05 Juni 2015

5. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Kevon Looney hat gute Aussichten zusammen mit Sam Dekker als erster Player of the Year des Staates Wisconsin seit Devin Harris (2001) im NBA Draft gewählt zu werden. Nach einer einzigen soliden Saison für die UCLA Bruins, in der der Youngster großen Anteil am Sweet Sixteen Einzug hatte, spielte sich der glühende Lakers Fan oft genug ins Rampenlicht, um spätestens gegen Ende der ersten Runde gezogen zu werden.

Looney stammt aus Wisconsin und deutete als Highschool Spieler sein enormes Potential an. Bereits in den ersten drei Jahren legte er sehr gute Zahlen auf, doch als Senior schossen seine Leistungen in atemberaubende Höhen. So legte er durchschnittlich fast ein Quadruple Double auf. Daher war es auch nicht vollkommen überraschend, dass Looney zum Basketballer des Jahres in Wisconsin ausgezeichnet wurde. 

Zu diesem Zeitpunkt standen die Colleges bereits Schlange und überhäuften ihn mit Stipendien Angeboten. Looneys Entscheidung fiel zugunsten der UCLA Bruins aus, was ihn zumindest regional dem Staples Center und dem Traum, dort für seine Lakers zu spielen, schon ein deutliches Stück näher heran brachte. 

Bei den Bruins waren gerade einige wichtige Leistungsträger in Richtung NBA abgewandert, sodass auf Looney vom ersten Tag an große Erwartungen lasteten. Die konnte er zum Teil erfüllen. Gerade bei den teils peinlichen Auftritten der Bruins (z.B. gegen Kentucky) verschwand der Youngster. Erst nach einigen Wochen der Eingewöhnung machte Looney derart von sich reden, dass auch überregional sein Name häufig eine Erwähnung fand. 

Gute Performances in der Conference, die mit dem einsetzendem Teamerfolg kongruierten, trugen dazu bei, dass sein Name langsam in den Mockdrafts kletterte. Als die Bruins am Selection Sunday dann auch noch wider der meisten Erwartungen ins Teilnehmerfeld des NCAA Tournaments platziert wurde, schien die Saison endgültig eine Kehrtwende durchlaufen zu haben. Im Turnier spielte die Mannschaft befreit auf, ließ den Druck der vorangegangenen Wochen abfallen und zog sogar ins Sweet Sixteen ein. 



Kevon Looney ist einer dieser Spieler, bei denen man sich nicht wirklich sicher sein kann, was man letzten Endes als Resultat herausbekommt, wenn man in ihn investiert. Er ist ein großes Talent und sehr vielseitig veranlagt, weshalb er seiner Mannschaft in irgendeiner Form schon helfen wird. Selbst von Spiel zu Spiel kann Looney je nach Gegner unterschiedliche Waffen einsetzen, um seinen Farben zum Sieg zu verhelfen. 

Diese Eigenschaft stach in der vergangenen Saison besonders hervor. So kontrollierte Looney in manchen Spielen die Bretter nach Belieben, in anderen zog er seinen Verteidiger mit vielen getroffenen Jumpern aus der Zone und im nächsten Spiel lief er konsequent jeden Fastbreak mit und forcierte damit das Tempo der langen Garde. 

Einzeln betrachtet macht ihn seine Sicherheit aus der Distanz am deutlichsten zu einem interessanten Draft Kandidaten. Zwar sollte man sich von der hervorragenden Quote nicht blenden lassen, denn so sicher von Downtown, wie diese suggeriert, ist Looney dann doch nicht, aber sein Touch ist definitiv beachtenswert. 

Besonders als Trailer in der Transition ist Looney brandgefährlich. Die wenigsten Big Men sind es gewohnt in der Transition Defense zur Dreierlinie sprinten zu müssen und laufen automatisch unter den eigenen Korb. Looney merkt das sofort und sucht sich einen offenen Platz entlang der Dreierlinie. Dort ist er bereit für den Ballerhalt und belohnt jedes Zuspiel mit einem sehr sauberen Wurf. 

Im Setplay entstehen die meisten seiner Würfe aus dem Pick & Pop heraus. Nachdem er den Block gestellt hat, rollt er sich in den seltensten Fällen direkt zum Korb. Viel lieber netzt er außerhalb oder knapp innerhalb der Dreierlinie einen Sprungwurf ein. Alternativ attackiert er aus dem Faceup.

Bei diesen Drives weiß er genau, wie er seine körperlichen Vorteile gegenüber seiner Kontrahenten verwenden muss, um einen hochprozentig Abschluss zu generieren. Meist täuscht er zunächst seinen Wurf an. Sobald sich der Verteidiger auch nur ein klein wenig zu lange an dieser Täuschung aufhält, setzt Looney den Ball auf den Boden und passiert den verdutzten Gegner mit seinem raumgreifenden ersten Schritt. Anschließend daran kann nutzt Looney dann seine lange Arme und seine Sprungkraft. Somit ist der Korbabschluss kaum zu verhindern. 

Geht der Ball daneben, ist Looney sofort wieder zur Stelle und geht dem Fehlwurf solange hinterher, bis der Ball im Netz zappelt. Doch nicht nur eigene Fehlversuche landen in den Armen des Forwards. Gerade wenn sein Frontcourt Partner die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und versucht am Brett zu scoren, ist Looney höchst wachsam und schafft es mit seiner Reichweite und seinen guten Händen die zweite Chance zu sichern. Bei Sprungwürfen antizipiert er gut, wo der Rebound mutmaßlich landen könnte und orientiert sich sofort zu diesem Ort. 

Am defensiven Brett zeigt sich zudem, dass Looney auch eine ordentliche Grundausbildung erhielt, da er sich nicht nur auf Instinkte und Anlagen verlässt, sondern auch aktiv seinen Gegenspieler ausboxt. Landet der Ball bei Looney, schaltet er schnell. Seine geistesgegenwärtigen Outletpässe leiten viele Fastbreaks ein. Ist kein Aufbauspieler frei, kann der Forward auch zum Guard mutieren und auf eigene Faust das Leder nach vorne treiben.

Neben seinen Qualitäten im Angriff und beim Einsammeln der Rebounds könnte Looney auch zu einem ausgesprochen soliden Verteidiger heranreifen. Ansätze dafür sind bereits zu erkennen, da er teils kluge Hilfen gibt und eine gewisse Präsenz ausstrahlt, die sich zu einer furchteinflößenden Aura weiterentwickeln ließe. Natürlich sind auch Looney körperliche Eigenschaften ein netter Vorteil.





Allerdings gibt es anderen Schwachstellen bei Kevon Looney, die erstmal Vorrang auf der To-do-Liste haben. So wird Looney noch sehr viel Zeit der Schulung seiner linken Hand widmen müssen. Bis jetzt nutzt er sie offensiv überhaupt nicht. Jedes Dribbling und jeder Abschluss erfolgen über die stärkere rechte Hand. Das macht ihn sehr berechenbar für die Defense. 

Zu Saisonbeginn hatte er noch Glück, dass sich die anderen College Teams darauf noch nicht konzentrierten. Mit Einsetzen der Conference Spiele wurde dieses Manko jedoch immer offensichtlicher aufgedeckt. Zuletzt gelang es ihm kaum noch bei einem Drive auf den Spot zu gelangen, zu dem er ursprünglich wollte. 

Beim Abschluss ist der ohnehin schwächelnde Looney dadurch noch leichter zu verteidigen. Denn selbst wenn Looney sich auf der linken Seite des Ringes befindet, versucht er noch irgendwie den Ball mit den rechten Hand am Verteidiger vorbei zu mogeln. 

Doch egal ob rechts oder links: Looneys Abschlüsse sind schwach. Ihm fehlt die Rumpfstabilität und Explosivität, um Körperkontakt ohne weiteres zu absorbieren. Bereits leichte Berührungen seitens der Verteidigung reichen aus, um den Layup oder Putback zu sabotieren. 

Außerdem lässt der Bruin die notwendige Konzentration vermissen. Oft schmeißt er den Ball einfach nur Richtung Ring und stürzt sich ohne zu Zögern direkt hinterher, weil er weiß, dass der Ball nicht im Korb landen wird. Stattdessen setzt er darauf, dass er sich im Getümmel schnell das Leder sichern und ohne störende Schubser der Defense vollstrecken kann.

Da er bereits bei solch vermeintlich leichten Aufgaben größte Not hat, ist es kaum verwunderlich, dass Looney derzeit noch selten im Lowpost anzutreffen ist. Sollte er in eine solche Situation kommen, nimmt er schnell einen Fadeaway oder einen überhasteten Jumphook. An versierte Moves mit guter Fußarbeit und viel Finesse ist nicht zu denken. Dabei scheint Looney eigentlich jemand zu sein, der in diesem Bereich glänzen könnte. 

Trotz aller lobenden Worte für seine gute Ausstattung, was Länge und Sprungkraft angeht, ist sein Körper jedoch nicht frei von Fragezeichen. Auffällig war immer wieder, wie schnell Looney ermüdet. 


Bereits nach wenigen Minuten lief er in gebeugter Haltung über das Feld und hatte immer wieder Angriffe oder ganze Sequenzen, an denen er sich nicht beteiligte, weil er zu ausgezehrt zu sein schien.

Das erinnerte ein wenig an Adreian Payne, der bekanntermaßen ein reduziertes Lungenvolumen zur Verfügung hat. Ob das Problem anatomischer Natur ist oder nur hoher Belastung in Kombination mit schlechtem Konditionstraining geschuldet ist, lässt sich von außen nicht feststellen.

Als Spielervergleich bietet sich aus den aktuellen NBA Kadern Markieff Morris an. Morris war am College ein Spieler, der eher auf der Centerposition auflief und kaum Dreier nahm, weil er körperlich derart große Vorteile hatte, dass es eine Verschwendung gewesen wäre, ihn aus der Zone zu verbannen. Erst in der NBA wurde er zum Stretch Vierer umfunktioniert und darf sich nun über den Starterposten bei den Phoenix Suns freuen. 

Eine ähnliche Entwicklung könnte Kevon Looney nehmen. Allerdings ist bei ihm die Spanne sehr groß, was mögliche Szenarien in der persönlichen Entwicklung angeht. Immerhin ist Looney zwei Jahre jünger als Morris damals. Man kann sich noch nicht sicher sein, wie explosiv der Freshman einmal sein kann.

Dennoch ist es vorstellbar, dass ein Team großes Gefallen an den Anlagen des Youngsters findet und sich früh in diesem Draft die Dienste sichert. Perspektivisch ist Looney sehr interessant, allerdings darf bezweifelt werden, dass Looney jemals mehr als ein Rollenspieler wird. Dafür sind dann doch zu viele Bereiche, die miteinander verwoben sind, zu roh.