09 Juni 2015

9. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



In den vergangenen Jahren durchlebte Robert Upshaw jede Menge Tiefpunkte, die zum Großteil selbst verschuldet waren und dafür sorgten, dass seine Aussichten auf das Profigeschäft des Öfteren am seidenen Faden hingen. Nichtsdestotrotz könnte seine Geschichte in diesem Sommer noch eine glückliche Wendung nehmen, da er immer noch das Potential zum Erstrundenpick besitzt und das Interesse einiger Teams geweckt hat. Allerdings dürfte es für ihn auch eine einmalige Chance bedeuten, die er nicht noch einmal versieben sollte.

Upshaw kam als physische Ausnahmeerscheinung in die NCAA. Für einen Neuling von der Highschool brachte der Center schon einen sehr fortgeschrittenen Körperbau mit, auf den so mancher Senior stolz gewesen wäre. Als Freshman trug er das Trikot der Fresno State University, der Universität seiner Heimatstadt. Während es in vielen Fällen sicher wünschenswert ist, dass die Youngster noch Bezug zu ihrem persönlichen Umfeld haben und sich Sicherheit auf dem Feld durch Beistand aus Familien- und Freundeskreis in der näheren Umgebung holen, bahnte sich in Upshaws Fall jedoch recht früh an, dass hier der umgekehrte Effekt eintreten würde. 

Er verstieß mehrfach gegen diverse Teamregeln und wurde dafür immer wieder suspendiert. Über die genaueren Hintergründe wahrten die Offiziellen zunächst Stillschweigen. Doch gegen Ende der Saison war die Geduld mit dem Centerprojekt aufgebraucht. Upshaw wurde aus dem Team geworfen, trotz unverkennbarem spielerischem Talent.

Im Sommer nach seinem Rauswurf besuchte er in Houston das John Lucas Center, das sich darauf spezialisiert hat, Athleten die aus der Bahn geraten sind, wieder auf die richtige Spur zu setzen. Er zeigte sich in dieser Zeit einsichtig und gab zu, Fehler gemacht zu haben. Davon ließ sich der Coaching Staff der Washington Huskies nach ausführlichen Gesprächen überzeugen, sodass er dem Center eine zweite Chance bot. Nachdem der Big Man die Saison 2013/14 aufgrund der Transfer Regularien ausgesetzt hatte, konnte Upshaw seine Sophomore Saison 2014/15 also in Seattle verbringen. 

Der Start dort verlief für ihn persönlich und auch für das Team als Kollektiv sehr vielversprechend. Es schien sich eine Win-Win-Situation anzubahnen. Die ersten elf Partien konnten die Huskies für sich entscheiden und dabei unter anderem San Diego State und Oklahoma bezwingen. Upshaw nahm dabei eine wichtige Rolle als Wächter des Rings und Pick & Roll Partner für Guard Nigel Williams-Goss ein. 

Doch im Januar folgte der erneute Tiefschlag. Upshaw wurde von Washington Coach Lorenzo Romar erneut aus dem Team geworfen. Ein herber Schlag für Upshaws Personalakte. Denn er schien nicht nur auf dem Weg der Besserung zu sein und seinen Platz gefunden zu haben, auch die Umstände des Rauswurfs werfen kein gutes Licht auf den Big Man. 

Denn zu dem Zeitpunkt war die Personaldecke der Huskies auf den großen Positionen sehr dünn und das Loch, das Upshaw spielerisch hinterließ, nicht zu stopfen. Romar wusste dies, schien es jedoch für das kleinere Übel zu halten, das NCAA Tournament zu verpassen anstatt weiter Upshaw im Kader zu haben. Nach Upshaws Abgang gewann Washington nur 2 der letzten 12 Spiele und rutschte dramatisch ab. 



Doch trotz der beiden Entlassungen aus zwei College Teams binnen drei Jahren zeigen einige NBA Teams grundsätzliches Interesse an dem Brocken. Denn auf dem Spielfeld kann er potentiell ein wichtiger Rollenspieler für ein NBA Team sein. Besonders für eine labile Defense kann er ein stabilisierendes Element darstellen. Wer jedoch seine 4,5 Blocks pro Spiel betrachtet und sich vor dem inneren Auge ein überathletisches Sprungwunder vorstellt, dass von der Weakside kommend mit jedem Korbleger des Gegners Volleyball spielt, darf nicht enttäuscht sein, wenn er Upshaw das erste Mal in realiter sieht. 

Zwar kann er als Helpsideverteidiger den einen oder anderen Block verzeichnen, doch das rührt eher daher, dass er einen ausgezeichneten Instinkt dafür besitzt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort eine Hilfe zu geben. So steht er meistens schon in optimaler Verteidigungsposition, ehe der Angreifer seinen eigenen Verteidiger richtig geschlagen hat. Für Upshaw ist es dann ein Leichtes, seine monströsen Arme in die Höhe zu recken und einen unüberwindbaren Verteidigungswall darzustellen. 

Den Großteil seiner Blocks, und das ist das herausragende neben der schieren Anzahl, verübt Upshaw jedoch im direkten 1-1-Duell. Besonders im Lowpost ist Upshaw schlicht nicht zu überwinden. Seine langen Arme und seine kräftiger Rumpfbereich sorgen dafür, dass jeder versierte Lowpostscorer kapitulieren muss. 

Niemand kann den Koloss ohne größeren Aufwand unter den Korb drängen und über ihn hinweg zu werfen, fällt für die meisten Gegenspieler auch als Option weg. Ein weiterer Vorteil bei Upshaws Verteidigungsmethodik ist zudem, dass die Bälle im Normalfall anschließend in seine Hände fallen und er somit direkt für einen Ballgewinn sorgt und nicht nur als passiver Ringbeschützer in Erscheinung tritt.

Offensiv kann er ebenfalls positiv auf sich aufmerksam machen. Bekommt er den Ball in aussichtreicher Position am Zonenrand, weiß er genau, wie er seinen massigen Körper geschickt zwischen Ball und Gegner bringen muss. Anschließend daran ist es für den Big Man ein leichtes den Baby Hook zu verwandeln. Er bevorzugt zwar seine rechte Hand, kann aber auch mal mit links vollstrecken. Man muss bei diesen Situationen zwar abwarten, ob er auch gegen die Größe anderer NBA Kaliber abschließen kann, doch die Anlagen dazu sind fest verwurzelt.

Zusätzlich zu seinen Lowpostfähigkeiten ist Upshaw auch in der Lage, das Pick & Roll zu laufen. Er stellt sehr markante Screens, an denen die Verteidiger des Ballführers ordentlich zu knabbern haben. Sein Gespür dafür, wann er den Block auflösen muss, um selber zum Korb zu rollen ist sehr ausgeprägt. 

Fast immer bewegt er sich genau im richtigen Moment in die entstehenden Freiräume und ist für den ballführenden Spieler eine Passoption. Wegen seiner guten Hände ist es ihm möglich, Anspiele seiner Aufbauspieler auch in dichterem Dickicht zu fangen und in einen hochprozentigen Abschluss zu konvertieren. 





Das alles ist schön und gut, hilft aber nichts, wenn der Kopf des Centertalents nicht mitspielt. Wie bereits eingangs erwähnt kam es in der Vergangenheit an zwei verschiedenen Colleges zum Exitus der Beziehung zwischen Coach und Spieler. Zwar schien ihm die neue Umgebung in Seattle, fern der Heimat, gut zu bekommen und auch in Interviews gab er öfter zu Protokoll, dass er einen Sinneswandel durchgemacht habe, doch letztlich gelang es ihm auch hier nicht, Fuß zu fassen. Dabei schienen die Rahmenbedingungen optimal zu sein. 

Der Coach in Person von Lorenzo Romar war jemand, der auf Spieler zugeht, seine Mitspieler bezogen ihn in das Spiel mit ein, das Team war erfolgreich usw. Contender, bei denen ähnlich gute Umstände herrschen und die sich mit einem potenten Defensivcenter eindecken wollen, können sich also nicht sicher sein, dass seine Wahl am Draftabend für sie einen guten Ausgang nimmt. Ganz zu schweigen von jungen Teams, die sich gerade im Rebuild befinden und einen Stinkstiefel in ihren Reihen überhaupt nicht gebrauchen können.

Die Einstellungsmängel spiegeln sich auch in einigen Aspekten auf der Spielfläche wider. So fehlen dem Brecher die nötige Schnelligkeit und Kondition, um ein effektiver Pick & Roll Verteidiger zu sein. Lateral ist er einfach nicht schnell genug, um Guards an der Penetration zu hindern. Zudem kann es für ihn äußerst problematisch sein, dass er in der NBA nicht in der Zone parken darf, wenn er den Ring beschützen will, da er viel Kapital aus seinem guten Positionsspiel schlägt. Entweder hagelt es also 3-Sekunden-Pfiffe gegen ihn oder sein Nutzen als Rimprotector reduziert sich gewaltig.

Eine weitere Schwäche des Innenspielers ist, dass er binnen kürzester Zeit sehr viele und sehr unnötige Fouls auf seinem persönlichen Konto anhäufen kann. Das ist häufig extrem ärgerlich, da er eigentlich sehr ökonomisch mit seinen Fouls umgeht ohne dabei an Effektivität zu verlieren. Das ist bei einem Centerspieler normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit, allerdings lässt er diese Gabe oft verstreichen. Denn sobald er den Fokus oder die Lust verliert, unterlaufen ihm grobe Fehler, die die Schiedsrichter dazu veranlassen, in die Pfeife zu pusten. Damit nimmt er sich meist komplett aus dem Spiel und schadet seinem Team ungemein.

Offensiv ist Upshaw sehr auf seine Mitspieler angewiesen. Selbst im Lowpost ist dies der Fall, da er ab einer gewissen Distanz zum Korb nicht mehr auf eigenen Füßen stehen kann. Sobald Upshaw mehr als ein hartes Dribbling machen muss, um in eine gute Wurfposition zu geraten, ist der 21-Jährige aufgeschmissen. Eine weitere Baustelle in dessen offensivem Repertoire ist der Freiwurf. Sowohl von der Mechanik her, als auch was die Resultate angeht, warten viele Stunden intensiven Trainings vor Upshaw bis sein Freiwurf vorzeigbar ist. Solange er mit harten Fouls zu stoppen ist, wird seine Spielzeit limitiert sein, da er sonst der „Hack-a-...“-Taktik zum Opfer fallen kann.


Alles in allem ist Robert Upshaw eine jüngere Version von Kendrick Perkins. Beide sind sehr robuste Centerspiele, die ihr Hauptaufgabenfeld in der Defense vorfinden. Ähnlich wie Perkins ist auch Upshaw ein extrem unangenehmer Lowpostverteidiger, der dort jeden Scorer aus dem Spiel nehmen kann. Allerdings haben auch beide mit identischen Schwächen zu kämpfen. Ihre fehlende Geschwindigkeit limitiert sie in vielen Bereichen des Spiels. Zudem haben beide in der Offense Schwierigkeiten, kein Hindernis für das eigene Team darzustellen. 

Hier könnte Upshaw allerdings noch deutliche Vorteile haben, da sein Touch besser ist und er zumindest als Vollstrecker von guten Anspielen glänzen kann. Dafür ist Perkins deutlich teamdienlicher und disziplinierter, was seinen Risikofaktor reduziert. Wenn Upshaw seinen Kopf nicht einschaltet, verpuffen nicht nur die offensiven Vorzüge in der Luft, sondern auch der defensive Nutzen gerät ins Wanken.

Upshaw besitzt in der Theorie das Zeug dazu, ein ordentlicher Starter mit Spezialaufgaben in der Defensive zu werden. Die Betonung liegt hierbei allerdings ganz klar auf „Theorie“, da Upshaw die vielen Fragezeichen hinter seinem Namen durch kontinuierliche, harte Arbeit wegradieren muss. 

Zieht man die Vergangenheit zu Rate und unterstellt man dem Center, dass er nicht wirklich aus seinen Fehlern gelernt habe, ist die Wahl Upshaw im Draft also ein verschwendeter Pick. Findet jedoch ein GM mit dem ansässigen Coach und den Spielern vor Ort die richtigen Kniffe, um den Rookie zu Veränderungen anzustacheln, könnte sich diese Hartnäckigkeit in Form eines soliden Defensivankers bezahlt machen. Skepsis ist jedoch definitiv angebracht.