12 Juni 2015

12. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Die kurioseste Freshman Saison aller diesjährigen Talente erlebte Kelly Oubre bei den Kansas Jayhawks. In den ersten Spielen wurde er teils weniger als 5 Minuten auf das Parkett gelassen. Dennoch startete er ab Mitte Dezember in allen Spielen und darf sich trotz beschränkter Spielzeit Hoffnungen auf einen Platz unter den ersten 15 Auserwählten des Drafts machen.

Kelly Oubre ist in New Orleans aufgewachsen. Dort kam er auch mit dem Basketball in Berührung. Als seine Heimatstadt vom Hurricane Katrina überflutet wurde, verlor auch die Familie Oubre ihr Heim. Vater Kelly Sr. beschloss daraufhin, einen Neuanfang zu starten. Daher wählte er Houston als neues Domizil. 

Dort konnte Kelly als Highschool Spieler das Interesse der Talentspäher auf sich ziehen. Unter anderem fragte die Findlay Prep Academy bei Oubre an. Für sein Senior Jahr wechselte Oubre an diese Talentakademie, um sich auf die weiteren Schritte seiner Karriereplanung konzentrieren zu können. Einer davon war sein Entschluss, in der NCAA für die Kansas Jayhawks auftreten zu wollen. 

Da Bill Self zuvor bei Ben McLemore und Andrew Wiggins ein gutes Händchen im Umgang mit elitären Flügelspielern bewiesen hatte, schien diese Wahl auch eine gute zu sein. Allerdings hatte der Highschool All American, dem viele eine wichtige Rolle im jungen Team der Jayhawks zugetraut hatten, Anlaufschwierigkeiten. In den ersten fünf Partien bekam Oubre kaum Spielzeit. Als Begründung diente seine schwache Verteidigung in den ersten Trainingsmonaten. 

Oubre ließ sich von dieser Maßnahme seines Trainers nicht verunsichern und wartete geduldig auf seine Chance. Bis Mitte Dezember konnte er sich endlich in die Rotation arbeiten und einen Platz in der ersten Fünf ergattern. Die weiteren Saisonwochen unterlagen größeren Schwankungen. 

Mal dominierte er eine Begegnung nach Belieben, in anderen Spielen fand er dagegen gar nicht statt. Daher schwankte auch die Minutenzahl des Linkshänders von Spiel zu Spiel. Immerhin konnten die Jayhawks erneut ihre Conference gewinnen. Im NCAA Tournament schieden sie dann ausgerechnet gegen den staatsinternen Rivalen Wichita State aus. 



Durch seine geringen Spielanteile am College sind sich immer noch viele Scouts uneins, wie weit Oubre spielerisch bereits ist und wie groß sein Potential wirklich ist. Isoliert man bei der Betrachtung des Talents nur seine physischen Voraussetzungen, geraten Draft Experten gerne ins Schwärmen. Oubre bringt eine gute Größe für einen modernen NBA Flügelspieler mit. Im Verhältnis zu seiner Körpergröße ist seine Armspannweite phänomenal. Diese könnte einmal elementarer Vorteil bei seinen Abschlüssen in der Zone oder seiner Verteidigungsleistung werden. 

Gleichzeitig ist Oubre sehr mobil und kann von einem Ende des Feldes zum anderen hetzen, ohne direkt zu ermüden. Zwar fehlt Oubre noch etwas die Explosivität, doch sein erster Schritt und seine Sprungkraft sind jetzt schon überdurchschnittlich gut und machen Hoffnung, dass Oubre einmal ein kaum zu verteidigendes Matchup im Angriff darstellen wird. 

Neben seiner Athletik und Länge machen ihn die guten Ansätze, die er verstreut über die Saison andeutete, zu einem interessanten Prospect. Tief in Oubre scheint das Scorergen verwurzelt zu sein. Obwohl er während der Saison kaum einen guten Rhythmus entwickeln konnte, die Jayhawks Offense nicht so flüssig lief, wie man es gewohnt ist, und Oubre in mancher Hinsicht beim Zug zum Korb noch limitiert ist, schummelte sich der Linkshänder immer irgendwie nah genug ans Brett, um effektiv zu vollstrecken. 

Oft nutzt er es aus, dass seine Gegenspieler selten Linkshänder verteidigen müssen. Oubre zieht konsequent über seine linke Hand und erreicht dadurch fast immer den Zonenrand. Hier trifft er schwierigste Floater und halbgare Leaner, die jeder technischen Grundausbildung widersprechen. Sein Erfolg lässt sich daher mit seinem weichem Handgelenk und seinem guten Gespür für die richtige Dosierung des Wurfes erklären. 

Ähnliches gilt auch für Oubres Sprungwurf. Die Technik ist alles andere als konstant, allerdings sieht der Wurf sehr sauber aus, wenn der Freshman ihn vorbereitet. Mit unzähligen Stunden der Wiederholung und einem peniblen Wurftrainer an seiner Seite sollte Oubre in dieser Hinsicht schnell Fortschritte machen können. Der hohe Release und das weiche Handgelenk sind dafür gute Grundbausteine. 


Der Wing kann auch in Pick & Roll Situationen versetzt werden. Er findet dadurch noch leichter eine Möglichkeit zum Korb zu ziehen. Intuitiv liest er meist richtig aus der Situation heraus, welche Lücke die Verteidigung offenbart und wie er diese attackieren kann. An dieser Stelle kommt ebenfalls Oubres naturgegebenes Talent zum Vorschein. 

Die meisten Guards brauchen jahrelanges Training, um das richtige Timing beim Blocken & Abrollen zu entwickeln. Oubre hingegen weiß jetzt schon ganz genau, wann der Block steht, wann er das erste Dribbling machen kann und in welchem Winkel er seinen Gegenspieler attackieren muss, um erfolgreich zu sein.

Für einen Außenspieler ist Oubre zudem ein sehr engagierter Rebounder an beiden Enden des Feldes. In der Defense scheut er sich nicht seine Big Men zu unterstützen und seine langen Arme zum Einsammeln des Balls zu nutzen. Oubre hat einerseits einen guten Riecher dafür, wo der Ball voraussichtlich aufkommen wird, und andererseits bleibt er nicht untätig auf der Stelle stehen, sondern orientiert sich aktiv zum Ort des Geschehens. 

In der Offensive schleicht sich Oubre gerne im Rücken seines Verteidigers zum Brett. Kommt er mit genug Schwung an, hämmert er gerne einen Tip-Dunk durch den Korb. Seine Körperkontrolle und sein Timing sind hervorragend und zwingen die Defense dazu, ihn jedes Mal ausboxen zu müssen. Alle Versäumnisse werden umgehend bestraft. 

Perspektivisch besteht außerdem die Möglichkeit, dass Oubre mal ein guter Verteidiger wird. Die körperlichen Anlagen dazu hat er. Speziell seine Spannweite kann für jeden Angreifer ein enormes Hindernis darstellen. Geschickt eingesetzt führt sie dazu, dass Pässe schwieriger werden und Würfe des Gegners leicht gestört werden können. 

Über die Saison hinweg konnte sich der Linkshänder auch steigern. Besonders die Intensität der Verteidigungsarbeit war bei Oubre gegen Ende der Saison eine ganz andere als noch in den ersten Saisonwochen. In einigen Spielen konnte er sogar schon für erhebliche Probleme bei seinem direkten Kontrahenten sorgen. 





Allerdings unterläuft Oubre gerne mal ein kapitaler Lapsus in der Defense. Genau solche Aussetzer waren für Trainer Bill Self der Hauptgrund, Oubre so wenig auf das Spielfeld zu schicken. Oubre fokussiert sich als Verteidiger viel zu sehr auf den Ball und ist daher abseits des Balls immer auf dem falschen Posten. Selbst einfachste Prinzipien wie eine gute Deny-Defense im ersten Passweg kann er noch nicht liefern. 

Er verpasst es immer wieder die entsprechende Grundhaltung einzunehmen und seine Spannweite für sich arbeiten zu lassen. Stattdessen ist sein Oberkörper zum Ball ausgerichtet, was schnell dazu führt, dass sich der Gegenspieler Oubres in dessen Rücken aus dem Staub macht und vollkommen unbedrängt direkt unter dem Korb einen Layup reinlegt. Noch katastrophaler waren Oubres Versuche als Helpverteidiger zu beobachten. 

Seine Rotationen kamen, wenn überhaupt, sehr spät und waren meistens nicht von Erfolg gekrönt. Entweder brachte Oubre so wenig Widerstand entgegen, dass die Hilfe für den Angreifer kaum zu spüren war, oder er wusste sich nur mit einem plumpen Foul zu helfen. Es wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen bis Oubre die Konzeption einer Teamdefense verinnerlicht hat. Ob er das auch konstant auf dem Feld abliefern kann, bleibt angesichts immer wiederkehrender kurzer Tiefschlafphasen ein Mysterium.

Auch in der Offense wartet auf den Jayhawk noch jede Menge arbeitet. Die deutlichste Einschränkung im Spiel des Linkshänders ist seine rechte Hand. Diese benutzt er schlicht gar nicht. Das absolute Maximum sind zwei aufeinanderfolgende Dribblings, wenn er keinen Crossover einbauen muss. Spätestens beim Abschluss gerät diese Hand jedoch völlig in Vergessenheit. 

Nicht ein einziges Mal konnte ich während der abgelaufenen Saison einen Korbleger mit der rechten Hand beobachten. Stattdessen warf er meist lieber mit der linken Hand in die Arme der Verteidigung und spekulierte auf das Foul. Das limitiert ihn als Finisher in der Zone in hohem Maß.


Zudem liest Oubre die Defense noch nicht gut genug bei seinen Drives. Er zieht oft einen zweiten Verteidiger auf sich, weswegen zwangsläufig ein Mitspieler frei ist. Doch Oubre scheint dies entweder nicht zu realisieren oder aber er will den Ball gar nicht abgeben. Jedenfalls sind gute Kickouts eine Seltenheit. 

Generell wird man das Gefühl nicht los, dass Oubre erst noch lernen muss, in einem Teamgefüge zu funktionieren. Im sehr uneigennützigen und auf Ballmovement ausgelegten System der Jayhawks wurde dies immer wieder deutlich. Meist verblieb der Ball viel zu lang in Oubres Händen und der Rhythmus des Teams ging verloren. Hier spielen sicher auch die unsteten Minutenzahlen eine Rolle, da Oubre darauf bedacht war, aus seinen wenigen Möglichkeiten das Optimum herauszuholen. Das führte jedoch zu vielen überhasteten Aktionen. 

Potentiell könnte sich Oubre in Richtung eines Jalen Rose entwickeln. Als großer Ballhandler im Pick & Roll, der seine Länge und Athletik nutzt, könnte der Wing sicher glänzen. Allerdings muss Oubre dafür noch an vielen Schwachstellen arbeiten und seine Entwicklung ist nicht nur von ihm selber abhängig, sondern auch davon in was für einem Umfeld er landet und wie viel Spielzeit er für seine spielerische Entwicklung erhält. Stand jetzt wäre daher Shabazz Muhammad ein besserer Vergleich. Ebenfalls als Scorer in der NCAA auffällig geworden, hatte er genau die gleichen Probleme, seine Mitspieler einzubeziehen und in der Teamverteidigung effektiv zu sein.

Von allen Top-Wings des Jahrgangs ist Kelly Oubre mit Abstand das größte Projekt. Er wird Zeit brauchen, bis er einem Team helfen kann. Soll dies nicht nur als Rollenspieler sein, muss sich Oubre optimal entwickeln und eine Franchise finden, die ihm viel Geduld bei Fehlern garantiert.