24 Juni 2015

24. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Jahlil Okafor konnte in seiner Freshman Saison bei den Duke Blue Devils alle Erwartungen erfüllen, die vor der Saison an ihn gestellt wurden. Und das heißt wirklich alle. Er war die dominante Figur in der Offensive seines Teams. 

Kein anderer Spieler der NCAA konnte das Spiel so beeinflussen, wie es Okafor tat. Als Ertrag der guten Leistungen sicherte sich Duke zum ersten Mal seit 2010 die Meisterschaft. Dennoch ist Okafor nicht mehr der unangefochtene erste Pick des 2015er Drafts, als der er noch im letzten Sommer gesehen wurde. 

Okafor kam als Sohn einer Basketball spielenden Mutter und eines Basketball spielenden Vaters zur Welt. Schon früh wurden ihm die Spaldings in die Hand gedrückt und Okafor entwickelte einen natürlichen Umgang mit dem Leder. Im Alter von neun Jahren verstarb Okafors Mutter an einer Bronchitis. Der tragische Verlust bedeutete einen Einschnitt in Okafors Leben. 

Er zog zu seinem Vater nach Chicago, der sich fortan vorbildlich um seinen Spross kümmerte und ihm Halt gab. Okafor wurde zu einem spielintelligenten Basketballer, der seine Mitschüler fast immer um Haupteslänge überragte. Als Highschool Freshman sorgte Okafor schon für weitreichendes Interesse und bei ihm trudelten die ersten Stipendien Angebote ein. 

Bei der großen Talentdichte in Chicago traf der Center öfter auf NBA Talente und schlug sich in der Regel wacker. Als Freshman musste er es mit Anthony Davis aufnehmen. Gegen Jabari Parker trat er mehrfach an und entwickelte eine Freundschaft zum vormaligen Blue Devil. Die beiden verbrachten 2013 auch ihren Sommer zusammen in der Nationalmannschaft bei der U17 WM in Prag. 

Dort konnte er auch mit Point Guard Tyus Jones zusammenspielen, den Okafor ebenfalls seit einer Weile kannte. Die beiden entwickelten eine gute Chemie und konnten diesen Eindruck ein Jahr später bei der U19 WM in Litauen bestätigen. Da die beiden eine enge Freundschaft entwickelten, entschlossen sie sich dazu, gemeinsam an ein College zu gehen. Ihre Wahl fiel auf Duke. 

Vor seinem ersten Collegespiel hatte der Innenspieler Dutzende individuelle Auszeichnungen eingeheimst. Dementsprechend groß waren die Erwartungen an den technisch so versierten Big Man, der als der nächste Tim Duncan angekündigt und zum Preseason Player oft he Year gewählt wurde. Die ersten Spiele hätten daher kaum besser für den Freshman laufen können. 

Er führte seine Gegenspieler vor und verrichtete in der Zone derartigen Kollateralschaden, dass gegnerische Teams bereits nach wenigen Spielen dazu übergingen, ihn im Lowpost zu doppeln. Über die Saison hinweg hielt er beeindruckend konstant sein hohes Leistungsniveau und führte sein Team souverän durch die Saison. Im NCAA Tournament schwächelte „Jahzilla“ dann zwar, war aber in der Crunchtime des Finales auf einmal präsent und verwandelte zwei wichtige Würfe, die den Sieg eintüteten.



Vor seinem ersten College Spiel wurde Jahlil Okafor oft mit Tim Duncan verglichen. Diese Assoziation rührte daher, dass Okafor ein sehr potenter Scorer im Lowpost ist. Für einen Centerspieler seines Alters verfügt er über eine Engelsgeduld, die selbst bei NBA Veteranen mit zehn oder mehr Jahren Spielerfahrung in den seltensten Fällen vorzufinden ist. 

Okafor weiß genau, wo er den Ball haben will und wie er sich am besten in Stellung begeben muss, um auch exakt dort das Anspiel des Mitspielers zu empfangen. Hat er erst Position bezogen, ist er aufgrund seiner massigen Erscheinung nicht mehr aus diesem Jagdgebiet zu vertreiben. Sobald Okafor das Spielgerät erhält, ist er unberechenbar in seinen Aktionen. 

Wird der hilflose Verteidiger damit beauftragt, Okafor im Alleingang zu stoppen, nutzt Okafor gnadenlos die Vorteile, die sich ihm bieten. Ist er größer und kräftiger, prügelt er seinen Gegenspieler in die Zone und schließt mit Autorität ab. Stemmt sich der Gegner im nächsten Anlauf mit all seiner Körperkraft in Okafor und versucht ihn so aus der Zone herauszuhalten, überrumpelt Okafor gerne den verdutzten Verteidiger mit einem schnellen Spinmove zur Baseline. 

Erstaunlich ist bei diesen Bewegungen, wie blitzartig der massige Center sein Gewicht verlagern und sich um sich selbst drehen kann ohne der Länge nach auf dem Parkett zu landen. Das ist ein angeborenes Talent, das man beim besten Willen nicht antrainieren kann und Okafor somit von anderen Lowpost Spielern abgrenzt. 


Der Mr. Basketball of Illinois ist aber auch kontrolliert genug, mit Dribblings ins Herz der Zone vorzustoßen und anschließend solange mit dem Verteidiger zu tanzen, bis dieser abhebt oder einen Knoten in den Beinen hat. Okafor arbeitet sehr geduldig mit vielen Täuschungen und nutzt seine Länge und seinen Touch gewissenlos aus. Jumphooks über beide Hände, Up-and-Under-Layups, Step-Throughs gehören zur alltäglichen Routine des Big Mans. Auch Tim Duncans patentierter „Bank Shot“ findet beim Youngster gerne Mal Verwendung. 

Allerdings sollte hier noch angemerkt werden, dass Okafors Fußarbeit nicht perfekt ist. Gerade nach seinen Spinmoves hat er sich angewöhnt, mit nur einem Bein abzuspringen, was ihn instabil macht. Dadurch verlegt er oft scheinbar leichte Korbleger. Hier muss er dringend lernen, mit zwei schnellen Kontakten abzuspringen und somit Kontrolle zu gewinnen. Gehen Teams dazu über, einen zweiten Verteidigern zum Doppeln zu entrichten, begibt sich der Kontrahent vom Regen in die Traufe. 

Okafor ist ein fabelhafter Passgeber, dessen einhändige Pässe präzise die Spot-up-Shooter auf der Weakside finden oder Cuts seiner Mitspieler belohnen. Ist nicht sofort eine Option verfügbar, kann Okafor auch einfach den Ball gegen zwei Leute auf den Boden setzen und sich per Dribbling aus der Zange befreien.

In Ergänzung zu seinen vorzüglichen Qualitäten im Lowpost macht dem gewitzten Center auch in Sachen Pick & Roll niemand etwas vor. Er stellt sehr gute Blöcke, an denen die Verteidiger des ballführenden Spielers hängen bleiben. Durch Präzision und Timing bei der Ausführung läuft Okafor so gut wie kaum Gefahr, sich durch Moving Screens Offensivfouls einzuhandeln. Er besitzt ein gutes Gespür dafür, wann er den Block auflösen und sich abrollen muss. Sein Rollen ist energisch und er hat dabei immer Blickkontakt zum Aufbauspieler. 

Gleichzeitig vergegenwärtigt er sich im Augenwinkel auch immer, ob ein Verteidiger früh zu ihm rotiert, wodurch er auch hier unnötige Charges oder Ballverluste bei der Ballannahme verhindert. Mit seinen breiten Pranken fängt er jedes Anspiel das in seine Richtung geflogen kommt, als wäre der Spalding nur so groß wie ein Tennisball. Dank seines guten Gefühls im Handgelenk bringt er den Ball auf verschiedenste Weisen im Korb unter und holt sich meistens auch noch das Foul dabei ab.

Man darf zusätzlich nicht außer Acht lassen, dass Okafor trotz seiner Masse flink genug unterwegs ist, um auch mal einen Fastbreak mitzulaufen oder als Trailer in der zweiten Welle die Unordnung der Defense geschickt zu nutzen. Normalerweise schleppen sich Center seiner Gewichtsklasse eher über das Feld, doch Okafors Laufstil wirkt sehr flüssig und austariert. 

Offensiv gibt es daher nur wenige Aspekte, bei denen Okafor sich den Tadel seines künftigen Trainers einholen könnte. Genau genommen ist nur die Freiwurfquote des Riesen besorgniserregend. Gerade 51% seiner Versuche finden ihr Ziel. Damit kann er schnell das Opfer der „Hack-a-For“ Strategie werden. Am College ist diese Methodik eher selten, da tendenziell verpönt, doch einige Mannschaften praktizierten dies und waren damit auch teilweise erfolgreich. 


Bei seinen Freiwürfen scheinen seine Hände ein Problem zu sein. Es wirkt oft so, als greife er mit der linken Hand ein wenig um den Ball, weil seine Finger nicht genug Platz haben, um ihn nur an der richtigen Stelle zu halten. Dadurch unterliegen die Versuche einer hohen Streuung an Resultaten. Auch die richtige Proportion von Kraft und Gefühl fehlt ihm noch ein wenig, da er gerne dazu tendiert, nach einem ersten Fehlwurf beim zweiten zu „überkorrigieren“. 

Tendenziell muss man ein wenig abwarten, wie Okafor damit umgehen wird, wenn er erstmals auf körperlich ebenbürtige Gegenspieler trifft. Selbst in der NCAA konnte man die Matchups auf Augenhöhe an einer Hand abzählen. Gegen Jakob Pöltl hatte er dann auch prompt arge Probleme. 

Außerdem ist anzumerken, dass Okafor den Ball in den Händen braucht, um einen positiven Einfluss auszuüben. Die Offense seines Teams muss also auf ihn ausgerichtet werden, was es schwierig macht, ihm einen weiteren Star an die Seite zu stellen, sofern dies kein Aufbauspieler ist, der ein geschickter Pick & Roll Spieler ist.





Die beiden großen Problemfelder betreffen jedoch die Themen Defense und Rebounding. Okafors Defense ist so schwach, dass Coach K taktisch nachhelfen musste, um zu verhindern, dass dem Team dadurch Siege entgingen. Besonders in der Pick & Roll Bekämpfung hat Okafor eklatante Defizite. 

Ihm fehlt die laterale Geschwindigkeit, um Help-and-Recover Aufgaben auszuführen. Also ließ Coach K Ice Defense spielen. Doch selbst hier war Okafor einfach zu langsam und musste die Aufbauspieler reihenweise an sich vorbeiziehen lassen. Damit kostete er seinem Team gegen Miami beispielsweise das Spiel. Die 'Canes zogen das Spielfeld in die Breite und ließen 40 Minuten lang Okafors Gegenspieler einen Block nach dem anderen am Ball stellen, bis Okafor keine Lust mehr hatte und kapitulierte. Duke fing sich letztlich 90 Punkte.

Auch im 1-gegen-1 hat er Defizite. Gegen kleinere schnellere Gegenspieler ist er meist auf verlorenem Posten. Gegen andere Big Men, die gerne im Lowpost agieren, weiß Okafor sich nicht so recht zu helfen. Trotz seiner Länge stellt er eigentlich keine Präsenz als Shotblocker da und sammelt eher Fouls ein, als aktiv den Wurf zu stören. 

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Okafor sich schlicht nicht für die Defense interessiert. Wenn selbst ein Kopf kleinere Gegenspieler gegen ihn erfolgreich aufposten und ihm Layups im 1-1 einschenken, muss er sich diesen Vorwurf gefallen lassen. 

Die Lustlosigkeit überträgt sich auch auf den Kampf beim Rebound. Zwar lesen sich Okafors Werte auf den ersten Blick sehr ordentlich, allerdings fallen ihm die meisten Rebounds einfach in die Hände, ohne dass er großartig Aufwand dafür betrieben hätte. Nur sehr selten wird man erleben, dass Okafor sich in die Menge schmeißt und sich einen Rebound im Getümmel von drei oder vier Leuten sichert. Alles was außerhalb seiner Spannweite ist, scheint prinzipiell nicht erreichbar zu sein.

Das Profil eines klassischen Brettcenters mit einer Defensivallergie erinnert stark an Al Jefferson. Beide sind massige Gestalten, die ihre Gegenspieler sowohl mit purer Kraft, als auch mit der nötigen Finesse aus dem Tritt bringen und sich so einfache Punkte sichern können. Beiden fehlt allerdings die Geschwindigkeit, um effektive Verteidiger zu sein, was diese scheinbar akzeptiert zu haben scheinen und somit in einen Energiesparmodus verfallen, um sich auf die offensiven Geschicke konzentrieren zu können.

Okafor ist also ohne Zweifel ein sehr talentierter Spieler, der im Laufe seiner Karriere einige Allstar-Nominierungen erhalten sollte. Allerdings darf man skeptisch sein, ob Okafor mal ein Franchise Player bei einem erfolgreichen Team sein wird. Seine Probleme in der Defense sind nicht von der Hand zu weisen und scheinen für den Teamerfolg hinderlich zu sein. 

Sollte Okafor nicht potente Verteidiger an die Seite gestellt bekommen und der Trainer ein gutes Defensivkonzept in der Hinterhand haben, könnte sich Okafor in dieser Hinsicht sehr schnell dem Spott der eigenen Fans aussetzen.