23 Juni 2015

22. Juni, 2015  |  Seb Dumitru  @nbachefkoch


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Emmanuel Mudiay ist fraglos einer der interessantesten Charaktere im diesjährigen Draftpool. Während ein Großteil aller Top-Prospects wie immer einem klar vorgestanzten Pfad über AAU, Highschool und College in die NBA folgt, ist die Lebensgeschichte von Mudiay gespickt mit unerwarteten und einzigartigen Details.

Der 19-Jährige ist im Kongo geboren und aufgewachsen - ohne Vater, der sehr früh verstarb, und in einer der instabilsten Regionen dieser Welt. Der Bürgerkrieg machte der Familie lange zu schaffen - bis Emmanuel mitsamt Mutter und Geschwistern schließlich in die USA emigrierte.

In Texas entwickelte sich der kräftige Youngster schnell zu einem der begehrtesten High School Talente des Landes. Seine Draftaktie stieg rasant an, alle renommierten Unis rekrutierten ihn - erst recht nach seinem Auftritt beim Nike Hoop Summit, als er der mit Abstand beste Akteur des International-Teams war.

Mudiay gab seine Zusage für die 2014/15er NCAA-Saison letztendlich der Southern Methodist Universität. Dort ist Larry Brown der Trainer. College-Insider prognostizierten eine enorm fruchtbare Mentor/Schüler-Dynamik, die Mudiay nach Lehrstunden beim Hall of Fame Coach endgültig zum Nummer eins Pick im Draft katapultieren würde.

Der Youngster schockte jedoch alle, als er vergangenen Sommer ankündigte, seine NCAA-Eligibilität aufzugeben, um in China professionell Basketball zu spielen. Familiäre und vor allem finanzielle Gründe gaben den Ausschlag für seine kontroverse Entscheidung, die viele NBA-Funktionäre gar nicht gerne zur Kenntnis nahmen.

Warum? Weil China am Arsch der Basketballwelt liegt, und Scouts selten bis nie im Leben den Trip dorthin auf sich nehmen, um Talente zu beobachten. Anstatt gemütlicher Wochenendtrips nach Lexington oder Durham mussten sie nun nach Guangdong in die südlichste Provinz des Landes reisen, wenn sie das Point Guard Talent persönlich sichten wollten.

Mudiay absolvierte insgesamt 12 Partien für die Guangdong Southern Tigers, einem der besten Teams in der chinesischen CBA, legte dort im Schnitt 18 Punkte, 6.3 Rebounds, 5.0 Assists und 1.6 Steals pro Spiel auf. Eine Sprunggelenkverletzung kostete ihn einen Teil der Saison und beförderte ihn in der teaminternen Hackordnung hinter Will Bynum, der midseason aus den USA gekommen war - Mudiays ohnehin schon recht kleine Sample Size vor dem NBA-Draft 2015 wurde damit noch mehr verringert.

Dass Mudiay im Draft-Vorfeld keine Workouts abhielt, nährte die Legende vom unbekanntesten und damit vielleicht riskantesten Top-Prospect nur weiter. Warum das wichtig ist? Weil Lotterie-Teams auch eine Woche vor dem Draft nicht annähernd so viel über den bulligen Guard wissen wie über die anderen Picks, deren Leistungen monatelang im TV und live omnipräsent waren und die nonstop irgendwelche NBA-Funktionäre auf den Rängen sitzen hatten. 


Sieht man Mudiay spielen, fällt als erstes seine Physis auf. Mit fast zwei Metern Körpergröße, einer kräftigen Statur und mehr als 90 Kilogramm ist der erst im März 19 Jahre alt gewordene Mudiay ein Ausnahmeathlet - vor allem im Licht seiner vermeintlichen NBA-Position: Point Guard.

Gebaut wie ein Zweier, aber mit dem Ballhandling eines Lead Guards ausgestattet, wird Mudiay seinem neuen Team auf beiden Backcourt-Positionen helfen. Langfristig sehe ich ihn auf der Eins, wo er im Stile eines John Wall oder Russell Westbrook das Spiel seiner Mannschaft antreiben und vor allem im Transition-Spiel großen Schaden am Gegner anrichten wird.

Mudiays Speed ist eine Waffe. Was ihn für mich besonders hervorhebt ist seine Fähigkeit, die Geschwindigkeit zu variieren. Schaut ihm ein bisschen zu und ihr stellt fest, dass er nicht immer mit dem Fuß auf dem Gaspedal agiert, sondern geschickt verlangsamt und dann wieder anzieht - eine sehr schwer erlernbare Fähigkeit, für die junge Spieler oft lange brauchen. Mudiay ist nicht nur in diesem Aspekt seinem Alter weit voraus. Wie gesagt: der Typ ist erst 19 geworden!

Größe, Sprungkraft, Antritt, Speed, Reaktionsschnelligkeit, Richtungswechsel, Ballhandling, Power… der Kongolese zählt in all diesen Punkten zu den Besten dieses Jahrgangs - auch wenn er vielleicht nirgendwo die Nummer eins ist. Er reboundet für seine Größe exzellent - auch hier helfen ihm seine wuchtige Statur und die Sprungkraft, kombiniert mit einem überdurchschnittlichen Basketball-IQ.

Ebenso wichtig, zumindest in den ersten eins, zwei Profijahren: während alle amerikanischen Talente auf dem College gegen Kids spielten, lief Mudiay in der chinesischen Liga gegen erwachsene Männer auf - viele von ihnen ehemalige NBA-Spieler, die ihm physisch und erfahrungsgemäß voraus waren. Er hielt nicht nur dagegen, sondern teilte auch aus.

Ich sehe viel ‘Sacramento Kings Rookie of the Year Tyreke Evans’ in Mudiay, wenn er auf dem Weg durch die Zone seinen bulligen Körper gegen Kontakt ins Getümmel wirft, per Eurostep den Abschluss anpeilt oder via In & Out Dribbling die Offensive seines Teams arrangiert.


Im Gegensatz zu Evans hat Mudiay aber natürliche Point Guard Instinkte in sich. Er versteht das Spiel; versteht es, seine Vorteile einzusetzen; und versteht es, seine Teamkollegen einzubinden. Steht der Mitspieler frei, wird er bedient, egal ob im Halfcourt-Spiel oder im Break.

Hinten hat Mudiay fantastische Anlagen, um eines Tages zu einer Defensivbulldogge zu werden, die den besten Rückraumangreifer des Gegners checkt. Mit seiner Kraft, Mobilität und Bereitschaft, sich den Arsch aufzureißen, braucht Mudiay eigentlich nur noch den ungetrübten Fokus, um hinten konstant Akzente zu setzen. Die Fähigkeiten und das Verständnis sind allesamt vorhanden.

Was ihn in meinen Augen zum absoluten Top-5 Prospect und zum Spieler mit der vielleicht größten Upside 2015 macht, ist die Kombination aus körperlichen Attributen, Spielverständnis und Charakter. Mudiay ist ein Arbeitstier, ein Anführer und mental schon unfassbar gefestigt. Kein Mann ist eine Insel, aber im bekloppten NBA-Zirkus hilft es, den Kopf richtig rum drauf geschraubt zu haben.

Dieser Youngster hat den längeren, beschwerlicheren Weg genommen und seinen eigenen Pfad geschlagen, sich gegen viele Widerstände durchgesetzt. Sein kühler Kopf auf dem Parkett, auch in heiklen Phasen, spiegeln diese Gelassenheit und den Glauben an die eigene Stärke wieder. Die so oft zitierten ‘intangibles’ - Mudiay hat sie alle.





Wenn das alles wie ein potentieller Nummer eins Pick und künftiger Franchise-Player klingt, dann weil Mudiay genau das ist. Noch vor einem Jahr wurde er als möglicher Top-Pick gehandelt, ehe ihn Talente wie Towns, Okafor und Russell überflügelten.

Neben seinen Leistungen in der Obskurität der chinesischen CBA, deren Qualität noch immer nicht adäquat abgeschätzt und/oder respektiert werden kann, bereitet allerdings vor allem ein zentrales Element Sorgen: sein Wurf.

Mudiays Jumpshot ist schwach und unkonstant. Gegner ließen ihn oft unbedrängt abdrücken, und obwohl seine Dreierquote mit 34 Prozent solide aussah, traf er insgesamt nur 13 Mal von Downtown. Seine Wurfmechanik muss unbedingt verbessert werden - er wirft “zu schnell” und oft mit einem klar erkennbar Ruck in der Bewegung. Richtig geschmeidig ist anders.

Seine Knie sind oft nicht richtig gebeugt, er nutzt zu oft nur seinen kräftigen Oberkörper - das wurde vor allem bei Freiwürfen überdeutlich. Die Quote von der Linie (57%) ist Rondo-esk und damit ein ganz dickes Ausrufezeichen auf der “Was muss ich unbedingt verbessern to-do-Liste” in seinem Spind.

Wenn die Gegner im Pick & Roll permanent unter den Screen gehen und Mudiay den ganzen Tag ohne Konsequenzen werfen lassen können, berauben sie den Guard seiner größten Stärke. NBA-Teams sind eiskalt wenn es darum geht, diese Schwächen auseinander zu pflücken. Hier muss Mudiay ranklotzen.

Ebenfalls arbeiten muss der Youngster an seinen Entscheidungen aus dem Pick & Roll und der Wurfauswahl - gegen die Riesen in der besten Liga der Welt wird es weitaus schwieriger sein, jeden x-beliebigen Wurf in der Zone abzufeuern. Auch das konsequentere Dribbling im Pick & Roll, vor allem zur Seite wenn die Schneise nicht sofort offen ist, muss Mudiay verbessern.

All das sind aber Dinge, die sich mit ein paar Jährchen Erfahrung und einer Arbeitsmoral, wie sie der Kongolese an den Tag legt, ohne Weiteres beheben oder sogar in eine echte Stärke umwandeln lassen. Die Liste mit Spielern, die ihren zunächst suspekten Wurf irgendwann zu einer Stärke umfunktionierten, ist lang.

Schafft Mudiay diesen Schritt, ist sein Spiel komplett. Dann winken eines Tages multiple All-Star Teilnahmen. Schafft er ihn nicht, wird er dank seiner Größe, Athletik und Vielseitigkeit trotzdem ein überdurchschnittlich guter NBA-Guard werden, der sowohl auf der Eins wie auch auf der Zwei Minuten sehen kann und dem nicht zuletzt wegen seines Trainingsfleißes und seiner Einstellung eine lange und erfolgreiche Profikarriere bevorsteht.