23 Juni 2015

22. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Viele Fans der Ohio State Buckeyes waren der Verzweiflung nah, als sie realisieren mussten, dass Aaron Craft im Frühjahr 2014 das letzte Mal das Trikot ihrer Mannschaft tragen würde. Er war über vier Jahre das Herz und die Seele der Mannschaft gewesen. Als Ersatz bekamen sie einen großgewachsenen Freshman präsentiert, der Scouts zufolge ein guter Scorer sein sollte. 

Die Skepsis der Anhänger verflüchtigte sich mit jeder Woche ein kleines Stück. Doch bevor sie ihren neuen Floor General wirklich ins Herz schließen konnte, wurde den meisten Fans bewusst, dass sie Russell wahrscheinlich schon nach einer Spielzeit an die NBA verlieren würden. Der Aufstieg hielt weiter an und mittlerweile gilt Russell als Top3-Pick.

D’Angelo Russell wuchs in Louisville, Kentucky auf. Bereits nach seiner Freshman Saison als Highschool Spieler entschied sich der Linkshänder für einen Wechsel zur Talentsammelstelle der Montverde Academy in Florida. Dort war Russell umgeben von großen Talenten. Das war zwar förderlich für seine persönliche Entwicklung, da er schnell lernen musste, sich im täglichen Training gegen ähnlich spielstarke Gegner durchzusetzen, doch seine Spielzeit litt darunter. 

Als Backup von Kasey Hill sah Russell speziell als Sophomore wenige Minuten. Nach dem Abgang von Hill in Richtung College übernahm Russel die Spielorganisation seines Teams. Doch erneut stand nicht er im Rampenlicht, sondern Teamkollege Ben Simmons. Der australische Überathlet produzierte die Schlagzeilen und stand im öffentlichen Fokus, obwohl Russell ein exzellenter Zuarbeiter und phasenweise wesentlich mehr als das war. 

Vor seiner ersten College Saison für Ohio State wurde er immer noch nicht in dem Maße wahrgenommen, wie es vermutlich gerechtfertigt gewesen wäre. Die einschlägigen Scouting Portale führten ihn außerhalb der Top10 des Jahrgangs. Auch bei den wenigsten Previews wurde Russell eine überdurchschnittliche Freshman Saison prophezeit. Doch bereits nach wenigen Wochen war klar, dass sich die meisten Experten mit ihren Prognosen und Bewertungen tief ins Fleisch geschnitten hatten. 

Russell war die dominierende Erscheinung bei den Buckeyes und übernahm die Kontrolle über jede Partie. Er diktierte das Tempo, war an fast jeder guten Offensivaktion seines Teams beteiligt und führte sein Team zu einer 11-2-Bilanz bis zum Conference Start. In der Conference Saison hatten die Buckeyes als Team dann ihre Schwierigkeiten und agierten besonders defensiv sehr passiv. 

Einzig Russells Potenz im Angriff war es zu verdanken, dass das Team von Thad Matta auf der Zielgerade noch einen Schlussspurt hinlegen konnte und sich haarscharf für das NCAA Tournament qualifizierte. In der ersten Runde hatte Russell direkt eine Feuertaufe vor der Brust, da die Buckeyes auf VCU trafen. 

Die Rams versuchten Russell vergeblich mit ihren gefürchteten Pressverteidigungen aus dem Konzept zu bringen. 28 Punkte schenkte er den Rams ein und unterstrich damit eindrucksvoll seine Qualität, das Spieltempo nach seinem Geschmack zu variieren. Gegen Arizona war die Übermacht an athletischen Wächtern zu groß für Alleinunterhalter Russell, weshalb er das Ausscheiden seines Teams nicht verhindern konnte. 



In erster Linie ist D’Angelo Russell ein Guard, der den Ball in den Händen und die Verantwortung auf den Schultern haben will. Er paart zerstörerische Scoring Instinkte mit einer überragenden Spielübersicht und sensationellen Passqualitäten. Russell kann sich dank seiner Crossover, Tempowechsel und Fakes immer einen guten Wurf im 1-1 erspielen. Er hat einen guten Touch und ist bei seinen Abschlüssen kreativ. 

Kommt er nicht an seinem Gegenspieler vorbei, ist sein Jumper aus dem Dribbling eine aussichtsreiche Alternative. Besonders wenn er mit der linken Hand zum Korb ziehen oder in seinen Jumper gehen kann, trifft Russell seine Versuche mit hoher Regelmäßigkeit. Er ist kräftig und geschickt genug, Fouls zu schinden und trotz teils grober Versuche, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, zu vollstrecken. Im Pick & Roll splitet er gerne die beiden Verteidiger und nutzt die freie Bahn zum entschlossenen Drive.

Speziell in den wichtigen Momenten eines Spiels übernimmt Russell liebend gern die Verantwortung und steht im Rampenlicht. Er strotzt vor Selbstbewusstsein. Als neutraler Beobachter ist man der festen Überzeugung, dass er die Situation zugunsten seiner Mannschaften hinbiegen wird. Tatsächlich konnte er in der vergangenen Saison mehrfach die Big Plays verzeichnen und seinem Team somit den einen oder anderen Sieg bescheren. 

Dabei trifft er nicht etwa Gamewinner, sondern glänzt  in anderen spielentscheidenden Situationen, die verhindern, dass es überhaupt so brenzlig wird. Das ist eine Qualität, die leider oft übersehen wird, aber mindestens genauso hoch anzurechnen ist. An Selbstbewusstsein mangelt es Russell auf keinen Fall. Das unterstreicht er sowohl spielerisch als auch mit Trash Talk oder Aussagen in Interviews. 

Beispielsweise wählte er die 0 als Trikotnummer, weil dies die Anzahl der Spieler sei, die ihn stoppen könne. Dass Russell davon überzeugt ist, wird ihm bei brenzligen Situationen für sein Team helfen, Scheuklappen aufzustellen und sein Ding durchzuziehen ohne über Konsequenzen nachzudenken.

Die vielleicht größte Stärke Russells ist jedoch seine Passfähigkeit. Diese zeigt sich in unterschiedlichen Spielsituationen und garantiert seinen Mitspielern leichte Punkte. Als Ballhandler bei Fastbreaks hat Russell sofort seinen Kopf oben. Läuft ein Flügelspieler die Außenspur entlang, feuert Russell augenblicklich einen schnurgeraden und mit Höchstgeschwindigkeit durch die Luft zischenden Pass präzise in die Hände des spurtenden Wings. 


Beeindruckend ist dabei wirklich, wie schnell, hart und gleichzeitig präzise diese Pässe unterwegs sind. Nicht nur beim Schnellangriff kommen seine Spielintelligenz und seine feine Passtechnik zum Tragen. Besonders im Setplay wurde Russell von seinem Coach mit vielen Freiheiten im Pick & Roll ausgestattet. 

Mit starken Bodenpässen auf den abrollenden Big Man oder Backdooranspielen auf die Flügelspieler setzte der Floor General seine Kameraden immer gekonnt in Szene. Zudem gab es auch im vergangenen Jahr traditionell viele Lobplays im Playbook von Thad Matta, bei denen Russell entweder den Alley-Oop-Pass auf die Athleten des Teams mit viel Gefühl ausführte oder stattdessen irrwitzige Bodenpässe mit viel Spin an den Mann brachte. 

Wie bereits angeklungen, ist Russells Wurf bereits jetzt schon sehr stark und findet fast aus allen Lagen sein Ziel. Teilweise scheint es sogar so zu sein, dass seine Würfe besser fallen, je höher der Schwierigkeitsgrad ist. Vier-Punkte-Spiele sind keine Seltenheit beim Freshman. Gerade aus dem Dribbling geht Russell sehr schnell hoch und wirft den Ball mit einer lässigen Bewegung in den Korb. 

Einzig wenn er vorher mit der rechten Hand in hohem Tempo gedribbelt hat, misslingt der Wurfversuch noch verhältnismäßig oft. Problemherde hierbei sind einerseits, dass Russell das Anreißen von dieser Seite nicht gewohnt ist und dadurch mechanische Fehler macht, die sonst nicht eintreten würde, und andererseits, dass er oft in Schieflage gerät und sein Gewicht zu sehr nach rechts verlagert. 

Mit seiner Größe hat Russell als Aufbauspieler naturgegebene Vorteile, die er zu nutzen weiß. Bei seinen Pässen macht er sich die besseren Winkel und das Plus an Übersicht zu Nutze. In der Defense hilft ihm seine Spannweite dabei, Pässe des Gegners zu unterbinden. 

Defensiv hat er zudem das Potential, ein überdurchschnittlich guter Verteidiger zu sein. Bereits in der letzten Saison gab es in so manchem Spiel plötzlich die Situation, dass Russell sich höchstpersönlich um den Topscorer des Gegners kümmerte und diesen für den Rest der Begegnung aus der Partie nahm. Allerdings darf man nicht davon ausgehen, dass Russell das über ein komplettes Spiel zeigen kann. Das würde ihn zu viel Kraft kosten, die er offensiv wesentlich geschickter einsetzen könnte.





Gerade der Kraftfaktor ist eine entscheidende Komponente im Spiel des Linkshänders. Gegen aggressive Verteidiger ging ihm gegen Ende der Partie gerne mal die Puste aus. In drei oder vier Extremfällen ging es sogar so weit, dass er mit schweren Krämpfen ausgewechselt werden musste. Gerade in dieser Häufigkeit ist das sehr ungewöhnlich für einen Guard so jungen Alters. 

Daher war zu beobachten, dass Russell in einigen Spielen nur dosiert seine Intensität in der Verteidigung steigerte. Oft führte seine gezügelte Aggressivität dazu, dass er auch mental abschaltete und dadurch als Teamverteidiger Rotationen verpasste oder nur halbherzige und späte Hilfestellungen gab. 

Seine laterale Geschwindigkeit ist dazu auch maximal durchschnittlich, was ihm gepaart mit seinem relativ hohen Körperschwerpunkt Schwierigkeiten bei der Verteidigung von kleinen, quirligen Aufbauspielern bereitet. Außerdem ist anzumerken, dass Thad Matta dieses Jahr sehr viel Zone spielen ließ, obwohl dies in den vergangenen Jahren nie der Fall war und die Lineup bis auf Russell identisch war. Hier wittern Kritiker ein taktisches Manöver des Übungsleiters, das dazu dienen sollte, Russells Schwächen in der Verteidigung zu eliminieren.

In der Offensive würde ihm ein besser austrainierter Körper mit verbesserter Kondition ebenfalls weiterhelfen. So ist er momentan kaum in der Lage gegen kleinere Guards aufzuposten. Die wenigen Versuche, die Ohio State in diese Richtung unternahm, endeten meist mit schwierigen Fadeaways für den Mann mit der 0 auf dem Rücken. 

In dieser Sparte seines Offensivspiels liegt aber noch viel Potential verborgen. Selbst wenn er nie jemand werden sollte, der mit starker Fußarbeit Postmoves aus dem Ärmel schüttelt, so besitzt er dennoch großes Potential als Spielmacher aus dem Lowpost. Sollte er es schaffen, Hilfen auf sich zu ziehen, werden seine Kickouts und Durchstecker für viele leichte Zähler sorgen. Noch hat er jedoch Schwierigkeiten, überhaupt an den Ball zu gelangen, wenn sein Gegenspieler ihn physisch bearbeitet und ihn aus der Zone schiebt. 

Außerdem muss Russell noch an seinem Ballhandling feilen. Zwar sehen seine Handwechsel teilweise sehr spektakulär aus, können aber kaum kaschieren, welche Probleme der Guard noch hat, wenn er unter Druck gesetzt wird. Seinen Dribblings fehlt noch die Härte und er tendiert dazu, den Ball eher zu führen als wirklich zu kontrollieren. Hier kann ihm oft auch Schaufeln abgepfiffen werden. Gerade an der rechten Hand muss Russell definitiv arbeiten. 

Das gilt auch für seinen Abschluss am Ring. Er nutzt seine rechte Hand nie. Oft versucht er gar nicht erst, bis zum Korb durchzukommen, sondern stoppt lieber vorher ab, um den Pullup Jumper zu nehmen. Dieser fällt meistens nicht. In dieser Hinsicht ist Russells Spiel also noch extrem berechenbar und clevere Verteidiger wissen genau, wie sie den Linkshänder zu seiner rechten Seite und damit ins Abseits befördern können. 

Bei seinen Abschlüssen rächt sich auch oftmals, dass Russell die Athletik und Explosivität fehlen, um konsequent zu finishen. Hin und wieder gelingt ihm das zwar, aber bei eintretender Ermüdung fällt diese Option direkt weg.

Als großer Ballhandler mit Qualitäten in Bezug auf Scoring, kreative Pässe, die eine Verteidigung filetieren können, und Qualitäten im Pick & Roll liegt der Vergleich zu Manu Ginobili nah. Beide sind zudem Linkshänder, deren Jumper kaum zu verteidigen ist und aus dem Dribbling äußerst hochprozentig fällt. Russell legt jedoch eine andere Mentalität an den Tag, die ihm dabei helfen sollte, ein guter Anführer zu werden.