17 Juni 2015

17. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Myles Turner reiht sich lückenlos in die Abfolge hochtalentierter Youngster mit viel Upside, die jedoch auf verschiedenen Ebenen Fragezeichen aufweisen, ein. Als eines der größten Talente seines Jahrgangs kam Turner bei Texas nur von der Bank und drohte mit seinen Longhorns sogar bis zuletzt die Qualifikation zum NCAA Tournament zu verpassen. 

Bereits früh wurden die ersten Scouting Portale und College Programme auf den Big Man aufmerksam. Früh wurde er mit Kevin Durant (extrem unzutreffender Vergleichen) in einem Atemzug genannt. In seinem Junior Jahr trudelte in Turners Briefkasten beispielsweise ein Stipendienangebot der Kentucky Wildcats ein. 

John Calipari war sehr interessiert am Highschool Talent, das bereits damals seine Fähigkeiten andeuten konnte. Letzten Endes entschied sich Turner jedoch für die heimische University of Texas in Austin. Neben seinen Einladungen zum All American Game und Jordan Brand Classic wurde Turner auch im vergangenen Sommer in den Kader der U18 Nationalmannschaft der USA berufen. 

Dort sicherte sich der Youngster an der Seite von Justise Winslow und Stanley Johnson die Goldmedaille. In diesen Spielen bekamen die Fans der Longhorns bereits eine Kostprobe, was sie von ihm erwarten konnten. Mit seinen vielen Blocks deklarierte er die Zone der USA als Sperrgebiet. Zugleich bewies er in vielen Situationen ein weiches Handgelenk. Schnell verglichen die Fans ihren künftigen Star mit LaMarcus Aldridge, einem ehemaligen Alumni, und erwarteten Wunderdinge von ihrem Freshman. 

Daher war die Überraschung groß, als Rick Barnes ihn nicht starten ließ, sondern nur als sechsten Mann von der Bank brachte. Die ganze Saison über litt Turner unter der fehlenden Struktur im Spiel der Texaner und musste sich mit wenigen und unliebsamen Würfen begnügen. Da es Trainer Rick Barnes nicht gelang, das Talent seines Kaders in angemessenem Maß zur Geltung zu bringen, dümpelten die Longhorns nur vor sich hin und mussten daher am Selection Sunday zittern. 

Entgegen aller Erwartungen platzierte das Entscheidungsgremium sie trotz miserabler Saison im Teilnehmerfeld. Gegen Butler war jedoch schon nach dem ersten Spiel Schluss. Turner verschwendete keinen Gedanken an eine Rückkehr und nutzte sie zusätzliche Zeit, um sich auf die Workouts bei NBA Teams vorzubereiten. 



Turners Attraktivität für NBA Teams besteht hauptsächlich darin, dass er eine sehr selten anzutreffende Kombination aus Wurfpotential und Rimprotection liefern kann. Das würde seinem künftigen Team erlauben, exzellentes Spacing in der Offensive zu haben, ohne dabei anfällig für leichte Punkte in der eigenen Zone zu werden. Das ist in der heutigen NBA ein sehr gefragtes Gut, das Coaches gerne in der Hinterhand haben. 

Besonders die Wurfqualitäten des Big Mans sind sehr faszinierend. Der Jumper sieht bereits jetzt sehr sauber aus und muss nur noch an Konstanz gewinnen. Turners go-to Move war auf College Ebene nicht zu verteidigen und lässt sich auch relativ leicht auf die NBA adaptieren. Vorzugsweise begibt sich Turner ins Postup einen bis zwei Meter vom linken Zonenrand entfernt. 

Ist der Entrypass des Guards gut, dreht sich Turner blitzschnell zum Korb und wirft den Ball sehr ansatzlos durch die Reuse. Da Turner den Ball in solchen Situationen nie unter Stirnhöhe bringt und damit einen sehr hohen Releasepunkt hat, selbst ein großgewachsener Spieler mit langen Armen nicht in der Lage, den Wurf zu blocken. Auch als Pick & Pop Spieler oder Trailer für den Dreier kann Turner Gefahr für den Korb ausstrahlen. Auch um den Korb herum beweist Turner guten Touch und kann mit beiden Händen Jumphooks durchs Netz befördern. 

Neben den Qualitäten in der Offensive, die sich in vielen Facetten noch ausweiten lassen sollten, kann Turner mittelfristig gesehen der Anker einer Teamdefense sein. Dank langer Arme und gutem Timing ist Turner eine Macht unter dem eigenen Brett. Seine Blockstatistik liest sich bereits hervorragend (speziell auf 40 Minuten hochgerechnet erreicht Turner einen exzellenten Wert von 4,7 BPG), doch diese Werte können nicht annähernd erfassen, wie viele Würfe Turner zusätzlich noch verändert. 

Guards sind viel zögerlicher und halbherziger bei Drives und dem folgenden Abschluss im Dreisekundenbereich. Viele entscheiden sich kurzfristig nochmal um und dabei kommt dann meist ein halbgarer Floater heraus, der keine Chance auf zwei Punkte hat. Turner kommt dabei in der Regel auch ohne Foul aus, da er instinktiv seine Länge nutzbringend und regelkonform einsetzt, indem er beim Absprung nur vertikal in die Luft geht und nicht in den Ballhandler hineinspringt. 


Außerdem gibt Turner keinen Ball verloren und versucht bei jeder Gelegenheit eine Fingerspitze am Ball zu haben, um den Rebound zu sichern, den Wurf zu blocken oder einen Pass abzufälschen. Mit seinen Hustleplays kann er das Momentum einer Partie kippen und seine Nebenleute zu ähnlichen Aktionen animieren. 

Turner besitzt gute Anlagen einmal ein Leader zu werden. Sein aufopferungsvoller Kampf um jeden Ball ist sehr inspiriert. Dazu beansprucht er offensiv keine Wurfgarantie, sondern gibt sich mit den Gelegenheiten zufrieden, die sich ihm ergeben. Bei den Longhorns erhielt Turner gemessen an seinen Möglichkeiten viel zu wenige Chancen, seine Stärken auszuspielen. 

Viele Würfe musste er sich selbst erarbeiten und wurde dafür auch noch mit der Drecksarbeit in der Verteidigung und verhältnismäßig wenig Spielzeit belohnt. Dennoch ließ er sich nicht unterkriegen und behielt seinen Kopf oben, was für einen Spieler seines Alters keine Selbstverständlichkeit ist und auf einen großartigen Charakter schließen lässt. 

Das sind gute Grundlagen, die Turner dazu verhelfen sollten, sein Spiel in Windeseile zu verbessern. Schließlich ist der Big Man gerade 19 Jahre alt und hat aus seiner College Saison einfach wenig mitnehmen können, weil Rick Barnes kein guter Lehrmeister (für ihn) war.





Am größten ist bei GMs dieser Tage die Sorge um Turners große potentielle Verletzungsgefahr, die ihn auf NBA Ebene einschränken und eine langjährige Karriere verhindern könnte. Turners Laufstil sieht nicht nur etwas ulkig aus, sondern beherbergt großes Verletzungsrisiko. 

Turner sprintet mit sehr gedrungener Haltung, nutzt seine Arme kaum und lässt dafür die Beine in viel zu ruckartigen und ausladenden Bewegungen über den Boden huschen. Das führt dazu, dass Turner sehr viel Energie aufwenden muss, um wenige Meter gut zu machen. Bei ihm setzt also schnell eine Ermüdung ein, die seine Haltung noch weiter verschlechtert. 

Dadurch ist er anfällig dafür, auf Knöcheln von anderen Spielern umzuknicken oder von sich aus schnell ins Straucheln zu geraten. Als Highschool Spieler hatte er zudem öfter mit Kniebeschwerden zu kämpfen, die ebenfalls auf seine Körperhaltung zurückzuführen sind.

Neben den gesundheitlichen Aspekten hat dies auch Auswirkungen auf andere Bewegungen, die für einen Basketballspieler unerlässlich sind. Dazu gehört zum Beispiel, dass Turner noch keine energischen Stemmschritte anwenden kann, die besonders bei Abschlüssen gegen Kontakt wichtig sind, um möglichst unbeschadet durch den Aufprall zu kommen. 

Allgemein fehlt Turner noch die Explosivität in seinen Aktionen. Sein erster Schritt ist noch langsam. Bei Abschlüssen in der Zone bleibt er noch viel zu oft unter Ringniveau und ist daher ein relativ schwacher Finisher. Hier müsste er sich angewöhnen, jeden Ball durch den Ring zu stopfen oder andernfalls zumindest das Foul zu ziehen. Gerade angesichts seiner guten Freiwurftechnik ist jeder schwache Abschluss eine Schande. 

In diesem Zusammenhang muss Turner noch seinen Rumpfbereich stärken, um im Lowpost eine Waffe zu werden und auch um mehr Dreipunktespiele zu etablieren. Im Postup fehlen dem Big Man noch die Fußarbeit und die Härte, die notwendig sind, um ein mindestens durchschnittlicher Scorer in solchen Moment zu sein. Meist schmeißt Turner einfach seinen Turnaround in Richtung Korb. 

Das ist für ein ganzes Spiel zu wenig Variation. Zumal es jedem Gegner noch ein leichtes Unterfangen ist, Turner um ein paar Meter nach außen zu versetzen, wo er den Wurf dann nicht mehr so hochprozentig trifft. Teilweise hat er nicht mal eine Chance überhaupt den Pass zu fangen, da ihm die Power fehlt, seine Position zu halten.


Zudem ist Turner noch sehr hektisch in all seinen Aktionen und daher sehr anfällig für dämliche Fehler. Offensiv macht sich dies meist bemerkbar, indem er Durchstecker nicht fängt. Alternativ passiert es ihm auch recht häufig, dass er in blindem Aktionismus den Ball per Dribbling auf den Boden setzt, obwohl er von Verteidigern umringt ist. Auch hier sind Ballverluste vorprogrammiert. 

In der Verteidigung will er auch zu oft zu viel und springt vielen Bällen hinterher, die schlicht unerreichbar sind. Dadurch kostet er seinem Team viele Punkte. Statt jeden Wurf blocken zu wollen, sollte er lieber auch mal das Boxout seines Gegenspielers übernehmen und so den einfachen Putback verhindern. All dies sollte jedoch mit wachsendem Erfahrungsschatz in den Griff zu bekommen sein.

Als Highschool Spieler wurde Turner oft mit Kevin Durant verglichen. Dieser Vergleich hinkt jedoch beträchtlich auf mehreren Ebenen. LaMarcus Aldridge ist da schon besser geeignet, da beide einen starken Wurf haben, den sie teilweise überstrapazieren. Im schlechtesten Fall wird Myles Turner ein zweiter Channing Frye. Das wäre die verletzungsanfällige, auf Dreier fokussierte Version.