23 Juni 2015

23. Juni, 2015  |  Seb Dumitru  @nbachefkoch


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Feuer. Fluch und Segen zugleich. Es kann Wärme spenden und Essen schmackhaft machen. Genauso kann es aber fürchterlichen Schaden anrichten und einen Teppich der Verwüstung hinterlassen. Mario Hezonja ist das Feuer in diesem immens starken Draft-Jahrgang.

Der zweite projizierte Europäer in der 2015er Lotterie spaltet die Gemüter wie kein anderer Youngster. Für die einen ist er eine elektrisierende Mischung aus Vince Carter, Kobe Bryant und Klay Thompson - ein prototypischer NBA-Flügel, der eines Tages zu den besten Scorern der Liga zählen wird. Für die anderen ist er eine tickende Zeitbombe - undiszipliniert, arrogant und nicht halb so bereit für die beste Liga der Welt wie er sich selbst hält.

Wer - oder besser gefragt - Was genau ist dieser Typ? Hezonja wuchs im kroatischen Dubrovnik auf und spielte bereits mit 13 Jahren professionell Basketball. 2012 heuerte er nach dem Gewinn von U16-EM-Gold beim europäischen Powerhouse FC Barcelona an, kämpfte sich über die Jugendmannschaft in den Herrenkader und biss sich dort fest.

In der abgelaufenen Spielzeit etablierte sich der 2,04 Meter Mann als wichtiger Rotationsspieler in der Lineup von FCB-Coach Xavi Pascual. Obwohl er im absurd tiefen und von Veteranen gespickten Team nur 15.4 Minuten pro Spiel sah (ACB & Euroleague Schnitt), lieferte er mehrere überragende Leistungen ab. Sein Draftkurs kletterte ungebremst und pendelte sich schließlich irgendwo zwischen #5 und #10 ein.

Hezonja gilt schon seit Jahren als potentielles NBA-Talent. Damals spielte er noch Point Guard, ehe ihn ein Wachstumsschub auf über zwei Meter verlängerte. Seine Größe, Spannweite und Athletik prädestinieren ihn für die Flügelposition in der Basketball Association. Ob auf der Zwei oder Drei, hängt von den Bedürfnissen der jeweiligen Mannschaft ab, die ihn draftet. Idealerweise startet Hezonja auf der Zwei und trägt als eine der ersten Optionen das Scoring seines Teams. 

Sieht man Hezonja zum ersten Mal live, fällt sofort auf, wie groß, schnell und agil er ist. Er ist immer im Angriffsmodus. All seine Bewegungen sind explosiv, er powert mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit übers Parkett. Hezonja scheint zu jedem Zeitpunkt noch einen Gang höher schalten zu können. Diese Fähigkeit, mühelos von A nach B zu gelangen, unterscheidet die vielen guten von den sehr wenigen Elite-Athleten in der NBA.

Sein erster Schritt lässt Verteidiger in einer Staubwolke zurück. Er versteht es, Geschwindigkeiten zu variieren und dreht nach Belieben hoch oder runter - seine Gegner sind ihm körperlich immer unterlegen. Obwohl Hezonja kein gigantisches Minutenpensum abspulte, stand er in diesem Jahr 54 Mal auf dem Platz und gab immer Vollgas - nichts suggeriert, dass er nicht genug Ausdauer für fast doppelt so viele Minuten haben könnte.

Seine Punkte (13.6 pro 36 Minuten) erzielt der 20-Jährige am liebsten auf zwei Arten: entweder mit dem unwiderstehlichen Drive zum Korb, sowohl aus dem Halbfeld und in Transition... Oder mit dem Sprungwurf, seiner neben der Physis vielleicht stärksten Waffe fürs nächste Level. Hezonja kann sich per Dribbling den eigenen Schuss erarbeiten, ist aber am gefährlichsten, wenn er um Screens geflitzt kommt und direkt in den Catch & Shoot geht.



Seine Wurfform ist perfekt, die Fluidität ähnlich verblüffend wie sein restliches Game. Hezonjas Fundamentals sind sehr stark ausgeprägt. Seine Fußarbeit vor dem Catch könnte besser nicht sein - selbst wenn er mit Höchstgeschwindigkeit in den eigentlich Wurf geht, ist seine Körperachse immer ideal ausgerichtet. Der Release ist schnell, die Flugkurve immer nahe an der Perfektion.

Hinzu kommt, dass der Flügel die Dinger am liebsten vom Parkplatz einstreut. Kein Wurf ist ihm zu weit, und läuft er einmal heiß - was alleine in dieser Saison mehrmals vorkam - nimmt er ohne mit der Wimper zu zucken jeden verfügbaren Jumper. Jeden. Wirklich jeden.

Dank seiner soliden Sicherheit mit dem Ball, dem schnellen Antritt und dem gefährlichen Wurf ist Hezonja prädestiniert fürs Pick & Roll. Konsolidiert er all seine Fähigkeiten als Ballhandler und Schütze, wird es auch für NBA-Verteidigungen schwer bis unmöglich sein, ihn als Scorer und Playmaker auszuschalten. Seine Dreierquote lag bei 38%, seine Quote aus dem Catch & Shoot bei 42% und die am Ring bei 62%.

Hezonjas Sprungkraft und Athletik heben ihn von fast allen Europäern ab, die jemals den Sprung in die beste Liga der Welt gewagt haben. Er liebt es, über Ringniveau zu spielen und sucht die spektakulären Plays in der Zone. Der Kroate lässt keine Fastbreak-Möglichkeit ungenutzt, um eine Show abzuziehen. Unter dem Eastbay Funk Dunk geht meist nichts.

Auch in der Defensive machen ihn all seine körperlichen Attribute zu einem potentiell sehr fähigen Verteidiger. Hezonja ist lang, flink und hat sehr gutes Timing. Sein aggressives Naturell ist wie gemacht für druckvolle D - er muss dafür nur in seinem Kopf die richtige Software kalibrieren und hinten immer genauso ambitioniert sein wie vorne.

Hier ist das offene Geheimnis: Hezonja hält sich selbst für den besten Basketballer auf dem Parkett. Egal wo, egal wann, egal gegen wen. Seine Aufgabe, so interpretiert er, ist es, das Spiel zu dominieren und den Gegner zu vernichten. Je lauter, aufdringlicher und spektakulärer, desto besser: "Ich will sie alle niederwalzen!" Genau diese Mentalität ist notwendig, um im Haifischbecken NBA zu bestehen. 





Ironischerweise legen ihm viele Kritiker seine größte Stärke - das unerschütterliche Selbstvertrauen - als größte Schwäche aus. Es ist eine Sache, gegen Gleichaltrige den Showman heraus hängen zu lassen und nonstop Trash zu talken, aber eine ganz andere, sich langjährigen NBA-Veteranen gegenüber so zu benehmen.

Die Sorge, dass Hezonja für Ärger und dicke Luft im Kader sorgen könnte, ist groß. Schon in Barcelona geriet er mehrfach mit seinen erfahreneren Kollegen aneinander, weil er sie im Spiel eiskalt ignorierte und lieber sein eigenes Ding machte. Hezonja tendiert zum Egoismus - das wird ebenso schnell offensichtlich, wenn man ihn live sieht, wie seine vielen Talente.

Er versteht es oft nicht, gute von miesen Würfen zu trennen und sich seine Möglichkeiten selektiver auszusuchen. Es ist natürlich möglich, dass er mit mehr Einsatzzeit und ohne die kurze Leine, die ihm Pascual in Barcelona angelegt hatte, entspannter und weniger borniert auftritt, smarteren und teamdienlicheren Basketball spielt.

Bisher versucht er noch viel zu oft die spektakuläre Aktion - und schadet damit sich und seinem Team. Er spielt gefährliche Pässe; begeht dumme Offensivfouls beim Versuch, Top-Ten Plays abzuliefern; vertändelt den Ball, weil er unkonzentriert ist; oder geht hinten immer auf den Steal, anstatt solide Defense zu spielen.

Zu seinen Aussetzern zählt auch, dass er häufig mit dem Kopf durch die Wand will. In der Association wird er nicht mehr an jedem x-beliebigen Verteidiger vorbei ziehen und immer direkt zum Ring können. Er muss lernen, Konterbewegungen einzubauen, seine Dribbelmoves zu schärfen, und mehr mit Finesse statt mit roher Gewalt zu agieren. Alle Instinkte sind bei Hezonja sehr stark ausgeprägt - versteht er die Limitationen seiner Talente im NBA-Kontext, sind seine Erfolgschancen gigantisch.

Es ist völlig cool, auf dem Parkett selbstbewusst bis arrogant aufzutreten. Spieler wie Bryant und Carter hätten trotz ihrer surrealen Athletik niemals soviel Erfolg in der NBA gehabt, ohne diesen mentalen Vorsprung einzusetzen. Hezonja kann es sich aber nicht erlauben, eine miese Körpersprache an den Tag zu legen und sich von seinen Teamkollegen völlig abzukapseln. So kann er seine Talente nicht voll ausschöpfen.

Schraubt er seine nach Außen getragenen Mätzchen aber zurück und kanalisiert er diese in produktivere Bahnen, könnte er in wenigen Jahren der erfolgreichste Rookie dieses Jahrgangs sein. Vorausgesetzt er wechselt schon 2015 (die Buyout-Summer ist gigantisch) und parkt nicht ein Jahr in Europa, kann er jedem Lotterie-Team schon jetzt als Shooter und Athlet helfen. Das sind zwei Fähigkeiten, die dir in der NBA immer eine Chance eröffnen - erst recht, wenn sie zusammen auftauchen.

Mario Hezonja ist der offensiv kompletteste Mann in diesem Draft. Die Antwort, ob der Kroate tatsächlich mal in die riesigen Fußstapfen von Drazen Petrovic treten kann, sein Name künftig unter den besten Scorern der Liga auftaucht und er Abo-Allstar wird, liegt aber am einzigen Ort, der noch explosiver ist als Hezonja selbst: zwischen seinen Ohren.