11 Juni 2015

11. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Für viele Draft Interessierte ist Rashad Vaughn immer noch ein Unbekannter. Kein Wunder, da er in seiner einzigen College Saison an der UNLV mit seinem Team im unteren Mittelfeld einer mäßigen Conference herum dümpelte. Zu allem Überfluss verpasste er auch noch den letzten Teil der Saison, da er sich den Meniskus im linken Knie riss. Nichtsdestotrotz ist Vaughn ein sehr talentierter Scorer mit NBA Talent.

Vaughn wuchs in Minnesota auf und verbrachte dort auch seine ersten drei Jahre an der Highschool. Mit starken Auftritten bei diversen Sommercamps und exzellenten Statistiken in seiner Heimat weckte er schnell das Interesse verschiedener renommierter College Programme. Doch bereits vor seinem Wechsel in de Universitätsbasketball zog Vaughn um. Er entschied sich für seine finale Highschool Saison die Sneaker für die bekannte Findlay Prep Academy zu schnüren.

Die in Las Vegas ansässige Akademie fungierte dann auch als Mittler zwischen Vaughn und der örtlichen UNLV. So entschied sich Vaughn für die Rebels Basketball zu spielen, obwohl ihm auch ein konkretes Angebot der Iowa State Cyclones vorlag. Bei den Rebels war Vaughn Teil einer jungen Mannschaft und hatte vom ersten Tag das grüne Licht zum Feuern aus allen Rohren.

Weil er jedoch nicht der einzige war, entwickelte sich bei den Rebels schnell die Mentalität, dass man selber möglichst schnell den Abschluss suchen müsse, da sonst ein anderer einen überhasteten Wurf abdrücken würde. Da ein Vocal Leader fehlte, der den jungen Wilden Einhalt gebot, blieb der Erfolg aus. Obwohl das Team angesichts des Talentlevels unter den besten Teams der Conference hätte rangieren müssen, verpasste es sogar die Qualifikation zum NCAA Tournament deutlich.

Vaughn riss sich im Februar auch noch den Meniskus im linken Knie. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Vaughn jedoch eine insgesamt starke Saison abliefern. Als Scorer stellte er mehrfach sein Talent unter Beweis und konnte auch sonst in vielen Bereichen sein Potential andeuten. Um dieses zur Blüte zu bringen, entschied sich Vaughn folgerichtig für den Wechsel in die NBA.  


Vaughns größte Qualität ist sein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, wie er den Ball im Korb unterbringen kann. Er ist ein klassischer Scorer, der selbst schwierigste Würfe souverän versenken kann. Vorzugsweise attackiert Vaughn seinen Gegenspieler im 1-1. Dank eines schnellen ersten Schrittes kann er den Verteidiger in der Regel schlagen. 

Kommt keine Helpside, schindet Vaughn gerne noch das Foul seines direkten Kontrahenten und versucht den Angriff mit einem Dreipunktespiel zu krönen. Bei Drives bis zum Korb kann er dank seines kräftigen Oberkörpers und seiner Sprungkraft generell finishen und Fouls ziehen. Auch Floater und Runner gehören in das Repertoire des Shooting Guards, auch wenn beides noch auf die rechte Hand beschränkt ist. Gleichzeitig ist Vaughns Handgelenk beim Wurf sehr weich. 

Seine gute Balance und der schnelle Release vervollkommnen den Jumpshot. Vaughn trifft besonders im Catch-and-Shoot schon ausgesprochen gut. Auch bei Drives stoppt er gerne nach ein bis zwei Dribblings ab, um aus der Mitteldistanz hochzugehen. Besonders diese Art von Würfen trifft der Guard traumwandlerisch sicher. Selbst die Hand des Gegners im Gesicht scheint ihn nicht zu stören. Eher dient ihm ein engagierter Verteidiger als zusätzliche Adrenalinspritze, die ihn zu Höchstleistungen anspornt. Er liebt er seine Bewacher mit scheinbar unmöglichen Treffern zu demoralisieren. Allerdings muss er aufpassen, nicht zu überdrehen. 

Doch auch auf andere Weisen ist Vaughn in der Lage, zu punkten. Er attackiert Close-Outs sehr geschickt und nutzt bereits Wurftäuschungen und Jab-Steps, um beim Verteidiger zusätzliche Verwirrung zu stiften. Auch als Lowpost Scorer gegen körperlich unterlegene Gegner stellt Vaughn eine Gefahr dar. Bei den Rebels musste er hin und wieder auch um Blöcke abseits des Balls laufen und bewies hier ein gutes Gespür dafür, wie er den Block nutzen muss und welcher Move nach Ballerhalt angebracht ist. 

Neben seinen Qualitäten als Scorer kann Vaughn auch mal in Pick & Roll Situationen verfrachtet werden. Dort überrascht er gerne mit einer Court Vision, die man dem lupenreinen Punktesammler eigentlich gar nicht zutrauen würde. Im Fastbreak agiert er ebenfalls sehr clever, kann die Außenspuren schnell besetzen und damit die zurückeilende Defense auseinanderziehen. Entweder finisht er selber oder er übt genug Druck aus, um seinen Mitspielern Korblegern zu ermöglichen.

Abseits der Offense kann Rashad Vaughn auch beim Thema Reboundverhalten positive Vermerke verzeichnen. Für einen Guard orientiert sich Vaughn ausgesprochen oft ans Brett. Besonders in der Verteidigung übernimmt er gerne selbst Verantwortung dafür, dass der Ball am Ende in den richtigen Händen landet. Dank seiner Kraft und Power nimmt er es auch mit bulligen Innenspielern auf und hält sie mit guten Boxouts oder geschickten Tips von zweiten Chancen ab. Auch offensiv ruht er nicht eher, bis er seinen Wurfversuch im Netz zappeln sieht. Für jeden Gegenspieler ist er daher eine sehr nerv tötende Aufgabe. 

Bei all seinen Talenten und seinem Können muss man im Hinterkopf behalten, dass Vaughn einer der jüngsten Spieler des 2015er Jahrgangs ist. Er wird erst im August 19 Jahre alt und ist damit fast ein Jahr jünger als viele Konkurrenten. Trotz seiner Jugend besticht er mit einer Routine, um die ihn viele gestandene NBA Veteranen beneiden würden. 

Führt man sich dann noch vor Augen, dass er im letzten Jahr ein Umfeld vorfand, das nicht gerade eine gute Lernatmosphäre bietet und klare Strukturen vermissen lässt, sind die erbrachten Leistungen umso höher einzuschätzen. Das Ende der Fahnenstange ist für Vaughn noch lange nicht erreicht.





Das ist zwar ein gutes Zeichen, allerdings würde er andernfalls auch kaum so hoch einzuschätzen sein. Denn Rashad Vaughn ist noch weit davon entfernt, auf NBA Niveau eine gute Rolle zu spielen. Ausgerechnet im Angriff muss der Wing noch zwei zentrale Probleme in den Griff bekommen. 

Punkt eins ist sein Ballhandling. Bisher muss sich Vaughn auf geradlinige Drives beschränken. Bei jedem Crossover unter Druck muss Vaughn noch nachgreifen, um den Ball behaupten zu können. Bis er seinen Gegenspieler mit einem geschickten Handwechsel ohne andere Taschenspielertricks schlagen kann, wird es noch dauern. Besonders die linke Hand muss noch intensiver geschult werden. 

Die zweite Problematik umfasst Vaughns Wurfauswahl. Hier kann man zwar milderne Umstände geltend machen, da bei UNLV wie angedeutet Narrenfreiheit herrschte und jeder machen konnte, was er wollte, dennoch wird sich Vaughn in der NBA ganz anders verhalten müssen. 

Er kann nun nicht mehr in bester J.R. Smith Manier einen schwierigen Jumpern nach dem nächsten loswerden und den Ball damit quasi wegschmeißen. Er muss lernen, mehr Vertrauen in seine Mitspieler zu haben und selber klarere und dafür weniger eigene Aktionen zu starten. Vaughn geht noch viel zu sorglos mit den Angriffen seiner Mannschaft um.

In der Verteidigung hat Vaughn eigentlich alle Anlagen, ein guter Verteidiger zu sein. Allerdings macht er daraus bislang viel zu wenig. Oft kann man ihm eine gewisse Lustlosigkeit leider nicht absprechen. Statt in einer tiefen, aktiven Grundhaltung, steht Vaughn meist mit durchgestreckten Knien da und lässt sich von seinem Gegner umkurven. Dabei hat er eigentlich die laterale Geschwindigkeit, die essentiell ist, um den Offensivspieler vor sich zu halten. 

Noch offenkundiger wird die schlechte Körpersprache, wenn Vaughn in ein Pick & Roll verwickelt wird. Obwohl er die Masse und auch die Toughness hätte, sich um Blöcke herum zu kämpfen, verharrt Vaughn meist regungslos und erwartet von seinem Mitspieler, dass dieser sich um Ballhandler und Blocksteller kümmert. Auf Wurffinten reagiert er hingegen blitzschnell und springt Hals über Kopf ins Leere. 


Von der Spielweise her ist daher der angesprochene J.R. Smith ein gutes spielerisches Pendant. Ähnlich wie Smith ist Vaughn einfach jemand, der seine Schüsse mit Selbstvertrauen nimmt und trifft. Gleichzeitig erlauben ihm seine Athletik und Physis, sowie seine unterbewerteten Passfähigkeiten die Rolle eines Playmakers einzunehmen. Ähnlich wie Smith muss Vaughn seine Wurfauswahl radikal überdenken und schädliche Verhaltensmuster in der Verteidigung ablegen.

Im Gegensatz zu J.R. Smith traue ich Vaughn jedoch solch weitreichende Veränderungen zu. Vaughn ist von Natur aus eigentlich kein Einzelkämpfer, aber ihm hat anscheinend noch jemand in klaren Worten vermittelt, dass Basketball ein Mannschaftssport ist. Sollte es einem künftigen Trainer gelingen, ihm die passenden Worte in einem noch entwicklungsfähigen Alter einzutrichtern, kann Vaughn ein sehr guter Rollenspieler und Edelscorer werden.