19 Juni 2015

18. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Seit jeher ist Stanley Johnson es gewohnt, aus der Masse herauszustechen. Als Highschool Spieler gewann er in jedem seiner vier Jahre die Staatsmeisterschaft in Kalifornien. Selbst auf College Niveau war sein kräftiger Körper eine Ausnahmeerscheinung, um die ihn jedes NBA Talent beneidet. Als Teil eines der vielseitigsten Defensivteams der NCAA verpasste Johnson nur knapp den Final Four Einzug.

Der Kalifornier Johnson verbrachte seine vier Jahre an der Mater Dei High School. Bereits in seinem ersten Jahr nahm er eine wichtige Rolle im Team ein und hatte maßgeblichen Anteil am Gewinn der Staatsmeisterschaft. Als Sophomore gelang dann der Durchbruch. Erneut stieß sein Team in das Finale um die Meisterschaft vor, in dem Johnson mit einem dominanten Auftritt für die Titelverteidigung sorgte. 

Auch in Johnsons Junior Jahr konnte sein Team die Meisterschaft erringen und somit einen seltenen Threepeat einfahren. Doch nicht nur das: Sein Team verlor kein einziges Spiel in dieser Saison. Auch persönlich stellte er eine Bestmarke auf: Als erster Schüler der Mater Dei (die erfolgreichste Highschool Kaliforniens) konnte Johnson drei Titel in Serie gewinnen. 

Spätestens als Senior war der Sohn einer ehemaligen Profi Basketballerin eine der dominantesten Erscheinungen im Highschool Basketball. Erneut sicherte sich Johnsons Truppe ungeschlagen den Titel, womit Johnson der erste und einzige Spieler der kalifornischen Highschool Geschichte ist, der vier Titel einsacken konnte. 

Neben seiner Erfolgsgeschichte in der Heimat überragte Johnson auch als Teil einiger Jugendnationalteams der USA. 2012 fuhr er an der Seite von Okafor, Winslow und Co. den U17 WM-Titel ein. Letzten Sommer holte er die Amerika Meisterschaft in der Altersklasse U18 als Kapitän der US-Auswahl und MVP des Turniers. 

Nach all den gewonnenen Titeln und erhaltenen Auszeichnungen wollte Johnson seine Siegesserie auch auf die NCAA übertragen. Als College Team wählte er die Arizona Wildcats aus und wollte damit in die Fußstapfen eines seiner Vorbilder treten. Denn einst führte Miles Simon seine Mater Dei zur Highschool Meisterschaft und anschließend die Wildcats ins Final Four und zum Titel. 

Bei den Wildcats fand Stanley Johnson genau den Stil vor, den er liebt. In einem defensivorientierten Team konnte er sich direkt als fester Bestandteil der Starting Five etablieren und mit seinem Teamkollege Hollis-Jefferson darum wetteifern, wer der bissigere Kettenhund sein kann. Auch wenn Johnson immer mal wieder Spiele hatte, in denen er offensiv untertauchte, lieferte er alles in allem eine sehr ordentliche Saison ab. 

Ausgerechnet auf der großen Bühne des NCAA Tournaments sanken Johnsons Leistungen in den Keller. Gegen Ohio State in der Runde der letzten 32 fiel nur ein Wurf bei 12 Versuchen. Gegen Wisconsin agierte er hingegen viel zu zögerlich, auch wenn man hier einschränkend anmerken kann, dass ihn in der zweiten Hälfte eine verrutschte Kontaktlinse behinderte. So riss Johnsons Erfolgsstory und er schied mit seinen Wildcats unter einem Dreierhagel der Badgers aus dem Turnier aus.



Nicht ohne Grund bekam Stanley Johnson bereits in frühen Highschool Jahren den Spitznamen „Stanimal“ verpasst. Die physische Erscheinung ist imposant. Und das ist noch eine heftige Untertreibung. Bereits als Highschool Spieler hätte Johnson in Sachen Kraft und Fitness in der NBA mithalten können. 

Nach eigenen Angaben hatte er bis zu seinem erstmaligen Besuch des Kraftraums in Tucson noch nie Gewichte gestemmt. Trotzdem schlug er im vergangenen Sommer mit einem austrainierten Körper und 110 Kilos Muskelmasse auf dem Campus auf. Das sagt schon alles über die physischen Eigenschaften des angehenden Rookies. 

Trotz seiner puren Kraft, die Johnson schonungslos dazu einsetzt, seinen Gegenspieler in verschiedensten Situationen aus dem Weg zu räumen, ist er aber kein unbeweglicher Klotz. Sein erster Schritt ist sehr schnell und hilft ihm beispielsweise, Closeouts zu attackieren. 

Seine laterale Geschwindigkeit sticht ebenfalls heraus. Johnson ist in der Lage, eine sehr tiefe Verteidigungsgrundhaltung einzunehmen und daraus blitzschnell den Driveversuch seines Gegenspielers zu unterbinden. In Kombination mit seiner Stabilität macht ihn das im 1-1 unüberwindbar. 

Zumal Johnson gerne seine Hände wie Greifzangen ausfährt und seinem übertölpelten Kontrahenten den Spalding aus den Armen reißt, als würde er gerade einem Kleinkind den Lutscher wegnehmen. Als I-Tüpfelchen ist Johnson ein so harter Wettkämpfer, dass er sich nie zu schade ist, einem Loseball oder Rebound hinter zu hechten, worin sich seine Winnermentalität widerspiegelt. 


Gerade am Brett ist Johnson eigentlich nicht zu kontrollieren und reboundet wie ein Innenspieler. Er hat ein gutes Timing für den Absprung, blockt seine Gegenspieler pflichtbewusst aus und hat genug Kraft, um gegen Big Men zu bestehen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob er sich gerade einen offensiven oder defensiven Rebound aus der Luft schnappen will. Bei Ersteren ist zusätzlich beachtenswert, wie schnell Johnson anschließend wieder hochgehen kann, um den Ball per Putback im Korb unterzubringen. 

Die größte Entwicklung fand in den letzten Jahren in der Offensive statt und lässt darauf hoffen, dass er sich weiterhin steigern kann. Den größten Impetus legte Johnson bei seinem Dreier an den Tag. Bereits als Highschool Spieler engagierte er einen persönlichen Wurftrainer, um die Wurfform und –bewegung flüssiger zu gestalten und die Mechanik beim Wurf zu verbessern. 

Dass diese harte Arbeit nun erste Früchte trägt, lässt sich nicht nur an der reinen Quote ablesen, sondern auch bei der optischen Überprüfung bestätigen. Gerade während des Freshman Jahres in Arizona wurde der Wurf scheinbar mit jedem Monat weicher. In einigen Spielen, als Gegner versuchten, in einem Akt der Verzweiflung, Johnson Platz zu geben, um den Drive zu verhindern, schoss dieser das gegnerische Team im Alleingang ab. 

Zwar fehlt immer noch etwas die Konstanz beim Release und bei Ermüdung tendiert der Youngster immer noch dazu, den Wurf eher wie ein gefühlloses Schleudern aussehen zu lassen, doch das sollte sich mit viel Training abstellen lassen. 

Ansonsten ist Johnsons größte offensive Stärke sein Drive. Kann er seinen Gegenspieler mit einigen schnellen Dribblings oder seinem ersten Schritt schlagen, sucht er den Kontakt, um an die Freiwurflinie zu gehen. Hier verhält er sich meist sehr geschickt und schafft es immer wieder, Verteidigern Fouls anzuhängen. Johnson behält aber immer den Kopf oben und ist bereit für den Durchstecker oder Kickout, falls die Hilfe kommt. 

Im Laufe der vergangenen Monate nahm „Stanimal“ auch den Floater in sein Repertoire auf. Dieser fällt schon ganz gut, wenn auch vorwiegend mit der rechten Hand. Im Fastbreak ist Johnson nicht zu stoppen und ein Ein-Mann-Abräumkommando. 

Zudem schreckt Johnson, abgesehen vielleicht von den letzten zwei bis drei College Spielen, nicht vor dem großen Moment zurück. Er liebt es, diese Spiele an sich zu reißen und sie im Alleingang zu entscheiden. Das bewies er als Freshman und auf der Highschool selbstverständlich auch.





Allerdings knüpft hieran schon ein nicht weg zu diskutierender Kritikpunkt an. Johnsons Entscheidungsverhalten ist noch nicht sonderlich ausgereift und er manövriert sich gerne in Schwierigkeiten. Speziell beim Drive will er manchmal zu viel und sieht sich dann von Verteidigern umringt. Hier verliert er noch zu oft die Kontrolle, was in Schrittfehlern, schlechten Pässen, wilden Abschlüssen oder Offensivfouls mündet. 

Ausgangspunkt können dabei verschiedenste Szenarien sein. Besonders wenn er als Ballführer im Pick & Roll gedoppelt wird, ist ein Ballverlust garantiert. Sein Ballhandling ist für solch erhöhte Drucksituationen einfach nicht gewappnet und lässt ihn dann im Stich. Auf Highschool Ebene war er meist kräftig genug, um sich doch noch loszueisen und den Ball unbeschadet in die Hände eines Mitspielers zu überstellen. 

Das klappte aber bereits auf College Niveau nicht mehr so reibungslos. Spätestens in der NBA wird damit Schluss sein. Selbst unbedrängt verliert Johnson oft die Geduld und stürzt sich ins Getümmel ohne Plan B. Hier muss er lernen, länger die Contenance zu wahren und das Spiel mehr auf sich zukommen zu lassen. 

Was zudem ein wenig überraschen mag, ist die Tatsache, dass Johnson kein sonderlich guter Finisher in der Zone ist. Das liegt zum einen natürlich daran, dass er fast immer noch den Gegenspieler am Hals hat, weil er ihn nicht gänzlich schlagen konnte. Andererseits ist Johnson aber keiner der gerne in die Vertikale geht und durch besondere Höhe im Absprung auffällt. Daher sind viele seiner Finishes unter Ringniveau, was die Erfolgsaussichten hemmt. 

Auch seine linke Hand benutzt Johnson noch nicht so gerne. Zu oft spekuliert er auf das Foul, anstatt sich wirklich auf den Abschluss zu konzentrieren. Bekommt er die Calls nicht, haben seine Versuche nicht annähernd die Gelegenheit, durch das Netz zu rauschen. 

Zu guter letzt muss man abwarten, wie konstant Johnson seine Leistungen in der NBA abrufen kann. Er kann nun nicht mehr seine Gegenspieler über 40 Minuten mit seiner Kraft durch die Arena schubsen. Wird er das versuchen, kann es relativ früh in der Saison passieren, dass sein Tank leer ist und er einem Team dann nicht mehr wirklich helfen kann. Eine ökonomischere Spielweise wäre daher sicher nicht verkehrt. Zudem sollte sich Johnson zunächst darauf beschränken, die einfachen Dinge ordnungsgemäß zu erledigen, anstatt die schwierigen Parts zu vergeigen. 

Aufgrund seiner Physis liegt der Vergleich von Stanley Johnson zu Ron Artest nahe. Auch spielerisch sind sich die beiden gar nicht so unähnlich, da sie ihren Gegenspieler gerne mit ihrer beinharten Defense die Lust am Spielen vermiesen und offensiv an guten Tagen wichtige Würfe treffen können. Johnson ist jedoch beileibe nicht so ein Querkopf wie der Pandafreund und hat offensiv auch etwas mehr Potential.