprung, den Payne gebraucht hatte, um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. In dieser Form schafften es die Racers sogar in die Top25 der AP Polls gewählt zu werden. 

Allerdings fehlten die wirklich namhaften Gegner, weswegen viele Experten den Hype als verfrüht abtaten und sich weiterhin nicht wirklich mit dem Team beschäftigten. So kam es, wie es kommen musste. Murray State verlor im Conference Finale in einem extrem unterhaltsamen und engen Spiel gegen Belmont mit einem einzigen Zähler. Durch einen Glückswurf des Gegners. 25 Siege in Folge für die Katz’. 

Murray State wurde nicht ins Teilnehmerfeld gewählt, denn das Komitee orientierte sich nur an den Ergebnissen, nicht an der Spielweise, leider. Immerhin wurde Payne im Laufe der Saison immer häufiger erwähnt, sodass er sich nun dazu durchringen konnte, sich für den Draft anzumelden. Das wäre vor zwei Jahren noch vollkommen unvorstellbar gewesen.


Jeder, der Cameron Payne das erste Mal spielen sieht, wird direkt merken, dass dieser junge Basketballer etwas an sich hat, was ihn zu einem faszinierenden Beobachtungsobjekt macht. Er elektrisiert die Zuschauer, weil er selber vor Begeisterung sprüht und ganz offensichtlich große Freude beim Basketball spielen verspürt. Binnen kürzester Zeit kann er mit ein oder zwei gelungenen Aktionen die ganze Halle hinter sich bringen und seine Mitspieler zum Mitmachen anstacheln.

In fremder Arena stört er sich an Pfiffen überhaupt nicht. Er genießt sie und liebt es, das gegnerische Publikum mit einem spektakulären Dreier oder Alley-Oop-Pass verstummen zu lassen. Kurzum er ist ein geborener Anführer. Er spielt für die großen Momente und ist ein Zocker, dem man in dem entscheidenden Moment liebend gern das Vertrauen schenkt und das eigene Schicksal in dessen Hände legt. Seine Ausstrahlung ist überwältigend.

Dieses Vertrauen seiner Mitspieler ist auch nicht unbegründet. Denn über die Jahre lieferte Payne in den wichtigen Momenten eines Spiels oder einer Saison fast immer den entscheidenden Impuls zum erfolgreichen Ausgang. Vollkommen unbeeindruckt von vorherigen Geschehnissen ist Payne immer in der Lage, einen verrückten Dreier aus dem Dribbling zu treffen. 

Doch meistens schafft er es bereits vor dem Beginn der Schlussphase mit wichtigen Aktionen zugunsten seiner Mannschaft das Spiel zu beeinflussen. Denn nicht selten initiiert der flinke Guard einen Run seines Teams und hilft tatkräftig dabei, das Momentum solange aufrecht zu erhalten, wie es nötig ist, damit der Gegner vorzeitig kapituliert. 

Am wohlsten fühlt sich der kreative Kopf, wenn ihm als Playmaker Freiräume gelassen werden. Speziell im Pick & Roll findet der Spielmacher exzellente Ausstiege und bindet seine Mitspieler im richtigen Maß mit ein. Seine Übersicht ist ausgesprochen gut, weshalb er zwischen eigenem Abschluss nach kurzer Hesitation und anschließendem Tempowechsel sowie Pass auf die Weakside oder zum Roller auswählen kann. Die Wahl ist fast immer goldrichtig. 


Auch beim Umzug in die NBA sollte Payne es spielerisch auf die Reihe kriegen, die Königsdisziplin des Setplays zu bewältigen. Denn bereits am College fand er NBA Verhältnisse vor. Beide potentiellen Blocksteller waren in der Regel starke Bigs, die Bälle fangen und finishen konnten. Die Schützen verdienten ihren Namen und waren stets bereit für den Pass ihres Anführers. 

Da Payne seine Gegenspieler auch im 1-1 wegen seiner Schnelligkeit und seines guten Ballhandlings problemlos schlagen kann, braucht man mit ihm auf dem Feld nicht großartig Systeme ansagen. Stattdessen kann sein Trainer darauf zählen, dass offensiv ein guter Abschluss zustande kommt, wenn Payne den Ball in der Hand hat. 

Denn Payne ist nicht nur ein guter Vorbereiter, sondern zusätzlich auch ein talentierter Scorer. Aus dem Dribbling heraus ist sein Dreier nicht zu verteidigen, da dieser schnell und ansatzlos ist. Besonders wenn Payne über seine starke linke Hand ins Dribbling gehen kann, sitzt der Wurf sehr hochprozentig. Da seine direkten Kontrahenten diese Fähigkeit respektieren müssen, fallen sie oft auf seine Hesitation Bewegung rein. 

Hier sieht es oft so aus, als würde Payne den Ball zum Wurf aufnehmen wollen, doch blitzschnell folgt ein tiefes Dribbling, mit dem er Geschwindigkeit aufnimmt. In der Zone ist Payne ebenfalls kreativ. Mit malerischer Kühnheit nutzt er kleinste Lücken, um zum Brett vor zu dringen und dort auf unterschiedlichste Weisen dem Block des Big Mans zu entgehen. Notfalls schickt er einen Floater auf die Reise. Dieser ist jedoch bisher auf seine linke Hand begrenzt.

Am gefährlichsten ist Payne jedoch in der Transition. Hier ist der Guard flink wie ein Wiesel und genauso schwer zu erwischen. Niemand, wahrscheinlich nicht mal er selber, weiß genau, was der Linkshänder vorhat. Denn er attackiert solange, bis die Defense eine Entscheidung fällen muss. Dauert dieser Prozess zu lange, bedankt sich der quirlige Aufbauspieler mit einem Korbleger. 

Macht die Defense früh die Zone dicht, stoppt Payne kurzerhand an der Dreierlinie ab und netzt von dort aus ein. Aber auch der Mitspieler wird wieder nicht vernachlässigt. Solchen Schnellangriffsmöglichkeiten gehen meist Steals von Payne voraus. Mit schnellen Händen und Füßen ist dieser in der Verteidigung unterwegs und macht seinen Gegner das Leben schwer. 





Auf der Kehrseite der Medaille steht jedoch ganz klar Paynes Unerfahrenheit. Zudem wird ihm seine unbekümmerte Spielweise hin und wieder noch zum Verhängnis. Besonders offensiv macht sich das noch recht oft bemerkbar. Statt den einfachen Pass zu spielen, versucht Payne viel zu häufig die kompliziertere und noch elegantere Lösung zu finden. 

Dabei ist diese Methode dann mit einem hohen Risiko behaftet und geht dementsprechend regelmäßig in die Hose. Diese Schwankungen zwischen Genie und Wahnsinn sorgen dafür, dass das gesamte Team während eines Spiels sehr oft zwischen Berg- und Talfahrt wechselt. 

Nicht nur in Bezug auf Passentscheidungen muss Payne noch viele Dinge verinnerlichen. Gerade das Thema Wurfauswahl ist der Knackpunkt für den eifrigen Point Guard. Zwar ist Payne sicherlich kein schwarzes Loch, das alle Bälle verschlingt, die es in die Hände bekommt, dennoch nimmt Payne noch viele verfrühte und schlechte Würfe. 

Ihm scheint noch nicht klar zu sein, dass es auch immer die Option gibt, einfach den Fuß vom Pedal zu heben und ruhigere Gefilde anzusteuern. Vieles wirkt noch zu hektisch im Spiel des 20-Jährigen. Manchmal ist jedoch besser, wenn der Aufbau eher Ruhe ausstrahlt und das Team in geordnete Bahnen lenkt, anstatt mit großer Zuversicht die nächste abenteuerliche Unternehmung zu starten. 


Gerade in seinen ersten NBA Wochen sollte Payne eine gewisse Vorsicht an den Tag legen, damit er sich an die neuen Gegebenheiten der Profiliga gewöhnen kann. Dort wird er seine verhältnismäßig geringe Größe nämlich deutlich öfter zu spüren bekommen. Der eine oder andere Shotblocker könnte seine Dreistigkeit als Majestätsbeleidigung auffassen und daher sehr ruppig mit den Korblegerversuchen des Rookies umgehen. In der Defense kann es passieren, dass kräftigere Guards gegen Payne aufposten und ihm dadurch die Größennachteile anlasten. 

Generell wird Cam Payne in seinem ersten Profijahr sehr viel Lehrgeld zahlen und sich durch viele Unwägbarkeiten hindurch kämpfen müssen. Wichtig ist hierbei, dass Payne sich nicht von seinem Weg abbringen lässt und unbeirrt die gleiche freche Unbeschwertheit an den Tag legt, die ihn überhaupt erst in die NBA gebracht hat. 

Im Grunde genommen verbietet sich ein Vergleich von Cameron Payne mit Stephen Curry, allerdings gibt es viele Parallelen zwischen den beiden. Dabei geht es nicht um die offensichtlichen Dinge wie die Tatsache, dass beide von eher kleinen Mid-Major-Colleges in die NBA wechselten oder dass sie als zu schmächtig für die NBA galten/gelten. Es ist eher die Kombination aus einer elektrisierenden Spielweise, unberechenbaren Dreiern aus dem Dribbling, hohem Verständnis für das Pick & Roll und starken eins-gegen-eins Skills. 

Es geht also nicht darum, dass Cameron Payne später MVP wird, sich mal zu einem der besten Distanzschützen der NBA Historie zählen lassen darf oder gefeierter Allstar wird. Es geht mehr darum, dass auch Payne das Potential besitzt, als Fanliebling die Herzen der Anhänger im Sturm zu erobern und nebenbei auch ein verdammt guter Basketballer werden kann. Im schlechtesten Fall wird Payne ein Abklatsch von Aaron Brooks, der immer mal für ein geniales Spiel gut ist, aber nie einen richtigen Platz in der auf Konstanz ausgelegten Kalkulationswelt der GMs finden wird.