11 Juni 2015

10. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Welcher Gedanke kommt einigen Draft Experten spontan, wenn sie einen College Spieler sehen, der ein Jahr älter als seine Kommilitonen gleichen Semesters ist, gerade mal nach 16 College Spielen mit einem Kreuzbandriss ausschied, spindeldürr ist und sogar der eigene College Trainer dem Spieler den Statuts als Lottery Pick entschieden abspricht? Die Antwort kann den neutralen Beobachter angesichts dieser Auflistung perplex werden lassen: Erstrundenpotential.

Bereits zu Highschool Zeiten war sein Weg geprägt von vielen Umwegen und Streckenwechseln im Routenplaner. Seine ersten zwei Jahre verbrachte der New Yorker in Connecticut an einer eher kleinen Highschool. Dort brillierte er aber als Sophomore und empfahl sich daher für höhere Aufgaben an der Brewster Academy. In seinem Junior Jahr konnte er seine Vorjahresleistung auf höherem Niveau bestätigen. Zu dieser Zeit legte er sich schon auf Syracuse als NCAA Destination fest. 

Die New Yorker Universität war von Anfang an sein Favorit gewesen und nach seinen beiden starken Saisons ließ sich Jim Boeheim vom Potential des schlakisgen Teenagers überzeugen. Doch die weiteren eineinhalb Jahre von der Bekanntgabe seiner Entscheidung bis zu seinem ersten Spiel für die Orange verliefen nicht nach Plan. McCullough wurde eine gewisse Faulheit im Klassenzimmer nachgesagt. 

In seinem Senior Jahr wurde er aus der Brewster Academy rausgeworfen, weil seine akademischen Leistungen stark nachgelassen hatten. Plötzlich geriet sein Traum von Auftritten im Carrier Dome in Gefahr. Nach seinem Wechsel an die dritte Highschool musste McCullough viel büffeln, um die Hochschulzulassung zu erhalten. Mit viel Aufwand gelang geradeso die Punktlandung. 

Es folgte der Neustart bei Syracuse. Dafür waren die Bedingungen optimal. Die Orangemen hatten das Jahr zuvor eine insgesamt starke Saison (25-0-Start) abgeliefert und mussten gleich mehrere Talente an NBA Clubs abgeben. Daher war dem Freshman viel Spielzeit garantiert. Furios fiel sein Start in die College Karriere aus. In den ersten acht Spielen kratzte McCullough im Durchschnitt an einem Double-Double und überzeugte als wichtiges Puzzleteil in der berüchtigten Syracuse Zone. 

In den ersten Mock Drafts kletterte der Youngster rasant nach oben. Dafür kritisierte Coach Jim Boeheim die Draft Experten scharf und sprach seinem Talent ab, ein Lottery Talent zu sein. In den folgenden Spielen ließ McCullough auch stark nach. Knapp 4 Punkte lieferte er gerade mal und hatte speziell gegen die schwächeren Gegner extreme Probleme, seine körperlichen und athletischen Vorteile auszunutzen. 

Zu allem Überfluss verletzte sich McCullough im Januar gegen Florida State. Ohne Einwirkung des Gegenspielers knickte McCulloughs Knie bei einer Landung weg. Die bittere Diagnose lautete: Kreuzbandriss. Damit war seine Saison schon nach 14 Spielen vorbei. 

Nach dem Saisonende stand McCullough vor einer schwierigen Entscheidung: Sollte er an die Uni zurückkehren oder sich für den Draft anmelden? Beides war von Risiken behaftet. Bei einer Rückkehr hätte er als Sophomore gut erholt von seiner Kreuzbandverletzung eine konstant gute Saison abliefern müssen, um nicht aus dem Fokus zu geraten. Zudem wäre ihm eine Tournament Teilnahme aufgrund der gegen Syracuse verhängten Sanktionen seitens der NCAA verwehrt geblieben. 

Also entschied er sich für den Wechsel in die NBA, obwohl er körperlich und spielerisch noch nicht bereit für die NBA ist, was ihn in Kombination mit seiner Kreuzbandverletzung zu einer unsicheren Zukunftsinvestition für jede Franchise werden lässt.



Zumindest ein paar positive Eigenschaften und Anlagen, mit denen McCullough punkten kann, bleiben ihm unabhängig von seinem Gesundheitszustand erhalten. Mit seiner Länge sticht er optisch positiv aus der Menge heraus. Besonders in der Zonenverteidigung unter Jim Boeheim kam ihm dies zu gute. Mit langen Armen und schnellen Reflexen konnte er viele Pässe der Gegner abfälschen oder Würfe als Outletpässe in die Hände seiner Guards blocken. 

Für seine Größe ist der Forward zudem extrem schnell auf den Beinen und koordiniert seine Bewegungen ausgezeichnet. Daher kann er problemlos den Fastbreak mitsprinten und als Trailer Ballhöhe erreichen. Auch seine Fußarbeit in der Defense ist bereits sehr weit fortgeschritten. 

Seine Closeouts sind sehr effektiv und verhindern den Drive des Gegners, ohne ihm einen freien Sprungwurf zu gestatten. Hier muss man jedoch abwarten, inwiefern sich ein Unterschied zwischen fester Mannzuordnung und seinen gezeigten Closeouts in der Zonendefense feststellen lässt. 

Potentiell sollte McCullough auch als Pick & Roll Verteidiger sehr interessant für NBA Teams sein, da er schnell genug sein sollte, um aggressiv zu hedgen oder sogar zu switchen. Insgesamt sollten sich McCullough defensive Instinkte auf alle möglichen Verteidigungsvarianten übertragen lassen und seinem Team helfen.

Im Angriff gibt es da schon weit weniger, was ein Lob verdient hätte. Bei den Orangemen wurde McCullough oft als Blocksteller oder Mitteldistanzwerfer verwendet. Sein Jumper benötigt zwar noch eine gewisse Bearbeitungszeit, aber zumindest kann man dem Forward einen gewissen Touch nicht absprechen und seine Wurfbewegung sieht schon einigermaßen rund aus. 

Es mangelt noch an Konstanz bei der technischen Ausführung. Ansonsten verfügt McCullough über gute Hände und kann Durchstecker oder Lobanspiele verwerten. Auch im Getümmel schafft es McCullough einigermaßen regelmäßig vom Ball Besitz zu ergreifen. 

Generell ist McCullough spielerisch noch nicht am Zenit angelangt, sodass effektives Individualtraining viele Schwächen beseitigen sollte. Da McCullough vor seiner College Zulassung bewies, dass er sich in Notsituation zu harter, mühseliger Arbeit motivieren kann, sollte auch noch Hoffnung bestehen, dass er seine Zusatzschichten mit der nötigen Arbeitsmoral angehen wird.





Auf der anderen Seite muss man jedoch konstatieren, dass McCullough in seinen wenigen Spielen kaum präsentieren konnte, wie fehlerbehaftet oder wie reif sein Spiel wirklich ist. Die Stichprobenmenge an belastbaren Herausforderungen war verschwindend gering und selbst in diesen Spielen schien er sichtlich überfordert zu sein. Besonders physisch war ihm das College Spiel noch zu robust. Viele kleinere Spieler hat kein Problem, ihn durch ihre Power an die Wand zu spielen. 

Er gab Rebounds gegen Guards ab und konnte gegen gut trainierte Innenspieler kaum etwas ausrichten. Sofern er hier nicht deutlich an Muskelmasse zulegt, wird er es in der NBA noch schwerer haben und aufgrund seiner fehlenden Kraft einfach keine Spielzeit sehen. Das Gros an Talenten, das solche Probleme aufweist, kann sie jedoch durch spielerische Qualitäten im Zweifelsfall ausgleichen. 

Doch auch diese Komponente fehlt bei McCullough vollends. Er hat weder Postmoves noch ein Faceup-Game. Daher darf man nicht erwarten, dass sich der Forward in einer Isolation einen guten Wurf herausspielen könnte. Er ist abhängig von guten Pässen seiner Mitspieler oder selbst erarbeiteten Putbacks, wobei letztere noch zu selten zu sehen sind. 

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wären ein konstanter Jumper und ein Plan für Closeout Situationen. Hier weiß McCullough einfach nicht, wie er den Gegenspieler attackieren soll und verliert bei der Entscheidungsfindung oft kostbare Zeit.

Insgesamt ist auffällig, dass McCullough noch Schwierigkeiten hat, viele Situationen im Angriff richtig zu lesen. Ob dies seiner Unerfahrenheit oder schlicht fehlendem Spielverständnis geschuldet ist, lässt sich aus der Zuschauer Perspektive nur schwer beurteilen. 

Wie bei jedem Produkt der Syracuse University muss man zudem vorsichtig sein, wenn es um die Transformation vom Stil der Orangemen zum NBA Alltagsgeschehen geht. Es ist einfach etwas anderes, in einer Zonenverteidigung sehr bestimmte Aufgaben zu übernehmen und sich immer auf die Hilfe der Nebenleute verlassen zu können. In der NBA hat man die Sicherheit im Rücken nicht und ist viel mehr auf sich allein gestellt. Bis McCullough in solchen Situationen wirklich bestehen kann, wird noch viel Zeit ins Land gehen. 


Abschließend ist sein Heilungsverlauf nach dem Kreuzbandriss eine Entwicklung, die Franchises sehr kritisch evaluieren werden. Die Art und Weise, wie er sich das Kreuzband riss und seine dünne Statur erwecken schnell den Eindruck, dass McCullough zu fragil konstituiert sein könnte, um den Belastungen einer oder gar mehrerer NBA Saisons zu trotzen.

John Henson könnte für Scouts und Fans ein gutes Vergleichsobjekt darstellen, um McCulloughs Leistungsfähigkeit in Relation zu setzen. Ähnlich wie Henson besticht McCullough größtenteils durch seine Länge und seine defensive Vielseitigkeit. Offensiv sind sich beide als Finisher sehr ähnlich und können im Notfall auch den Mitteldistanzwurf versenken.

Die Skepsis ist also groß und nicht unbegründet im Fall des Syracuse Freshmans. Der Club, der McCullough am Draftabend zieht geht ein immens hohes Risiko ein. Die Kombination aus Unerfahrenheit, fehlender körperlicher Reife, kaum spielerischen Fähigkeiten und einer schwerwiegenden Verletzung lassen befürchten, dass McCullough selbst nach fünf Jahren kontinuierlicher Entwicklung noch immer kaum den Status eines validen Rollenspielers erreicht haben könnte. 

Zieht man die Vergangenheit zu Rate und unterstellt man dem Center, dass er nicht wirklich aus seinen Fehlern gelernt habe, ist die Wahl Upshaw im Draft also ein verschwendeter Pick. Findet jedoch ein GM mit dem ansässigen Coach und den Spielern vor Ort die richtigen Kniffe, um den Rookie zu Veränderungen anzustacheln, könnte sich diese Hartnäckigkeit in Form eines soliden Defensivankers bezahlt machen. Skepsis ist jedoch definitiv angebracht.