03 Juni 2015

3. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Als Rondae Hollis-Jefferson vor zwei Jahren in Arizona ankam, wurde ihm zunächst kaum Aufmerksamkeit zuteil. Die gleichzeitige Landung von Aaron Gordon war in den Medien wesentlich präsenter. Erst als Hollis-Jefferson aufgrund der Verletzung von Brandon Ashley in die Starting Five rutschte, sprang vielen Beobachtern das gut gebaute Sprungwunder ins Auge. Als Sophomore etablierte sich RHJ in der Startformation und geht nach einer starken Spielzeit als einer der besten Verteidiger in den Draftabend 2015.

Der aus Pennsylvania stammende Hollis-Jefferson konnte bereits als Highschool Spieler von sich reden machen. Als Leader der Chester High School läutete er die erfolgreichste Ära der Schulgeschichte ein. Er hatte den Löwenanteil daran, dass es seiner Schule erstmals gelang, ungeschlagen durch die Saison zu marschieren. Als Anerkennung für die erbrachten Leistungen folgten mehrere Auszeichnungen zum Spieler des Jahres in seinem Bezirk, sowie die obligatorischen Einladungen zu allen Events der talentiertesten Highschooler. Er nahm am All American Game und am Jordan Brand Classic teil. Seine Aktienkurse stiegen rasant, sodass er Angebote von etlichen Top Colleges bekam. Seine Entscheidung fiel zugunsten der Arizona Wildcats aus. 

Dort musste Hollis-Jefferson jedoch zunächst ins zweite Glied rutschen. Denn bei den tiefbesetzten Wildcats stellte Coach Sean Miller den Teamerfolg über persönliches Profilieren. Als sechster Mann von der Bank konnte sich Hollis-Jefferson perfekt akklimatisieren und zugleich eine Kostprobe seiner Vielseitigkeit zur Schau stellen. Mit elektrisierenden Dunks, aufopfernden Hustleplays und spektakulären Verteidigungsaktionen avancierte der Linkshänder sehr schnell zum Publikumsliebling. 

Sportlich lief es für das Team hervorragend, da es mit 21 Siegen in Serie Anfang Februar immer noch ungeschlagen war. Doch beim Auswärtsspiel in Berkeley verletzte sich Starter Brandon Ashley und der Schock führte zur ersten Saisonniederlage. RHJ schlüpfte nun in die Starterrolle und überzeugte mit guten Leistungen. Das Final Four wurde nur knapp gegen Wisconsin verpasst. Nach dem Abgang von Aaron Gordon Richtung NBA übernahm Hollis-Jefferson dessen Spot in der Starting Five als Sophomore. 

Als elitärer und einer der besten Verteidiger der NCAA konnte er sich im Laufe der Saison einen Ruf als gefürchteter Stopper erarbeiten. Erneut verlief die Saison sehr erfolgreich, allerdings war wieder im Elite Eight gegen Wisconsin Schluss. Dennoch entschied Hollis-Jefferson, dass nun der rechte Zeitpunkt gekommen sei, um sich zum Draft anzumelden.



Wie bereits angeklungen ist Rondae Hollis-Jefferson ein Verteidigungsass. Besonders herausragend ist in dieser Hinsicht, dass er quasi auf jeder Position mit Ausnahme des Centers und gegen jeden Spielertypen in der Lage zu sein scheint, das Duell für sich zu entscheiden und den Angreifer kalt zu stellen. 

Hollis-Jefferson vereint die Schnelligkeit eines Guards, die Athletik eines Wings und die langen Arme eines Innenspielers mit der Mentalität eines bissigen Terriers, der sich einbildet, dass der Offensivspieler ihm den Knochen weggenommen hat. Diese Vielseitigkeit konnte Hollis-Jefferson während der vergangenen Saison mehrmals unter Beweis stellen, da er sowohl gegen potente Innenspieler (Kyle Wiltjer, Frank Kaminsky) als auch gegen trickreiche Guards (Joseph Young, Delon Wright, D’Angelo Russell) angesetzt wurde und seine Missionen in der Regel mit Erfolg bestand. 

Gegen größere Gegenspieler helfen ihm sein muskelbepackter Körper und sein tiefer Körperschwerpunkt, um sich von den Insidespielern nicht bis in die Zone schieben zu lassen. Kleinere Guards haben große Schwierigkeiten mit seiner phänomenalen Spannweite und der ebenbürtigen Geschwindigkeit. 

All diese positiven Eigenschaften und Fähigkeiten überträgt der Wing auch auf sein Verhalten beim Rebounding. Trotz seiner verhältnismäßig geringen Körpergröße holt Hollis-Jefferson mit Vorliebe Abpraller, wenn er mit Big Men konfrontiert wird. Er scheint es geradezu zu genießen, wenn er diese beim Ausboxen aus der Zone schieben darf und im Anschluss mit all seiner Sprungkraft in die Luft steigt und den Ball am höchsten Punkt einsammelt. 

Anschließend leitet er gerne höchst selbst den Fastbreak ein, indem er entweder einen schnellen Outletpass spielt oder das Tempo mit einigen schnellen Dribblings auf eigene Faust ankurbelt. Hat das Kraftpaket erst einmal an Fahrt aufgenommen, überlegen sich die wenigen zurückgeeilten Verteidigung meistens gründlich, ob sie es wirklich wagen sollten, sich dem anrauschenden Hollis-Jefferson in den Weg zu stellen. 

Denn auch offensiv macht er keine Gefangenen und nimmt keinerlei Rücksicht auf sich oder seine Gegner. Im Normalfall enden solche Situationen mit einem netten Andenken in Form eines Posters für den Verteidiger. Im Setplay produziert RHJ solche Aktionen meist nach cleveren Cuts, bei denen er den Tiefschlaf eines Verteidigers nutzt. 

Abgesehen von seinen athletischen Ausbrüchen hat sich der Modellathlet zu einem passablen Playmaker vom Highpost gemausert. Lässt der Verteidiger Abstand, um den Drive zu verhindern, gelingt es Hollis-Jefferson mittlerweile den Halbdistanzwurf im Korb zu versenken. Rückt ihm sein Gegenspieler zu dicht auf die Pelle, bestraft er dies wegen seines schnellen ersten Schritts sehr konsequent. 

Der Linkshänder bevorzugt zwar seine starke Hand, ist aber auch in der Lage über rechts zum Korb zu ziehen. Ist er im Herz der Zone angelangt und kommt keine Hilfe, lässt Hollis-Jefferson es krachen. Alternativ kann er aber auch sehr harte, schnelle Kickout-Pässe auf die Schützen an der Dreierlinie spielen. 




Das große Manko im Spiel des Allrounders ist jedoch der Wurf. Zwar waren leichte Fortschritte zwischen Freshman und Sophomore Jahr in Bezug auf die technische Ausführung zu erkennen, allerdings verschwanden diese sofort, sobald Hollis-Jefferson auch nur ein wenig in Zeitdruck geriet. Neben der technischen Weiterentwicklung gilt es also auch noch mehr Tempo in den Release des Linkshänders zu bringen. 

Die Wurfform ist zwar nicht komplett im Eimer, allerdings hat Hollis-Jefferson noch viele grobe Unsauberkeiten zu bereinigen. So erinnert der Wurf bisweilen eher an ein gefühlloses Schleudern, bei dem er sehr früh die kontrollierte Ausführung links liegen lässt und nur noch darauf achtet, den Ball los zu werden. Immerhin ist seine Freiwurfquote (wahrscheinlich dank des patentierten Schulter Shakes) sehr stabil und macht deutlich, wie wichtig es für Hollis-Jefferson derzeit noch ist, Zeit beim Abwurf zu haben.

Sollte Hollis-Jefferson tatsächlich seinen Wurf soweit verbessern können, dass er mal ein passabler Schütze wird, der den offenen Dreier trifft, stehen seine Chancen auf einen Platz in der Rotation eines NBA Teams gut. Da dieser Prozess jedoch höchstwahrscheinlich eine Menge Zeit in Anspruch nehmen wird, muss sich RHJ für die Zwischenzeit andere Offensivbereiche zur Brust nehmen, in denen er schneller Gefahr ausstrahlen kann. 

Sehr hilfreich wäre es bereits, wenn er sein Ballhandling verfeinern könnte, um von der Dreierlinie aus über beide Hände attackieren zu können. Solange er sich hier nicht sicher fühlt, sollte er sich abgewöhnen, in solchen Momente zu viel Risiko einzugehen. Denn noch ist es so, dass er sehr oft sein Glück erzwingen will, was meistens kein gutes Ende nimmt. 


Die Suche nach einem NBA Äquivalent nimmt nicht sonderlich viel Zeit in Anspruch. Dazu sind die Parallelen zu Michael Kidd-Gilchrist dann doch zu offensichtlich. Beide sind potentielle Small Forwards, die mit einer Mischung aus harter Defense, exzellentem Rebounding und interessantem Playmaking ein ansprechendes Paket anbieten. 

Bei beiden stehen jedoch derart viele Fragezeichen hinter dem Wurf, dass eine langjährige NBA Zukunft in Gefahr ist. Immerhin ist die Wurfform von Hollis-Jefferson nicht ganz so geschädigt, wie es bei Kidd-Gilchrist der Fall ist. Dafür war Kidd-Gilchrist beim Draft ein Jahr jünger und war bereits damals der bessere Ballhandler als Hollis-Jefferson.

Alles in allem bietet Rondae Hollis-Jefferson eine Menge Boni an, die jedes ambitionierte Team gerne zur Verfügung hätte. Der entscheidende Faktor wird schlicht sein, ob sich RHJ jemals einen angemessenen Jumper zulegen kann. 

Hoffnung macht wie gesagt seine passable Ausbeute von der Freiwurflinie. Bei den Freiwürfen erkennt man immer wieder, dass wichtige Basics für einen guten Wurf in Ansätzen vorhanden sind. Der Flügel muss es in den kommenden Jahren meistern, seine Technik auch in Drucksituationen anwenden zu können. Sollte ein gewisser Zeitdruck auf ihm liegen, darf dieser keine Auswirkungen auf die Ausführung seiner Technik haben. 

Gelingt es Hollis-Jefferson diesen Meilenstein zu erreichen, stehen ihm dank seiner monströsen Athletik und seiner energiegeladenen Defense alle Möglichkeiten offen, ein solider bis guter NBA Spieler zu werden.