25 Juni 2015

24. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Über viele Jahre hinweg galt Jahlil Okafor als der sichere Top-Pick des 2015er Drafts. Doch dann funkten John Calipari und Karl-Anthony Towns gemeinschaftlich dazwischen und mittlerweile gilt eher Towns als der No-Brainer am Draftabend. Der steile Aufstieg begann als 16-Jähriger. In diesem Alter trat er erstmals auf die große Bühne, blockte Russell Westbrook und traf auf Coach Cal. Mit der knapp verpassten College Meisterschaft hätte diese Reise im April fast einen krönenden Abschluss verpasst bekommen.

Karl-Anthony Towns’ Weg nach Kentucky führte über die dominikanische Nationalmannschaft. Da seine Mutter aus der dominikanischen Republik stammt, war Towns für deren Auswahl spielberechtigt. So erhielt er als Highschool Freshman die erste Einladung des Verbandes zur Teilnahme an der U17 Fiba Americas Meisterschaft im Jahr 2011. Zwar nahm er nicht daran teil, doch der Kontakt war hergestellt. 

Im folgenden Jahr folgte er der Einladung von John Calipari und wurde Teil der Mannschaft, die die Qualifikation zur Olympiade in London schaffen sollte. Zwar scheiterte man letztlich an diesem Ziel, doch immerhin war Calipari auf seiner Mission erfolgreich gewesen und konnte Towns dazu bewegen, als Student Athlete für Kentucky auf’s Feld zu sprinten. 

Auch Towns persönlich profitierte von dieser Erfahrung, da er gegen die USA Mannschaft in begrenzter Spielzeit Akzente setzen konnte (1 Dreier und ein Block gegen Russell Westbrook), womit er zusätzlich Selbstbewusstsein tankte. Neben der Entscheidung um sein künftiges Team, verkündete Towns zudem, ein Jahr früher als geplant die Highschool abzuschließen, was ihm aufgrund seiner hervorragenden Leistungen auf der Schulbank möglich war. 

Bei Kentucky wurde er dann von Woche zu Woche mehr das Zentrum des tiefsten und wahrscheinlich auch qualitativ hochwertigsten Frontcourts der NCAA. Anfangs noch etwas von Caliparis Wechselstrategie ausgebremst, entwickelte er sich im Laufe der Conference Saison zu der Go-to-Option für den Fall, dass es gegen Ende einer Partie knifflig wurde. Gegen LSU spielte er eine phänomenale Crunchtime und entschied die Begegnung mit seinen Jumphooks und Offensivrebounds in den letzten zwei Minuten im Alleingang. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde immer Towns gesucht, um den Sack zuzumachen. 

Doch selbst gegen Ende der Saison hatte das Kronjuwel kein Problem damit, wenn er mal in einem Spiel vollkommen außer Acht gelassen wurde, solange der Teamerfolg stimmte. Gegen Notre Dame im Elite Eight war Towns nicht zu stoppen und im Final Four zeigte der Freshman die beste individuelle Leistung aller Akteure auf dem Feld. Am Ende reichte dies dennoch nicht, um die erfahrenen Veteranen aus Wisconsin zu bezwingen.



Karl-Anthony Towns hat sich über das vergangene Jahr mit seinen steigenden Leistungen zum legitimen Anwärter auf den ersten Pick des diesjährigen Drafts gemausert. Besonders die Fülle an verlockenden Eigenschaften und Fähigkeiten beschert ihm großes Ansehen unter Scouts. Im vielseitigen Spiel des Big Mans gibt es kaum offensichtliche Schwächen, während in vielen Bereichen sehr gute Anlagen vorhanden sind, die sich zum Teil bereits in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase befinden. 

Towns bringt zunächst körperlich ideale Maße mit, die dem prototypischen NBA Big Man unverschämt nah kommen. Er kratzt an der magischen Marke von 7 Fuß und es nicht auszuschließen, dass er diese auch noch überschreiten wird, da er augenscheinlich noch nicht unbedingt die Proportionen eines Erwachsenen aufweist. Seine Füße und Arme wirken noch zu schlaksig für den Rest des Körpers. 

Arme ist ein gutes Stichwort, denn seine Spannweite ist enorm und er weiß seine Reichweite in verschiedenen Situationen geschickt zu nutzen. Obwohl die Bewegungen des Teenagers noch nicht hundertprozentig im Einklang zu sein scheinen und noch eine Menge Verbesserungsspielraum bergen, bewegt er sich für seine Größe schon ausgesprochen gut. Er wirkt koordiniert, kann Fastbreaks mitlaufen und ist auch bei schnellen Richtungs-/Tempowechseln ausbalanciert. 

Offensiv stoßen Trainer bei Towns ebenfalls auf offene Ohren für viele Stile und viele Nutzungsmöglichkeiten. Bei Kentucky lag der Fokus darauf, aus ihm einen potenten Lowpost Scorer zu machen. Ihm wurde als Highschooler oft noch nachgesagt, dass er zu soft wäre, um sich im Nahkampf der Zonenduelle durchsetzen zu können. Doch in Sachen Toughness kann Towns eindrucksvolle Fortschritte aufweisen und ist mittlerweile kaum mit körperlicher Härte aus dem Konzept zu bringen. 


Spielerisch ist ebenfalls eine Entwicklung zu verzeichnen. Zwar ist er noch keine Ballerina im Lowpost, wie etwa ein Okafor, doch die Grundlagen konnte der Staff in Kentucky freischaufeln. Towns nutzt mittlerweile Dropsteps, Steptroughs und „Chickenwings“, um sich den nötigen Platz für einen guten Jumphook zu verschaffen. Seine Bewegungen sind entschlossen, schaffen Raumgewinn und wirken fundamental wesentlich gesicherter als beispielsweise bei Okafor. 

Bei den Hakenwürfen kommt Towns’ weiches Handgelenk  zum Tragen. Mit zunehmender Erfahrung sollte er auch einen gewissen Variantenreichtum an den Tag legen können. Sobald Fakes und schnelle Spinmoves Part des Rahmenprogramms werden, wird Towns im Lowpost kaum zu stoppen sein. Gerade seine Rumpfstabilität ist phänomenal für einen Youngster seiner Alterskategorie und lässt kaum Wünsche offen. 

Dabei war dies ursprünglich der Bereich, in dem Towns eher noch Schwierigkeiten hatte. Als Highschool Spieler war Towns immer eher ein Stretch Big gewesen, der Dreier durch die Reuse zischen ließ. Bei Kentucky nahm er zwar kaum Würfe vom Perimeter, doch das Potential zu einem gefährlichen Distanzschützen ist durchaus vorhanden. Seine Wurftechnik sieht schon sehr fortgeschritten aus. Das war gerade bei seinen Freiwürfen, die er zu über 80% verwandelte, gut zu beobachten. Mit genug Übung sollte Towns daher auch Souveränität an der NBA Dreierlinie entwickeln und dort die offenen Würfe treffen.

Bereits im letzten Jahr wurde Towns auch gerne ins Pick & Roll/Pop einbezogen. Er stellt gute Blöcke und rollt sich mit gutem Timing ab. Dank weicher Hände, fängt er auch schwierige Anspiele oder Bodenpässe, die anderen großen Spielern gerne durch die Lappen gehen. Erhält er beim Pick & Pop den Ball auf Höhe der Freiwurflinie, kann er seinen Gegenspieler mit einer einfachen Wurftäuschung zum Abflug bewegen und anschließend mit einem harten Dribbling den Ball konsequent im Korb einschlagen lassen. 

Auch als Passgeber besitzt Towns Potential. Wurde er gedoppelt im Lowpost oder beim Ballerhalt im Pick & Roll, konnte er meist schnell genug reagieren. Er spielt harte Pässe, die beim Mitspieler ankommen und direkt verwertbar sind. 

In der Verteidigung ist Towns engagiert bei der Sache. Mit seiner Länge und seinem Timing beim Shotblocking stellt er einen exzellenten Patronus für den eigenen Korb dar. Er verändert viele Würfe, auch wenn er sie nicht blockt. Seine Ausmaße sind für viele Guards angsteinflößend und lassen ihnen das Handgelenk beim Wurf erzittern. Darüber hinaus ist Towns auch in der Pick & Roll Verteidigung nicht auf verlorenem Posten. 

Zwar wird es ihn eine gewisse Zeitspanne kosten, bis er sich an das höhere Tempo und die extremere Athletik der NBA Guards gewöhnt hat, doch sobald dies geschehen ist, wird Towns hier keine Schwachstelle für sein Team sein. Im 1-1 versuchte kein NCAA Spieler Towns zu attackieren. Daher lässt sich nicht wirklich sagen, ob er im Lowpost angreifbar sein kann. Doch auch hier sollte er spätestens nach ein paar Lehrstunden ein solides Niveau erreichen.

Bei all diesen Qualitäten muss man nochmal unterstreichen, dass Towns in seiner Freshman Saison nur an seinem Potential gekratzt hat. Bei der Tiefe des Kentucky Kaders waren seine Wurfmöglichkeiten limitiert. Sobald er mehr Freiräume genießen kann, sollte der 19-Jährige nochmal einen explosionsartigen Anstieg in seiner spielerischen Entwicklung verzeichnen können.





Wie bereits eingangs erwähnt stehen diesen (potentiellen) Stärken nur wenige Schwächen gegenüber. Doch selbst bei diesen ist man geneigt zu sagen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Towns auch diese Problemzonen überwunden hat.

Defensiv ist sicher noch nicht alles Gold, was glänzt. Denn man darf bei dem Hype nicht vergessen, dass auch hier das Teamgefüge der Kentucky Wildcats einen starken Einfluss auf Towns’ Leistungen hatte. Dieses Mal im positiven Sinne. Denn die meisten Guards des Gegners waren bei ihren Drives schon so ausgezehrt und gehetzt, dass sie einfach keinen guten Abschluss mehr zustande bringen konnten. Zudem konnte Towns sehr oft auf den Block spekulieren, da er wusste, dass im Zweifelsfall hinter ihm ein zweiter Big Man auf dem Feld steht, der sich um etwaige Durchstecker oder Reboundsituationen kümmern kann. 

Waren die Gegner zudem clever, konnten sie Towns auch relativ schnell in Foulprobleme stürzen. Denn der junge Big Man muss noch lernen, seine Größe für sich arbeiten zu lassen. Zu oft springt er bei plumpen Fakes in die Luft, um den vermeintlichen Wurfversuch abzuräumen. Bei der Landung hat er dann keine Ausweichmöglichkeit mehr und bekommt meist den Foulpfiff. Ein disziplinierteres Verhalten käme ihm in solchen Momenten sehr gelegen. 

Insgesamt muss man abwarten, wie viele und welche Fähigkeiten Towns tatsächlich auf die NBA übertragen kann. Bisher sind viele Überlegungen theoretischer Natur dafür verantwortlich, dass Towns derart begehrenswert zu sein scheint. Towns muss nun nach und nach beweisen, dass diese Überlegungen auch realisierbar sind. Das wird ein schwieriger Prozess für den Rookie, da er in der vergangenen Saison verhältnismäßig wenig gespielt hat und kaum Freiheiten hatte. Nun wird sich also zeigen müssen, wie fertig Towns in der Tat schon ist, und wie schnell er das Niveau erreicht, das ihm viele Experten vorhersagen.


Einen treffenden Vergleich zu finden, ist bei Karl-Anthony Towns gar nicht mal so einfach, weil er ein sehr kompletter Spielertyp sein kann, der in der Vergangenheit aber nur sehr dosiert Einblicke auf seinen derzeitigen Entwicklungsstand gewährte. Ich persönlich muss bei dem Bild, das sich vor meinem inneren beim idealen Towns ergibt, immer an ein Mischwesen aus den beiden Gasol Brüdern denken. 

Towns hat die defensive Präsenz eines Marc Gasol und kann offensiv das Paket und die Beweglichkeit eines Pau Gasols zu dessen Primetime ausbilden. Da aber auch Marc Gasol mittlerweile eine ordentliche Reichweite bei seinen Würfen hat, ist er vielleicht noch näher an Towns dran.

Alles in allem ist Karl-Anthony Towns der Diamant des diesjährigen Jahrgangs. Daran gibt es nichts zu rütteln. Sein Potential scheint noch bei weitem nicht ausgeschöpft zu sein, dabei offenbart er jetzt schon kaum noch ernstzunehmende Schwächen. Das ist bei einem 19-Jährigen eine Rarität. 

Allerdings darf der Hype nicht zu sehr Überhand nehmen, denn bis jetzt sind viele Fähigkeiten nur im Ansatz zu erkennen und wurden noch nicht auf ihre dauerhafte Tauglichkeit geprobt. Entwickelt sich Towns in dem Maße weiter, wie er es in den vergangenen Jahren getan hat, sollten sich solche zaghaften Bedenken jedoch schnell verflüchtigen.