04 Juni 2015

4. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Nach einer sehr ungewöhnlichen College Zeit mit vielen Höhen und Tiefen ist Jerian Grant nun bereit, seine Kreativität im Angriff vor NBA Publikum zu demonstrieren. Einst aus dem Team geworfen, führte er seine Fighting Irish vollkommen überraschend bis ins Elite Eight der March Madness, wo man die scheinbare Übermacht aus Kentucky am Rande einer Niederlage hatte. 

Jerian Grant entstammt einer Basketball verrückten Familie. Onkel Horace spielte an der Seite von Michael Jordan in der NBA. Vater Harvey spielte ebenfalls in der NBA. Aus diesem Grund war es kein Wunder, dass auch Jerian und seine Brüder mit dieser Sportart anfingen. Seine Highschool Zeit verbrachte Jerian Grant an der DeMatha High School in Maryland. Dort legte er zwar keine allzu spektakulären Zahlen auf, sorgte aber dafür, dass das Team erfolgreich war. 

So wurde Notre Dame Coach Mike Brey auf den vielseitigen Guard aufmerksam. Brey war selber auf diese Schule gegangen und hatte daher noch gute Kontakte zum Umfeld. Brey und Grant bauten schnell ein gutes Verhältnis auf, was dazu führte, dass Grant bei den Fighting Irish landete. Das erste Jahr an der Universität verbrachte er jedoch nicht auf dem Parkett, denn Brey hatte ihn nach langen Gesprächen dazu überreden können, zunächst ein Redshirt Jahr einzulegen. Grant durfte mit der Mannschaft trainieren, aber nicht spielen. Diese Maßnahme sollte sich auszahlen. 

In seinem zweiten Jahr wurde der Guard prompt mit einem Starterplatz belohnt und sorgte mit starken Leistungen auch gleich für eine Berufung ins All Freshman Team der Big East. Ähnlich stark lief auch das zweite Spieljahr für den Guard, sodass alle dem angehenden Redshirt Junior für seine dritte Spielzeit ein Breakout Jahr weißsagten. Das deutete sich dann auch in den ersten Saisonwochen an. Blöderweise durfte Grant nicht das ganze Jahr über seine Künste zum besten geben, da er den akademischen Teil seiner College Ausbildung hatte schleifen lassen und dafür die Quittung bekam. 

Für das Frühlingssemester wurde ihm die Spielberechtigung entzogen und er musste die Universität verlassen. Grant stand nun selbst verschuldet vor einer schwierigen Situation: Entweder zum Draft anmelden und hoffen, dass die NBA Teams genug von ihm gesehen hatten, um ihn wählen zu wollen, oder ein halbes Jahr aussetzen und für ein viertes Jahr zurückkehren. Er entschloss sich relativ schnell für die Rückkehr. 

Das letzte College Jahr wurde dann ein besonderes. Notre Dame wechselte die Conference und wurde in die ACC einsortiert. Grants Mannschaft bestand aus einem Haufen Spieler, die kein College Fan wirklich auf dem Zettel hatte. Zudem war sie sehr dünn besetzt. Umso faszinierender war jedoch, wie diese Mannschaft plötzlich feinsten Offensivbasketball zelebrierte, Spiele in Serie gewann und sogar am ACC Titel kratzte. 

Jerian Grant stach als Kopf der Mannschaft hervor und machte von sich reden. Im NCAA Tournament ging der Lauf der Fighting Irish weiter und man stieß ins Elite Eight vor. Gegen Kentucky führte man lange Zeit, ehe die Offense in der Crunchtime zusammenbrach und Kentucky sich mit zwei Freiwürfen retten konnte. Grants Rückkehr war also eine lohnenswerte Entscheidung.



Der größte Vorzug Grants ist sicher seine Fähigkeit, als Playmaker im Pick & Roll in Erscheinung zu treten. Als Maestro der Irish Offense dirigierte er seine Mitspieler dorthin, wo er sie haben wollte, und legte sich die Verteidiger so zurecht, dass er sie mühelos mittels des Screens schlagen und in eine schlechte Position bringen konnte. 

Er versteht es sehr gut, die Verteidigung zu Entscheidungen zu zwingen. Abhängig von der Wahl der Defense hat Grant immer die passende Antwort parat. Am liebsten bedient Grant seine Mitspieler. Speziell seine Pocket- oder Lobpässe zum abrollenden Blocksteller bewegen sich auf sehr hohem Niveau. Er trifft fast immer die richtige Entscheidungen für die situativ korrekte Variante. Die gute Wahl krönte er mit gut getimten und sehr präzisen Anspielen, die Big Men sofort verwerten können. 

Gleichzeitig behält er genau im Blick, was auf der Weakside passiert. Spekuliert ein Verteidiger zu früh auf den Pass zum Big Man und sinkt deswegen zu tief ab, reagiert Grant postwendend und gibt dem Schützen in der Ecke eine gute Vorlage. Da er bei den Fighting Irish von Wurfspezialisten umringt war, hat er bereits verinnerlicht, wie ein Shooter den Ball präsentiert bekommen möchte. 

Doch auch was den eigenen Abschluss angeht, ist Grant mittlerweile ein sehr gefährlicher Spieler. Sein Jumper aus dem Dribbling ist besser und schneller geworden, weshalb die Verteidigung nicht so leicht unter dem Block durchgehen kann (was allerdings sowieso eine idiotische Idee wäre, da es Grant die Möglichkeit geben würde, Fahrt aufzunehmen und zum Korb zu ziehen). 

Mit seiner Länge und Athletik kann er seinen Gegenspieler schnell über beide Hände schlagen und zum Korb vorstoßen. Dort ist seine Größe von Vorteil. Seine furchtlosen Abschlüsse senden in der Regel eine klare Botschaft an die lange Garde des Gegners. Seine Körperkontrolle und Konzentration beim Finish sind extrem beeindruckend. Dreipunktespiele mit Bonusfreiwürfen sind meist die Konsequenz.


Auf der anderen Seite des Feldes kann Grant aufgrund seiner Spannweite und schnellen Füßen gut als Stopper für den gegnerischen Aufbauspieler herhalten. Auch in der Verteidigung macht sich beim erfahrenen Guard bemerkbar, dass seine Reaktionsfähigkeit gut ausgeprägt ist. Jeden Moment der Unachtsamkeit des Ballhandlers nutzt Grant aus, um sich den Ball zu krallen und möglichst schnell den gegnerischen Korb zu attackieren. 

In der Teamdefense sind klare Fortschritte zu erkennen, auch wenn Grant in vielen Situationen immer noch herausgefordert zu sein scheint. Mit seiner Länge ist er zusätzlich ein aktiver Rebounder, der seinen Mitspielern bei der Arbeit am Brett zur Hand geht.

Allerdings ist vieles noch nicht Gold was glänzt. Im Spiel des Seniors verbergen sich mehr oder minder offensichtlich noch einige Schwachstellen, die dieser ausbessern muss, ehe er sich zu einem gestandenen NBA Spieler entwickeln kann. 

Fraglich ist leider, wie viel der Allrounder noch lernen kann und wie detailliert er seine Schwächen ausmerzen kann. Immerhin wird Grant bei seinem ersten NBA Spiel 23 Jahre alt sein. Das macht einen riesigen Unterschied zwischen ihm und jüngeren Aufbauspielern aus. Denn gerade die Qualität als Spielgestalter ein kreativer Ruhepol zu sein, kann sich erst über Jahre der Spielerfahrung im Auftritt eines jungen Guards verfestigen. Hier ist es also nicht verwunderlich, sondern eher naturgemäß, dass Grant in dieser Hinsicht aus der Masse an Aufbautalenten heraussticht.

Zudem muss abgewartet werden, wie gut sich Grant in der NBA akklimatisieren kann. Obwohl Notre Dame sehr uneigennützig im Stil agierte, war Grant der unangefochtene Leader des Teams und lebte diese Rolle. Das wird sich so in der NBA nicht direkt ereignen.





Grant muss sich zunächst das Vertrauen der altgedienten Spieler erschleichen, ehe er wie am College die Kommandozentrale stürmen darf. Außerdem gilt es zu bedenken, dass Mike Brey seinen Spielern viele Freiräume ließ und sie nicht in ein starres System zwängte. Es gab lediglich ein paar Grundprinzipien für bestimmte Situationen, die aber zum allgemeinen Basketball Jargon gehören. Im Profigeschäft wird mit viel mehr Sets und festen Spielzügen gearbeitet. Hier kann Grant viele seiner Fähigkeiten einbüßen.

Bereits jetzt hat Grant hin und wieder Probleme unter Druck einen kühlen Kopf zu bewahren. Setzt ihm die Verteidigung zu sehr zu, lässt er sich gerne zu halsbrecherischen Drives verleiten, die in der Regel in katastrophalen Wurfversuchen oder Ballverlusten enden. Ihm fehlt dann oft die Ruhe, um den Ball einfach mit dem Körper zu schützen und das Spiel zu entschleunigen.

Spielerisch muss Grant sich auch noch an der Konstanz seines Sprungswurfes werkeln. Besonders im Catch-and-Shoot sind eine Basics noch mit Fehlern behaftet, die verhindern, dass er ein effektiver Spieler abseits des Balls sein kann. Noch können Gegenspieler gefahrlos Hilfen geben, da Grant einfach nicht genug Gefahr von der Dreierlinie ausstrahlt. Mit genug Übung sollte sich das jedoch ändern lassen. Bruder Jerami hat es in diesem Jahr vorgemacht.

Mit seiner Fähigkeit ein Spiel zu lenken und seiner Brillanz im Pick & Roll schießen dem Beobachter schnell Bilder von George Hill in den Kopf. Eine ähnliche Rolle könnte Grant auch in der NBA mal einnehmen. 

Ob und wie bald das geschieht, hängt zum Teil davon ab, wie hart Grant an seinen Schwächen arbeitet. Genauso wichtig ist es jedoch auch, dass der Guard bei einem Club unterkommt, wo er einen geeigneten Trainer für sich findet, der ihm eine gute Mischung aus klaren Anweisungen und kreativem Freiraum bieten kann.