02 Juni 2015

2. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Unter seinem Vater verbrachte R.J. Hunter seine drei College Jahre an der Georgia State University. Erst im dritten Jahr gelang der Einzug ins NCAA Tournament, wo das Vater-Sohn-Duo große Berühmtheit erlangte durch ein überstürzten Freudenjubel nach dem gewonnen Conference Finale, einem mobilen Scooter und einem Gamewinner aus gut neun Metern. Der Wurfspezialist will nun seine Dreier durch die Netze der NBA Arenen zischen lassen.

R.J. Hunter verbrachte seine Kindheit und Jugend in Indianapolis, weil sein Vater Ron dort die IUPUI als Cheftrainer betreute. Bereits als Spieler in der Highschool fiel Hunter durch seine Qualitäten als Scorer auf. Ein Jahr bevor der Wechsel auf das College anstand, wechselte sein Vater zur Georgia State University. Der Sohn folgte seinem Vater und spielte fortan unter ihm. Hunter war auf Anhieb Topscorer des Teams und konnte durch seine spektakulären Distanzwürfe auf sich aufmerksam machen. Relativ konstant brachte der Freshman seine Leistungen. Allerdings verpassten die Panthers eine Teilnahme am NCAA Tournament deutlich. 

In Hunters zweitem Jahr änderte sich dann Einiges. Georgia State wechselte die Conference. Statt in der CAA spielten die Panthers nun in der Sun Belt Conference. Außerdem gelang Ron Hunter ein Coup: Er lotste Ryan Harrow, der das Vorjahr noch als startender Aufbauspieler in Kentucky verbracht hatte, zu den Panthers. Harrow war sofort einsatzberechtigt, hatte einen merklichen Einfluss auf das Spiel seines neuen Teams... Hunter blühte an der Seite des erfahrenen Guards auf. 

Mit einer 17-1-Bilanz marschierten Hunter, Harrow und Co durch die Sun Belt. Die Qualifikation für das NCAA Tournament schien nur eine reine Formsache zu sein. Doch im Conference Finale versagten Hunter und seinen Mitspielern die Nerven. Man verspielte einen einigermaßen deutlichen Vorsprung kurz vor Schluss und kassierte kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich zur Verlängerung. Dort konnte keiner Elfrid Payton stoppen, das Team verlor hauchdünn. Doch gerade Harrow und Hunter nahmen aus dieser Partie einiges mit. Als sie im Sommer auch noch durch die Ankunft von Kevin Ware verstärkt wurden, schien dieses Jahr endlich die Tournament Teilnahme zu winken. 

Und tatsächlich dominierte Georgia State erneut die Conference Saison. In einem furchtbar anzuschauenden und erneut knappen Conference Finale gegen Georgia Southern behielten die Panthers die Nerven und zogen in die Endrunde ein. Die Euphorie darüber war so groß, dass R.J. Hunter seinen Vater und Coach im Jubelsturm über den Haufen rannte und dafür sorgte, dass dieser sich beim Sturz die Achillessehne riss. 

Das schien aber eine Woche später schon vergeben und vergessen zu sein. Denn als 14 Seed warfen die Panthers Baylor aus dem Rennen. Dabei lag der Underdog drei Minuten vor dem Ende noch zweistellig zurück. Allerdings drehte der bis dahin blass gebliebene Hunter auf, erzielte 12 der letzten 13 Punkte seines Teams und versenkte den Gamewinner wenige Sekunden vor dem Buzzer. Damit verpasste er seiner College Karriere einen krönenden Abschluss und lieferte einen Wurf, der seine gesamte Karriere zusammenfassen kann.



Unter den Spielern, die sich dieses Jahr dem Auswahlverfahren der NBA Clubs stellen, ist R.J. Hunter der beste Shooter. Diese Aussage klingt zwar in Anbetracht seiner Quote lächerlich, ist jedoch zutreffend. Denn die Quote alleine verrät zu wenig über Hunter als Spieler. Generell sollte man bei ihm nicht auf die Statistiken achten, da sie schnell einen verfälschten Eindruck hinsichtlich Hunters NBA Zukunft hinterlassen können. 

Bei Georgia State war Hunter in seinem ersten Jahr Alleinunterhalter, musste viel auf eigene Faust unternehmen. Zwar ließ sein Vater die typischen Shooter Plays für ihn laufen, doch seine Mitspieler schafften es selten, ihm daraus einen guten Wurf zu offerieren. Die Blöcke waren oft schlecht gestellt, die Pässe unsauber und nicht sonderlich präzise. Erst mit der Ankunft von Ryan Harrow trat hier Besserung ein und die Qualität der Würfe Hunters nahm zu. 

In der letzten Saison kam es jedoch zu einer erneuten Verschlechterung der Wurfmöglichkeiten. Hunter forcierte wieder viele Würfe, über die ein Großteil aller Spieler nicht einmal nachdenken würde. Zudem war auch offensichtlich zu erkennen, dass er darum bemüht war, neue Wurfoptionen in sein Repertoire aufzunehmen. So curlt er deutlich häufiger um Screens herum und ging anschließend ins Dribbling, während er in den Vorjahren einfach hochgegangen wäre. Sein Entscheidungsverhalten war hier noch nicht optimal, sodass viele Würfe wieder überhastet und gezwungen aussahen.

Doch wie schon erwähnt ist Hunter ein ausgezeichneter Schütze auf sehr hohem Niveau. Sein Wurf widerspricht zwar in einigen Aspekten den Konventionen eines sauberen Jumpers, allerdings ist sein Touch einfach überragend. Wenn seine Füße und seine Balance richtig justiert sind, braucht man als Zuschauer eigentlich gar nicht mehr zu warten, bis man über die 3 Punkte jubeln darf. Auch Würfe aus 8 oder 9 Metern sind bei sauberer Ausführung kein Problem für den Junior. Er ist bereit, sehr hart für seine Dreier zu arbeiten und scheut sich nicht, solange um endlos viele Blöcke herum zu sausen, bis er einen freien Wurf hat. Dank seiner Länge und seinem schnellen Release kann er auch unter Druck den Korb treffen. 


Vor allem im letzten Jahr hat sich bei Hunter zudem der Fokus auf Counterbewegungen verschoben. Er will in der Lage sein, das Überspielen der Gegner konsequent zu bestrafen. Grundsätzlich ist hierbei sehr hilfreich, dass Hunters erster Schritt überdurchschnittlich gut ist. Im Laufe der just vergangenen Saison konnte Hunter zeigen, dass er über die rechte Hand einigermaßen sicher mit ein oder zwei Dribblings in die Zone vordringen und dort per Floater abschließen kann. Auch der normale Pullup-Jumper ist schon sehr ansehnlich und einigermaßen erfolgreich. 

Positiv ist zusätzlich anzumerken, dass Hunter trotz fehlender Masse immer wieder den Weg zum Korb sucht und den Kontakt annimmt. Allerdings wird er noch an Konsequenz und Gewicht zulegen müssen, wenn er in der NBA Foulpfiffe bekommen möchte. In der Conference schien er immer einen kleinen Star-Bonus zu genießen.


Nicht zuletzt wegen seines Siegtreffers gegen Baylor darf man Hunter auch als guten Crunchtime Spieler bezeichnen. Als fünfter Spieler auf dem Feld, der das Spiel breit machen kann und im Zweifelsfall den Kickout trifft, kann ihn ein NBA Team sicher gebrauchen. Der Gamewinner gegen Baylor war nicht sein erster dieser Art und wird angesichts Hunters Selbstvertrauens auch nicht der letzte bleiben.



Defensiv hat Hunter aufgrund seiner Länge und seiner guten Fußarbeit, die er normalerweise beim Wurf zur Schau stellt, gute Chancen einmal ein passabler Mitstreiter zu sein. Diese Kombination ist am Perimeter sehr gefragt und nur begrenzt bzw. gar nicht anzutrainieren. Sollte hierzu dann noch die richtige Mentalität aufkommen und Hunters Rumpfbereich etwas stärker werden, damit sein Gegenspieler ihn nicht so leicht aus dem Weg schieben kann, sind die Voraussetzungen zum soliden Verteidiger erfüllt.

Die Stichwörter Masse/Kraft/Stärke fielen ja nun einige Male. Zusätzliche Kilos sind auch dringend in fast allen Bereichen des Spiels sehr wichtig, damit Hunter ein ordentlicher NBA Spieler werden kann. Über seine Jahre am College legte er jedoch kaum zu, sondern konzentrierte sich eher auf technische Feinheiten. 

Es ist fraglich, wie gut er diese auf NBA Ebene anwenden kann, da ihm schlicht zu schnell mit einer physischen Spielweise das Handwerk zu legen ist. Selbst am College brachten es einige (wenige) Gegenspieler fertig, den Schützen so eindringend zu malträtieren, dass dieser für den Rest der Partie in der Versenkung verschwand. 

Sobald Hunter kräftiger ist, kann er sich auch wieder mehr dem Ausbau seiner Ballfertigkeiten widmen. Besonders in Sachen Ballhandling wartet noch ein Berg von Arbeit auf den Rookie. Denn Stand jetzt kann er nicht mal College Spieler im 1-1 schlagen. Zwar wird er das auch nicht konstant müssen, da er einfach ein anderer Spielertyp ist, allerdings wäre es hilfreich, wenn seine Bewacher ihn in dieser Hinsicht zumindest ernstnehmen und sich zumindest ein wenig davor hüten müssen, nicht geschlagen zu werden. 

Auch seine Wurfauwahl sollte Hunter noch einmal überdenken. Er ist nun nicht mehr der Sohn des Trainers und talentierteste Spieler des Kaders. Selbst diese Fakten konnten aus meiner Sicht so manchen Verzweiflungsakt Hunters rechtfertigen. Als junger Spieler unter Profis wäre Hunter gut beraten, sich mit einbeinigen Fadeaways oder Dreiern aus 10 Metern zurückzuhalten. 

Zuletzt muss sich erst noch zeigen, was Hunter im Stande ist zu leisten, wenn er es mit ordentlichen Gegenspielern zu tun bekommt. Die Qualität der Sun Belt Conference ist leider nicht sonderlich hoch. Viele Teams leben von kuriosen Zonenverteidigungen oder athletischen Einzelkämpfern, sodass der Bezug zur NBA nur sehr marginal ausfällt. Eine gewisse Eingewöhnungszeit sollte Hunter daher mindestens brauchen.

Sein Körperbau, seine Bewegungen und auch die Art, wie er am College eingesetzt wurde, erinnern an Jeremy Lamb. Beide haben nicht die konventionellste Wurftechnik, verfügen aber über ein weiches Handgelenk und treffen Dreier ohne Probleme. Beide haben zudem wenig Masse aufzuweisen, was sie mit langen Armen und guten Instinkten versuchen zu retuschieren. 

Als Rollenspieler ist Hunter also wie gemacht für die NBA. Sollte er an Gewicht zulegen können und aus seinen ersten Erfahrungen lernen, kann er als 3-and-D-Spezialist in der NBA eine Nische finden. Doch alleine sein Dreier sollte ihn für viele Teams interessant machen.