15 Juni 2015

15. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Auch wenn Wisconsin am Ende im Finale knapp an Duke scheiterte, Sam Dekker war der Spieler des NCAA Tournaments. Ab dem zweiten Turnierspiel zeigte Dekker die stärkste Form seiner Karriere, schoss die folgenden Gegner im Alleingang aus dem Titelrennen und zog extrem viel Aufmerksamkeit seitens der Medien auf sich. Allerdings können wir uns immer noch nicht sicher sein, wie gut der Athlet wirklich ist.

Sam Dekker ist in Wisconsin geboren und aufgewachsen. Er verbrachte seine Highschool Zeit in der Heimat. Dort weckte er früh das Interesse einiger großer Programme, da er als großer und beweglicher Flügelspieler Guard Skills an den Tag legte. Den Zuschlag erhielt aber auch hier die heimische Universität. Damit war er das höchst eingestufte Talent, das jemals für den Stoiker Bo Ryan auflief. Dekker krönte seine Karriere an der Highschool mit 40 Punkten und einem Gamewinner Dreier im Finale um die Staatsmeisterschaft.

Als Freshman kam Dekker als sechster Mann von der Bank. Was sich wie eine lächerlich kleine Rolle für einen so hoch gehandelten Spieler wie Sam Dekker anhört, darf durchaus als Ritterschlag verstanden werden. Es kommt nicht oft vor, dass Bo Ryan einem Freshman derart viel Vertrauen schenkt. Dekker lieferte gute Leistungen und konnte des Öfteren für Highlights sorgen. Mit seiner Energie von der Bank war er für so manchen spielentscheidenden Lauf zuständig. Aufgrund seines Talents und seiner Anlagen schätzten ihn viele NBA Scouts als möglichen Erstrundenpick ein.

Dekker liebäugelte jedoch nicht mit der Anmeldung zum Draft. Stattdessen nutzte er als Sophomore die Gunst der Stunde und sicherte sich eine größere Rolle. Da beide Starter auf den großen Positionen altersbedingt den Campus im Sommer verlassen hatten, hießen die neuen Big Men Dekker und Kaminsky. Der athletische Swingman konnte die gestiegene Spielzeit geschickt nutzen und speziell im Reboundverhalten deutliche Fortschritte verzeichnen. Das Team erreichte mit fulminant unspektakulärem, aber effizientem Basketball das Final Four.

Dekker spielte dabei eine wichtige Rolle, konnte jedoch aufgrund fehlender Konstanz seine Position der 2013er Mock Drafts nicht halten. Da er sowieso Blut geleckt hatte und ähnlich wie Kaminsky den Titel im Blick hatte, entschied sich Dekker schnell für ein drittes Jahr an seiner Universität. Dekker wurde als Junior wieder vermehrt auf dem Flügel eingesetzt und konnte seine Athletik besser ausspielen. Das Team lieferte erneut eine starke Saison bis zum Beginn des Finalturnieres im März ab.

An dieser Stelle folgten die drei stärksten Wochen in seiner College Karriere. Gegen North Carolina feuerte Dekker bereits aus allen Lagen und versenkte seine Würfe ungewohnt sicher. Gleichzeitig fixierte er sich aber nicht auf Sprungwürfe, sondern zog weiterhin zum Korb. Diese Mischung in dieser Konsequent bekamen Badgers Fan zuvor kaum bis gar nicht zu sehen. Gegen Arizona legte er nochmal eine Schippe drauf und schoss die Wildcats mit irrwitzigen Dreiern im Alleingang aus der Halle.

Im Halbfinale der College Meisterschaft waren seine Punkte ebenfalls wichtig für den Triumpf über den heiß gehandelten Titelkandidaten. Ausgerechnet im Finalspiel kühlte seine Wurfhand dann wieder etwas ab und Dekker & Co mussten sich den Blue Devils geschlagen geben. Den Hype der letzten College Wochen nutzte der Junior aus, um sich für den Draft anzumelden.



In der Form seiner letzten Spiele auf College Parkett kann Sam Dekker genau das sein, was NBA Scouts seit Jahren in dem schlaksigen Forward sehen: Ein wandelndes Missmatch. Normalerweise ist es für den Draft Stock eines Youngsters kein gutes Omen, wenn er als Tweener einzuschätzen ist, doch das ist bei Dekker genau andersherum gelagert. Läuft Sam Dekker auf der Position 3 auf, weiß er genau, wie er seine Größenvorteile geschickt nutzen kann.

Mittlerweile hat er eine Grundausstattung an Post Moves, mit denen sich Dekker einen guten Wurf erspielen kann. Gleichzeitig ist er auch am Perimeter in der Lage, als Flügelspieler durch die Qualitätskontrolle zu schlüpfen. Dekker hat einen schnellen ersten Schritt und liest Close-Outs sehr gut, weshalb er seinen Gegenspieler schlagen kann. Fällt dann noch der Dreier so sicher, wie in den NCAA Tournament Spielen, ist Dekker nicht zu stoppen. Zumal er auch über nicht zu unterschätzende Fähigkeit als Passgeber verfügt.

Am liebsten ist Sam Dekker jedoch im offenen Feld unterwegs. Dank der Mischung aus Größe, Athletik und Ballgefühl kann Dekker in Transition Situationen verschiedenste Rollen sehr effektiv ausfüllen, was ihn zu einem großen Gefahrenherd macht. Angelt er sich selber den Rebound, kann er den Ball selber nach vorne treiben und mit Leichtigkeit einen Coast-to-Coast-Slalomparcours absolvieren. Wenn Dekker nicht der ballführende Spieler beim Schnellangriff ist, dann besetzt er gut die Außenspuren oder sprintet als Trailer zu den offenen Spots und übt dadurch viel Druck auf die ungeordnete Defense aus.

Dekkers Vielseitigkeit erstreckt sich nicht nur auf die Aufgaben und Notwendigkeiten eines guten Offensivspielers. Gerade als Verteidiger besitzt Dekker großes Potential. Denn mit seiner Mobilität kann er selbst auf NBA Niveau die Shooting Guards und Small Forwards in Schach halten. In lateralen Bewegungen ist Dekker extrem schnell. Gleichzeitig ist sein Rumpfbereich mittlerweile stark genug, um sich nicht aus dem Weg drängen zu lassen.

Doch auch als Power Forward aufgestellt sollte Dekker seine defensiven Aufgaben grundsolide verrichten. Die Länge dazu hat er. Neben der individuellen Stärke ist Dekker ein erstklassiger Teamverteidiger. Er erledigt die vielen kleinen Dinge, die einem Team zum Sieg verhelfen können, ohne dass es das Publikum wirklich wahrnimmt. Dekker zögert keine Sekunde, wenn es darum geht, sich dem Gegenspieler als Helpverteidiger in den Weg zu stellen. Seine Rotationen sind sehr früh, weshalb es ihm oft gelingt, Offensivfouls zu ziehen.

Auch in der Deny-Verteidigung agiert Dekker meist vorbildlich und verhindert durch seine gute Defense im Passweg, dass der Gegner bei seinen Sets einen guten Rhythmus etablieren kann. Jeder Pass ist dann ein hartes Stück Arbeit. Bedingt durch seine Vielseitigkeit ist Dekker auch ein wirksamer Pick & Roll Verteidiger. Im Zweifelsfall kann Dekker als Verteidiger des Blockstellers immer das Matchup switchen und einen guten Job gegen das neue Gesicht erledigen.





Die große Frage bei Sam Dekker ist und bleibt, wie konstant er seine Leistungen abrufen kann. Während seiner dreijährigen Karriere hatte er über alle Saisons verteilt Spiele, in denen er unsichtbar war. In diesen Partien gelangen ihm kaum erkennbare Aktionen und er sprang in einen passiven Beifahrermodus.

Wenn er schon bei knapp 40 Spielen pro Jahr Schwierigkeiten hat, sein Können jedes Mal in höchstem Maße auf dem Parkett zu illustrieren, besteht durchaus die Gefahr, dass sich solche Fälle bei 82 Regular Season Spielen häufen. Besonders eine Facette des Spiels leidet extrem unter Schwankungen: Der Dreier. An guten Tagen oder über eine kurzweilige Hochphase von wenigen Wochen kann Dekkers Wurf so sicher fallen wie bei den größten Wurspezialisten ihrer Zunft.

Dann gibt es aber ständig Spiele, in denen Dekker schlicht gar keine Gefahr von „Downtown“ ausstrahlt. Das verringert die Effektivität seiner anderen Fähigkeiten vehement, da Verteidiger absinken können. Deshalb ist seine Dreier Salve im März und April mit Vorsicht zu genießen.

Umso wichtiger wäre es für Dekker, sein Ballhandling um einige Levels zu verbessern. Bisher ist Dekker sehr auf die rechte Hand fixiert und kann fast nur dann erfolgreich zum Korb vordringen, wenn er maximal zwei Dribblings ohne viele Crossover zur Hilfe nehmen braucht. Würde er hier mehr Sicherheit beim Umgang mit dem Ball ausstrahlen, könnten Verteidiger selbst dann Probleme bekommen, wenn sie ihm Abstand lassen und ihn zum Wurf verleiten wollen.


Ein weiteres Problem, das Dekker beim Drive noch aufweist, ist seine fehlende Kraft im Rumpfbereich, die ihn anfällig für schwache Abschlüsse bei Kontakt mit einem Verteidiger macht. Zwar konnte er sich hier schon verbessern und seine Defense profitiert davon bereits, jedoch ergeben sich offensiv noch viele Probleme durch die Instabilität.

Oft spekuliert Dekker von vornerein auf den Foulpfiff, weil er insgeheim weiß, dass ihm die Kraft fehlt, um einen sauberen Wurf abzuschicken. Darauf fallen die meisten Schiedsrichter jedoch nicht rein, was dazu führt, dass viele Layupversuche einigermaßen ungewöhnlich aussehen und improvisiert wirken.

Insgesamt weist Sam Dekker viele Parallelen zu Jeff Green auf. Beide sind Tweener, die vor allem von ihrer Athletik und ihrem Missmatch Potential leben. Den Wings fehlt aber jeweils ein sicherer Distanzwurf, weshalb ihre Leistungen im Angriff immer sehr tagesformabhängig sind. Immerhin können sie defensiv und in der Transition wichtige Hilfen für ein NBA Team sein.

Perspektivisch ist Dekker der prototypische Rollenspieler, der in einem Smallball System auf unterschiedlichste Weisen seinen Teil zum Teamerfolg beitragen kann. Doch auch mit traditionellen Spielweisen sollte der Small Forward kaum Schwierigkeiten haben, da er während seiner College Zeit vieles erlebt hat und das langsame Setplay von Bo Ryan perfektionieren musste.