23 Juni 2015

23. Juni, 2015  |  Sebastian Seidel  @Sebastianctcb


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Bereits im Alter von 16 Jahren verließ Kristaps Porzingis die lettische Heimat um seine Profikarriere in Spanien weiter voranzubringen. Von 2011 bis 2013 spielte er größtenteils noch für das Junioren-Team von Sevilla. Ab der Saison 2013/2014 lief er dann konstant in der ersten spanischen Liga auf, welche bekanntlich als zweitbeste Liga der Welt gilt.

In seiner ersten Saison etablierte er sich mit knapp 15 Minuten pro Spiel als fester Bestandteil der Rotation. In der aktuellen Saison (ACB-Finale läuft noch) war er dann als zweitbester Scorer des Teams schon eine der tragenden Säulen.

Die größte Stärke des 2,13 Meter großen Bigs ist sein Sprungwurf. Porzingis ist dabei nicht nur ein hervorragender Spot-up-Schütze, sondern weiß seinen starken Wurf auch in anderen Situationen einzusetzen. Er stellt aus dem Pick & Pop sowohl aus der Mitteldistanz, als auch von hinter der Dreierlinie eine Gefahr dar und zieht dadurch einen Big Man häufig aus der Zone. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Power Forwards, die werfen können, ist Porzingis aber auch durchaus in der Lage seinen Sprungwurf auch aus dem Dribbling zu nehmen und zu treffen. Dies macht ihn bei seiner Größe und einem zusätzlich noch recht hohen Release enorm schwer zu verteidigen.

Ebenfalls äußerst ungewöhnlich für einen Spieler seiner Größe ist die Tatsache, dass er, wie in diesem Beispiel, Blöcke abseits des Balles nutzen kann, um sich Würfe zu kreieren.


Was ihn ebenfalls von vielen anderen europäischen Big Men mit Wurf unterscheidet ist die Fähigkeit, den Ball auf den Boden zu drücken und per Drive den Korb zu attackieren. Gerade wenn Verteidiger aufgrund seines weichen Handgelenks harte und unkontrollierte Close-Outs machen, reicht ihm oft ein Shotfake um an seinem Gegenspieler vorbeizukommen und den Korb zu attackieren oder eben aus der Mitteldistanz zum Wurf hochzugehen.

Neben seinem guten Sprungwurf hat Porzingis gute physische Voraussetzungen. Er ist schnell auf den Beinen, verfügt über eine exzellente Sprungkraft und ist für seine Größe sehr beweglich.

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Er macht einen großartigen Job als Big Man, die Transition zu laufen und schließt dabei sehr hochprozentig ab (1.50 PPP). Nur wenige Big Men in der spanischen Liga gelangten ähnlich schnell ans andere Ende des Courts, wodurch er neben einfachen Fastbreak-Punkten auch oft Mismatches in der Halbfeld-Offense kreierte.

Seine für einen Riesen großartige Schnelligkeit und Beweglichkeit erlaubt es ihm auch, in der Pick & Roll-Verteidigung den Ballhandler kurzfristig vor sich zu halten, um dann schnell wieder zu seinem direkten Gegenspieler zu recovern.

Auch wenn Porzingis sicherlich kein klassischer Ringbeschützer ist, so ist er durch seine Mischung aus Länge, Schnelligkeit und Athletik durchaus in der Lage, von der Weakside auszuhelfen und Würfe am Ring zu verändern. Hier besteht allerdings noch viel Upside-Potential.





Die zwei größten Kritikpunkte an Porzingis sind fehlende Masse und ein vergleichsweise niedriger Basketball-IQ. Schon in der spanischen Liga hatte der Lette große Probleme, kräftigere Spieler von den Brettern zu halten.

Oft boxt er schlampig aus, und selbst wenn er seinen Körper versucht zu nutzen, wird er gelegentlich einfach überpowert. Um in der NBA bestehen zu können, muss Porzingis noch einiges an Muskelmasse zulegen.

Die fehlende Masse macht sich auch in der Post-Defensive und in seinem Post-Game zu spüren. Während er offensiv Probleme hat sich eine vernünftige Position zu verschaffen, wird er in der Defensive oft zu einfach weggedrückt. Bis auf einen Turnaround-Bankshot ist sein Arsenal an Post-Moves aktuell noch viel zu begrenzt.

Ein weiterer Punkt, in dem mehr Masse sicherlich helfen würde, sind seine Probleme, mit Kontakt abzuschließen. Oft versucht Porzingis, den Kontakt komplett zu vermeiden, was sich auch an seiner niedrigen Anzahl an Freiwürfen bemerkbar macht. Pro Spiel geht der Lette lediglich 2.5 Mal an die Linie.

Nur 0.6 Assists und 1.4 Turnover pro Spiel sprechen eine deutliche Sprache über Porzingis Limitationen in den Punkten Spielübersicht und Decision-making. Oft verpasst er offene Mitspieler, unter Druck mehrerer Gegenspieler lässt er Ruhe und Übersicht vermissen.

Auch in der Defensive passieren ihm noch die ein oder anderen Konzentrationsmängel. In dieser Szene lässt er seinen Gegenspieler entwischen, weil er nur auf das Geschehen am Ball achtet.



In vielen Situationen fehlt es ihm defensiv noch an Konstanz und Disziplin. Zu oft verlassen seine Füße bei Shot Fakes den Boden, zu oft entwischt ihm sein Gegenspieler, weil er nur das Geschehen am Ball verfolgt.

Porzingis gehört zu den talentiertesten Spielern in dieser Draftklasse, muss aber noch weiter an seinem Körper und seinem Spiel arbeiten. In der NBA muss er dringend an Masse zulegen, um an den Brettern keine allzu großen Probleme zu bekommen. Ebenfalls gibt es im defensiven Bereich noch riesiges Verbesserungspotential für ihn. 

Die Fähigkeit, auch aus der Bewegung und nicht nur aus dem Catch & Shoot werfen zu können, ist für Spieler seiner Körpergröße äußerst ungewöhnlich und macht ihm zu einem Talent, das durchaus das Potential hat, in der NBA zum Allstar zu reifen. Porzingis wäre allerdings auch nicht der erste Europäer, der als nächster Nowitzki gepriesen wird und dann am Ende als Draft-Bust endet.