21 Juni 2015

21. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Ursprünglich war Justise Winslow nur im Schlepptau mit Tyus Jones und Jahlil Okafor auf dem Campus der Duke University aufgeschlagen. Viele wussten seine Rolle vor der Saison nicht so recht einzuordnen. Relativ schnell wurde klar, wie wichtig Winslow für sein Team werden würde. Phasenweise war er der beste Spieler des Teams und konnte dadurch auch die eigenen Aktienkurse in Bezug auf seinen Draftwert in die Höhe treiben. Der Titelgewinn war bisher der krönende Höhepunkt des Jahres. Am Draftabend könnte ein weiterer folgen.

In seiner Heimatstadt Houston ging Justise Winslow sehr erfolgreich auf Korbjagd. In drei seiner vier Jahre konnte er mit der Saint John’s High School die eigene Liga. Mit teils überragenden Statistiken und Highlights en masse rückte er schnell in den nationalen Fokus. Über AAU Turniere empfahl er sich auch für die US Jugendnationalteams. 

Dort gelangte er erstmals in Berührung mit seinen späteren Teamkameraden Jahlil Okafor und Tyus Jones. Zusammen mit den beiden und Duke Student Jabari Parker nahm er 2012 an der U17-Weltmeisterschaft teil und gewann den Titel. Ein Jahr später reiste er gemeinsam mit Jones und Okafor nach Prag zur U19-Weltmeisterschaft. Dort intensivierten die drei ihre Chemie. 

Relativ schnell ließ Winslow daher verlauten, dass er sich für das College entscheiden würde, dem auch Okafor und Jones ihre Zusagen erteilen würden. So konnte sich Coach K über gleich drei hochtalentierte Youngster freuen. Das war auch bitter nötig, da Duke mit Rodney Hood und Jabari Parker seine beiden dominanten Spieler der Vorsaison an NBA Klubs verlor. 

Daher musste Winslow von Beginn an eine wichtige Rolle übernehmen und faktisch die Lücken schließen, die beide hinterließen. Normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit für einen Freshman. Doch er verrichtete seine Aufgaben bravourös. Die Scoring Last übernahm zunächst Okafor, sodass Winslow als zweite oder dritte Option des Angriffs effektiv sein konnte und gleichzeitig hinten als Lockdown Defender fungierte. 

Auch aus einer kurzen Schwächephase Mitte Januar kam der Freshman erstarkt wieder. In dieser Phase merkte man, wie wichtig ein gut aufgelegter Winslow für den Teamerfolg war, da Duke in dieser Phase 3 von 6 Partien verlor und der Motor sichtlich stotterte. Erst als Winslow wieder Schlagzahl erhöhte, schien Duke als Team die Intensität wieder auf das alte Niveau steigern zu können. Dank einiger Kniffe aus der Trickkiste Mike Krzyzewskis war das Team im März topfit und exzellent eingespielt. 

Winslow lief mittlerweile als Power Forward auf und löste die Aufgaben auf der ungewohnten Position bravourös. Im NCAA Tournament rauschte Winslows Team durch die Runden und zeigte eine nie dagewesene Dominanz in der Defense, an der Winslow großen Anteil trug. Speziell gegen Utah im Sweet Sixteen, das das engste Spiel auf dem Weg ins Finale war, mutierte Winslow zum spielentscheidenden Faktor und war auch offensiv kaum zu stoppen. Der Titelgewinn über Wisconsin war der krönende Abschluss einer gelungenen Saison.



Mit der Reputation als körperlich fortgeschrittener, defensivorientierter Edelverteidiger im Gepäck betrat Winslow im letzten Jahr den Coach K Court. Tatsächlich ist Winslows Physis für einen Spieler seines Alters sehr ausgeprägt. Seine breiten Schultern sind mit Muskelbergen übersät. Doch im Gegensatz zu so manch anderem physisch starken Spieler weiß Winslow auch ganz genau, wie er seinen Körper erfolgreich einsetzen muss und tut er das dann auch liebend gerne. 

Winslow sucht, wann immer es geht, den Kontakt mit dem Gegenspieler, um seine Vorteile auszunutzen. Speziell beim Drive wird man oft das Gefühl nicht los, dass Winslow regelrecht enttäuscht ist, wenn sich ihm kein Gegenspieler in den Weg stellt und er somit keine Chance auf ein Dreipunktespiel mit einem Bonus Freiwurf hat. In den ersten Wochen kamen wegen dieser Geschicklichkeit beim Drive Vergleiche mit James Harden auf, die in dieser Hinsicht gar nicht mal so unzutreffend sind. 

Ähnlich wie Harden liebt Winslow den Zug über seine starke linke Hand. Im letzten Moment folgen dann meist Eurosteps verschiedener Ausführungsformen, mit denen er sich zwar weit genug vom Gegenspieler entfernen kann, um einen guten Abschluss loszuwerden, aber auch noch nah genug dran ist, um den Foulpfiff zu bekommen. Der Fokus liegt noch auf der linken Hand beim Drive und Abschluss, allerdings häuften sich im Verlauf der Saison die Fälle, in denen er auch mal seine rechte Hand einsetzte.

Den größten Einfluss hatte Winslow auf die Defense der Blue Devils. Als Allzweckwaffe konnte er es mit fast allen möglichen Typen von Gegenspielern aufnehmen und ihnen den Zahn ziehen. Er besitzt eine herausragende Schnelligkeit in lateralen Bewegungen und eine adäquate Fußarbeit, die beide wichtige Notwendigkeiten dafür sind, Guards vor sich zu halten. Gegen kräftigere Außenspieler oder Power Forwards hilft ihm sein gut trainierter Oberkörper, um Paroli zu bieten. 

Neben den körperlichen Gegebenheiten ist Winslow auch mental schon sehr weit und ein absoluter Wettkämpfer. Er hechtet vielen Bällen entgegen und sichert seinem Team Ballbesitze, die andere Spieler schon im Ansatz abgeschenkt hätten. Die Summe aus Physis und Aggressivität ergibt einen scheinbar unüberwindbaren Perimeter Verteidiger. 

Ohne große Anstrengung zu zeigen, verwandelt Winslow jeden Angriff für seinen Gegenspieler in einen Höllenritt, sobald dieser den Ball erhält. Bewundernswert ist, wie sauber Winslow verteidigt. Nie schiebt er die Hüfte raus oder muss sich anderer Taschenspielertricks bedienen, um seinen Gegner zu entnerven. 

Auch beim Duell um Rebounds kann Winslow positiv von sich reden machen. Selbst gelernte Innenspieler boxt der Wing vorbildlich aus und passt anschließend immer den richtigen Moment ab, um sich das Leder zu krallen. In der Offensive entwischt er oft seinem Gegner und sorgt mit seinen Putbacks oder Tip-Dunks für Highlights.


Alle diese Facetten des Spiels waren bereits schon vor seiner ersten Freshman Minute vorhanden - zumindest in Ansätzen. Zwei wesentliche Merkmale konnte Winslow aber noch deutlich ausprägen beziehungsweise unterstreichen, weshalb sein Draftwert rasant anstieg. 

Zum einen sein Jumper. Als ich Winslow im letzten Sommer bei der U18 Auswahl der USA spielen sah, wirkte die Wurfbewegung abgehackt und das Handgelenk klappte nicht so ab, wie es bei einem guten Sprungwurf der Fall sein sollte. Doch bereits in den ersten Spielen im November und Dezember präsentierte Winslow ein scheinbar generalsanierte neue Version seines Jumpers, die wesentlich besser aussieht und auch mit Resultaten überzeugt. 

In Catch-and-Shoot-Momenten ist Winslow nun sehr sicher. Probleme bereiten ihm aber noch Situationen, in denen sein Gegenspieler maximal eine Armlänge entfernt steht oder er aus dem Dribbling hochgehen muss. Dies sollte aber nur eine Frage der Übung sein. 

Zweitens faszinierte Winslow mit seiner Reife. Egal wie das Spiel gerade für ihn läuft, Winslows Mimik ändert sich nicht. So kann er über lange Zeit vollkommen unbeteiligt an einem Spiel partizipieren, um dann in der Crunchtime mit einigen wichtigen Aktionen das Spiel zu entscheiden.

Abgerundet wird das sehr vielversprechende Paket, das der gebürtige Texaner anzubieten hat, durch seine Arbeitsmoral. Wie bereits skizziert verbesserte er viele Bereiche seines Spiels mit einer unheimlichen Rasanz, die darauf schließen lässt, wie oft Winslow in der Halle anzutreffen ist. Auch Coach K fand in dieser Hinsicht des Öfteren lobende Worte für seinen Schützling. 





Aufgrund seiner Vielseitigkeit gibt es im Spiel von Justise Winslow kaum ernsthafte Schwächen. Im Wesentlichen geht es darum, ob Winslow sein Spiel direkt auf die NBA übertragen kann oder noch Zeit braucht, um sich mit körperlich ebenbürtigen Matchups zu arrangieren. Ähnliche Bedenken gab es vor seiner ersten College Saison, die sich jedoch nach spätestens 5 oder 6 Spielen in Wohlgefallen aufgelöst hatten. 

Schon eher könnte daher die Frage in die Richtung umformuliert werden, ob Winslow konstant ein hohes Niveau abrufen kann. Hier hatte er als Freshman, abgesehen von einer zwei- bis dreiwöchigen Schwächephase, kaum schlechte Leistungen zu verschmerzen. In der NBA können das aber schnell zehn oder gar mehr Spiele sein, die seine Minuten reduzieren könnten.

Größerer Nachholbedarf besteht auch noch bei seinem Entscheidungsverhalten in der Offensive. Zu oft will er noch mit Kopf durch die Wand. Hier wäre es sicher hilfreich, wenn Winslow etwas besonnener agieren würde. Selbst als College Freshman konnte er seine Gegenspieler sehr oft mit physischer Brutalität durch die Zone schubsen und sich so seinen Weg zum Korb freischaufeln. 

Das unterbanden höchstens Referees mit einem Offensivfoulpfiff. Davon handelt sich Winslow in der Regel mindestens einen pro Spiel ein. Gerade seiner rechten Hand sollte Winslow noch viele Workouts Sessions widmen, damit seine Drives nicht mehr so eindimensional sind. Verteidiger können sich nach einer gewissen Zeit auf Winslow einstellen, da er maximal Tempowechsel einbaut und kaum Crossover oder Richtungswechsel. 

Diese Berechenbarkeit in seinen Aktionen beschneidet ein wenig seine Möglichkeiten als Scorer. Perspektivisch hat Winslow sicher auch hier das Potential zu einem überdurchschnittlich eifrigen Punktesammler, allerdings fehlen ihm noch die richtigen Taktiken, um seine Waffe gezielt einzusetzen.

Er muss außerdem lernen, dass es auch für ihn physische Grenzen gibt und er schlicht keine Chance mehr hat, wenn er von drei oder vier gleichstarken Gegenspielern umringt ist. In solchen Momenten will er zu viel auf eigene Faust unternehmen. Da macht sich dann der Wettbewerbscharakter Winslows negativ bemerkbar. Er sieht jedes einzelne Duell als eine Schlacht, die er zwingend gewinnen muss. Hier muss er noch lernen, einen Gang runterzuschalten und Verantwortung abzugeben.

Justise Winslow ist Jimmy Butler sehr ähnlich. Beide kamen in die Liga als defensivorientierte Athleten auf der Flügelposition, bei denen nicht klar war, inwiefern sie ihre Spielweise auf die NBA würden übertragen können und ob sie offensiv genug aus sich herausholen konnten, um auf dem Feld eine Gefahr auszustrahlen. 

Während Butler spätestens in der just abgelaufenen Saison diese Erwartungen übertraf, darf man sich von Winslow ähnliches erhoffen. Schließlich ist Winslow mit einer vergleichbaren Besessenheit daran interessiert, sein Spiel zu verbessern, und jünger als Butler es bei seinem ersten NBA Spiel war.